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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Das Zeichen bezeichnen,
das Denken bedenken
Perspektiven aktuellen Kunstlernens.
Die Frage ob und wie Kunst lehrbar sei, wurde in unserem Jahrhundert
immer wieder gestellt, sie wird in der gegenwärtigen Situation,
die als "kritische Selbstreflexion der Moderne" beschrieben
werden kann, wieder verstärkt thematisiert im theoretischen
Diskurs über Kunst. Bei genauerem Hinsehen bemerken wir
jedoch, daß hier eigentlich zwei Fragen zusammentreffen:
Die eine Frage zielt dabei auf das Wesen der Kunst, die zweite
auf das Phänomen des Lernens. Wenn wir also die Frage nach
der Lehrbarkeit von Kunst stellen, so müssen wir beide
Aspekte der Frage beleuchten, möglicherweise finden wir
aber einen inneren Zusammenhang der zunächst ganz different
erscheinenden Problemstellungen.
In diesem Zusammenhang ist es nicht unwesentlich darauf aufmerksam
zu machen, daß im Titel dieses Beitrages nicht der geläufige
Terminus "Kunstlehre" verwendet wurde, vielmehr vom
"Lernen" die Rede ist. Diese Formulierung erscheint
mir aus folgenden Erwägungen sinnvoll zu sein: Es geht
m.E. bei dieser Diskussion nicht um die Frage, ob und was an
Lehrinhalten angesichts der aktuellen Entwicklung der Kunst
noch vermittelbar ist, es geht um etwas viel Prinzipielleres:
Nämlich die Frage, was das "Wissen" der Kunst
überhaupt ist und welche "Form" dieses Wissen
hat. Ist dieses Wissen eine Art fest umrissene, sich im Lauf
der Kunstgeschichte vermehrende (An)Sammlung von Informationen,
die weitergegeben werden können als "Know-how",
als Wissensstoff sozusagen oder handelt es sich vielmehr um
einen Art Fähigkeit, um eine bestimmte Umgangsweise mit
Wahrnehmungen, was das Wesentliche der künstlerischen Praxis
ausmacht? Zielt die Fragestellung also weniger auf den Informationsgehalt
ab, sondern vielmehr auf die prinzipielle Frage, wie Information
überhaupt entsteht, anders gefragt: Welche Rolle spielt
die "Form" in der Information. Bringt das System Kunst
letztendlich vielleicht sogar das Wesen der Informationsentstehung
selbst zur Anschauung? Diesen Fragen wollen wir uns im Folgenden
unter verschiedenen Perspektiven annähern. Eine Beschreibung
von Erfahrungen der künstlerischen Praxis kann uns darauf
hinweisen, daß "Kunstlehre" an sich ein Unding
ist, daß die künstlerische Tätigkeit vielmehr
der eigentliche Prototyp des schöpferischen Lernens ist,
wenn wir es als Urbild der Informationsgenerierung begreifen.
Mein Beitrag soll die folgende These plausibel machen: Indem
der Informationsgehalt eines Kunstwerkes aus dem inneren Kontext,
aus der Selbstbezüglichkeit seiner Elemente gebildet wird,
ist sowohl die (selbstreferentielle) Entstehungsweise als auch
die verstehende Rezeption die gesuchte Form des Lernens. Ich
argumentiere also mit einer Definition des Lernens, die etwa
so lauten könnte: Lernen ist die schöpferische Konstruktion
von Kontextbeziehungen, die wir den Wahrnehmungsinhalten entgegenbringen.
Wenn ich in diesem Zusammenhang eben den Begriff "Prototyp"
verwendet habe, so ist damit sofort eine Diskussion tangiert,
die unauflöslich mit der Kunst unseres Jahrhunderts verbunden
ist. Es ist die Diskussion, inwiefern das System Kunst eine
Entität neben anderen ist, die nicht in kausalen Bezügen
miteinander verbunden sind, oder ob - so die gegenteilige Auffassung
- die verschiedenen Diskurse miteinander verwoben sind? Anders
formuliert: Sind Erfahrungen, die in der künstlerischen
Praxis gemacht werden in irgendeiner Weise relevant für
andere Gebiete menschlicher Existenz, gibt es gar so etwas wie
"Übertragbarkeit" derartiger Erfahrungen, ist
die Kunsterfahrung also transitiv oder nicht? Wenn wir von einem
Prototyp sprechen, dann liegt die Erwägung nahe, es gäbe
so etwas wie "Transversalität künstlerischer
Erfahrung". Daß diese Problematik nicht mit einer
einfachen, eindeutigen Antwort aus der Welt geschafft ist, können
wir aus dem geistvollen Ringen zahlreicher Kunsttheoretiker
um das widersprüchliche Begriffspaar von Autonomie und
Souveränität der Kunst ersehen. Daß eine vorläufige
Antwort immer in unauflösbaren Antinomien sich bewähren
muß, darüber werden wir im folgenden eingehend reflektieren
müssen.
Wir werden uns hier mit einem - diese Positionen übersteigenden
- Vorschlag befassen, daß künstlerische Praxis und
Erfahrung zwar nicht auf eine naiv gedachte, konkret praktische
Weise übertragbar ist, aber daß es eine hohe Abstraktionsebene
der künstlerischen Erfahrung gibt, die in diesem Grad der
Abstraktion durchaus eine Form der Universalität beanspruchen
kann. Indem das Wesentliche der Kunst nicht in ihren Objekten,
sondern in der Art ihrer Hervorbringung gesehen wird, erschließt
sich dieser "Meta-Ebene" eine Begrifflichkeit universeller
Gültigkeit. Kunstpraxis wird damit nicht als transitiv
beschrieben, sondern quasi als Modell mit einer immanenten Logik,
die beobachtbar ist. Indem Kunst gleichzeitig also eine eigene,
selbstreferentielle und autonome Realität bildet und zugleich
ein Teil einer umfassenderen Realität ist, entsteht eine
interessante Denkfigur: Auf einer ersten Beobachtungsebene können
wir (ich folge hier einer Formulierung von Niclas Luhmann) feststellen:
"Die fiktionale Realität wird zum Bereich der Reflexion
anderer (unvertrauter, überraschender, nur artifiziell
zu gewinnender) Ordnungsmöglichkeiten (1) " Und indem
Kunst an konkreten Objekten diese Erfahrung ermöglicht,
erschließt sie uns darüberhinaus die Möglichkeit,
dieses Erfahrung selbst zu beobachten. In dieser Beobachtungsmöglichkeit
zweiter Ordnung aber liegt der eigentliche Explikationsgewinn
der Kunst, ihre Autonomie wird dadurch zu einer doppelten: einer
Immanenten und einer, die über sie hinausweist. "Die
Autonomie der Kunst -Weltautonomie und Gesellschaftsautonomie
- verdankt sich dieser Doppelung von Beobachtung erster und
zweiter Ordnung. Sie besteht im Praktizieren dieser Differenz
und in der Möglichkeit, aus der einen in die andere Position
zu schlüpfen" (2) Was universell ist, ist also keine
Realisierung eines inflationären Gestaltungsanspruches,
beispielsweise als "Gesamtkunstwerk", sondern eine
spezifische Möglichkeit des menschlichen Denkens, ein aisthetisches
Denken, das schöpferisch-intutiv und zugleich selbstbeobachtend
ist. Aus diesen Beschreibungen heraus werden wir sehen, daß
ein mimetisch orientiertes Lernen, wie wir es nicht nur in der
traditionellen Kunstlehre finden, sondern in überhöhter
Form genauso in der noch immer an der Vorbildfunktion des Professors
orientierten akademischen Tradition, daß eine derartige
"Lehrform" tatsächlich zur Leerform geworden
ist, und die Entwicklung eines auf Autonomie und (Selbst)-Reflektion
begründetem Denken behindert. Um dieses Denken aber geht
es hier, dieses Denken ist es, was m.E. aus der Kunst hervorgeht,
dieses Denken ist es, was an Kunstlehr-Instituten heute zu bilden
ist.
Exkurs: Der Kunstlehrbetrieb (aktuelles und historisches).
Schauen wir uns zunächst die aktuelle Situation des Kunstlehrbetriebes
an, bzw. das Bild der Akademien, wie es sich aus der kritischen
Sicht ihrer Absolventen in der Öffentlichkeit darstellt.
Etwas überspitzt formuliert richtet sich die Kritik der
Betroffenen auf das Phänomen einer institutionalisierten
Ratlosigkeit. Gut bezahlte, aber an Pädagogik nur selten
interessierte Künstlerprofessoren scharen Bewunderer um
sich, denen sie zumeist ehrlicherweise schnellstens vermitteln,
daß sie nichts zu vermitteln haben. Der so entstehende
Freiraum kann von einigen positiv für ihre Selbstentwicklung
genutzt werden, für die Mehrzahl der Studierenden wird
das Studium zu einer Hängepartie mit anschließendem
bösen Erwachen. Was bleibt, ist die Hoffnung auf eine Eintrittskarte
ins Betriebssystem Kunst in Form von Beziehungen, Teilhabe am
guten Ruf des Professors und eine diffuse Sehnsucht nach der
"genialen Aura" die durch Berührung vom Meister
auf den Schüler auf magische Weise übergehen soll.
Am Ende muß die Frage nach der Effizienz dieses Systems
mit dem Hinweis auf ein statistisch äußerst dürftiges
Ergebnis beantwortet werden. Wen wundert es, daß man kaum
einen Absolventen dieser Lehr-Institute findet, der nicht über
sie ein negatives Urteil hat, ich will hier nicht ins Einzelne
gehen. Und dennoch: erstaunlicherweise reproduziert sich das
Ausbildungssystem in Sachen Kunst seit Jahrhunderten mit einer
beständigen Hartnäckigkeit. Womit könnte diese
Diskrepanz erklärt werden? Oder sind der Sache "Kunstlehrbetrieb"
vielleicht gewisse Widersprüchlichkeiten notwendig immanent,
die es jedoch zu erkennen, zu benennen und damit fruchtbar zu
machen gilt?
Was wir hier beobachten können, sind die letzten Ausläufer
einer wechselvollen Geschichte der Kunstlehranstalten seit dem
Mittelalter. Diese Geschichte ist in weiten Teilen geprägt
von einem übergeordneten Thema, das sich dem historischen
Blick als ein Theaterstück auf der Bühne der Weltgeschichte
präsentiert unter dem Titel " Das Ringen der europäischen
Neuzeit um die Autonomie und Souveränität des Individuums,
dargestellt in der Figur ihres Protagonisten: der freie Künstler".
Mit "Autonomie" und "Souveränität"
sind zwei Begriffe gefallen, die uns noch öfters im Folgenden
begegnen werden. Es handelt sich dabei zugleich um die Zentralbegriffe
der ästhetischen Diskussion der Moderne und um die wesentlichen
anthropologischen Kategorien, unter denen sich der Gegenwartsmensch
in seiner Selbstbeschreibung wiederzufinden hofft. Nebenbei
bemerkt: Diese Begriffe beim Namen zu nennen, erleichtert uns
auch die erstaunliche Tatsache zu verstehen, daß an erster
Stelle jugendlicher Berufswünsche (derzeit zumindest noch
bei Frauen) der bzw. die "KünstlerIn" genannt
werden.
Ein kurzer historischer Abriss der Geschichte der Akademien
soll die angedeutete Problematik in ihren wesentlichen Konturen
erhellen. Interessant für unseren Überblick ist gleich
das erste Auftauchen der Bezeichnung Akademie in der Neuzeit:
In Anlehnung an Platons "Akademeia-Park" in Athen
nennen sich zuerst kleine, informelle Gemeinschaften von lernbegierigen
"Amateuren und Dilettanten" im Italien des frühen
15ten Jahrhunderts "Akademie". Ihnen ging es, wie
wir heute sagen würden um "selbst organisierte Formen
des interdisziplinären Gedankenaustausches" (auf diesen
Impuls müssen wir später nocheinmal zurückkommen!)
Die Vermittlung von Kunstfertigkeiten obliegt in dieser Zeit
jedoch noch immer dem ständischen Gilde-und Zunftsystem,
die genannten Zirkel beschäftigen sich mehr mit philosophischen,
religiösen und wissenschaftlichen Disputen. Mit künstlerischer
Bildung werden diese Zirkel erst um 1500 in der Kunstschule
am Hof des Papstes Leo X. zusammenge-bracht. Hier finden wir
zum erstenmal den Begriff "Akademie" in Zusammenhang
mit einer Kunstausbildung - aber zugleich auch im Kontext eines
Präsentations- und Herrschaftssystemes. Dieses Erbe wird
der Begriff "Akademie" in seiner Geschichte bis heute
mit sich tragen. Die Akademie ist nunmehr eine Institution mit
einer widersprüchlichen Ambition: Zum einen will sie den
kritischen Diskurs unter den Künstlern selbst befördern
in Disputationen über Kunsttheorie, zum anderen wird sie
Ausbildungsinstitut für Anfänger. Sie beginnt Normen
zu setzen, zu verbreiten und zu bewahren. In abgrenzender Konkurrenz
zum Gildewesen betreibt sie jedoch eine Überwindung der
rein handwerklichen Definition von Kunst und versucht erstmals
Kunst als ein spezifisches Erkenntnissystem zu verankern. Insofern
können wir die Frühzeit der Akademien durchaus unter
einer Vorherrschaft emanzipatorischer Bestrebungen beschreiben.
Machen wir einen Sprung in die Zeit, die zur Grundlage unserer
sozialen und geistigen Gegenwart wurde: die Zeit der Aufklärung,
der Überwindung des Absolutismus, die Machtübernahme
des Bürgertums in den Revolutionen seit 1789.
Beispiel Frankreich: Die Künstler sind zu abhängigen
Vasallen am Hof des Sonnenkönigs geworden, mit Titeln,
Ämtern und Einkommen ausgestattet. Repräsentative
und merkantile Interessen sind die Gründe der generösen
Förderung, auch das Bestreben nach nationaler Idenditätsfindung.
Die französische "Académie royale" des
Absolutismus ist staatstragende Insitution, daran ändert
auch, entgegen ersten Erwartungen, die bürgerliche Revolution
nichts. Die Akademie zieht in der Folge immer mehr Kompetenz
an sich, sie verleibt sich die Kunsthandwerkerausbildung ein,
sie hat das Monopol jeglicher künstlerischen Ausbildung,
sie ist oberste Instanz in Fragen des Stils und des Geschmackes,
kurz: nach kaum 200 Jahren ihrer Geschichte ist sie vom emanzipatorischen
Zirkel zur reglementierenden Institution geworden.
Wie hat sich die Angelegenheit in der bürgerlichen Gesellschaft
seither weiter entwickelt? Zwei Aspekte sind hier vor allem
von Bedeutung. Ein Aspekt ist der "Markt" der nun
eine sehr wichtige Funktion in der "Künstlerauslese"
übernimmt. Zwar hat der Künstler sozial gesehen tatsächlich
die erstrebte Autonomie erlangt, er produziert was und wie er
will, der Preis für seine scheinbare Freiheit ist jedoch
das wirtschaftliche Risiko als freier Unternehmer.
Folge des marktwirtschaftlichen Gegenmodells zur absolutistisch-akademischen
Planwirtschaft ist einerseits eine erhöhte Risikobereitschaft
und eine gesteigerte Experimentierlust, auf der anderen Seite
ein qualitativer Niveau-Verlust durch Anpassung an den Käufergeschmack
ungebildeter Kaufleute und Spezialisierung auf oftmals penetrante
Genremalerei. Der zweite Aspekt ist der einer fortschreitenden
Ideologisierung des künstlerischen Anliegens. Nicht umsonst
entstehen parallel zur Merkantilisierung des Kunsthandels die
Ausarbeitung ästhetischer Theorien. Inspiriert von der
spekulativen Philosophie vor allem des deutschen Idealismus,
entwickelt sich in der Romantik ein Künstler-Bild, das
bis heute wirksam ist, und sich natürlich auch in der Frage
der Kunstlehre niederschlägt. Es geht um den Begriff des
"Genialen" der den Künstler nun umgibt. Als Reaktion
auf die aufklärerische Vernunft-Attitüde, in ängstlicher
Sorge um den Verlust jeglicher Transzendenz in der säkularisierten
Gesellschaft, wird als Gegenbild der geniale Künstler beschworen,
das Rousseau´sche Naturkind, das aus sich heraus Zugang
zur "natürlichen Ganzheit" hat. Intuition und
Empathie versus Rationalität und Verstandeskühle lautet
das neue Motto der aufkommenden romantischen Bewegung. Was sind
nun die Folgen dieser Ideologien für die Lehranstalten?
Den akademischen, fragmentierten Lehrmethoden, die die Welt
gemäß den rationalistischen Bestrebungen aus Einzelteilen
neu zusammensetzen wollen, bildhaft komprimiert in den Gips-Abzeichnungs-Studios
des Klassizismus und Historismus, wird die Existenz-berechtigung
streitig gemacht durch das Genie, "das aus sich selbst
heraus das Ganze schafft". Dieses ist nicht belehrt, sondern
von Natur aus mit Talent begabt. Wir bemerken hier Begriffe,
die heute immer noch geläufig sind, beispielsweise bei
der Begründung von Mappen-Prüfungen für Akademie-Bewerber.
Kunst ist aus dieser Sichtweise nicht lehrbar, sondern die Folge
angeborener Begabung, eine Denkfigur, die manche professorale
Bequemlichkeit hervorragend entschuldigt.
Doch bleiben wir zunächst am historischen Verlauf.
Der institutionalisierte Lehrbetrieb bekommt mit dieser Entwicklung
eine negative Bewertung, wer etwas auf sich hält verdammt
die Lehrbarkeit der Kunst und wir werden zumindest bis in unser
Jahrhundert hinein innovativen Ambitionen in der Kunst mehrheitlich
außerhalb des sanktionierten Sys-tems begegnen. Von den
"Freiluft-Ateliers" der französischen Landschaftsmaler,
über van Gogh und den Impressionisten, den Vorläufern
der klassischen Moderne bis hin zu antikulturellen Attitüden
der neueren Avantgarde bemerken wir überall den anti-akademischen,
genialen Impetus.
Eine entscheidente und dubiose Rolle spielt u. a. die "Brüderschaft
von St.Lukas", besser bekannt als die Nazarener-Bewegung
bei der Entwicklung der gegenwärtigen Akademie. Angetreten
zunächst als "selbstorganisierte Alternative"
in einem verlassenen Kloster in Rom, getragen von rückwärtsgewandter
Sehnsucht nach dem vermeintlich geistigeren Mittelalter, als
Romantiker zu "Akademiehassern" prädestiniert,
übernehmen sie paradoxerweise in Deutschland im 19ten Jahrhundert
die akademische Weichenstellung. Mit der Berufung des Nazarener-Künstlers
Cornelius zum Direktor der Düsseldorfer Akademie, gefolgt
von seinem Mitstreiter Schadow, entsteht das bis heute gültige
System der Einteilung in ein angeblich lehrbares Grundstudium
(heute zumeist an freie Kunstschulen delegiert) und ein Hauptstudium
in "Meisterklassen", eine durchaus romantische Reminiszenz
an den Genie-Kult. Waren die Nazarener angetreten, den Geist
der christlichen Brüderlichkeit in die Kunst einzubringen,
so erreichten sie mit dem Meisterklassen-System tatsächlich
die Eliminierung der letzten Reste kollektiv-handwerklicher
Orientierung zugunsten eines aufkeimenden Elite-Bewußtseins
dandyhafter Nachwuchskünstler. Auf der ideologischen Ebene
war damit der Weg bereitet für ein zentrales Dogma der
klassischen Moderne: Die Autonomie der Kunst.
Um diesen kurzen historischen Abriss zu Ende zu bringen, ist
noch eine ganz wesentliche Entwicklung in unserem Jahrhundert
zu würdigen. Aus verschiedenen Quellen gespeist, kristallisieren
sich Ende des 19ten / Beginn des 20ten Jahrhunderts neue Ansätze
im Kunstlehrbetrieb heraus, die sich jedoch nicht reformerisch
an die bestehenden Ausbildungsinsitute wenden, sondern zu Neugründungen
führen. Ich meine damit die Bestrebungen von Owen Jones,
William Morris und der "Arts and crafts" Bewegung
in England , gefolgt von der Kunsterzieher-Bewegung in Deutschland,
die nach dem ersten Weltkrieg schließlich zum Gründungs-Impuls
des berühmten BAUHAUS führen, in der nachrevolutionären
Sowjetunion kam es zu parallelen Institutsgründungen (VChUTEMAS)
der suprematistischen Bewegung.
Das wesentliche an diesen Neu-Gründungen ist in der Reaktion
auf die "L´art pour l`art" Haltung der bürgerlich
romantischen Kunstauffassung zu sehen. Die Auflösungserscheinungen
traditioneller gesellschaftlicher Strukturen in der Industriegesellschaft
werfen den Einzelnen verstärkt auf sich zurück, ein
Bemühen setzt ein, zu einem neuen, emanzipierten Zusammenhang
zwischen Individuum und Gesellschaft vorzustoßen, das
auch ein neues Künstler-Ideal umfasst: Der Künstler
als bewußtes und sozial handelndes Mitglied der Gesellschaft
auf dem Weg in die erhoffte klassenlose, entfremdungsfreie utopische
Zukunf ist dieses neue Ideal. Seine Ausbildung orientiert sich
nicht mehr an angeblicher Genialität, sondern an den gesellschaftlichen
Bedürfnissen sowie an ökonomischen und technischen
Innovationen. Er ist nun Teil des gesellschaftlichen Gesamtsystemes,
das ihm im Idealfall einen eigenen Diskurs zugesteht, d.h. Kunst
als souveränes System neben Ökonomie, Politik, Wissenschaft
etc. akzeptiert - in negativer Interpretation ihn jedoch vereinnahmt
für kunstexterne Ziele: Design, Werbung, Unterhaltung,
Therapie usw. Die durch den 2ten Weltkrieg verzögerte und
unterbrochene Entwicklung im Nachkriegsdeutschland kann charakterisiert
werden mit einem widersprüchlichen Dualismus. Auf der einen
Seite an den Akademien ein ideologisch verhärtetes Festhalten
an traditionellen Künstlerbildern, zeitweise gestört
durch renitente politisierende Studenten und Professoren der
68er Generation, und auf der anderen Seite mehr oder weniger
funktionalsierte "Neue Studiengänge" für
Kunsterzieher, Kunsttherapeuten, Designer und Medien -Spezialisten.
Wir sehen: Von der Widersprüchlikeit der akademischen Ausbildung
zwischen Emanzipation und Repression sind wir zu neu formulierten
Widersprüchen gelangt: Der Künstler findet sich in
einem neuen Spannungsfeld zwischen Vereinnahmung und Souveränität.
Soweit der kurze historische Abriss der neueren Geschichte der
Kunstlehre in Europa.
Randbedingungen aktuellen Kunstschaffens
Wenn wir Kunst und Kunstlehre in ihrer aktuellen Bedeutung untersuchen
wollen, dann wird es notwendig sein, zunächst die Randbedingungen
etwas näher zu betrachten, in denen die Gegenwartskunst
eingebettet ist. Mit den Randbedingungen meine ich nun weniger
den sogenannten "Kontext", also wirtschaftliche, soziale,
politische und sonstige Bedingungen, die selbstverständlich
eine wesentliche Rolle spielen. Aus Gründen, die im Folgenden
hoffentlich deutlich werden, möchte ich als "Randbedingungen"
ein ganz anderes Phänomen verstanden wissen, und zwar:
die Randbedingung des theoretischen Kunstdiskurses. Es spielt
m.E. nämlich eine nicht unwesentliche Rolle für die
Entwicklung der Kunst, wie und was wir über sie denken.
Wir werden uns daher in einer ersten Annäherung an das
Thema mit einigen grundsätzlichen Problemstellungen der
theoretischen Reflexion über Kunst in unserem Jahrhundert
befassen müssen.
Zwei Feststellungen sind hier relevant. Die erste betrifft die
Bedeutung des "Werkhaften" eines Kunstwerkes. Wir
können in den letzten 30 Jahren eine veränderte Haltung
gegenüber einem traditionellen Werkbegriff konstatieren,
wie ihn noch die klassische Moderne und die Nachkriegs-Avantgarde
pflegte. Parallel zum Umbruch von der warenproduzierenden Industrie-
zur postindustriellen Informationsgesellschaft können wir
auch in der Kunst ein Abrücken von der produktorientierten
Arbeitsweise beobachten. Stattdessen finden wir immer mehr künstlerische
Strategien, bei denen die "hardware" selbst eigentlich
nur noch die Rolle eines Informationsträgers unter anderen
spielt. D.h.: Das eigentliche "Werk" entzieht sich
immer mehr der objekthaften Verfügbarkeit und verwandelt
sich in eine Art Informationssystem, in ein Bezugsgefüge
von bildhaften, sprachlichen, schriftlichen, aktionistischen
und sonstigen Ereignissen, die erst in der Zusammenschau, sozusagen
"im Kopf" des Rezipienten zu einem sinnvollen Ganzen
zusammengefügt werden können. Damit kommt diesem eine
Aufwertung zu, das Kunstschaffen selbst verschiebt sich vom
Produktionsbereich in den Kommunikationsbereich.
Für den Kunstlehrbetrieb hat das natürlich Konsequenzen.
Je mehr das "Werk" als Objekt mit handschriftlicher,
authentischer Aura unwesentlich wird, desto fragwürdiger
wird die Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten. Dazu kommt
erschwerend die Tatsache, daß durch die enorme Expansion
künstlerischer Techniken und Materialien in den experimentellen
Verfahren der Moderne und Avantgarde eine sinnvolle Auswahl
der zu vermittelnden Techniken vom Steineklopfen bis zur PC-Programmierung
immer schwieriger wird. Aus dieser Entwicklung heraus muß
sich eine künstlerische Ausbildung, die auch handwerkliches
Können vermitteln will, neu legitimieren. Bevor wir aber
alle Traditionen als vermeintlich überflüssigen Ballast
unbesehen über Bord werfen, wie dies mancherorts eilig
geschieht, sollten wir m.E. darüber nachdenken, ob handwerkliche
Erfahrung - abgesehen vom konkreten Nutzen im speziellen Fall
- nicht darüberhinaus eine Lernqualität hat, die es
neu zu bewerten gilt. Konkret meine ich damit, daß es
eine Form der handwerklichen Intelligenz gibt, die beim spezifischen
Herstellungsnutzen begleitend entsteht, sozusagen als unbeabsichtigter
Nebeneffekt. Dieses Denken, das zugleich im Kopf und in der
Hand sich abspielt, ist ein anderes als das rein intellektuelle
Denken, es führt daher zu anderen Ideen, zu theoretisch
nicht erahnbaren Verwandlungen des Werkes. Diese Form der Intelligenz
ist lernbar und transformierbar auf verschiedenste Ebenen. Handwerkliches
Können ist daher aus meiner Sicht zwar keine unverzichtbare
Bedingung künstlerischer Arbeit, es ist andererseits aber
auch nicht verzichtbar, da an wenigen exemplarischen Traditionen
ein methodisches Prinzip erkennbar vermittelt werden kann, auf
das bei neuen Anforderungen vergleichend zurückgegriffen
werden kann. Vielleicht können selbst an oft verschmähten
handwerklichen Traditionen wie dem Zeichnen prinzipielle methodische
Erfahrungen gemacht werden, die als künstlerische Strategie
in ganz anderen Fällen relevant sind. (Dazu später)
Soviel zum Thema "Kunst und Handwerk". Was die erwähnte
Verschiebung in den Informationsbereich angeht, so ist die Konsequenz
für den Lehrbetrieb vor allem darin zu sehen, daß
wir uns immer mehr mit Fragen der Wahrnehmung, der Informationsverarbeitung,
der Konstruktion von Sinn aus differenzierten Informationen
usw. auseinandersetzen müssen. Die Fähigkeit zum Denken
in Zusammenhängen wird in Zukunft immer wichtiger werden.
(Darauf soll im letzten Abschnitt dieses Beitrages noch näher
eingegangen werden.)
Die zweite Feststellung bezieht sich auf die Frage, welche Art
"Wissen" heute überhaupt noch in der Kunst vermittelt
werden kann, ja ob dies prinzipiell noch möglich ist, oder
ob es vielmehr darum gehen muß, eine bestimmte Lernhaltung,
eine spezifische Denkfähigkeit den Lernenden anzudienen,
die sie prinzipiell benötigen, wollen sie in Zukunft als
Kunstschaffende bestehen. Es geht um die Fähigkeit, anscheinend
widersprüchliche Denkfiguren ineinander zu denken. Ich
behaupte, daß gehaltvolle Kunst dies schon immer in ihren
Werken praktiziert hat, was momentan ansteht ist die Erweiterung
dieser Praxis in das Feld des ästhetischen Diskurses und
des philosphischen Denkens.
Ausgangspunkt der Problematik ist die Frage nach der "Verortung"
der Kunst in unserem sonstigen Dasein. Eine vergleichende Untersuchung
der Diskussionen, Pamphlete, Manifeste und einschlägigen
Veröffentlichungen zu diesem Thema, kann ein Begriffspaar
herausdestillieren, an dem die Problematik sich festmachen läßt.
Die Frage ist die, ob es der Kunst vor allem um die Behauptung
ihrer geschichtlich gewonnnen Autonomie gehen sollte, oder ob
dies unwesentlich sei gegenüber dem entgegengesetzten Anspruch,
eine umfassendere Relevanz auch für andere Bereiche zu
behaupten, ein Anspruch, der mit dem Stichwort "Souveränität"
der Kunst verbunden wird. Die Souveränitätsbehauptung
geht von dem Versprechen aus, in der Kunst mit ihrer rational
nicht greifbaren Eigenlogik "sei das Absolute präsent".
(3) Damit ordnet sie sich nicht neben, sondern über den
ausdifferenzierten Diskursen der modernen Gesellschaft ein,
sie beansprucht die herrschende Rationalität zu übersteigen,
ja zu sprengen. Künstlerische Praxis sieht sich als "Instanz
einer erfahrend vollzogenen Vernunftkritik."(4) Die Autonomiebehauptung
betont demgegenüber die Differenz der gesellschaftlichen
Diskurse, das Ästhetische ist damit nur ein Moment unter
den ausdifferenzierten Diskursarten, denen es sich nicht über-
sondern nebenordnet. Was in der Kunst geschieht, hat demnach
keinerlei direkte Relevanz für andere menschliche Lebensbereiche.
Eine Polarisierung in zwei Lager ist in der Moderne auszumachen,
die sich seither erbitterte Grabenkämpfe liefern, ein Hin
und Her der Meinungen ist zu beobachten, Transparente werden
entrollt auf denen abwechselnd zu lesen ist "Kunst ist
Leben. Alles ist Kunst" und dann wieder "Kunst ist
Kunst. Alles andere ist alles andere". Befürchtet
das eine Lager eine Überfrachtung der Kunst mit heteronomen
Anliegen, beispielsweise politischer, pädagogischer oder
sonstiger Herkunft, und warnt vor ihrem Ausverkauf, so hegt
das andere Lager den Verdacht, die Autonomie-Insistenz sei die
Verschleierung eines bürgerlichen Ästhetizismus´,
der in Wirklichkeit nur an der Erhaltung des gesellschaftlichen
Status quo interessiert sei.
Es kann nun m.E. keinesfalls Aufgabe von Kunstlehrbetrieben
sein, Gefolgschaft für Positionen zu rekurrieren, indem
professorale Meinungen zu Dogmen stilisiert werden, es ist aber
auch ein Unding, wenn Kunststudierende keinen blassen Schimmer
von den geistesgeschichtlichen Dimensionen ihres Metiers haben.
Was zu leisten ist, ist die Vermittlung eines Problembewußtseins
und die Entwicklung einer reflexiven Denk- und Diskussionsfähigkeit,
darüberhinaus sollte es Anliegen jeder Lehranstalt sein,
eine Gesprächskultur zu entwickeln, die sich an Pluralität
und Toleranz orientiert (woran es heute leider oft mangelt).
Darüberhinaus läßt sich aber gerade an dieser
Fragestellung aufzeigen, daß sich seit einigen Jahren
ein qualitativer Sprung abzeichnet, der das dualistische Patt
der geistesgeschichtlichen Antagonismen übersteigt zugunsten
einer neuen Umgangsweise mit dem Problem. Ich möchte darauf
kurz eingehen, da sich hier m.E. erste Anzeichen eines "neuen
Denkens" aus dem Geist der Kunst heraus ausmachen lassen,
ein Denken, das unser Thema zentral betrifft, da die Aneignung
dieser Denkfähigkeit m.E. ein zentrales Anliegen gegenwärtiger
Kunstlehre sein sollte.
Die in unserer Kultur gängige logische Denkfigur, die bisher
in einem "Entweder-Oder" befangen war und allenfalls
in einer zeitlichen Dialektik von These-Antithese und Synthese
ihre Auflösung fand, ist ein Modell, das eigentlich nie
mit der Kunst kompatibel war. Dennoch hatte es eine derartige
Dominanz, daß es so etwas wie eine Kunstgeschichte, zumindest
aber eine Dialektik der modernen Kunst gab. Mit der unaufhaltsamen
Beschleunigung des Positionswechsels, bis hin zu den Tagesmoden,
hat sich dieses System selbst überholt und ist mittlerweile
in der Gleichzeitigkeit der Antagonismen zum Auslaufmodell geworden.
An diesem Punkt hat sich nun etwas interessantes ereignet: Vorsichtig
werden Stimmen laut, die versuchen, das "Entweder-oder"
als ein "Zugleich" zu verstehen, ein Denken wird erprobt,
das die Paradoxie als etwas notwendiges, und nicht nur notwendig
zu ertragendes, akzeptiert. Wohlgemerkt: es geht nicht um eine
billige Synthese oder gar um eine resignative Form der Beliebigkeit.
Es geht um eine ungeheure Spannung, die in der Gleichzeitigkeit
dieser Antinomie möglich und fruchtbar wird. Es stellt
sich die Frage, ob dieses paradoxe, die Antinomie nicht auflösende
Denken, nicht viel eher dem künstlerischen Diskurs entspricht,
als die historisch-dialektische Denkfigur. Erste Anzeichen für
ein Durchbrechen der Dialektik finden wir bemerkenswerterweise
schon in der "Ästhetischen Theorie" von Adorno,
der hier die Antinomie von Souveränität und Autonomie
in der paradox formulierten These gipfeln läßt, "gerade
der (autonome) Schein der Kunst sei ihre (souveräne) Wahrheit
"(5) Nun sind bei Adorno noch viele Ungereimtheiten bezüglich
eines tatsächlichen Aushaltens der Antinomie zu finden,
er wurde sozusagen von dem Heteronomie-Verdacht, von dem Vorwurf
der Befrachtung der Kunst mit ethisch-moralischen Anliegen nie
ganz frei gesprochen, dennoch kann seine Theorie als ein erstes
Anzeichen eines anderen Denkens gesehen werden. Wir finden mittlerweile
zahlreiche Versuche, den Widerspruch zwischen autonomer Zweckfreiheit
der Kunst und heteronomen Geltungsansprüchen auf paradoxe
Weise fruchtbar zu machen, einige wenige Beispiele möchte
ich hier stellvertretend kurz skizzieren. (6) So problematisiert
beispielsweise der Kunsttheoretiker Michael Lingner in einem
frühen Text, den er bezeichnenderweise "Paradoxien
künstlerischer Praxis" überschrieben hat, ebenfalls
die "Zweckfreiheit" der Kunst. In seiner Argumentation
ist die Entwicklung der Kunst an einen Punkt gekommen, an dem
sie nun "eines externen Zweckes bedarf - nicht um sich
zu retten, sondern um ihre internen Bedingungen derart fortzuentwickeln,
daß die Weiterexistenz ästhetischer Erfahrung gesichert
ist." (7) Das wesentliche daran ist jedoch, nicht die gewonnene
Autonomie dabei aufzugeben, und damit einem Rückfall in
vormoderne Bedingungen zu erliegen, vielmehr muß es den
individuellen Strategien gelingen, "selbstgesetzte Setzungen",
d.h. bewußte Setzungen von Entscheidungen und Positionen
zu vollziehen, um gerade darin die Selbstbestimmung der Kunst
zu realisieren. Auch hier finden wir also dieses paradoxe Ineinanderdenken
der Antinomie von Souveränität und Autonomie der Kunst.
Eine andere Variante finden wir bei Wolfgang Welsch. Er hat
Beobachtungen zu einer neuem Wertigkeit des Denkens aus der
Kunst heraus in einem Beitrag unter dem programmatischen Titel
"Ästhetisches Denken" zusammengefasst. Darin
versucht er, die veränderte Geltungsrelevanz ästhetischer
Erfahrung an der sich immer klarer abzeichnenden Prämisse
der Pluralität herauszuarbeiten. Indem er den traditionellen,
auf das "Schöne" im Gegensatz zum "Erhabenen"
beschränkten Ästhetikbegriff verschiebt in Richtung
einer wahrnehmungsorientierten "Aisthesis" (die zugleich
die Anästhetik des Unwahrnehmbaren, Ausgeschlossenen umfasst),
erarbeitet er einen erweiterten Geltungsraum für ästhetisches
Denken, "das wegen seiner Begreifenskapazität und
Wirklichkeitskompetenz an der Zeit ist" (8). Zwar überschreitet
er damit strenggenommen schon den eigentlichen Gültigkeitsbereich
der Kunst, aber er tut dies mit einer ähnlichen Intention
wie Adorno oder Lingner. "Die Kunst ist nicht der Ziel,-
sondern ein Modellbereich der Reflexion. Dazu wird sie, weil
sie Wahrnehmungspotentiale bereitstellt und besondere Wahrnehmungsfähigkeit
verlangt sowie freisetzt." (9) Er konkretisiert diese Wahrnehmungsleistungen
mit Begriffen wie Innewerden, Gewahrwerden, Merken oder Spüren,
der Philosoph Sloterdijk mahnt in ähnlicher Intention den
"Einbau von Aufmerksamkeit in Lebensformen" (10) an.
Vor allem einer Erscheinungsweise der aktuellen Lebenswelt wird
dabei von Welsch besondere Bedeutung beigemessen: der Pluralität.
In Absetzung zu der Einheitsoption des modernen Denkens, sieht
er das postmoderne Ideal der Differenz sich vor allem in einer
faktischen Pluralität der Lebensstile ausformen. Um diesen
Zustand jedoch nicht in die Beliebigkeit des "anything
goes" abdriften zu lassen, andererseits nicht im absoluten,
individualistischen Dissens unterzugehen, braucht es die Fähigkeit,
das Differente miteinander in lebendigen Bezug zu bringen, ohne
zu nivellieren. Diese Fähigkeit traut er einem an den Kunst
geschulten ästhetischen Denken zu. "Wer durch die
Schule der Kunst gegangen ist, und in seinem Denken der Wahrnehmung
Raum gibt, der weiß nicht nur abstrakt um die Spezifität
und Begrenztheit aller Konzepte - auch seines eigenen -, sondern
rechnet mit ihr und handelt danach.(11) (..) denn in der Tat
ist es das Problem einer aus hochgradig pluralen Lebensformen
zusammengesetzten Gesellschaft, daß sie den Weg finden
muß, wie diese Formen zu verbinden sind (12)" Damit
leistet die Kunst zweierlei. Zum einen macht sie sensibel für
die Differenz und Inkommensurabilität von Lebensformen
in der multikulturellen, mediendominierten Informationsgesellschaft,
zum anderen entwickelt sie "Wahrnehmungsfähigkeit
für notwendige Verknüpfungen des Differenten und für
Übergänge inmitten der Heterogenität" (13)
Was Welsch hier unter dem Stichwort "aisthetisches Denken"
beschreibt, liegt m.E. sehr dicht bei dem, was ich oben mit
dem paradoxen Denken angedeutet habe. Widersprüche auszuhalten
und sie in einer "Sowohl als -auch-Gültigkeit"
stehen zu lassen, widerstrebt unserer abendländischen Vernunft.
Insofern ist das aisthetische Denken ein Affront gegenüber
den rationalistischen Wahrheitsansprüchen der vorherrschenden
zweiwertigen Logik. Aisthetisches Denken ist Künstlern
durchaus geläufig, Kreativität kann ohne Mehrfachkodierung
und Unschärfe gar nicht entstehen (vgl. auch den Lösungsansatz
der "fuzzy-logik" in der KI-Forschung). Das neue an
den Überlegungen von Welsch ist die Sichtweise, daß
in Zukunft ein derartiges Denken an vielen Orten, von vielen
Menschen notwendig gefordert ist.
Eine weitere Variante dieser parallel gedachten "Modell-Lösung"
anstelle der kausal gedachten Transversalität der Kunst
finden wir bei dem Systemtheoretiker Niclas Luhmann. Luhmann
verneint ebenfalls eine direkte Transversalität ästhetischer
Erfahrung auf andere Dikurse. Was sich aus seiner Sicht aber
ebenfalls nicht von der Hand weisen läßt, ist ein
äußerst sublimer Zusammenhang des Einen mit dem Anderen,
Luhmann versucht diese Ambivalenz mit einer eigentümlichen
Begriffs-Schöpfung zu transzendieren: "Weltkunst"
lautet sein Begriff für eine erweiterte Sicht auf die Problemstellung
der Kunst heute. Dabei geht es nun - wie diese Wortschöpfung
zunächst mißverstanden werden kann - keineswegs um
eine ethische oder gar politisch-ästhetische Praxis, schon
gar nicht um ein omnipotentes Gesamtkunstwerk, sondern einfach
um eine andere Art des Denkens. Die erweiterte Relevanz ästhetischer
Erfahrung findet ihren Ort bei Luhmann sehr deutlich im ästhetisch-philosophischen
Diskurs. Das von ihm in diesem Zusammenhang herausgearbeitete
Wesentliche, ist die Entfaltung eines universellen Formbegriffes,
der in der ästhetischen Erfahrung gewonnen wird und dem
eine weiterreichende Bedeutung zugesprochen wird. Luhmann formuliert
dies so: "Die Funktion der Kunst ist das, was sie als eigenes
zur gesellschaftlichen Kommunikation beisteuert. Sie zeigt,
daß und wie im Überschreiten des Wirklichen im Hinblick
auf das nur Mögliche Form gewonnen wird (14) " und
er präzisiert an anderer Stelle: "Die Funktion der
Kunst liegt in der Kraft ihrer Unterscheidungen und diese Kraft
besteht darin, sich selbst und anderes einzuschränken.
Damit wird der Welt, die geheim bleibt, Beliebigkeit entzogen.
Das geschieht selbstverständlich durch alles, was geschieht.
Der Eigenbeitrag der Kunst könnte aber darin liegen, dies
am Objekt in der Welt des nur Möglichen vorzuführen"
(15) Was wir am Kunstwerk und im Kunstprozess verorten können,
ist also nach Luhmann die Möglichkeit " ..jederzeit
und bei jeder Gelegenheit gegenstandsunabhängig ästhetische
Erfahrung zu aktualisieren, das heißt: kunstmäßig
zu beobachten. Dies erfordert, daß der Beobachter sein
Beobachten beobachtet und in dieser Distanz zur Unmittelbarkeit
dann ästhetische Kriterien zugrundelegt, also ein hochdifferenziertes
Unterscheidungsvermögen benutzt...
Aber das Ziel ist nicht der Alltag als solcher, sondern die
gegenstandsunabhängige Universalität des kunstmäßigen
Beobachtens" (16) "Nur so kann für Fiktionalität
das Recht zu eigener Objektivität reklamiert werden und
nur so kann der realen Realität des Üblichen eine
andere Realität gegenübergestellt werden. "(17)
Diese - zugegebenermaßen teilweise äußerst
abstrakten und anspruchsvollen - Formulierungen, sollen als
Beispiele genügen, um zu belegen, wie die kunstimmanente
Logik der Werke sich gegenwärtig in einen umfassenderen
Kontext hinein erweitert, in den Bereich des Denkens selbst.
Statt von "Transversalität der Kunst" sollten
wir vielleicht besser von ihrer Transzendierung sprechen.
Die Beispiele zeigen auf, an welch widersprüchlichem und
entscheidenden Punkt sich die gegenwärtige Entwicklung
der Kunst befindet. Es gibt keine Eindeutigkeiten und Patentlösungen
mehr - sollte es sie je gegeben haben. Kunstlehre kann also
auf keine Weise beanspruchen, positives Wissen zu vermitteln,
Antworten parat zu haben. Sie muß sich also heute damit
auseinandersetzen, wie man Menschen vermittelt, diese Spannung
auszuhalten, diese Offenheit auszutragen, diese Situation als
kreative Herausforderung zu leben. Und wiederum können
wir konstatieren: Auch darin ist sie anderen gesellschaftlichen
Entwicklungen nicht voraus, sondern bewegt sich parallel zu
ihnen in einem Raum, in dem nur eines gewiss ist: das Ungewisse.
Das Zeichnen bezeichnen
Wenden wir uns nun der Kunst ganz speziell zu, wir wollen dies
tun am Beispiel des Zeichnens. Mit dem bisher Gesagten, wollen
wir es nun unternehmen, die eigentümlichen Formulierungen
"das Zeichnen bezeichnen" "das Denken bedenken"
zu enträtseln. Was könnte es damit auf sich haben?
Als "Lehrender" in Sachen Kunst bin ich ja immer wieder
von Neuem damit konfrontiert, daß die Studierenden etwas
"von mir lernen" wollen, d.h. daß die unausgesprochene
Voraussetzung eines "mehr Könnens" und eines
"weniger Könnens" im Raum steht, die auf Angleichung
des Niveaus drängt. Kann es einer gegenwärtigen Kunstlehre
aber darum gehen, so etwas wie ein "positives Können"
(als künstlerische Variante eines "Positiven Wissens"
sozusagen) zu vermitteln? Ich denke nicht. Schauen wir uns etwas
näher die Vorstellungen an, die mit dieser ersehnten "Könnerschaft"
verbunden sind, so bemerken wir hier mehrere Vorurteile. Das
erste Vorurteil hat historisch zu tun mit dem romantischen "Genie-Begriff",
und zwar in seiner Variante des "Virtuosentums". Ohne
nun näher darauf eingehen zu können, sei an dieser
Stelle nur soviel vermerkt, daß Virtuosität erst
in den letzten Jahrhunderten seinen hohen Stellenwert bekommen
hat. Das bekannteste Beispiel dafür, fast schon als Synonym
verwendet, ist der Geiger Paganini, dem es gelungen ist, sein
Publikum durch unglaublich schnelle Spielweise zu beeindrucken,
mit dem historischen Neben-Effekt einer allgemeinen Beschleunigung
des Aufführungstempos aller musikalischen Aufführungen
seither. Diese Schnelligkeit der Griffwechsel, die nur durch
enormes Üben zu erreichen ist, wurde damit zu einer neuen
Norm, wenigstens mit diesem profanen, handwerklichen "Kunstgriff"
hatte der geniale Künstler also nunmehr im wahrsten Sinn
des Wortes etwas "in der Hand", was ihn nachweislich
über die Masse seiner Konkurrenten erhob. Dieses Beispiel
läßt sich leicht auch in der bildenden Kunst aufzeigen,
vor allem in der Zeichenkunst. "Der kann wenigstens noch
zeichnen" ist ein volkstümliches Kriterium um wahre
Künstler von vermeintlichen Scharlatanen zu unterscheiden,
und der Beifall eines breiten Kunstpublikums ist schnell zu
gewinnen mit der virtuosen Strichführung einer Zeichnung.
Gerade im sogenannten "künstlerischen Strich",
in seiner "vibrierenden Feinnervigkeit" will der Kunstgenießer
dann auch die "wahre künstlerische Individualität"
aufspüren können. Unter uns gesagt: eine Handschrift
hat jeder, das ist kein höherer Verdienst, mit etwas Übung
stellt sich (leider) schnell der virtuose Effekt ganz von allein
ein. Seine Kultivierung und Stilisierung zu etwas "Höherem"
gehört aber eher zu den Peinlichkeiten des bürgerlichen
Individualisten als zur Qualifizierung der Kunst. Fazit: Entgegen
mancher Gepflogenheiten gegenwärtiger Zeichenkurse kann
es nicht Anliegen kritischer Kunstlehre sein, Individualismus-Ambitionen
und virtuose Könnerschaft, personifiziert in der "Strichqualität",
als eigenständigen Wert des Zeichnerischen zu kultivieren.
Das zweite Vorurteil in Bezug auf das Zeichnen, besteht in der
Wertigkeit, die dem perspektivischen Zeichnen zugesprochen wird.
Hier haben wir ein Erbe der Renaissance-Epoche zu tragen, und
damit wiederum Ansprüche, denen im Allgemeinbewußtsein
eine andere Bedeutung zukommt, als im künstlerischen Diskurs.
Auch hier wieder ganz kurz angedeutet: Die Entdeckung und Beherrschung
der Perspektivkunst ist ein technischer "Kunstgriff",
der in der Militär- und -Architekturzeichnung von strategischem
Vorteil ist, zugleich ermöglicht er relativ naturalistische,
d.h. Realität simulierende Nachahmung des visuell Sichtbaren.
Damit ist diese Entdeckung zum Synonym geworden einer Epoche,
die die Autonomie, die Ich-Bezogenheit der Wahrnehmung und der
Realitäts-Interpretation zu ihrem Anliegen gemacht hat.
Der autonome Individualist ist der Mensch der zentralisierten
Perspektive, sein Heros der Künstler, der diesen Trick
vollendet beherrscht. Fazit: Wer Künstler sein will, versucht
sich diese Kulturtechnik anzueignen. Wiederum unter uns gesagt:
Diese Technik ist so einfach, daß aus pädagogischer
Sicht der richtige Zeitpunkt, d.h. der Zeitpunkt des Lern-Interesses
in der Vorpupertät liegt. Hier ist auch, nebenbei bemerkt,
eine organische Einbindung in die Persönlichkeitentwicklng
der Autonomie-Gewinnung gegeben. Das "erwachsene"
Zeichnen dagegen hat m.E. ebenso wie die Kunst der Moderne,
die Renaissance-Perspektive hinter sich gelassen zugunsten eines
komplexen, pluralistisch und widersprüchlich organisierten
Bildraumes.
Ein drittes Vorurteil betrifft nicht nur das Zeichnen, sondern
die bildende Kunst allgemein, dieses Vorurteil ist jedoch heute
ziemlich im Verschwinden begriffen. Es ist die Vorstellung,
Kunst habe etwas mit Abbilden im Sinne von Nachahmung zu tun.
Der Wiedererkennungseffekt zwischen realer und bildnerischer
Realität wird dabei mißverstandenerweise als Kriterium
für Kunst benutzt. Dieses Vorurteil ist - wie gesagt -
heute kaum mehr anzutreffen, es soll aber dennoch erwähnt
werden, da sich aus ihm ein wesentlicher Hinweis auf das eigentliche
Wesen der Kunst ergibt, ein Hinweis auf das, was sich hinter
der Formulierung "Das Zeichnen bezeichnen" verbirgt.
Damit wollen wir von der negativen Abgrenzung, von dem, was
Zeichnen nicht ist, übergehen zu dem Versuch einer positiven
Bestimmung. Was also ist Zeichnen?
Natürlich bildet Kunst nicht ab, auch wenn sie "Bildende
Kunst" heißt. Dennoch ist etwas auf Bildern zu sehen,
was aber bezeichnet dann beispielsweise eine Zeichnung? Wir
müssen hier sehr genau verschiedene Stufen differenzieren.
In dem Begriff "Zeichnen" schwingt das Wort "Zeichen"
mit und damit haben wir einen ersten Hinweis auf die Komplexität
der Fragestellung. Zeichen sind nämlich Bestandteile unseres
Kommunikations- und Informationssystems, beispielsweise in den
Buchstaben. Was wir bei einem vorsichtigen Blick in die Welt
der Zeichen bemerken können, ist der unterschiedliche Charakter,
den Zeichen annehmen können. Zunächst sind visuelle
Abbilder, die beispielsweise Konturen wiedergeben, einfache
Zeichen, die durch identifizierendes Wiedererkennen visueller
Ähnlichkeiten ihren Bedeutungsaspekt bekommen. Ein Sichelbogen
kann z.B. den Mond darstellen, ein Dreieck auf der Spitze mit
Hörnern verweist auf den Stier. Nun gehen einige Schriftkulturen
bald dazu über, diese Abbild-Zeichen mit den dazugehörigen
Lautwort-Benennungen von dem Gemeinten abzulösen, die ausgesprochenen
Silbe wird damit verfügbar und in Kombination mit anderen
Silben können neue Wörter konstruiert werden. Damit
ist aber ein enormer Gewinn verbunden. In den Silbenalphabeten,
und in weit stärkerem Maß in den heute im Westen
gebräuchlichen Buchstaben-Alphabeten (die auch eine andere
Entstehungsgeschichte haben) kann damit eine unauslotbare Menge
an Begriffen erzeugt werden. Wir bemerken, wie im Überschreiten
des Abbildhaften zum Zeichenhaften sich ein ganz neuer Kosmos
eröffnet, eine ganz neue Freiheit entsteht. Indem die Zeichen
nicht auf ein "Anderes" als sich selbst verweisen,
indem sie autonom werden, ermöglichen sie die Komplexität
menschlicher Kommunikation, ermöglichen sie die Evolution
des Bewußtseins.
Beim Zeichnen geschieht nun etwas ähnliches, aber in einer
nochmals anderen Version. Dabei wird der Bereich der zwischenmenschlichen
Verständigung nochmals enorm erweitert. Im Gegensatz zur
kommunikativen Erweiterung vom Zeichen zur entzifferbaren, verstehbaren
Schrift, treibt die Zeichenkunst den Prozess nun ins Unbestimmte,
ins Unbegrenzte. Ihre Hervorbringungen erzeugen nicht mehr "Verständigung"
sondern hinterfragen sie. "Was will der Künstler uns
mit diesem Werk sagen" ist eine naive Frage, die prinzipiell
falsch, weil unbeantwortbar ist. Kunst kann nicht verstanden,
also entziffert werden. Es gibt im Gegensatz zur Geschlossenheit
des Systems Schrift kein eindeutiges Äquivalent für
eine künstlerische Zeichensetzung.(Es sei denn in einem
vulgärpsychologisch verkürzten Symbolismus) Damit
sind Kunstwerke aber keinesfalls der Beliebigkeit anheimgegeben,
vielmehr vermitteln sie so etwas wie ein "offenes System",
ein Zeichensystem mit uneindeutigen Botschaften. Indem Kunstwerke
nicht (oder nur partiell bei sogenannter "Gegenständlichkeit")
auf eine externe Realität verweisen, sind wir beim ästhetischen
Rezeptionsprozess auf die Informationen verwiesen, die innerhalb
des Werkes zu finden sind. Diese produzieren jedoch in ihrer
Bezogenheit so etwas wie eine eigenständige, autonome Realität,
die uns eine vieldeutige, ästhetische Befindlichkeit vermitteln.
Wenn wir also nach dem Bezeichneten beispielsweise einer abstrakten
Zeichnung fragen, so lautet die Antwort darauf: "Sie bezeichnet
sich selbst". Das Wesentliche einer Zeichnung hat also
nichts mit der Wiedererkennbarkeit ihres Inhaltes zu tun, also
mit einer "Fremdreferenz", vielmehr interessiert die
"Selbstreferenz" innerhalb des Bildes, egal ob gegenständlich
oder abstrakt.
Mit diesem doppeldeutigen Charakter leistet die Kunst exemplarisch
aber etwas, was für den Menschen eine bestimmende Kondition
ist. Der Mensch schafft sich so etwas wie eine "Innenwelt"
in seinem Denken. Diese Innenwelt hat zweifellos eine Entsprechung
in der "Außenwelt", das Verhältnis von
Innen und Außen, subjektiver und objektiver Realität,
ist jedoch eine sehr komplexe Angelegenheit. Indem die Welt
in uns aus einer Vielzahl von Informationen zusammengesetzt
wird, bekommt sie einen Freiheits-oder Irrtumsaspekt, sie ist
eine Konstruktion, ein Entwurf, der immer wieder auf seine Tauglichkeit
hin überprüft werden muß. Was wir nun an Zeichnungen,
an Kunstwerken allgemein, aufzeigen können, ist dieser
Konstruktionscharakter der Innenwelt. Damit können wir
das Zeichnen, eben in diesem doppelten Sinne des gleichzeitigen
Benennens eines "Anderen" und des konstruierens eines
"Eigenen" als Prototyp des Denkens bezeichnen. Wir
bezeichnen das Zeichnen indem wir sagen können: Zeichnen
ist denken.
Betrachten wir das Zeichnen unter diesem Aspekt etwas näher.
Was tun wir genau, wenn wir etwas zeichnen? Was tun wir wenn
wir etwas bezeichnen? Was tun wir wenn wir denken? Meine Antwort
auf alle drei Fragen: Wir führen Bewegungen aus, genauer:
Differenzierungsbewegungen, Bewegungen, die Unterscheidungsmöglichkeiten
in einen vorher undifferenzierbaren Wahrnehmungsraum bringen.
Indem wir Linien ziehen, Setzungen machen, Flächen umreißen,
entsteht im Unkennbaren des leeren Raumes Orientierung, Nichts
steht gegen Etwas, Linie gegen Fläche, Hell gegen Dunkel.
Das mehr oder weniger Geformte hebt sich ab von der Gleichförmigkeit
der Fläche, Wertigkeiten entstehen, möglicherweise
Benennbares. Jedenfalls: Bezeichnetes. Auch im Sinne von Hervorgehobenem.
Indem wir zeichnen entsteht so etwas wie Form. Einer genaueren
Selbstbeobachtung bei der Tätigkeit des Zeichnens erschließt
sich folgender Zusammenhang: Im Gegensatz zum Malen, bei dem
wir unsere Aufmerksamkeit auf Flächen und deren Beschaffenheit
richten, bemüht sich das Zeichnen um eine Grenzlinie, und
zwar um eine imaginäre, Tatsächlich ist der Horizont
einer Landschaft oder die Kontur eines Gegenstandes, einer Figur,
nichts Reales, sondern ein reines Wahrnehmungsphänomen,
dem in der dreidimensionalen Wirklichkeit nichts entspricht,
jede Standpunktveränderung des Zeichnenden, jede Drehung
des Modells zeigt eine andere Konturlinie. Wir bewegen uns auf
einer imaginären Grenze, wir bringen eine fiktive Konstruktion
zu Papier, die auf einen wahrnehmungsmäßigen Sachverhalt
verweist.
Schauen wir etwas genauer hin. Wie kommt diese "Grenzerfahrung"
zustande? Wir wissen heute, daß die visuelle Wahrnehmung
der Form durch Mikrobewegungen des Auges erfasst wird, indem
der Gegenstand in einer Aufmerksamkeitsbewegung quasi abgetastet
wird. Streng genommen nehmen wir also nicht den Gegenstand,
sondern die Eigenbewegung unseres Auges wahr, die in Übereinstimmung
mit dem Objekt erfolgt und uns so Rückschlüsse über
dessen Form vermittelt. Es ist also unsere Eigenbewegung in
Kongruenz mit einer "Welt", die uns dann als Konstruktion
fassbar wird. Schauen wir noch genauer hin. Mit welcher "Welt"?
Wenn wir uns, wie eben angedeutet, tatsächlich an einer
Grenzlinie entlangbewegen, so ist mit dieser Erfahrung etwas
Beunruhigendes verbunden. Wessen Grenze taste ich ab, wenn ich
beispielsweise eine Kugel betrachte? Ist es tatsächlich
die Grenze der positiven Kugel oder muß ich nicht mit
gleichem Recht annehmen, es ist die Grenze des raumerfüllenden
Luftraumes, der an der Kugel als negative Hohlkugelform seine
Grenze findet? Allerdings nur eine Grenze, die mir nur wenig
aussagt über die tatsächliche Form des Luftraumes,
da ich zunächst seine anderen, sozusagen äußeren
Grenzen nicht kenne. Das ist nun keine müßige Gedankenspielerei,
sondern eine Betrachtungsweise, die in der aktuellen Erkenntnistheorie
wesentliche Bedeutung hat und die schon seit langem in der Kunst
Folgen hat. Betrachten wir nämlich moderne Zeichnungen,
(besonders schön bei Matisse zu studieren!) so können
wir darauf bemerken, wie zahlreiche Künstler eine andere
Wertigkeit von Figur und Hintergrund bezeichnen, als es unserem
normalen Denken entspricht: Sie werden gleichrangig behandelt.
Womit hat das zu tun? Tatsächlich ist es so, daß
unserer visuellen Wahrnehmung die Dinge gleichgültig sind,
genauer: daß es sie gar nicht als Dinge benennt, vielmehr
geschieht diese Wertigkeit erst in einem zweiten Schritt, wenn
das so Ein-und-Ausgegrenzte idendifiziert und begrifflich benannt
wird. Wer mit Zeichnen vertraut ist, der kennt die Möglichkeiten
des Spielens mit diesem Phänomen. Und was dabei von besonderem
Interesse ist, ist die Tatsache, daß in dieser Phase des
probierenden Zuordnens ein Moment der Freiheit liegt, der Grundvoraussetzung
kreativer Lösungen ist. (Aus diesem Grund werden die visuell
dominierten Phasen des Zeichnens heute auch bei Kreativitätsschulungen
erfolgreich eingesetzt) Wichtig für unseren Zusammenhang
ist jedoch die Erfahrung, daß Form immer Zweiseiten-Form
ist, von der wir uns die eine Hälfte begrifflich herauspicken
und die andere vernachlässigen, da sie uns im wahrsten
Sinn des Wortes unbegreiflich (d.h. unbegrifflich) bleibt. Soweit
eine kurze Beschreibung der Selbstbeobachtung beim Zeichnen.
Sie mündet in eine Problematisierung dessen, was dem unbefangenen
Zeitgenossen unter dem Begriff "Form" bisher vertraut
war. Wagen wir hier den Sprung vom "Zeichnen" zum
"Denken".
Das Denken bedenken
Eine Reflexion darüber, wie wir denken und was wir eigentlich
wissen können, findet gegenwärtig vor allem auch in
der Informationstheorie statt. Der Begriff "Form"
hat deshalb inzwischen eine erkenntnistheoretische Konotation
aus dem Bereich der System-und Informationstheorie bekommen,
eingeführt durch das Werk "laws of form" des
Amerikaners George Spencer Brown (18), aufgegriffen von dem
Anthropologen, Evolutionstheoretiker und Wegbereiter der Kybernetik,
Gregory Bateson und im deutschsprachigen Raum vor allem von
dem systemtheoretisch orientierten Soziologen Niclas Luhmann.
Der aktuelle Gebrauch des Begriffs Form bezieht sich nun auch
auf den Begriff der InFORMation, dh. er beschreibt einen Vorgang
der Kommunikation, der Wissensaneignung und Übermittlung.
Es gibt in den Aufzeichnungen von William Blake (Catalogue of
the year 1810) eine wunderschöne Formulierung, an die wir
hier anschließen können. Es heißt dort "Weise
Menschen sehen Konturen und zeichnen deshalb". Blake nimmt
in diesem Verweis auf den Zusammenhang von Kontur(wahrnehmung)
und Denken (Weisheit) etwas vorweg, was die Informationstheorie
heute neu entdeckt: die Bedeutung des Unterschiedes: Die Wahrnehmung
der Differenz. In dem englischen Begriff für Zeichnen schwingt
noch etwas von dieser anderen Bedeutung mit. "Draw"
heißt nicht nur Zeichnen sondern zugleich auch ´"ziehen",
Indem wir den Konturen wahrnehmend folgen, die Umrisse nachvollziehen,
markieren wir die Grenzlinie, erzeugen wir in unserem Bewußtsein
den Unterschied zwischen zwei Entitäten, wir erzeugen eine
Welt des Vorhandenen, indem wir alles andere, das nur Mögliche,
konkret ausschließen. Zeichnen nennen wir den Vorgang,
bei dem Form aus dem Ungeformten herausgehoben wird, Beobachtbares
aus Unbeobachtbaren. Folgen wir den Einsichten der Informationstheorie
so gilt: Nur Unterscheidungen, die vollzogen werden, existieren
damit für uns als Wissen und Wissen verweist zugleich immer
auf "Kontexte". Mit dieser hier vorgetragenen, ungewöhnlichen
Betrachtungsweise des Zeichnens können wir das Zeichnen
dann aber als ein prototypisches Geschehen bezeichnen, das den
Vorgängen des Denkens im Sinne des Unterscheidens und Herstellens
von Kontexten zugrundeliegt. Zeichnen in dieser erweiterten
Sichtweise kann damit jede schöpferische Handlung sein,
die zu einem mehr an Information führt, indem sie Intuition
konkretisiert und so in die Realität überführt.
Luhmann versucht diesen Formbegriff in seiner aktuell diskutierten
"Weltkunst-Theorie" nun auch im Ästhetischen
fruchtbar zu machen. Er beschreibt das, was Künstler tun,
als Produktion von Unterscheidungen, als Verletzung eines unbestimmten
Bereiches von Möglichkeiten, als Markierung von Unterschieden,
die immer eine Zwei-Seiten-Unterscheidung ist: "Eine Linie,
deren Ziehung zwei Raumteile trennt und damit erzeugt, schafft
auf beiden Seiten Entfaltungsmöglichkeiten (...) Es entsteht
eine Innenseite und eine Außenseite. Und beides ist die
Form. Und "beides", das heißt: die Welt als
Differenz." (19)
Vielleicht ist es hilfreich, den Formbegriff der Informationstheorie
in unserem Zusammenhang noch mit anderen Begriffen zu umschreiben,
da in der Zusammenschau mit Phänomenen des Zeichnerischen
leicht falsche Gleichsetzungen unterlaufen können. Es geht
nicht um dasselbe, was beispielsweise die Gestaltpsychologie
als "Figur" bezeichnen würde (siehe oben), es
geht eher um etwas, was wir im künstlerischen Kontext mit
Worten wie "Position" oder "Prägnanz"
umschreiben. Die "Form" ist also das, was "so-und-nicht-anders"
sich zeigt, sie ist die Ausschließung des Möglichen
im Konkreten. Wenn wir den Prozess einer Bildgenerierung in
seinem zeitlichen Verlauf untersuchen, so können wir beobachten,
wie aus widersprüchlichen Setzungen des Anfangs mehr und
mehr ein Gefüge sich herauskristallisiert, das am Ende
von Schlüssigkeit und Prägnanz geprägt ist. Die
aktuellen Sichtweisen der Chaos-Theorie können uns wertvolle
Hilfestellungen geben, diese Prozessverläufe vom chaotisch-ahnungsvollen
Anfang bis zur geklärten Endgestalt zu verfolgen. "Form"
ist also dasjenige, was bei rückgekoppelten, selbstreferentiellen
Prozessen herauskommt, wenn die Randbedingungen des "Zufalls"
diesen Prozess zu neuen, bisher nicht ableitbaren Ereignissen
führen. Mit dieser erkenntnistheoretischen Beschreibung
haben wir eine noch exaktere Beschreibungsmöglichkeit der
Vorgänge beim Zeichnen und Denken: Zeichnen ist Denken
im Sinne der Markierung von Differenz und Generierung neuer
Positionen.
Lernen als schöpferischer Vorgang: Von Kunstlehre zur Lehrkunst
Der Anthropologe Gregory Bateson versucht nun diese Grundthese
der Informationstheorie auch für das Lernen fruchtbar zu
machen. (20) Um eine Information entstehen zu lassen braucht
es, wie gesagt, immer zwei Entitäten, die in ihrer Bezogenheiten
einen immanenten Unterschied produzieren, Wahrnehmung kann nur
mit Unterschieden zwischen arbeiten, diese Differenz verweist
auf ein Neues, Drittes, das bisher nicht bekannt war. Insofern
geschieht Lernen also nicht in einem Akt des "Zeigens-auf-etwas"
sondern in einem "Auf-Zeigen" eines Sachverhaltes.
(Wir können hier wieder den Unterschied zum mimetischen
Abbilden des falsch verstandenen Zeichnens bemerken!) Bateson
zeigt die Logik dieser Bestimmung auf, indem er das Gegenbeispiel
einer "leeren Erklärung" aus der Literatur anführt:
In Molières "malade imaginaire" erwiedert ein
Prüfungskandidat auf die Frage warum Opium einschläfernd
wirkt "Weil, gelehrte Doktoren, es eine einschläfernde
Kraft enthält". Das ist eine heute durchaus akzeptierte
Antwort, aber bei genauem Hinsehen ist es lediglich eine nichtssagende
Tautologie: sie enthält keinerlei neue Information, da
sie sich nur auf eine Seite des Kontextes, das Opium bezieht,
die andere Seite der Beziehung, den eingeschläferten Menschen
jedoch außer Acht läßt. Diese Denkfigur des
"einschläfernden Wissens" zu kultivieren, wirft
Bateson unserem ganzen tradierten Lernsystem in den Schulen
vor "Man erzählt (den Schülern) daß ein
"Verb" ein Zeitwort sei und so weiter. D.h. man lehrt
sie in einem zarten Alter, daß die richtige Weise etwas
zu definieren, darin besteht zu bestimmen, was es an sich selbst
ist, anstatt auf seine Relation zu anderen Dingen einzugehen".Als
Gegen- Beispiel eines Denkens, das auf Relationen und Kontextbeachtung
Bezug nimmt, erwähnt Bateson das Beispiel des morphologischen
Denkens, mit dem der deutsche Dichter Goethe in der Biologie
einen entscheidenden Beitrag geleistet hat. Diese Art in Beziehungen
zu denken, wird uns aber nicht in den Schulen vermittelt, stattdessen
werden wir immer noch viel zu oft an ein antrainiertes Auswendiglernen
herangeführt, an eine reine Gedächtnisleistung, die
überhaupt nichts mit "Denken" zu tun hat. Anstatt
"auf das Muster, das verbindet"(Bateson) aufmerksam
zu machen und die Fähigkeit zu vermitteln in Kontexten
zu denken, wird noch immer auf Wissensvermittlung gesetzt. "Brich
das Muster auf, das die Lerninhalte verbindet, und du zerstörst
notwendigerweise alle Qualität " (21) lautet das vernichtende
Urteil Batesons über unsere Schulen. Man könnte fast
meinen es stecke eine infame Absicht hinter diesem Zustand,
wenn man sich nämlich klar macht, welche Rolle der Lernende
demgegenüber in der Sicht der Informationstheorie spielt.
Er ist es nämlich, der den Kontext erzeugt, damit wird
ihm eine sehr autonome Rolle in der Lehrer-Schüler-Beziehung
zugesprochen. Folgt man den Ausführungen von Bateson, so
wird deutlich, warum seine Sicht des Lernens -im Sinne eines
kreativen Produzierens von Kontextbestimmungen- so dicht an
den Erfahrungen der Kunstpraxis angesiedelt sind. Lernen ist
nämlich aus evolutionstheoretischer Sicht ein Grundprinzip
der Evolution. Während bei der Epigenese (Embryonalentwicklung)
die identische Reproduktion (der DNS) im Vordergrund steht,
ist bei der Evolution insgesamt der Prozess des Zufalls, der
Generierung von bisher nicht bekannten Varianten das Wesentliche.
"Das Wesen der Evolution und des Lernens ist Erkundung
und Veränderung" (22) Wenn lernendes Denken und die
Evolution stochastische Prozesse sind, dann heißt das
aber für das Lernen, daß es vor allem eines benötigt:
Kreativität.
Es wäre nun möglich, zahlreiche Detailbeobachtungen
des kreativen Prozesses, beispielsweise beim Zeichnen zu schildern
um die Verbindung zwischen Kreativität, Kunst, Lernen und
Evolution aufzuzeigen. Das wäre aber ein neues Thema .
(23) Beziehen wir das hier zum Thema Lernen gesagte auf die
Kunst, dann wird klar, daß hier Nachahmung, Mimesis, keinerlei
Relevanz haben, vielmehr daß es eben der "Einfall"
als anthropologische Erscheinungsform des Zufalls ist, was das
Wesen der Kunst ausmacht. Und wir müssen in der aktuellen
Kunstreflexion noch einen Schritt weitergehen: Nicht der "Einfalls-Reichtum"
des Produzenten ist das allein Wesentliche, vielmehr verweist
Gegenwartskunst mehr und mehr auf dieselbe Notwendigkeit zu
kontextuellem, konstruierendem, kreativen Denken auf der Rezipienten-Seite.
Fassen wir den Kerngedanken dieses Abschnittes zusammen, so
können wir formulieren: Was wir beim Zeichnen oder beim
Rezipieren einer Zeichnung tasächlich lernen können,
ist auf einer ersten Ebene zunächst die kunstspezifische
Handlungsform des "denkenden Zeichnens" und auf einer
zweiten Reflexionsstufe dann das Bewußtwerden des Modellcharakters
unseres Tuns. Damit haben wir nun eine Abfolge und einen Bezug
zwischen dem Zeichnen und dem Denken herausgearbeitet, der sich
wie folgt zusammenfassen läßt:
Stufe 1: Zeichnen als visuelles Abbilden im Sinne einer Nachahmung
Stufe 2: Zeichnen als Zeichenproduktion innerhalb eines Kommunikations-prozesses
Stufe 3: Die künstlerisch autonome Zeichnung, die auf sich
selbst verweist, die Zeichnung, die "das Zeichnen bezeichnet"
Stufe 4: Die Erkenntnis des Modellcharakters dieser künstlerischen
Praxis.Sie verweist auf ein spezifisches Merkmal des Menschen:
die Fähigkeit zur Selbstreflexivität. Das Denken kann
"sich selbst bedenken".
Was ist also das Anliegen, der Gewinn, wenn wir uns mit dem
Zeichnen befassen? Welche Folgerungen sind für die Kunstlehre
zu ziehen? Meine These: Wir praktizieren beim Zeichnen eine
Form des "ästhetischen Denkens", eine quasi philosophische,
reflexive Denkbewegung, die es beim "Kunstlernen"
anzueignen gilt. Die Konsequenz für die Kunstlehre formuliert
sich damit aber folgendermaßen: Die aufgezeigte Form des
"über-sich-hinausweisens" der Kunst müsste
in der lernenden Aneignung ihrer Methoden ein wesentliches Anliegen
sein, ein Anspruch, an dem sich Kunstlehr-Institute messen könnten.
Während das Einüben von Zeichenfunktionen des Zeichnens
in der frühen Kindheit quasi von selbst geschieht, wie
die darauf aufbauende Schrift im frühen Schulalter leicht
erlernt werden kann, wie der abbildhafte Aspekt in der Pubertät
von besonderem Interesse ist, also dieser Aspekt in den Zuständigkeitsbereich
der schulischen Kunstpädagogik fällt, so war die Aufgabe
von akademischen Kunstlehrinstituten in unserem Jahrhundert
, den autonomen Charakter des Zeichnens herauszuarbeiten und
zu vermitteln. Aufgabe gegenwärtiger Erwachsenenbildung
könnte es nach dem hier gesagten dann sein, den "Verweis-Charakter"
künstlerischer Praxis und ästhetischen Denkens herauszuarbeiten
und fruchtbar zu machen. Aber vielleicht müssten wir dann
mit der Vorstellungen Schluß machen, die mit dem Begriff
" Kunstlehre" verbunden sind, vielleicht müssten
wir dann einen Raum des autonomen Lernens entwerfen, in dem
wir stattdessen von "Lehrkunst" reden sollten.
Wie dem auch sei: "Ästhetisches Denken" ist also
das, was heute als Fähigkeit an Kunstlehranstalten vermittelt
werden könnte. Darüberhinaus ist es jedoch auch zumindest
erwägenswert, an jeder Form von Bildungsinsitut sich mit
diesen Fragen zu befassen, nicht nur in dem Anliegen Profi-Künstler
zu bilden, sondern auch auf Grund des allgemein-und persönlichkeitsbildenden
Effektes, der damit verbunden ist. Es muß ja nicht gleich
um eine Neuauflage "ästhetischer Erziehung" Schiller´scher
Provinienz gehen, (auch sind hier die Einwände des Pädagogen
Hartmut von Hentig bezüglich der Effektivität derartiger
Versuche bedenkenswert) dennoch ist der Verweis der hier exemplarisch
zitierten Autoren in Richtung einer breiteren Gültigkeit
ästhetischen Denkens einer praktischen Überprüfung
wert.
Das aber heißt für Künstler und Kunstlehrinstitute
auch, sich mit einer neuen Form des gesellschaftlichen Anspruchs
an die Kunst auseinandersetzen zu müssen. Heteronome Überfrachtung
der Kunst wird in Zukunft wahrscheinlich weniger ein Problem
linken Gesellschaftsreformertums sein, als eine Frage des Umgangs
mit Umarmungen von Seiten politischer und wirtschaftlicher Kreise,
die an den kreativen Optionen der Kunstpraxis interessiert sind.
In dieser Situation befinden wir uns bereits und Strategien
der radikalien Verweigerung werden ihr genausowenig gerecht
wie naives "Anbandeln". Was von Seiten der Kunst vielleicht
sinnvoll ist, ist dieselbe Ambivalenz im Reagieren zu zeigen,
wie sie es in der Epoche der Moderne gegenüber reformerischen
Ambitionen erfolgreich praktiziert hat. Jedes "Ja"
ist zugleich ein "Nein", - wie in Anlehnung an Adorno
weiter oben - wird es wiederum um ein zugleich von Autonomie
und Souveränität gehen. Ungreifbar im Greifbaren sein,
das ist das Wesen jeder realisierten Idee, das ist das Wesen
der Kunst. Ich denke darauf können wir uns auch weiterhin
verlassen.
Anmerkungen:
1) N. Luhmann "Unbeobachtbare Welt" Bielefeld 1990
S. 13.
2) Luhmann S. 27
3) Th. Adorno "Ästhetische Theorie " in ders.
"Gesammelte Schriften, Bd. 7,
Frankfurt 1970
4) Ch. Menke "Die Souveränität der Kunst"
Frankfurt 1991 S. 3
5) Adorno S. 159
6) Ein bemerkenswertes Phänomen ist in diesem Zusammenhang
die Rezeption der künstlerischen Strategie von J. Beuys.
Der paradoxe Bezug zwischen Autonomie und Souveränität
konnte bei diesem Vorläufer der "Postmoderne"
von Seiten der Kunstkritik seinerzeit noch nicht richtig erkannt
werden, seine Rezeptionsgeschichte zerfällt daher in zwei
Teile: die politisch heteronome und die ästhetisch autonome
Rezeption. Daß gerade in den autonomen Werken selbst keinerlei
politische Botschaft zu finden ist, die heteronomen Ambitionen
nach gesellschaftlicher Relevanz jedoch gleichzeitig unüberhörbar
formuliert wurden, konnte nicht als durchdachte Strategie nachvollzogen
werden. M.E. hat diese Problematik mit dem wenig bekannten erkenntnistheoretischen
Hintergrund bei Beuys zu tun. Als ein überzeugter Vertreter
der ("Dreigliederungs"-) Ideen von Rudolf Steiner
war ihm die Trennung der Diskursarten (Kunst und Wissenschaft
, Ökonomie, Politik und Recht etc) eine unabdingbare Voraussetzung
seiner künstlerischen Strategie. Damit steht er jedoch
von vornherein außerhalb des Entwicklungsstranges der
Moderne, die diese Trennung nie vollzogen hat. Eigentümlicherweise
wird heute diese Trennung zwar nachdrücklich eingefordert,
ein melancholischer Unterton des Bedauerns, daß die Diskurse
nicht in eins münden, wie die Moderne erhofft hatte, ist
dabei jedoch immer noch präsent. Das eigentliche Problem
liegt m. E. weniger in der Tragik, daß die Diskurse nicht
zusammengehen, sondern gerade im Gegenteil: In der unbewußten
permanenten Vermischen der Diskurse. Die "Einheitsoption"
des modernen Denkens ist also nicht das Problem im Sinne einer
Uneinlösbarkeit (Vgl. Diskurs Habermas - Lyotard- Luhmann
etc) sondern im Sinne einer noch nicht vollzogenen Überwindung.
7) M. Lingner "Paradoxien künstlerischer Praxis"
S. 60 Kunstforum Band 76
8) W. Welsch "Ästhetisches Denken" Stuttgart
1989 S.110
9) Welsch S.109
10) P. Sloterdijk "Kopernikanische Wende und ptolemäische
Abrüstung" S.126
11) Welsch S. 76
12) Welsch S.72
13) s.o
14) N. Luhmann "Unbeobachtbare Welt" Bielefeld 1990
S.39
15) Luhmann S.40
16) Luhmann S.25
17) Spencer Brown verwendet "Form" in Abgrenzung zum
Begriff des "unmarked space", damit beschreibt er
die Tatsache, daß unserem Bewußtsein immer ein blinder
Fleck immanent ist. Es ist dies sein Hintergrund, das "Ganze",
das normalerweise unwahrnehmbar bleibt. Wahrnehmbar sind nur
Unterschiede, Differenzen. "Welt" ist in dieser Denkfigur
dann die allen Unterscheidungen vorausgehende Einheit, sie ist
demnach nicht beobachtbar.
18) Luhmann S.40
19) Luhmann S.10
20) G. Bateson "Geist und Natur" Frankfurt 1993
21) Bateson S.27
22) Bateson S.15
23) Bateson S.64
24) Weitere Ausführungen zu diesem speziellen Thema siehe
auch: A. Mayer-Brennenstuhl in "Zur Universalität
des Schöpferischen" Münster, Hamburg 1994 |
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