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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Welche Kunst meinen wir eigentlich [...]
Welche "Kunst" meinen wir eigentlich in der
Kunsttherapie ?
Versuch einer Differenzierung des Kunstbegriffs im Hinblick auf seine
Relevanz für die Kunsttherapie
Seit ich die Entwicklung und die Diskussionen hinsichtlich der Bedeutung
der Kunst in der Kunst-therapie mitverfolge (d.h. in meinem Fall seit
ca. 1985) bemerke ich eine Diskrepanz zwischen einem teilweise hochqualifizierten
theoretischen Reflexionsniveau und einer davon relativ unbeeindruckten
Praxis. Dieser Vorgang dürfte zumindest denjenigen bekannt vorkommen,
die sich mit Pädagogik befassen, auch hier hat bekanntlich das
Nachdenken der Theoretiker wenig Bedeutung für diejenigen, die
mit der Praxis zu tun haben. Ursachenforschung hierfür ist nun
nicht mein Anliegen, eine grobe Einschätzung dürfte als
Gründe sowohl individuelle Dispositionen der Protagonisten finden
als auch Struktur- Zusammenhänge im Bildungswesen, die Theorie
und Praxis nur mühsam miteinander verknüpfen können.
Für die Kunsttherapie kann diese Tatsache m.E. jedoch Folgen
haben, die auf die Dauer möglicherweise auch ihren Bestand gefährden
könnten. Mit der Begriffswahl "Kunstthera-pie" (der
ja lange Zeit nicht unumstritten war und auch weiterhin -dies ist
symptomatisch- flankiert wird vom Begriff "Gestaltungstherapie")
hat sich unser Metier auf Dimensionen eingelassen, die es zu bearbeiten
und fruchtmar zu machen gilt, wollen wir uns auf die Dauer nicht den
Vorwurf des "Etiketten-Schwindels" zuziehen. Dazu gilt es
unseren Bezug zur Kunst und unseren Kunstbegriff zu klären und
unsere Praxis aus den gewonnen Erkenntnissen heraus weiterzuentwickeln.
Die folgenden Überlegungen sollen einen kleinen Beitrag dazu
aus der Sicht eines Kunsttherapeuten leisten, der sowohl in der künstlerischen
als auch in der therapeutischen Praxis seine Alltagserfahrungen macht
und diese Praxis mit der theoretischen Reflexionimmer wieder in Einklang
zu bringen versucht. Daß "Kunst " nichts statisches
ist, sondern ihre Selbst-Definition permanent in einer dynamischen
Weiterentwicklung begriffen ist, ist Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen.
Es gilt also, von pauschalen Vorstellungen wegzukommen was "Kunst"
eigentlich sei und stattdessen anhand einer historisch-kritischen
Analyse verschiedene Stadien und Positionen der Kunst herauszuarbeiten,
die sehr unterschiedlich sind und sich teilweise widersprechen. Der
Deutlichkeit wegen werde ich dies sehr "holzschnittartig"
tun, d.h. ich vereinfache und kontrastiere bewußt, um das Wesentliche
herauszuarbeiten. Mein Anliegen ist dabei, Aspekte von verschiedenen
Kunstauffassungen herauszuarbeiten, die m.E. von Bedeutung sein können
für die kunsttherapeutische Theorie und Praxis. Drei Positionen
werden dabei beschrieben, die mit folgenden Begriffen charakterisiert
werden können:
1. Der "romantische" Kunstbegriff: Psychologisierend, arbeitet
mit Symbolgehalten, geht von einem "Unbewußten" im
Menschen aus 2. Der "moderne" Kunstbegriff : phänomenologisch
orientiert, thematisiert die formalen Mitteln des Bildnerischen, beharrt
auf einem "Unbekannten in der Kunst"
3. Der "postmoderne" Kunstbegriff: system- und kommunikationstheoretisch
fundiert, interessiert sich für die Bedeutung von Kunst im Sinne
des Kontextes, setzt auf Pluralität und Differenz, Schlüsselbegriff
ist "das Andere".
Diese drei Ansätze sind von Relevanz für eine Kunsttherapie,
die sich mit der kulturellen Entwicklung verändert, sie sind
jedoch in unterschiedlichem Ausmaß in der real existierenden
Kunsttherapie ausgearbeitet und integriert.
Der "romantische" Kunstbegriff
Erinnern wir uns an Diskussionen, die im Kontext von Kunsttherapie-Fachtagungen
gelegentlich zum Thema "Kunst und Kunsttherapie" stattgefunden
haben, dann waren es vor allem zwei Fragen, die für Unklarheit
sorgten: Zum einen die Frage: Ist es sinnvoll und notwendig für
Kunsttherapie-Studierende und praktizierende Kunsttherapeuten sich
mit der aktuellen Gegenwartskunst auseinanderzusetzen sich hier eine
eigene Position zu erarbeiten und die zweite Frage (die jedoch damit
zusammenhängt) : kultiviert die Kunsttherapie einen reduzierten
Kunstbegriff, der historisch gesehen der romantischen Kunst-Auffassung
entspricht?
Beginnen wir mit der zweiten Frage, ihre Beantwortung beinhaltet in
gewisser Weise auch die Antwort auf die erste Frage. Was ist also
mit dem "romantischen Kunstbegriff" gemeint, was wird da
der Kunsttherapie vorgeworfen oder unterstellt, oder auch: wo ist
hier tatsächlich ein Defizit in der Selbst-Reflexion der kunsttherapeutischen
Theoriebildung?
Versuchen wir diesen Begriff in aller Kürze historisch aufzurollen,
so können wir uns die folgenden Fakten in Erinnerung rufen: In
der geistesgeschichtlichen Gegenbewegung zur Aufklärung, die
von dieser mit der rückwärtsgewandten Sehnsucht nach einem
vermeintlich heilen Mittelalter in Verbindung gebracht wird und daher
verächtlich "Romantik" benannt wurde, entwickelt sich
ein Künstler-Bild, das in seinen Spätfolgen bis heute wirksam
ist. Diese Epoche ist faziniert von ihren Dichtern und Denkern, Musikern
und Malern, denen sie den Nimbus des "Genialen" verleiht.
Als Reaktion auf die aufklärerische Vernunft-Attitüde mit
ihrer rationalen und nüchternen"Entzauberung der Welt",
in ängstlicher Sorge um den Verlust jeglicher Transzendenz in
der säkularisierten Gesellschaft, wird als Gegenbild der geniale
Künstler beschworen, das Rousseau´sche Naturkind, das aus
sich heraus Zugang zur "natürlichen Ganzheit" hat.
Intuition und Empathie versus Rationalität und Verstandeskühle
lautet das Motto der aufkommenden romantischen Bewegung.
Künstler, die sich aus diesem Verständnis heraus definieren,
legen Wert auf ihre Besonderheit, auf ihr Anderssein, auf ein vorgebliches
höheres Wissen und Ahnungen die sie von gewöhnlichen Menschen
unterscheiden. Dieses Wissen ist ihnen auf ominöse Weise zuteil
geworden: sei es direkt vom "Göttlichen" offenbart,
sei es von einer Muse im Schlafe eingegeben, sei es aus der Aura eines
Meisters übergegangen ("Prinzip "Meisterschüler
(1)), sei es aus den Tiefen eines sogenannten "Unbewußten"
aufgestiegen, jedenfalls ist es irgendwie "aus dem Bauch"
herausgekommen. Dieses Wissen ist angeblich nicht lehrbar, Intuition,
Kreativität und Sensitivität hat man oder hat man eben nicht.
Formal manifestiert sich diese Haltung zumeist in künstlerischen
Werken, die geprägt sind vom Geheimnisvollen, von Innerlichkeit
und Gefühlsbetonung. Irrationale Inhalte, emotional aufwühlende
Sujets und expressive Darstellungsformen sind weitere Merkmale dieser
Position. Nun ist zunächst im Sinne einer Pluralität, die
die Post-Moderne für sich reklamiert, gegen diese künstlerische
Position eigentlich nichts einzuwenden, Künstler der jüngsten
Vergangenheit wie Baselitz, Lüpperts, Dubuffet oder Beuys sind
ihr zuzuordnen aber auch die gesamte Kategorie "l´art brut".
Problematisch wird die Sache jedoch, wenn aus Uninformiertheit diese
Position eingenommen, verabsolutiert und nicht reflektiert wird. Die
"romantische Position" kann und muß reflektiert werden
in Bezug zu ihrer dialektischen Gegenposition, der rational betonten
Haltung, die mit dem versammelten Instrumentarium des aktuellen ästhetischen
Wissens zu Werke geht: den Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie,
der Kunst- und Kulturgeschichte, der Philosophie und Erkenntnistheorie,
der Neurophysiologie und Gehirnforschung, der Soziologie usw. Daß
diese Fächer an den Kunst-Akademien nach wie vor ein Schattendasein
führen, zeigt, daß auch hier nach wie vor ein romantisch
geprägter Kunstbegriff vorherrschend ist.Romantisch disponierte
KunststudentInnen kaschieren ihr Ausweichen (dessen eigentlicher Grund
leider oftnichts anderes ist als ganz banale Bequemlichkeit und intellektuelle
Faulheit) in diesem Falle zumeist mit dem diffusen Begriff des "intuitiven
Wissens". Spätestens wenn in diesem Zusammenhang dann auch
noch die inhaltslose Worthülse der "Ganzheitlichkeit"
genannt wird, sollten wir mißtrauisch werden.
Wir wissen heute, wie engagiert ganze Künstlergenerationen der
klassischen Moderne sich um rationale Klärung ihrer Mittel bemüht
haben, wie die Künstler des Bauhauses (in ihrer Seele eigentlich
zutiefst "romantisch" veranlagt!) sich in die Schriften
von Ernst Mach vertieft haben, Vorlesungen der ersten "Gestalt-Psychologen"
besuchten, und konsequent mit wahrnehmungspsychologischen Forschungseinrichtungen
kooperierten. Dieser Generation haben wir den enormen Fundus an Wissen
über die Funktionsweise der Mittel des Ästhetischen zu verdanken,
der Grundlage des rasant wachsenden Geltungsbereiches "visueller
Kommunikation" ist. (Mit welcher Begründung sollen eigentlich
KunsttherapeutInnen hier mit weniger Kompetenz zurechtkommen als ein
gewöhnlicher Werbe-Grafiker? ) Soviel zu den Grundlagen ästhetischer
Kompetenz, die in weitem Umfang entgegen der romantisch mystifizierenden
Sicht tatsächlich erlernbar sind.(2)
Das zweite problematische Charakteristikum der romantischen Kunstauffassung
ist die Mystifizierung der Kreativität. Wir wissen heute sehr
viel darüber wie Menschen lernen, wie Wissen entsteht, wie dies
miteinander verknüpft wird und zu neuen Ideen führt, Wir
wissen heute viel über die psychologischen und soziologischen
Randbedingungen, die Kreativität fördern oder hemmen, wir
wissen heute, daß Kreativität weniger angeboren sondern
in weiten Teilen erlernt ist. Wir können heute nicht mehr so
naiv wie vor 200 Jahren manchen Menschen Genialität zuschreiben
und anderen jegliche Disposition dazu absprechen. Natürlich sind
die Veranlagungen unterschiedlich verteilt, natürlich sind die
sozialen Bedingungen zu ihrer Entwicklung ungleich, aber gerade das
sollte uns als KunsttherapeutInnen eher eine Herausforderung als ein
Hinderungsgrund sein, jeden Menschen als "potentiellen Künstler"
wahrzunehmen. (3)
Nun steckt aber hinter dem Zusammenhang zwischen einem romantischen
Kunstbegriff und der Kunsttherapie wesentlich mehr als individuelle
intellektuelle Unbedarftheit. Tatsächlich müssen wir davon
ausgehen, daß es hier einen kultur- und bewußtseinsgeschichtlichen
Zusammenhang gibt, der wesentlich frappierender ist. Eine historisch-kritische
Sichtweise zeigt uns, daß die Kunstrezeption im Laufe des 19ten
Jahrhunderts in weiten Teilen eine psychologisierende ist. Der Verlust
der Dimension einer religiös konnotierten Transzendenz in der
säkularisierten Gesellschaft wird mit einer - oft pantheistisch
eingefärbten- Innerlichkeit beantwortet, die den christliche
Seelenbegriff nur unwesentlich modifizieren muß, um ihn zu adaptieren.
Religiös begründete Ikonografie schlägt zunächst
in der romantischen Landschaftsmalerei, später in Symbolismus,
Jugendstil und Surrealismus um in Bedeutungshaftigkeit, deren Ursprung
nun nicht mehr eine kulturell codifizierte Ikonografie ist, sondern
aus individuellen Bildfindungen besteht, die ihren Ursprung in der
Phantasie des Individuums, in seiner seelischen Empfindsamkeit haben.
Die Seele ist zur individuellen Psyche geworden, das bürgerliche
Individuum kultiviert mit Enthusiasmus seine neue Empfindsamkeit (man
denke hier z.B. an die "Leiden des jungen Werther").Die
kollektive Bilderwelt bevölkert sich mit Wesen, die der individuellen
Phantasie ihrer Dichter und Maler entsprungen sind. Wesen, deren Herkunft
bisher Himmel oder Hölle zugeschrieben wurde, entsteigen nun
plötzlich einem geheimnisvollen Inneren des Menschen. Es dauert
nicht lange und wir haben den bis heute äußerst unklaren
Begriff des "Unbewußten" als eine neue Verortung,
sei er individuell, kollektiv oder gar kosmisch definiert. Die Mysterien
werden zum individuellen Seelendrama, Aufführungsort ist neben
der Kunst die nächtliche Bühne des Traumes. Der "Schlaf
der Vernunft" ist jedoch auch bedrohlich, er "gebiert Ungeheuer".
Wo bisher hilfreiche theologische Erklärungsmuster an Kursverlust
leiden, droht nun moralische Desorientierung, es besteht Handlungsbedarf.
Die zunächst in der Romantik relativierte Aufklärung meldet
sich zurück und bemüht sich um wissenschaftlich fundierte
Schadensbegrenzung in Form einer neuen Wissenschaft:der Psychologie.
Sie entdeckt für ihre Zwecke bald auch das Potential der Kunst,
neben den Trauminhalten werden die Bilder zum Königsweg zum Unbewußten.
Psychologie entdeckt die Seelendramen gespiegelt in symbolystischen
und expressiven Bildwelten , beispielsweise bei Moreau, Munch, van
Gogh, Macke, usw. Tatsächlich entwickeln sich psychologische
Erklärungsmuster und ein Teilbereich der künstlerischen
Produktion im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert in enger gegenseitiger
Befruchtung, in der damaligen psychologisierenden Kunstproduktion
und Rezeption liegt eine wesentliche Wurzel späterer kunsttherapeutischer
Theoriebildung.
Ist mit dieser psychologischen Adaption der Kunstrezeption aber wirklich
schon alles geleistet, was an therapeutischem Potential in der Kunst
liegen könnte?
Hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Kunst bis zur Gegenwart
versagen diese Zugriffsmuster ziemlich schnell. Die eigentliche Entwicklung
der "Klassischen Moderne" ist damit nicht mehr zu erfassen,
sie nimmt im 20ten Jahrhundert vor allem in der sich durchsetzenden
Abstraktion einen ganz anderen Weg mit anderen Prämissen, als
die eben angeführten Tendenzen. Sie findet zu einer wesentlich
radikaleren Antwort auf das Bedürfnis nach Transzendenz, nämlich
in der Verweigerung von Abbildhaftigkeit in Form der Abstraktion und
Ungegenständlichkeit, beispielsweise im Suprematismus bei Malewitsch
oder im Begriff des "Erhabenen" bei Barnett Newman. Diese
Richtung der Kunstentwicklung, die unter der Bezeichnung "Konkrete
Kunst" gehandelt wird, verzichtet vollkommen auf eine figürlich
oder gegenständlich lesbare Inhaltlichkeit, ihre Inhalte ergeben
sich aus der Sprache der formalen Mittel der Kunst, aus Farbe, Form,
Komposition, Räumlichkeit usw. Ihre abstrakte Zeichenhaftigkeit
hat eine Offenheit, die weit unter- bzw.oberhalb jeder begrifflichen
- respektive symbolischen - Benennung liegt. Bei genauerer Betrachtung
muss man sogar sagen, die Mittel der modernen d.h. der Konkreten Kunst
funktionieren auf einer Ebene der Vor-Begrifflichkeit, die die Grundlagen
des Wahrnehmungsaktes selbst betreffen, (was eine ungeheure Chance
für kunsttherapeutische Forschungsarbeit sein könnte. )
Aktuell muß die Kunsttherapie sich aber immer noch der Frage
stellen, welchen Stellenwert eine Reflexion über das therapeutische
Potential dieser Entwicklung der Kunst einnimmt und damit verbunden
ist die Frage, welche Rolle eine spezifisch ästhetische Kompetenz
in ihrer Praxis spielt. Eine kritische Analyse der kunsttherapeutischen
Fachliteratur gibt hier wenig Anlaß zu Optimismus, sie ist in
weiten Teilen geprägt von psycho-logisierenden Betrachtungen,
ein kompetenter Umgang mit den ästhetischen Komponenten finden
wir nur als Randerscheinung, sehen wir einmal von den Ansätzen
der anthroposophisch orientierten Kunsttherapie ab, die hier einen
ganz anderen Weg gegangen ist. Auch auf Fachtagungen kann man diese
Tendenz am Interesse der Kunsttherapeutinnen an psychologisierenden
Betrachtungen und an der Ablehnung künstlerisch-orientierter
Zugangsweisen ablesen.
Nur wenige kritische Stimmen sind hier zu finden. So zeigt z.B. Prof.
K. H. Menzen in seinem Buch: "Vom Umgang mit Bildern" (erschienen
1990) auf, wie dieses spezifisch "verengte" Interesse der
Kunsttherapie an der Kunst und ihre psychologisierende "Vereinnahmung"
künstlerischer Bestrebungen im 19ten Jahrhundert sich anbahnte:
Er analysiert darin, wie seit den ersten Anfängen der entstehenden
Kunstpädagogik, später in der sog. "musischen Erziehung"
als Vorläufer der Kunsttherapie, Kunst einseitig verstanden wird
als "Ausdrucksmittel innerer Befindlichkeit". In einem Vortrag
zu einem Kunsttherapie-Kongress 1989 verweist Menzen hinsichtlich
der Folgen dieser Tatsache auf den Kunstwissenschaftler Anton Ehrenzweig,
der "uns klar macht, daß die psychische Subjekt-Werdung
des Menschen des 19ten Jahrhunderts dessen kulturelle Bestimmung,
die andere Seite der menschlichen Natur zugunsten des subjektiven
Erlebens geopfert hat." Menzen zieht von dort die Entwicklungslinie
weiter bis heute: "Der Konflikt unserer Tage, zu scheiden zwischen
künstlerischer und gestalterischer Ausdrücklichkeit, der
Konflikt einer breiten Bewegung derzeit, zu trennen zwischen Kunst-
und Gestaltungstherapie, dieser Konflikt ist zu einem kulturellen
Konflikt geworden". Daß die KünstlerInnen innerhalb
der Kunsttherapie-Szene mit dieser Verengung des Diskurses nicht einverstanden
sind, daß sie auf der "Eigenständigkeit des kulturellen
Anliegens der Kunst beharren" wird zwar laut Menzen in den Berufsverbänden
registriert, er kommt dennoch zu dem Schluß: "Also sind
"Kunst" und "Kunsttherapie" zu separieren, sie
haben ihrer Absicht nach kaum Gemeinsamkeiten mehr. Hierin ist ein
Beleg dafür zu sehen, daß eine Verlagerung von Kunst- zu
Gestaltungstherapie stattfand" . Dieser Text entstand zu Beginn
der 90er Jahre, Folgen für die Weiterentwicklung und Selbstreflexion
der Kunsttherapie sind bisher nur wenig auszumachen, das kulturelle
Anliegen aus der Tradition der Kunst ist nach wie vor gegenüber
der psychologisierenden Tendenz in der Kunsttherapie nur mit der Lupe
zu finden. Soviel zu den Auswirkungen des romantischen Kunstbegriffes
für die Theorie und Praxis aktueller Kunsttherapie. Wir müssen
unseren Kritikern hier also zunächst recht geben: Die Kunsttherapie
hat in weiten Teilen als Theorie-Hintergrund tatsächlich einen
historisch einseitigen, geistesgeschichtlich verengten Kunstbegriff
mit weitreichenden Folgen für ihre Theorie und Praxis.
Der Ansatz der Moderne
Ist mit den Tendenzen, die sich in der real existierenden Kunsttherapie
durchgesetzt haben, aber tatsächlich schon das ganze Feld therapeutischer
Intentionen in der Kunsttherapie erschöpfend definiert? Ich meine:
Nein. Ich fasse hier das bisher gesagte kurz zusammen und ziehe eine
Folgerung daraus: Der Gedanke , daß die inhaltliche Bedeutung
eines Bildes von zentraler Wichtigkeit für therapeutische Intervention
wäre, ist für eine psychotherapeutisch und psychoanalytisch
geprägte Auffassung von Kunsttherapie relevant. Diese hat ihre
historische und praktische Berechtigung und ihre innere, wissenschaftlich
begründete Stimmigkeit. Hier entfaltet auch der romantisch geprägte
Kunstbegriff seine Wirksamkeit und hat damit seine Berechtigung. Am
Beispiel der anthroposophisch orientierten Kunsttherapie, die demgegenüber
definitiv auf eigenständige therapeutische Wirksamkeit ästhetischen
Erlebens setzt und einer psychotherapeutischen Herangehensweise eher
reserviert gegenübersteht zeigt sich, daß es noch andere
denkbare Wege in der Kunsttherapie geben könnte. Das Wissen über
physiologische, neurologische, wahrnehmungspsychologische und kognitive
(zusammen: ganzheitlichen) Wirkungen ästhetischer Erfahrung ist
für die anthroposophisch orientierte Kunsttherapie konstitutiver
Ausgangspunkt in Theoriebildung und therapeutischer Praxis. Entgegen
weitverbreiteter Ansichten hat der Ansatz, der in diesem Bereich entwickelt
wurde, einerseits viel mehr mit Kunst zu tun , als manche , als "typisch
anthroposophisch" belächelten Werke, vermuten lassen, andererseits
gilt aber auch gerade das Gegenteil dieser Aussage.
Lassen sie mich diese anscheinend paradoxe Aussage näher begründen.
Der Ansatz der anthroposophischen Kunsttherapie läßt sich
als ein "phänomenologisch" orientierter Ansatz apostrophieren.
Darunter ist zu verstehen, daß die hier geltenden ästhetischen
Erfahrungen "aus der Sache selbst" d.h. aus den ästhetischen
Mitteln zu verstehen sind. Damit bewegen wir uns in der Nähe
erkenntnistheoretischer Praxis, wie sie auch von dem Philosophen Edmund
Husserl gefordert wurde und ganz dicht an den Grundmaximen der Kunst
der "Klassischen Moderne".(4) "Die Sache selbst"
sprechen zu lassen hinsichtlich eines nur streng werkintern interpretierbaren
Gehaltes, ist zentrales Anliegen und Ausgangspunkt der Philosophie
vieler Vertreter der klassischen Moderne.
Die internen Bezugssysteme von Farben, Formen, Linien, Massen, Kräften,
Gewichtungen und Rythmen sind das Ausgangsmaterial jeder Konkreten
Kunst. Sie werden zum Anlaß unendlich vieler Bildideen der Künstler.
Auf Seiten des Betrachters ist ein "sich einlassen" auf
diese neuen Sichtweisen der Kunst gefordert, will er Anteil haben
an ihr. Paul Klee spricht hier vom "bildnerischen Denken"
das den Künstler leitet, aber auch den Betrachter, diese Formulierung
hat bis heute ihre Gültigkeit für wesentliche Bereiche der
Kunst "Es gibt Maler, die malen ohne zu denken. Es gibt andere
die denken bevor sie malen und das taugt vielleicht schon ein bißchen
mehr. Und schließlich gibt es einige, die malen, um zu denken.
das Malen ist für sie eine Forschungsmethode, ein Mittel, in
enge Berührung mit der sie umgebenden Welt zu treten, eine Art
und Weise, wie man zu einem schärferen Bewußtsein von den
Weisen und Dingen gelangt" schreibt beispielsweise Michel Leiris
über den Maler Gotthard Graubner. Diese Forschungsmethode, diese
Art sich Welt anzueignen ist parallel in der anthroposophischen Ästhetik
und in der Ästhetischen Theorie der Konkreten Kunst entwickelt
worden . Natürlich gibt es hier auch wesentliche Widersprüche,
die sich auch in den Ergebnissen niederschlagen, das ist hier zunächst
aber irrelevant. Wesentlich für unser Thema ist jedoch die Tatsache,
daß beide Ansätze seit ihren Anfängen das enorme therapeutische
Potential ästhetischer Erfahrung erkannt haben. Durchformulierte
Überlegungen hierzu finden wir bei den sog. Bauhaus- Künstlern,
bei Kandinsky, Itten, Klee, Feininger, Albers und auch erste Ansätze
zu einer entsprechenden pädagogisch-therapeutischen Praxis. Während
diese Ansätze jedoch aus historischen Gründen (3.Reich,
Auswanderung) in Europa nicht zur Entfaltung kam, hat sich die therapeutische
Konsequenz im anthroposophischen Bereich nachhaltig entwickelt. Einer
der wenigen Ansätze im kunsttherapeutischen Bereich außerhalb
der Anthroposophie , der sich definitiv auf die phänomenologische
Praxis der "Klassischen Moderne" bezieht, ist meines Wissens
bei dem Münchner Kunsttherapeuten Otto K.Hanus zu finden, der
die "Bildnerische Interaktion" entwickelt hat . Allerdings
kombiniert Hanus seinen Ansatz mit einem sehr ausgeklügelten
psychotherapeutischen Interventionssystem auf Gesprächsbasis,
was ihn vom anthroposophisch orientierten Ansatz unterscheidet, der
- wie gesagt- ganz auf die therapeutischen Wirkungen der ästhetischen
Mittel setzt.
Wir finden aber auch bei Theoretikern der Kunstherapie, die absolut
nichts mit Anthroposophie am Hut haben, ein Verweisen auf die therapeutischen
Potentiale des Rein-Bildnerischen, beispielsweise bei dem Begründer
des Berliner Kunstherapie Studiengangs an der HDK , Prof. Helmut Hartwig
der sich mittlerweile aber ganz von der Kunstherapie abgewendet hat.
In einem Beitrag zum Kunsttherapie Kongress 1989 legt er in seinen
Ausführungen nachdrücklich Wert auf die Differenzierung
von AUSDRUCK und HERSTELLUNG in der Kunst. Das primäre Interesse
der Kunst richtet sich laut Hartwig nicht auf den Ausdruck, sondern
auf die Herstellung. Mit diesem Blickwinkel begibt sich aber die Kunsttherapie
aus seiner Sicht aber keinesfalls ihrer therapeutischen Möglichkeiten,
wie man das aus psychotherapeutischer Sicht nun annehmen könnte.
Vielmehr wird der Blick damit frei für das spezifisch "therapeutische"
der Kunst. Um was könnte es sich aber handeln, bei dieser angedeuteten
speziellen künstlerischen Kompetenz? Kunst lebt nach Hartwigs
Argumentation aus dem Sachverhalt, daß sie "die Möglichkeit
(hat), etwas, von dem weder die Herkunft noch die Bedeutung und der
Sinn klar sind, in einem Material zu vergegenständlichen. Ohne
Bezug auf das Dritte, auf das Material, auf ein Heterogenes läßt
sich von Kunst nicht sinnvoll reden. Den Sinn, die Bedeutung überspringen
- das macht die Kunst noch nicht unmöglich. Aber das Dritte,
das Material, das Heterogene, das Äußerliche zu überspringen,
das hieße: sie ganz vom Inneren, vom Sinn, vom Psychischen,
von der Bedeutung her zu definieren, und da zeigt sich, warum das
nicht geht". Eine deutliche Abgrenzung zu psychotherapeutischen
Intentionen im Namen der Kunst zeigt sich in dieser Kritik.
Vergleichen wir die Argumentation Hartwigs mit der Analyse von Menzen,
so ist auch bei Hartwig mit diesem "künstlerischen Zugang"
innerhalb der Kunsttherapie eine eindeutige Stellungnahme gegen den
"verengten Kunstbegriff", gegen Kunst als "Ausdruck
innerer Befindlichkeit" und "symbolischer Bedeutungslastigkeit"
zu finden - und damit ein Plädoyer für das Überdenken
der Rolle der Kunst in der Therapie. Im Gegensatz zu Menzen scheint
aber Hartwig (zum damaligen Zeitpunkt) noch an die Möglichkeit
einer Kunsttherapie zu glauben, die sich aus der Kunst entwickeln
läßt, aber mit einer gewichtigen Mahnung an die Adresse
der KunsttherapeutInnen: "Dagegen behaupte ich: für die
kunsttherapeutische Arbeit ist die Kunst alles und ohne sie lohnt
es sich nicht, von einer besonderen kunsttherapeutischen Kompetenz
zu sprechen. Und Hartwig gibt der Kunsttherapie den kritischen Ratschlag
mit auf ihren Entwicklungsweg: "Für das was Kunsttherapie
sein und leisten könnte, ist der Umgang mit dem Unbekannten von
zentraler Bedeutung. Eine Ausbildung, die eine systematische Aufhellung
des Unbekannten in sich selbst, in der eigenen Praxis und am Ausdruck
des Kranken verspricht, könnte in Gefahr geraten, die Kompetenz
auszuhöhlen, um die es gerade geht. Sind doch Künstler mit
Sicherheit deshalb für bestimmte therapeutische Prozesse geeignet,
weil sie auf eine besondere Weise Beziehungen zum Unbekannten unterhalten".
An dieser Stelle kann ich nun auch die Abgrenzung zwischen diesem,
an der Gegenwartskunst gewonnenen, Ansatz von Hartwig zum anthroposophischen
Ansatz herausarbeiten und meine obige Anmerkung, dieser habe in gewisser
Weise nichts mit Kunst zu tun, begründen.
Es gibt in der Entwicklung der Kunst, die sich auf Anthroposophie
beruft (was der Sache nach unsinnig ist und von Rudolf Steiner meines
Wissens abgelehnt wurde) zwei wesentliche Problematiken, bzw. Mißverständnisse,
die jedoch nicht auf diesen Bereich beschränkt sind, sondern
generell in der Kunst problematisch sind. Das eine ist die Tendenz,
eine erahnte (oder gewollte), über sich hinausweisende Dimension
des Werkes in einer Symbolisierung zu verklausulieren, das geschieht
dann beispielsweise in peinlich anrührenden Engels- oder Lichtgestalten.
Derartige Versuche fallen unter den oben dargelegten Anspruch der
Moderne weit zurück und enden in unmittelbarer Nachbarschaft
der Peinlichkeiten eines psychologisierenden Ansatzes romantischer
Provinienz (s.o.).
Das andere Verfehlen künstlerischer Qualität liegt in einer
falsch verstandenen Reduktion der Kunst auf ihre phänomenologische
Basis. Dabei wird objektivierbares Wissen über die bildnerischen
Phänomene schon als Kunst mißverstanden und Kunst auf ein
Spiel mit ihren formalen Mitteln reduziert. Was dabei nicht verstanden
wird: das Wissen über die ästhetisch wirksamen Komponenten
der bildnerischen Mittel und phänomenologisches Denken allein
führen in der Kunst nicht zum eigentlichen Kern der Sache, paradoxerweise
funktioniert ein Kunstwerk nicht wegen dieser ästhetischen Phänomene
sondern "trotz". Nur deshalb verweist sie auf ein "Unbekanntes"
und entzieht sich einem vollständigen Zugriff. Kunst ist prinzipiell
verschieden von angewandter Wahrnehmungspsychologie und phänomenologischer
Deskribtion . Wo ein Bild dem verhaftet bleibt, was der Künstler
schon vorher wußte, beispielsweise wie sich eine gelbe Fläche
in einem blauen Grund verhält, gerät Kunst lediglich zu
einer Demonstration bildnerischer Phänomene und verweist nicht
mehr auf ein Unbekanntes, so sehr der Künstler dies auch anstrebt.
Derartige Bilder wollen Antworten geben, Kunst antwortet aber nicht,
sie stellt Fragen. Dieser "Falle" erliegen leider sehr viele
Künstler, nicht nur solche, die sich der Anthroposophie verpflichtet
fühlen. Hier kann man aber dieser Problematik besonders häufig
begegnen, was mit einem hohen Anspruch auf künstlerische Objektivität
zu tun hat, der einem - in der "sonstigen" Kunst gehuldigtem
Subjektivismus entgegengehalten wird. In der Kunst ist aber auch Objektivität
kein Kriterium, womit nicht der subjektiven Beliebigkeit das Wort
geredet werden soll. Statt Objektivität sollten wir in der Kunst
besser von "Exaktheit" reden, damit meine ich eine Genauigkeit
im Einsatz der verwendeten Mittel, die nur durch eine - in höchster
Geistesgegenwart zu erreichende- Präzision in ihrem Zusammentreffen
plötzlich etwas hervorbringen, das sich vielleicht am ehesten
mit einem musikalischen Vergleich benennen läßt: mit den
Obertönen. Exakt aufeinander abgestimmte Intervalle erzeugen
beim Hören Töne, die gar nicht gespielt wurden. Darum geht
es in der Kunst: Die Kunst-Erfahrung öffnet unser Sensorium für
das Dazwischen, für das Einmalige, für das Unbekannte, für
"das Andere". Das zu treffen gelingt nur Wenigen, gelingt
nur selten.
Ich vermute, darauf versucht auch Hartwig zu verweisen, wenn er er
von der zentralen Bedeutung des "Unbekannten" in der Kunsterfahrung
für die kunsttherapeutische Praxis spricht. Und hier liegt meines
Erachtens auch eine bisher viel zu wenig beachtete grundlegende historische
Differenz zwischen Kunsttherapie und Psychotherapie. Psychotherapie
hat seit ihren Anfängen immer versucht, wissenschaftliche Anerkennung
zu finden und diese letzendlich in der Naturwissenschaft gesucht.
Daß hier eine fatale Reduktion stattgefunden hat, ist bis heute
kaum angemerkt worden und wird derzeit fröhlich von der Kunsttherapie
weitergetrieben. Wir müssen uns eingestehen: das psychologische
Weltbild als ein eigentlich Geistes- und-Humanwissenschaftliches ist
zutiefst fixiert auf Denkfiguren der Naturwissenschaft, insofern es
den Anspruch hat, von aufzeigbaren und nachvollziehbaren Ursache-Wirkungsverhältnissen
auszugehen, d.h. kausallogisch zu argumentieren. Und hier trennen
sich die Wege. Kunst hat als unhintergehbare Basis die Prämisse
daß der Mensch über seine Natur hinausgehen kann und in
der Kunst ein kulturelles Wesen ist. Was bedeutet dies aber? Wir sprechen
hier von der heiklen Frage, inwiefern wir als handelnde, geschichtstreibende
Menschen vollständig einer Determination unterliegen oder nicht.
Determination sowohl aus genetischer, psychologischer, soziologischer
oder ökonomischer Sicht. Ich will diese Faktoren überhaupt
nicht in Abrede stellen, sie wirken womöglich noch fundamentaler
als wir es uns bisher klar gemacht haben. Ich will aber auf den zentralen
Punkt hinaus, der auch schon bei der Differenzierung zwischen angewandter
Wahrnehmungspsychologie und Kunst dargelegt wurde: Wir handeln so
wie wir es tun , nicht weil wir determiniert sind, sondern trotz dieser
Bedingtheit. Ich weiß, das ist für manchen schwer zu verstehen,
aber das ist die zentrale Erfahrung, die wir in der Kunst machen.
Hier ist eine klare Grenze zwischen dem Menschen als Naturwesen und
dem Menschen als ein Kulturwesen. Und das Wesentliche an einer Betrachtung
des Menschen unter dem Aspekt des Kulturwesens ist das Moment der
"Freiheit". Diese manifestiert sich in einer Praxis, die
wir unter dem - oft als Beliebigkeit mißverstandenen- Begriff
der "künstlerischen Freiheit zu fassen suchen. Wer sich
selbst schon in dieser Welt des ästhetischen Handelns bewegt
hat, der weiß, wie existentiell ästhetische Entscheidungen
subjektiv erlebt werden können. Zweifellos: Insofern der Mensch
ein Naturwesen ist, ist er ein Gewordener, er ist Produkt seiner natürlichen
, sozialen, biografischen, psychologischen Ursachen, insofern er ein
Kulturwesen ist , ist er aber der Ursprung, die Ursache des Gewordenen.
Natürlich kennt die Psychologie den Begriff der Freiheit, aber
er kann und darf aus wissenschaftlich- positivistischer Sicht immer
nur negativ definiert werden, d.h. hier ist die Grenze unseres Wissens.
Insofern Kunst aber nichts anderes als "Freiheits-Wissenschaft
"ist, treten sich hier Kunst und Psychologie (im Sinne einer
Natur-Wissenschft) gegenüber wie Positiv und Negativ-Form, sie
beschreiben den selben Sachverhalt von jeweils der anderen Seite.
Wenn wir das künstlerische Handeln unter diesem Aspekt betrachten,
dann sind Fragestellungen nach dem Warum und Woher, nach den Gründen
für dieses Werk- seien es kunstgeschichtliche, ideologische,
soziologische oder psychologische- derartige Gründe sind belanglos
für die Einmaligkeit dieses spezifischen Werkes. Dort wo das
eigentliche Wesen des Werkes als ein Werk der Kunst beginnt, als ein
intuitiver Entwurf, als ein Wurf in ein Neuland, versagen diese Erklärungen
und werden andere notwendig. Von Beuys stammt für diese Erfahrung
eine schöne paradoxe Formulierung "Die Ursache liegt in
der Zukunft"
Ein möglicher Ansatz aus der Kunst der Gegenwart
Der vor wenigen Jahren verstorbene Kulturphilosoph Villem Flusser
hat es hervorragend geleistet, die Differenz zwischen Kultur und Natur
des Menschen deutlich herauszuarbeiten und er hat ebenfalls eine wunderbare
Begrifflichkeit für das eigentliche Wesen menschlichen Handelns
gefunden. Erspricht hier von Gesten: die Geste des Photographierens,
die Geste des Rasierens, die Geste des Pfeiferauchens, die Geste des
Malens usw. (5) Alle kulturelle Leistungen des Menschen, in denen
er sich als ein Freiheitswesen manifestiert sind nach Flusser Gesten.
Erst in der Geste wird der Mensch zum Menschen, handelt er als ein
Individuum d.h. aus Freiheit heraus.
Flusser formuliert die zentrale Bestimmung der Geste im Hinblick auf
die Freiheit des Menschen wie folgt: "Zwar ist die Geste als
die Bewegung, die sie ist, wie alle anderen Bewegungen determiniert
und in diesem Sinne vollkommen erklärbar. Aber das Spezifische
an ihr ist, ganz unberührt davon, Ausdruck einer Innerlichkeit
zu sein, die man gezwungen ist, Freiheit zu nennen.(S.220)"
In dieser Definition klingt nun eine gewisse Nähe zu dem psychologischen
Begriff der "Intention" an. Dieser gilt Flusser jedoch als
ein zweifelhafter Begriff, da er "das Problem der Subjektivität
und der Freiheit nach sich zieht" (S.7), was in seinen Augen
erkenntnistheoretisch von der Psychologien zu wenig geklärt wurde.
Eine mögliche Definition von Gesten als "eine Bewegung des
Körpers, die eine Intention ausdrücken " muß
daher umfassender geklärt werden im Hinblick auf die Freiheit.
Den Human-und Geisteswissenschaften macht Flusser in diesem Zusammenhang
den Vorwurf "...zu sehr im Bann der Naturwissenschaften zu stehen
und so uns immer bessere und vollständigere Kausalerklärungen
zu geben, Gesten damit aber zu sehr als Phänomen und nicht tatsächlich
als "kodifizierte Sinngebung" zu betrachten. " Die
Betonung liegt auf Sinn-GEBUNG, also ein aktives in-der-Welt-sein,
"was mehr ist als eine Reaktion und auch als eine Motivation
(beispielsweise sozialer oder psychologischer Art)" (S.231)
Am Beispiel einer Armbewegung, die durch einen schmerzhaften Nadelstich
nicht verursacht wurde (sic!) sondern als aktive Antwort auf ihn erfolgte,
verdeutlicht Flusser den Unterschied: "Diese Armbewegung ist
Resultat gleichermaßen von physiologischen, psychologischen,
kulturellen, ökonomischen und weiteren Faktoren. Die Armbewegung
wird dann als typisch "menschlich" oder "neurotisch"
oder "brasilianisch" oder "bürgerlich" erklärbar...Doch
wird jede dieser Erklärungsweisen unbefriedigt, es sei denn man
fröne dem Vitalismus, dem Psychologismus (...) oder ähnlichen
Ideologien, weil sie nämlich alle am Kern des Phänomens
vorbeigehen. Diese Unzufriedenheit rührt aus meinem Wissen davon,
daß ich den Arm hob, weil ich es wollte." Und gegenüber
der Intentionalität hebt Flusser die Geste ab, wenn er betont
daß "nicht die Motive zu diesem Entschluß das Entscheidente
sind, sondern die Tatsache, daß ich den Arm nicht gehoben hätte,
wenn ich es nicht gewollt hätte. Diese negative Seite meines
Wissens macht, daß alle objektiven Erklärungen der Armbewegung,
auch die dialektischen, unbefriedigend sind" (S. 220)
Wir bemerken hier eine radikale Bestimmung des Menschen aus seiner
Subjekthaftigkeit, seiner Autonomie und Willens-Freiheit heraus, ein
Selbstverständnis, das zutiefst den Kern der Kunst berührt.
Nicht wozu ich veranlaßt, genötigt, getrieben werde, ist
das Wesentliche, nicht die Ursachen oder die Determinationen meines
Handelns sind wichtig, entscheidend für die Zukunft ist, welche
Antwort ich gebe. Ich weiß, dies ist vielleicht eine Zumutung
aus psychologischer und therapeutischer Sicht, aus künstlerischer
Sicht aber der Nullpunkt, aus dem sich alles weitere ergibt. Vielleicht
ist das Denken in den Kategorien "Determination" und "Kausalität"
in unserer gegenwärtigen Epoche schon so verabsolutiert , daß
diese andere Sicht der Welt ziemlich seltsam anmutet. Es scheint immer
schwieriger zu werden, den Menschen tatsächlich nicht nur als
Naturwesen, sondern auch als Kulturwesen, d.h. als Künstler zu
begreifen, trotz aller gegenteiliger Bemühungen in der jüngsten
Kunstgeschichte.
Und damit komme ich zu meiner zentralen These: Es gibt daher für
Kunsttherapeuten keinen Weg an der Gegenwarts-Kunst vorbei. An ihr
können wir diese zentrale Erfahrung einüben, die zu einer
Grundhaltung werden kann, die ins Leben integriert werden muß.
Aber diese Erfahrung ist immer nur in der aktuellen Entwicklung möglich,
dort wo Kunst uns im besten Sinn des Wortes als "Fragwürdig"
begegnet. Kunsttherapeutinnen sollten m.E. dieses Sensorium entwickeln,
nicht damit sie Gegenwartskunst produzieren können, sondern um
eine spezifische Haltung ihren Klienten und deren Werken gegenüber
zu kultivieren.Eine Haltung , die einen Sinn für das wirklich
Unbekannte hat, einen tiefen Respekt vor dem "prinzipiell Anderen",
das sich jeglicher Deutung entzieht. (6)
Damit beziehen wir eine Position, die korrespondiert mit Sichtweisen,
die im gegenwärtigen philosophischen Diskurs immer deutlicher
hervortreten und die mit einer möglichen Neu-Definition des Menschseins
zu tun haben. Ein aufmerksamer Beobachter der kulturellen Entwicklung
kann derzeit schon erste Ansätze einer Verschiebung von psychologisch
argumentierender Lebenshilfe zu einer philosophisch argumentierenden
feststellen.(7) Auch dieser Diskurs bezieht sich interessanterweise
vehement auf die Kunst, wie dies im 19/20.Jahrhundert die Psychologie
vorexerzierte. Das philosophische Denken begreift sich dabei als ein
ästhetisches Denken , so lautet auch der Titel eines frühen
Textes von Wolfgang Welsch. Die Differenz, die Pluralität , das
"Andere", das Unbekannte sind zentrale Metaphern in diesem
Diskurs. Damit erklärt sich die Affinität dieses Denkens
zum künstlerischen Denken. Interessant für die Kunsttherapie
sind die Folgerungen, die daraus für die Idendität des Menschen
gezogen werden und damit auch für eine therapeutische Begleitung
der Lebens-Praxis- die anderes will als Psychotherapie - relevant
werden. Viele Menschen entwerfen heute viel selbstbewußter und
autonomer ihr Leben, als dies vor zwei Generationen überhaupt
vorstellbar war. Soziologische Studien belegen einen Wertewandel hin
zu pluralistisch definierten Subkulturen bis hin zu Ein-Personen-Kulturen.
Welsch beschreibt diesen Sachverhalt in einem Text unter der Überschrift
"Idendität im Übergang" und er veranschaulicht
diesen mit Photographien der amerikanischen Verwandlungs-Künstlerin
Cindy Sherman. Welsch geht in seiner Analyse von einem Zustand der
gesellschaftlichen Entfremdung aus, in der die Kunst "zu einem
Raum des Überlebens... unter nicht lebbaren Bedingungen geworden
ist". Interessant für die Kunsttherapie sind nun folgende
von Welsch angedachte Konsequenzen : "
" Die Kunst lehrt uns nicht nur, daß die variable Idendität,
die man bislang aus den Zonen der Krankheit und der psychiatrischen
Behandlung kannte, vom Stigma zum Modell geworden ist und gesellschaftzlich
prospektive Funktion übernommen hat, sondern sie zeigt zudem,
wie solch variable Idendität gelingen und wie sie lebbar sein
kann.....Die Konsequenz für die Psychiatrie könnte beträchtlich
sein. Zwar ist der Kranke keineswegs umstandslos zu einer Modellfigur
künftiger Gesundheit zu erklären, aber daß Strukturen,
die bislang für krankheitscharakteristisch galten, künftig
eher für lebensermöglichend anzusehen sind, muß auch
die Einschätzung und Behandlung des Kranken verändern. ....
(Hier) zeichnet sich eine andere Perspektive ab: die einer versöhnung
des Kranken mit seinem Widerspruch, einer bestärkung seiner divergierenden
Daseinsfähgigkeit..... Flankierend wird es dabei auch darauf
ankommen, zum teil geradezu obsessiven Harmoniewünsche abzubauen,
die dafür verantwortlich sind, daß jemand seine Situation
als krankhaft empfindet, anstatt sie lebbar zu machen." (S.199
/200)
Das Lebbar-Machen einer Idendität ohne auf ihre "Krankhaftigkeit"
zu starren, das ist eine Option, die m.E. in der Kunsttherapie beheimatet
ist, aber noch viel zu wenig beachtet wird. Wenn ich als Kunst-Dozent
ein Werk "korrigiere", so geht es dabei um das Deutlich-Machen
der eigentlich gemeinten, aber formal verfehlten Werkaussage, es geht
darum die verborgenen Absichten des Autors herauszuarbeiten und zu
klären um dann die Mittel und Wege zu finden, das Gemeinte prägnant
hervortreten zu lassen. Darum geht es m.E. auch in der Therapie: eine
Art "Signatur" des individuellen Schicksals zu erkennen.
Ich weiß, welche Wichtigkeit in der therapeutischen Praxis Kategorien
zukommen, in die wir Krankheitsphänomene einordnen können,
je länger ich aber mit Menschen arbeite, desto intensiver wird
mein Empfinden dafür, das das Eigentliche, das ureigenste Wesen
eines Menschen, seine Individualität, sich diesem Begriffs-Netz
entzieht. Was dagegen in meiner Wahrnehmung immer deutlicher hervortritt
ist eine Art "Gesamtwahrnehmung" eines Gegenübers,
das Wahrnehmen dieser "Signatur", die zentraler Inhalt seines
Wesens ist. Die Krankheitsaspekte sind nicht "wegzukurieren"
ohne sein eigentlich Wesenhaftes wegzudenken, sie sind aber, wie bei
einer "Werk-Korrektur" einer (selbst)erkennenden Schau zugänglich
zu machen .
Dadurch kann ein produktiver Umgang mit ihnen gelernt werden, die
kunsttherapeutische Frage ist: was ist eigentlich mit diesen Symptomen
im Sinne von Bildern gemeint und wie kann diese Energie in produktivere
Kanäle geleitet werden. Wie würde dieses ganz individuelle
Lebenswerk, dieser spezifisch Inhalt, wie würde der aussehen,
wenn mit den Gestaltungsmitteln kompetenter und existentieller umgegangen
wird? Es geht wirklich nicht darum , daß unsere Klienten in
ihrem bildnerischen Tun Kunstwerke produzieren (was leider immer wieder
unterstellt wird, wenn wir von der Relevanz der Kunst für die
Therapie sprechen) , es geht vielmehr um eine Selbstverständigung
der Klienten als "Künstler", die sich auf ihr Leben
bezieht. Und dazu können Künstler als Therapeuten sehr wohl
etwas beitragen, soweit sie ihren Kunstbegriff tatsächlich im
Hinblick auf ihre eigene Lebenspraxis geklärt haben.
Wir sehen: Die Gegenwartskunst hat also ebenfalls ein enormes therapeutisches
Potential in ihren Intentionen und das ist der Grund weshalb sich
KunsttherapeutInnen (zumindest) in ihrer Ausbildung intensiv mit ihr
auseinandersetzen sollten. Nicht um marktgerechte Werke produzieren
zukönnen, wie manche immer wieder befürchten, sonder um
ihrer KlientInnen willen. Deren Entwicklung bewirken wir nämlich
nur über unsere eigene.
Zusammenfassung
Mein Anliegen in diesem Beitrag war es, aufzuzeigen, daß im
Kontext der Kunsttherapie verschiedene Ansätze der Bildenden
Kunst in ihrer historischen und theoretischen Dimension eine wesentliche
Rolle spielen. Es geht mir keinesfalls darum, diese gegeneinander
auszuspielen oder zu werten: sie sind alle therapierelevant, das ist
nicht deutlich genug zu unterstreichen. Wesentlich war es mir jedoch,
darauf aufmerksam zu machen, daß die verschiedenen "Kunst-Begriffe"
sich unerschiedlich innerhalb der Kunsttherapie entfaltet haben und
es hier noch enorme Entwicklungs-Potentiale gibt. Je aktueller der
Kunst-Begriff ist, desto weniger hat er sich in seinen Konsequenzen
im Therapie-Kontext entfalten können. Das ist nicht tragisch
sondern ganz normal. Wir müssen darüberhinaus im Hinblick
auf unsere Klienten, um die es ja zentral geht, bedenken, daß
auch diese in ihrem kulturellen Bewußtsein immer einen ganz
konkreten Standpunkt haben, der für uns als Therapeuten dann
der verbindliche ist. Die Klienten-Zentrierung unseres therapeutischen
Handelns muß sich in der Kunsttherapie also auch immer am Kunstbegriff
unseres Gegenübers orientieren. Allerdings sollten wir als Kunsttherapeuten
immer auch in unserer Aufmerksamkeit behalten, daß der Klient
sich bewußt eine KUNST-Therapeutin gewählt hat und keine
Gesprächs-Therapeutin oder Analytikerin. Mit dieser Entscheidung
wurde uns eine non-verbale Mitteilung gemacht, die wir ernst nehmen
müssen. Die Erwartungen an uns sind damit andere. Hinsichtlich
unserer Berufs-Politik und unserer anzustrebenden öffentlichen
Anerkennung gebe ich zum Schluß noch Eines zu bedenken: Daß
mit der Verabschiedung des Psychotherapeuten-Gesetz eine Ausgrenzung
der Kunsttherapie stattgefunden hat, sollten wir nicht nur als ein
Ärgernis registrieren, sondern auch als eine Botschaft und Chance.
Das Misstrauen gegenüber der Kunst hat, wie ich in meinem Text
nur andeuten konnte, kultur- und bewußtseinsgeschichtliche Gründe,
die wir auch als Zukunftsperspektive begreifen können. Immerhin
wurde damit dokumentiert, daß Kunst andere Prämissen in
den therapeutischen Kontext hineinträgt, als es die Psychotherapie
bisher kannte. Das sollte uns eine Herausforderung und Verpflichtung
sein.
Anmerkungen:
1) Der heute immer noch gebräuchliche akademische Titel "
Meisterschüler" ist in seiner Intention und in der Begrifflichkeit
eindeutig eine Adaption der christlichen Jüngerschaft. Heute
vielfach nicht mehr bekannt , geht er auf eine der "Errungenschaften"
zurück , die die Gründerväter des romantischen "Nazarenertums",
die Brüderschaft St. Lukas , von der Sphäre der Religion
aus ihrem römischen Kloster-Domizil nahtlos überführten
in die akademische Ausbildung, als Cornelius und später Schadow
die Düsseldorfer Kunst -Akademie "reformierten" . In
Gestalt des derzeitigen Akademie-Rektors Lüppertz wird dieses
Erbe der Romantik im 21. Jahrhundert immer noch mit tiefster Überzeugung
gelebt.
2) Allerdings ist hier sofort einschränkend auf eine besonderheit
des Lernens und Lehrens der künstlerischen Kompetenz hinzuweisen.
Im Gegensatz zum Lernen im Bereich der Wissenschaft, das von der Sache
her eher theoretisch erfolgt, ist hier nur Lernen über praktische
Erfahrung möglich. Es ist z.B.ziemlich unsinnig jemandem theoretisch
die Qualität "Rot" nahezubringen, dies geht nur über
eigene Wahrnehmungspraxis und das bedeutet Zeitinvestition, macht
viel Mühe und erfordert eigenes, interessegeleitetes Engagement.Mit
5 Seiten Textstudium zu diesem Thema Thema hat man noch gar nichts
begriffen, mit 5 Bildern ein klein bißchen aber noch sehr wenig,
mit 50 Versuchen immerhin schon etwas, nach 5 Jahren intensiver Arbeit
an diesem Thema hat man dann eine gewisse Kompetenz. Praktisches Erfahrungslernen
über Qualitäten geht paradoxerweise nur über Quantität,
d.h.nur wer viel probiert hat, hat viel studiert.
3)Aus diesem Grund ist es mir das Thema Kreativität in unserer
Ausbildung ein wesentliches Anliegen, im 7 Semester vertiefen wir
im Fach "Theorien der KT" das heute aktuelle Wissen zu diesem
spannenden Forschungsbereich, der noch viele ungelöste Rätsel
birgt.
4) Die Theorien der "De Stijl"-Künstler , vor allem
bei dem theosophisch orientierten Maler Piet Mondrian, liegen ganz
dicht bei den ästhetischen Theorien Steiners, es gab hier zunächst
auch einen Dialog, der sich jedoch in Mißverständnissen
verstrickte und bald abbrach.
5) Der Begriff "Geste ist allerdings im künstlerischen Kontext
mißverständlich. Keinesfalls meint Flusser hier etwas ,
was mit dem Begriff der "gestischen Malerei" zu tun hat
und damit auf einen romantischen Subjektivismus zurückverweist.
Um dieses Mißverständnis zu vermeiden, verwende ich daher
lieber den Begriff der "Signatur" um denselben Sachverhalt
zu fassen.
6) Zum Begriff des "Anderen" mehr in meinem Beitrag "Das
Andere der Bilder " im Reader zur DFKGT- Fachtagung Nürtingen
1998. Darin beziehe ich mich vor allem auf den Text "Die Spur
des Anderen" des französischen Philosophen und Husserl-Schüler
Emanuel Lévinas. In disem Text umkreist Lévinas den
Begriff des "Anderen" in seiner Vieldeutigkeit zwischen
dem Transzendenten, uns prinzipiell nicht Erkennbaren und dem "Anderen"
des anderen Menschen, in dem uns die Transzendenz konkret in seiner
ebenfalls prinzipiellen Unfassbarkeit gegenübertritt. Damit verweist
Lèvinas auch das therapeutische Denken in seine Grenzen und
begründet in der Begegnung mit dem "Anderen" eine dialogische
Bescheidenheit , die noch weitergeht als z.B. bei Martin Buber.
7). Auch die Verschiebung der Angebote auf dem freien "Therapie-Markt"
weg von der Zielgruppe mit "Selbsterfahrungs-Mentalität"
der 70/80er Jahre hin zum "Coaching" für die karriereorientierte
Golf-Generation der 90er Jahre erweist sich unter diesem Blickwinkel
nicht nur als ein Oberflächensymptom und als eine eilige Sicherung
lukrativer Pfründe, sondern verweist auf einen historischen Bruch,
der m.E. auch für seriöse Zukunfts-Perspektiven der Kunsttherapie
relevant sein könnte. |