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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Vom Zuschauer zum Akteur
Interview in "finger" no.13 Juni 2004
finger: Wie kommt es zu dieser seltsamen Inszenierung,
wo doch offensichtlich das Modell des Bahnhofs mit den konkreten
Gegebenheiten vor Ort so gut wie nichts zu tun hat?
AMB: Harald Schmidt, der derzeit wohl bekannteste
Sohn Nürtingens hat die Harald-Schmidt-Show vom 19. Dezember
2001 seiner Heimatstadt Nürtingen gewidmet. Anhand eines
gigantischen Spielzeug-Eisenbahn-Modells berichtete er ausführlich
über diese Stadt, ihren Bahnhof, seine Jugenderlebnisse
und einige Nürtinger Besonderheiten. Die von Harald Schmidt
im Anschluss an die Sendung inszenierte Versteigerung des Modells
im Internet zugunsten der SOS-Kinderdörfer erwies sich
jedoch als ein Flop, der Ersteigerer war ein mittelloser Schüler,
Harald Schmidt blieb daher zunächst auf dem Modell sitzen.
In dieser Situation habe ich in Zusammenarbeit mit dem Verein
„ProVisorium e.V.“ (Verein zur Förderung von
Kunst und Kultur) die Initiative ergriffen und eine Konzeption
an Schmidt geschickt, die vorsah das Modell in einem künstlerischen
Kontext im Nürtinger Bahnhof zu installieren. Harald Schmidt
stimmte der Idee zu und erklärte sich bereit, das Modell
den Nürtingern zu überlassen, wenn es den Initiatoren
gelingt, die Nürtinger zu einer Spende von mindestens 6000
Euro an die SOS -Kinderdörfer innerhalb von 14 Tagen zu
bewegen. Dank des Engagements zahlreicher Nürtinger BürgerInnen
wurde diese Aufgabe bravourös übererfüllt , gespendet
wurden 13 150 Euro in diesem Zeitraum. Die Bahn AG sprang großzügig
auf den Spendenzug auf und erhöhte den Betrag um zusätzliche
15 000 Euro. Das Geld wurde den SOS-Kinderdörfern bei der
Einweihung der Installation überreicht. Das Bahnhofsmodell
ist nun im Nürtinger Bahnhof seither zu sehen.
Die Grundidee der künstlerischen Konzeption thematisiert
das Verhältnis von „medialer Realität“
und „realer Realität“, mir ist sofort in der
Sendung aufgefallen, dass Schmidts Modell ein “fake”
ist, das “Nürtingen” in den Köpfen der
Zuschauer ist eine Fiktion, die kaum etwas mit Nürtingen
zu tun hat. Indem das Modell inklusive der aufgezeichneten Sendung
mit Harald Schmidts Interpretation und der Real-Ort, von dem
das Modell handelt, d.h. der Bahnhof Nürtingen aufeinander
treffen., wird die Differenz offensichtlich . Und hier wird
deutlich: Nichts passt. Der Titel der Kunst-Installation lautet
daher in Anspielung auf einen Nebensatz in Harald Schmidts Sendung:
„Nürtingen sinngemäß detailgetreu“.
Allerdings habe ich in Gesprächen festgestellt, dass diese
Differenz kaum einem Zuschauer in Nürtingen aufgefallen
war.
Was dann im Nürtinger Bahnhof geschah, macht die Sache
aber erst wirklich interessant: Die Medien -Realität beginnt
die „reale Realität“ nachhaltig zu verändern,
der „reale“ Bahnhof wird renoviert und verändert
konkret sein Aussehen, was der Stadtverwaltung trotz intensiver
Bemühungen jahrelang nicht gelang, wird durch diese Kunst-Aktion
plötzlich möglich.
Damit zeigt sich an diesem Beispiel im Kleinen ein interessanter
kultureller Zusammenhang, der in der Medien-Philosophie theoretisch
schon lange reflektiert wird: Die Bilder lösen sich von
ihrem passiven Wirklichkeitsbezug im Sinne einer Abbildhaftigkeit
und werden selbst zu „Wirklichkeiten“ , die aktiv
Realitätsveränderung bewirken. Politik und gesellschaftliche
Veränderung betreibt, wer die Bilder produziert und kontrolliert.
finger: Wurde mit der Installation Harald
Schmidt, dem populärsten Sohn der Stadt, auch ein Denkmal
gesetzt?
AMB: In gewisser Weise ist das schon eine Art
Denkmal. Wir haben das Projekt auch gelegentlich als ein “hall
of fame” der Öffentlichkeit verkauft. Es waren insgesamt
ja komplexe und widersprüchliche Strategien, die verfolgt
werden mussten, um die Aktion zu realisieren. Das ging nur,
indem jeder involvierten Person oder Institution das Gefühl
vermittelt wurde, ihre Interessen zu bedienen. Diese Strategie
der wechselseitigen Vereinnahmung hat der Medienwissenschaftler
Dr. Volker Demuth in seiner Eröffnungsrede im Bahnhof wunderbar
auf den Punkt gebracht mit der Formulierung “Einer sei
des anderen user” ich weiß nicht, inwiefern der
“Denkmal-Aspekt” für Harald Schmidt mit ein
Grund war, bei dem Projekt mit zu spielen. Darüber kann
ich nur spekulieren. Aber wenn man die Nürtinger Mentalität
kennt und den familiären Hintergrund von Harald Schmidt,
dann ist diese Überlegung schon plausibel. Er ist ja -
zumindest bis vor einigen Jahren - nicht nur eine öffentlich
gewürdigte und respektable Persönlichkeit, er ist
für viele Menschen auch ein “zynischer Kotzbrocken”
der seine Späße auf dem Rücken anderer austrägt.
In Nürtingen ist das noch sehr präsent, vor allem
unter seinen ehemaligen Schulkameraden. Hier polarisiert er
immer noch, aber gerade die Ambivalenz seines öffentlichen
Images zwischen “Dirty Harry” und intellektuellem
“Gute-Nacht-Geschichten-Onkel” war ein wichtiger
Aspekt der Aktion. Als ich die Sendung sah, hatte ich den Eindruck,
dass es Harald Schmidt unter anderem auch um eine Art “Versöhnungs-Geste”
mit seiner Herkunft ging, schließlich hat er in früheren
Sendungen oft genug Seitenhiebe gegen die Schwaben-Mentalität
und insbesondere auch gegen die Nürtinger vom Stapel gelassen,
Bemerkungen, die hier viele gekränkt haben. Mit dieser
gegenseitigen Kränkungsgeschichte befindet er sich übrigens
in einer illustren Gesellschaft, beispielsweise mit dem bekannten
Autor Peter Härtling, den ja auch die Ressentiments , die
man in einer schwäbischen Kleinstadt gegenüber allem
Fremden und Anderen hat, aus der Stadt verjagt haben oder auch
mit Friedrich Hölderlin, der seine Jugend in dieser pietistischen
Enge hier verbracht hat. Seine “Rede an die Deutschen”
passt nach wie vor auf die “Handwerker-Mentalität”
der man hier begegnet. Nürtingen ist ja weniger bekannt
als Stadt der Dichter und Denker - Schelling, Hölderlin.
Härtling haben hier vor Harald Schmidt gelebt- sondern
eher als die “Männer brauchen Metabo - Stadt”.
Der tragische “Genius loci” dieser Stadt, damit
meine ich das Ressentiment gegenüber dem Fremden speziell
in Form von Künstler-Persönlichkeiten und Kulturschaffenden,
spiegelt sich heute in Harald Schmidt, der übrigens mit
seinen Eltern ein “Reingeschmeckter” ist. Ich denke,
dass es für ihn daher schon eine Bedeutung hat, in Nürtingen
Respekt zu bekommen. Bei der Aktion, deren Erlös den SOS-Kinderdörfern
überreicht wurde, konnte er sich von seiner besten Seite,
gewissermaßen als “Gutmensch” zeigen. Das
hat hier natürlich Eindruck gemacht. Es war uns deshalb
auch wichtig, dass seine Eltern und Geschwister bei der Einweihung
der Installation anwesend waren und diese Geste mitbekommen
haben.
Aber das war natürlich nur ein Nebenaspekt der Sache. Wichtiger
für mich war es, mit der Ambivalenz seiner Person ein kulturpolitisches
Anliegen zu verbinden und diese Energie in eine bestimmte Richtung
zu lenken. Der Umgang mit dem Fremden und Anderen ist hier,
wie gesagt, nach wie vor problematisch, obwohl es inzwischen
Hunderte von Kunststudenten in dieser Kleinstadt gibt, die im
wahrsten Sinn des Wortes “die Stadt verunsichern”.
Einige von diesen argwöhnisch beäugten “Fremden”
haben sich in den letzten Jahren unter dem Label “Provisorium”
e-V.” zusammen getan, um ambitionierte Kunst und Kulturprojekte
vor Ort zu realisieren, das musste natürlich irgendwann
zu Konflikten führen. Diese Situation hatte sich zum damaligen
Zeitpunkt enorm zugespitzt, der Verein sollte aus seinen angestammten
Veranstaltungs-Räumen in der Stadthalle vertrieben werden,
da diese Halle in Zukunft ein anständiges Kulturmanagement
braucht. Das angestaute Misstrauen gegenüber den Kulturschaffenden
formulierte sich in dem Versuch der konservativen Gemeinderats-Fraktion,
den Verein vom Zentrum an die Peripherie zu verdrängen.
In dieser Situation habe ich zusammen mit dem Verein diese “Promi-User-Strategie”
entwickelt. Konkret: Es war unser Ziel die Sympathiewerte von
Harald Schmidt in Sympathiewerte für den Verein umzumünzen.
Das funktionierte natürlich genau auf dieser “Ambivalenz-Schiene”:
“Ihr seid uns nicht ganz geheuer, aber wir mögen
euch trotzdem” Die mit der Aktion intendierte “Versöhnungs-Geste”
der Nürtinger Bürger mit ihrem Harald haben wir gekoppelt
mit einer Versöhnungs-Geste gegenüber den heute hier
lebenden, aktuell diffamierten Kulturschaffenden. Diese Strategie
ist ja dann auch tatsächlich aufgegangen.
finger: Wie wurde der Spendenaufruf in Nürtingen
publik gemacht und wie haben die Nürtinger auf den Spendenaufruf
reagiert?
AMB: Vor allem durch die “Medien-Maschine”.
Ich war total geplättet, als ich zum ersten mal erlebt
habe, wie das „Promi-Ding“ tatsächlich funktioniert.
Wir hatten unsere Vorbereitungen so lange wie möglich geheim
gehalten, bis klar war, dass Harald Schmidt mitmacht. Dann habe
ich die Lokalpresse informiert und am Tag nach der Veröffentlichung
lief mein Telefon heiß, weil die Medien bundesweit über
diese Attraktion berichten wollten. Tatsächlich hat sich
die Spendenfreude der Nürtinger aber in der ersten Tagen
in Grenzen gehalten, alle haben erst einmal abgewartet, wie
die Anderen reagieren.Nachdem dann die ersten Solidaritätsbekundungen
in Form von Spenden eingegangen sind, ist der Damm gebrochen.
Da gab es kein Halten mehr in der Spendenfreude der Schwaben.
Interessant war für mich das Spektrum der Identifikation
mit Harald Schmidt zu erleben, auch gesellschaftlich sehr konservative
Kreise halten den Entertainer für “Einen der Ihren”.
Seine Ironisierungen Frauen- oder Fremdenfeindlicher Ressentiments
werden anscheinend gar nicht in ihrem ironischen Gehalt verstanden
und für bare Münze genommen. Jedenfalls ging der Solidarisierungs-Effekt,
den wir mit der Aktion hinsichtlich des Erhalts der Provisoriums-Räume
verbunden hatten, quer durch das politische Spektrum der Gemeinderats-Fraktionen.
finger: Prominente vor den eigenen Karren
zu spannen ist eine gebräuchliche, oft effektive Vorgehensweise.
Hat Harald Schmidt sich gerne einspannen lassen?
AMB: Harald Schmidt lässt sich vor keinen
Karren spannen, da ist er absoluter Medien -Profi. Dass unsere
Strategie trotzdem aufgegangen ist, hat viel mit Fingerspitzengefühl
zu tun.
Inwiefern Harald Schmidt meine künstlerische Strategie
des “Fake-outings” klar war, kann ich nicht beurteilen.
Natürlich habe ich das Konzept und die Intentionen dargelegt,
aber auch da bin ich mir nicht sicher, was in einer Arbeitsbesprechung
in einem derartig hochtourig laufenden Getriebe wie den Bonvito-Studios
davon rüberkommt. Ich hatte bei dieser Strategie aber nie
ein schlechtes Gewissen, schließlich habe ich nichts verheimlicht
und ich gehe auch davon aus, dass Harald Schmidt intellektuell
so versiert ist, dass ihm die Ambivalenz seiner ironischen Inszenierung
bewusst ist. Die Offenlegung seiner medialen Irreführung
hat er ja selbst schon subtil betrieben, wenn er in einem Nebensatz
anmerkt, auf dem Modell sei Nürtingen “sinngemäß
detailgetreu” zu sehen. Genau das war ja der Anlass für
mich, die Sache aufzugreifen und im Aufeinandertreffen mit dem
realen Bahnhof den Medien-Illusionismus offen zu legen, diesen
Nebensatz von Harald Schmidt habe ich deshalb auch als Titel
des Projektes gewählt.
Eigentlich ist das Konzept der Installation ja eine Verschärfung
des Fake-Potentials, das in der Harald-Schmidt-Show schon angelegt
ist, aber in der Sendung kaum durchschaut werden konnte. Jetzt
wird die Sache in ihren Widersprüchen durchschaubar. Interessant
sind hier natürlich die Reaktionen derjenigen, die sich
haben irreführen lassen. Im besten Fall haben die Nürtinger
den Fake jetzt durchschaut und still geschmunzelt, manche Besucher
waren aber doch offensichtlich ziemlich verstört, als wir
den roten Vorhang gelüftet haben, der das Modell bis zur
Eröffnung verhüllt hat. Die Medien sind sehr unterschiedlich
mit diesem zentralen Punkt des Projektes umgegangen, manche
haben das Konzept verstanden und in ihren Berichterstattungen
auch korrekt vermittelt, ein Teil der Presse hat sich aber mit
dem “Event -und Promi-Charakter” begnügt und
die künstlerische Intention einfach ignoriert. Natürlich
kann man jetzt fragen “Wer hat hier wen vorgeführt”.
Ich denke, die Formulierung von Dr. Demut “Einer sei des
anderen user” trifft den Nagel auf den Kopf. Alle haben
sich gegenseitig benutzt. Harald Schmidt hat dem Publikum einen
Fake vorgeführt und ich habe diesen Fake vorgeführt,
damit bleibt niemand jemandem etwas schuldig. Harald Schmidt
ist durch die künstlerische Strategie vom Akteur zum Zuschauer
geworden und wir sind nicht mehr bloß Zuschauer der Illusionsmaschine,
wir sind in diesem Spiel deren “strategische user”. |
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