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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Wie Wasser in der hohlen Hand
Der schöpferische Prozess
Erklärungsversuche, Erfahrungen, Spekulationen
Überarbeitete Fassung veröffentlicht unter dem Titel "Wie
Wasser in der hohlen Hand. Versuch einer Beschreibung schöpferischer
Prozesse" in Marburg / Faust (Hrsg): "Zur Universalität
des Schöpferischen" Lit Verlag Münster /Hamburg 1994
"Der Künstler hegt seit alters her ein Unbehagen gegenüber
jedem analytischen Exzess, mit dem man seinen schöpferischen
Prozess auf dessen Funktionsmechanismen hin untersucht" (Antoni
Tapies)
Das Unbehagen an der Analyse schöpferischer Prozesse, wie es
der Künstler Tapies stellvertretend für viele andere Künstler
formuliert, ist zugleich verständlich und unnötig: steht
doch dahinter die berechtigte oder unberechtigte Angst, der analytische,
rationale Blick könne die schöpferischen Funktionen allein
schon durch seine bloße Existenz, durch die Grelle seines
Lichtes, stören, beeinträchtigen, schlimmstenfalls zerstören.
Diese Befürchtung ist verbreitet bei Menschen, die als kreativ
bezeichnet werden. Nehmen wir sie ernst, so kann sie uns aber auch
als Wegweiser dienen, bei der Suche nach dem Ursprung des Schöpferischen,-
jenem Grenzbereich des rationalen Urteilsvermögens, in dem
sich Intuitionen auf geheimnisvolle Weise einstellen, fast als kämen
sie aus dem "Nichts". Daß sich in Tapies` Unbehagen
jedoch ganz bestimmte Vorstellungen über das Wesen der Kreativität
zeigen, die einen Teilaspekt des Phänomens erhellen, andere
Aspekte jedoch vernachlässigen, soll in folgendem Beitrag einsichtig
werden. Dem Phänomen der Kreativität ist weder allein
mit wissenschaftlich rationalen Erklärungsmodellen, noch mit
dem "intuitivem Erfahrungswissen" des Künstlers befriedigend
beizukommen. Beide Urteilsqualitäten sind sowohl hilfreich
als auch unzureichend. Es gilt also ihre Nützlichkeit auf sinnvolle
Weise zu verknüpfen und ihre Unzulänglichkeiten auszugleichen.
Ich werde also versuchen, verschiedene Erklärungsmodelle der
Kreativität - wie sie heute z.B in der Psychologie, der Hirnforschung,
oder der Chaostheorie dargelegt werden,- in Bezug zur eigenen, subjektiven
Erfahrung mit dem Schöpferischen Prozess in der Kunst zu setzen.
Aus dieser Überschau läßt sich ein Bild der Kreativität
entwickeln, das nicht nur Geltung hat in der Kunst, sondern als
Grundstruktur lebendiger Entwicklungsprozesse von allgemeinerer
Bedeutung sein könnte.
Psychologische Denkmodelle
Als Stichdatum für den Beginn der psychologischen Reflexionen
über Kreativität nennt der bekannte Gestaltpsychologe
Wolfgang Metzger in einem Beitrag über "Gestalttheoretische
Ansätze zur Frage der Kreativität"( erschienen 1979)
das Jahr 1950. Damals erschien ein Aufsatz von J.P. Guilford mit
dem Titel "Creativity" in einer amerikanischen Fachzeit-schrift.
Frühere Untersuchungen, wie z.B. von Mary Follett (1923) oder
von Max Wertheimer (1920) fanden laut Metzger zu ihrer Zeit noch
keine große Resonanz, damals wurde anstelle des heute geläufigen
Begriffes KREATIVITÄT noch der Begriff der PRODUKTIVITÄT
synonym verwendet.
In einem Sammelband unter dem Titel "Contemporary approaches
to creative thinking" von 1963 (HRSG: Gruber) tragen verschiedene
psychologische Autoren Merkmale zusammen, die einen schöpferi-schen
Menschen ihrer Meinung nach auszeichnen. Folgende Eigen-schaften
werden dabei genannt:
1. "Leidenschaft" d.h. Verliebtsein in den Gegenstand
der Tä-tigkeit (z.B. "ein passionierter Gärtner")
2. "Beherrschtsein" vom Gegenstand, also bedingungslose
Hingabe an seine Tätigkeit
3. Freiheit und Unabhängigkeit , also die Fähigkeit sich
abzu-setzen gegenüber herkömmlichen Denkweisen und störendem
(Vor)wissen, sowie den Erwartungen anderer .(Dabei wird diffe-renziert
zwischen "Nonconfirmism" und "Counterconfirmism",
d.h. dem Drang sich um jeden Preis zu unterscheiden, was sich nach
Untersuchungen von Crutchfield eher bei durchschnittlichen Begabungen
bemerkbar macht, weit seltener bei schöpferisch höher
qualifizierten Menschen)
4. "Aufgeschlossenheit", d.h. den Gegenstand vorurteilsfrei
an-nehmen wie er ist
5. "Feinfühligkeit" d.h. die Fähigkeit an Tatsachen
Unstimmig-keiten zu bemerken, wo andere nichts bemerken
6. "geistige Beweglichkeit" dazu gehören Auffassungsänderungen,
Umstrukturierungen, Umzentrierungen
7. "Fassungsvermögen" Damit wird die Fähigkeit
bezeichnet, ein komplexes Ganzes zu erfassen, ohne es in ein Nebeneinander
von Einzelheiten zu zergliedern, also die Fähigkeit zu ganzheitli-chem
Erfassen
8. "Sinn für das Passende" also den "richtigen"
Einfall zur richtigen Zeit zu haben
9."Sinn für das Wesentliche" also erkennen zu können,
worauf es ankommt
10. Fähigkeit zur "Übertragung", dem "Transfer"
eines Lösungsweges auf ähnliche Fragestellungen
11. "Umsicht", also die Fähigkeit das Problem in
seinen Kontexten zu sehen
12. "Bewertungsfähigkeit", also Wertmaßstäbe
zu haben und anzuwenden
13. "Geduld", d.h. abwarten zu können bis die Lösung
sich sozusagen "von selbst" einstellt.
Erich Neumann: "Der Mensch und das Schöpferische"
In einem Beitrag im Eranos-Jahrbuch von 1956 mit dem programmatischen
Titel. "Der Mensch und das Schöpferische" setzt sich
Erich Neumann mit dem Wesen der Kreativität auseinander. Diese
Richtung hat ganz eigene Begrifflichkeiten entwickelt, um das Phänomen
des Schöpferischen zu beschreiben.
Neumann argumentiert mit dem Begriff der "Einheitswirklichkeit",
damit bezeichnet er eine Bewußtseinsebene, die im Untergrund
hinter unserer differenzierten, klaren Bewußtseinsrealität,
verborgen liegt. Er geht davon aus, daß der Frühmensch
ebenso wie das Kleinkind noch Anteil hat an dieser Welterfassung,
bei der es noch keine Geschiedenheit zwischen Ich und Welt, Innen
und Außen, zwischen Wahrnehmungssubjekt und Objekt gibt. Aus
diesem paradiesischen Zustand ist der Mensch im Laufe der Bewußtseinsevolution
nun herausgefallen, indem sich das rationale, vollbewußte
Ich herausdifferenziert aus der Ungeschiedenheit der Einheitswirklichkeit.
Er sieht das "Schöpferische" als die Fähigkeit
des Zugriffs und des Kontaktes mit der "Einheitswirklichkeit".
Der schöpferische Mensch ist also nach seiner Ansicht ein Mensch,
dem es irgendwie gelungen ist, mit dieser Schicht in Verbindung
zu bleiben, wenn auch in modifizierter Weise. Das Problem für
den schöpferischen Menschen besteht jedoch darin, daß
"die Integration der Frühzeit nicht zurückzuerlangen
ist,(und damit) unsere Kultur vor der Notwendigkeit (steht) Bewußtsein
und Schöpferischkeit gleichzeitig und nicht das eine auf Kosten
des anderen zu entwickeln" (S.15). Damit ergeben sich besondere
Anforderungen an seine psychische Konstitution:"Im Gegensatz
zu der Normalentwicklung mit ihren Abwehrmaßnahmen (...) ist
die psychische Struktur und Entwicklung des schöpferischen
Menschen gerade durch entgegengesetzte Einstellungen charakterisiert,
nämlich durch ihre Offenheit, ihre Emotionalität und ihre
Spontanität"
Nach Neumann lebt der schöpferische Mensch also in einer paradoxen
Befindlichkeit des Bewußtseins: Es hält sich auf der
Schwelle zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Bewußtheit und
Unbewußtheit, Rationalität und Mythos, ohne den Fallen
der einen oder der anderen Seite zu erliegen. Also weder in die
Verhärtungen, sprich Rationalisierungen und begriffliche Fixierungen
des bewußten Ichs zu verfallen, noch in die Auflösungstendenzen
der irrationalen Einheitstendenz zu geraten und damit in psychotische
Verwirrung.
Diesen "Seiltanz" des Schöpferischen versucht Neumann
noch näher zu beschreiben mit der Kategorie der Jung'schen
Archetypen, und zwar speziell dem Mutter- und dem Vater-Archetyp.
Er beschreibt den schöpferischen Menschen als einen Menschen,
der die Gegensatzspannung zwischen diesen archetypischen Wesensanteilen
zu überbrücken versucht. "In der Normalentwicklung
ist das Bewußtsein der einen oder der anderen Partialwelt
zugekehrt, die Grundlage ihrer Welterfahrung ist gerade das faktische
Getrenntsein der ursprünglichen Einheit. Dagegen besteht beim
schöpferischen Menschen, insbesondere beim Künstler eine
Tendenz, die Spaltung zu überbrücken... die Einheitserfahrung
zu erlangen und diese darzustellen...beim schöpferischen Menschen
(wird) weder das Selbst noch der Mutterarchetyp verdrängt,
ja sogar der Aspekt der miteinander vereinigten Ureltern, die symbolische
Repräsentanz der Einheitswirklichkeit, bleibt in ihm lebendig."(S.35)
Neumann unterscheidet zwei Ausprägungen des schöpferischen
Handelns, die auch mit der traditionellen Charakterisierung in "apollinische"
und "dionysische" Tendenzen der Kunst übereinstimmen.
Die Vorherrschaft des Matriarchalen zeigt sich in einer Dominanz
von Phantasie, Inspiration und Einfall, also einer ausgeprägten
Spontaneität des Unbewußten. Der künstlerische Prozess
läuft bei diesen Menschen "im wesentlichen von selbst,..
als inneres Wachstum, Austragung und Geburt, oder aber als Durchbruch
und Überschwemmung... Besessenheit, Medialität und Passivität
sind die auszeichnenden Charakteristika einer solchen Persönlichkeit...In
der Kunst zeigt sich die Dominanz des Mutter-Archetyps in Form der
mantischen und prophetischen Dichtung, in der ritualgebundenen Kunst,
generell jede romantische, intuitiv-visionäre Kunst gehört
in die Sphäre des Matriarchalen." Und in Bezug zu moderner
Kunst ist die folgende Bemerkung von Neumann aufschlußreich:
"Überall, wo das expressive Element dominiert und das
formale Element zurücktritt, überwiegt die mütterlich
betonte Welt."
Patriarchale Dominanz, also ein Vorherrschen des Vater-Archetypus,
zeigt sich nach Neumann im schöpferischen Prozess als ein Überwiegen
des Formprinzipes. "Formprinzip bedeutet Willen zur Form, und
im Gegensatz zu einem Geführtwerden durch das Unbewußte
setzt sich dieses Bewußt-Formale als Arbeit an der Form(...)
zugunsten einer erkannten, geschauten und gewollten höheren
Ordnung durch, mit welcher das Ich-Bewußtsein konform geht.
Für diese patriarchale Art des Schöpferischen ist Schönheit
kein natürlich Gegebenes, dem gefolgt werden muß (vielmehr
wird)Schönheit gegen das uns umgebende Chaos gesetzt."
(S38) Neumann sieht die Gefahr des matriarchalen Prinzips in einer
Überbetonung des Inhaltes, das in einem "stammelnden Chaos"
zu versinken droht, die des patriarchalen Prinzips, das seiner Natur
nach mit dem Wesen des Bewußtseins, des Gesetzes, und der
Ordnung verbunden ist, in den inhaltsleeren Formalisierungen einer
akademischen, traditionsgefesselten Kunst, die in dieser Entartung
nach seinen Worten sich zeigt "vom Beckmessertum bis zur Moraldichtung".
Große Kunst hingegen entsteht nach Neumann aus einer gelungenen
Synthese von matriarchalen Inhalts- und patriarchalen Formelementen.
Intuition, Idee und Einfallsreichtum kennzeichnen den matriarchalen
Aspekt des Schöpferischen-Durchgestaltung, Formfindung und
begriffliche Klärung den patriarchalen. Dostojewskij äußert
sich über dieses Zusammenwirken im schöpferischen Prozess
in einem Brief an seinen Bruder :"Nur die Stellen der Eingebung
kommen plötzlich und mit einemmal, das übrige aber ist
mühevolle Arbeit."
(Zur die Ausprägungen dieser beiden Grundtendenzen in der Kunst
der Klassischen Moderne bei verschiedenen Künstlern verweise
ich auf meine Ausführungen in dem Aufsatz "Das Heil der
Kunst" in Baukus/Thies: "Aktuelle Strömungen der
Kunsttherapie". Hier finden sich auch zahlreiche Belege in
Form von schriftlichen Äußerungen von Künstlern,
anhand deren die Übereinstimmung von Gestaltungstendenzen (Expressiv
bzw konzeptuell) und Persönlich-keitsstruktur (matriarchal
bzw patriarchal) evident wird. Die aktuellen Kunstentwicklung der
letzten Jahre ist gekennzeichnet von einem beschleunigten Hin-und
Herspringen zwischen expressiven und konzeptuellen Ansätzen
- zur Zeit haben wir eine Dominanz der konzept-uellen Richtung-ohne
daß eine wesentliche Reflexion im aktuellen ästhetischen
Diskurs die Dialektik thematisiert und aufzulösen vermag. Dies
am Rande) Mit einem Zitat von Neumann will ich diesen Exkurs in
die Jung`sche Psychologie und ihre Interpretation des Schöpferischen
schließen. Neumann über den Künstler als "Prototyp"
des schöpferischen Menschen: "So scheint die Aufgabe des
Künstlers in seiner höchsten Form direkt im Gegensatz
zur Tat des Bewußtseinshelden zun stehen, welcher mythologisch
die Ureltern voneinander getrennt und die Welt in die Polaritäten
zerspalten hat. Der Künstler tut das Umgekehrte, indem er in
seinem Werk gerade die zerspaltene Welt durch seinen gestaltenden
Eros wiedervereinigen und ein Stück Einheitswirklichkeit wiederherstellen
muß". Daß damit natürlich nicht nur Künstler
gemeint sind- sondern jeder Mensch, insofern er teilhat an dieser
anthropologischen Grundproblematik- aber auch an dem Potential seiner
schöpferischen "Erlösung"- dieser Umstand ist
Neumann bewußt.
Konsequent verweist er auf die Möglichkeit und Notwendigkeit
der "Großen Erfahrung der Einheitswirklichkeit"
für jeden Menschen, zu der es neben der Kunst auch andere Zugänge
gibt- sei es Naturerfahrung, Meditation, Religiosität usw..Die
Dynamik, wie Neumann sie für den schöpferischen Prozess
beschreibt, ist damit zu verstehen als eine allgemeine Beschreibung
wesentlicher Grunderfahrungen des menschlichen Daseins. In Kunst
und Therapie läßt sich diese Dynamik parallel aufzeigen.
Neurobiologische Ansätze: "Das Denkmodell von Roland Fischer"
Das Kontinuum verschiedener Bewußtseinszustände als Grundlage
der Kreativität
Das Denkmodell von Roland Fischer bezieht sich auf unterschiedliche
Zustände zentralnervöser Erregung des Gehirns bei verschiedenen
Bewußtseinszuständen. Nach diesem Modell ist unser "Normalbewußtsein"
gekennzeichnet von einer mittleren Amplitude der zentralnervösen
Erregung unseres Gehirns. Die normale Bewußtseinslage des
heutigen Mitteleuropäers umfasst damit nur eine von verschiedenen
Möglichkeiten eines breiten, kontinuierlichen Spektrums von
Bewußtseinszuständen. Diese Bewußtseinslage unserer
Alltagserfahrung ist geprägt von rationalen und kausalen Denkstrukturen,
der zweiwertigen aristotelischen Logik. Sie ermöglichen uns
zum einen das optimale Zurechtfinden in unserer Zivilisation und
zum Anderen definieren sie die Strukturen unserer Kommunikation.
Differenzierungsfähigkeit und kritische Vernunft sind die wesentlichen
Errungenschaften, die wir dieser Bewußtseinslage verdanken.
Offensichtlich ist es nun aber möglich, diese Bewußtseinslage
zu modifizieren. In den Experimenten von R. Fischer geschah dies
hauptsächlich über psychotrophe Substanzen, die den Testpersonen
verabreicht wurden. Zu beobachten sind dabei veränderte Zustände
des Bewußtseins, wie sie auch in psychotischen und halluzinativen
Zuständen charakteristisch sind. Sie zeigen sich in einem Ansteigen
der Datenverarbeitung-"einer Flut inneren Erlebens"- und
damit der zentralnervösen Erregung. Fischer hat diesen "Erregungsstufen"
in seinem Modell jedoch weitere Modifikationsmöglichkeit gegenübergestellt,
und zwar in den Zuständen der Kreativität einerseits und
der "tranquillen Meditation"auf der anderen Seite. Das
heißt, in einem Zustand der Erregungsdämpfung des Nervensystems,
beispielsweise im Yoga samadhi und in den Übungen des Zen-Weges
ereignen sich ebenfalls Bewußtseinsveränderungen, bis
hin zu der Erfahrung der All-Einheit im kosmischen Bewußtsein
des "Satori." (Anmerkung: Es ist interessant, im Rückblick
auf die Beschreibungen von Neumann dieses Modell zu betrachten:
Es sind also die Bewußtseinszustände, die vom normalen
Erregungsniveau abweichen, die subjektiv mit einem verstärkten
"Einheitserlebnis" in Verbindung gebracht werden - also
dem Empfinden ,daß alles mit allem zu tun hat, bis hin zur
mystischen Erfahrung "alles ist eines" . Lediglich der
rationale Zustand läßt uns die Welt als Zusammenhang
getrennter Einzelheiten wahrnehmen.) Fischer hat also einen erhöhten
Erregungszustand des Nervensystems, also strenggenommen eine "Trübung"
des mittleren, rational-kritischen Wachzustandes (links von der
Mitte in seinem Schema) mit dem Zustand der "Kreativität"
in Verbindung gebracht. Dieser Zustand steht in seinem Modell in
unmittelbarer Nähe des psychotischen Erregungszustandes, der
gekennzeichnet ist, von einer erhöhten Reizüberflutung
in der Wahrnehmung. Neurophysiologisch wird dieses Phänomen
meines Wissens nach derzeit bevorzugt erklärt mit der verminderten
Produktion von Stoffen, die an den Nervenenden, den Synapsen die
Übertragungsstoffe nach der Reizübermittlung wieder abbauen.(Der
sogenannte "Jammed-Computer-Zustand") Im Modell von R.
Fischer zeigen sich die Zustände der schizophrenen Erregung
bis hin zu Katatonie im Anschluß an diese halluzinative Bewußtseinsstufe.
Am Ende der Skala finden wir dann links die mystische Exstase.
In dem Gebiet, in dem Fischer die "Kreativität" ansiedelt,
finden wir ebenfalls die Begriffe "Angst" und "Sensitivität".
Betrachten wir diese Phänomene unter dem Blickwinkel des Modells
von Fischer, also die erhöhte Reizaufnahme und Verarbeitung,
so hat die Einordnung der Kreativität abseits der normalen
Bewußtseinlage einiges an Plausibilität. Neue Wahrnehmungen,
Sinngehalte, Assoziationen und neue Verbindungen sind in diesem
Zustand sehr wahrscheinlich. Sie sind die Ausgangsbasis für
Kreativität. Hier möchte ich jedoch als Künstler
eine kritische Anmerkung machen. Die Zuordnung an einem fixierten
Punkt des Schemas mag bezüglich des Erregungszustandes bei
Kreativität eine gewisse Berechtigung haben, sie ist jedoch
in Bezug zur Kunstproduktion irreführend und möglicherweise
trifft sie sogar nur auf einen ganz geringen Aspekt des Phänomens
"Kreativität" zu. Damit meine ich folgendes: Eine
erhöhte Reizverarbeitung - und damit ein Mehr an Wahrnehmung
und an Phantasie ist ein wesentlicher Ausgangspunkt für künstlerische
Kreativität. Sie ist jedoch nur ein Teil derselben. Genauso
gehört zu künstlerischer Kreativität ein erhöhtes
Maß an Kritikfähigkeit und rationaler Kontrolle. (In
der Sprache von Neumann also das Zusammenwirken matriarchaler und
patriarchaler Aspekte des schöpferischen Archetyps)
Ohne das lebendige Wechselspiel zwischen Phantasie und kritischer
Rationalität entsteht nur eines : Phantastik. Das hat natürlich
auch Roland Fischer gesehen, der sich stets um eine Abgrenzung und
Differenzierung zwischen künstlerischer Kreativität und
"wahnhafter Produktivität" bemüht hat. Obwohl
alle namhaften Wissenschaftler, die in diesem Bereich forschend
tätig sind, in dem auch die sogenannte "art brut"
- die "Kunst der Geisteskranken" angesiedelt ist- obwohl
hier immer wieder differenzierend auf den Unterschied hingewiesen
wurde, kann leider immer wieder in Diskusssionen zu diesem Thema
eine Vermischung beobachtet werden. Möglicherweise hat auch
das Roland-Fischer-Modell seinen Teil dazu beigetragen, daß
die Produktion von Werken, die ausgelöst und bedingt sind von
psychotischen und halluzinativen Bewußtseinszuständen,
mit Kunstwerken gleichgesetzt wurden. Nochmals der entscheidende
Unterschied: während die wahnhafte Produktivität dem ergotropen
Erregungszustand verhaftet bleibt und sich daher im rythmisch-ornamentalen
Labyrinth verirrt, hat der gesunde Künstler die Möglichkeit,
sich zu bewegen: Im Kontinuum der Bewußtseinszustände
ist der hypertrophe Zustand der Öffnung nur ein Auslöser,
dem die rational-kritische Kontrolle ein Gegengewicht bietet. Sie
ermöglicht dem Künstler erst das,was sein wesentliches
ausmacht: seine Freiheit.
Um den Zusammenhang dieses Denkmodells mit der schöpferischen
Erfahrung etwas genauer zu illustrieren, will ich auf die Bemerkung
von Fischer noch etwas näher eingehen, daß die mathematisch-geometrische,
symbolische Ordnung die künstlerisch-spielerische Gegen-überstellung
und Auflösung von Polaritäten erlaubt. Dem kann ich aus
der künstlerische
Erfahrung beipflichten:
Der schöpferische Einfall erfolgt zumeist über den Weg
der FORMALISIERUNG. D.h.: Wenn ein Künstler im schöpferischen
Prozess nicht weiterkommt, sich "festgebissen" hat, so
ist es erfahrungsgemäß hilfreich von inhaltlichen Überlegungen
weitestge-hend Abstand zu nehmen und sich ganz auf den formalen
Aspekt, die Struktur eines Werkes, zu konzentrieren. Also anhand
des Fischer- Schemas erläutert: In der Mitte haben wir die
Fähigkeit, in "Begriffen" zu denken, damit geht jedoch
eine Einengung der "Bandbreite der möglichen Bedeutungen"
einher. Daneben - im Zustand der "Kreativen Erregung"
gibt es die Möglichkeit, in einem mehr bildhaften Denken sich
zu bewegen, ein Denken, das also weniger exakt ist und damit inhaltlich
diffus, dafür aber mehr den spielerischen Gesetzmäßigkeiten
der Formenwelt, des Rhythmischen und des Ornamentalen entspricht.
Hier würde ich in Absetzung zum exakten berifflichen Denken
das Stichwort "Denken in Metaphern" einführen. (Dazu
später noch einige Erläuterungen) Tatsächlich würde
ich den schöpferischen Prozeß sogar so beschreiben, daß
er unterschwellig von einem ständigen Spielen auf der formalen
Ebene getragen wird, auch wenn der Künstler dies selbst nur
in Ausnahmefällen realisiert. Leicht nach-vollziehbar ist uns
diese Tatsache in der abstrakten Malerei die ja sowieso auf begrifflich
benennbare Inhaltlichkeit verzichtet. Tatsächlich ist es jedoch
so, daß jede Darstellung, auch die Gegenständliche, von
einer abstrakten Komposition getragen wird, auch realistische Male-rei,
Photographie oder Film. Dasselbe gilt für Schriftstelleri-sche
Arbeit, hier ist durch die Nähe der Sprache zu unserer All-tags-
Bewußtseinsebene der darunterliegende formale Prozeß
schwieriger nachvollziehbar .Ich würde aber dennoch wagen zu
behaupten, daß ein gutes Buch in erster Linie den Leser nicht
durch seinen Inhalt in Bann schlägt, sondern durch die durchge-staltete
Form,speziell seinem Rhythmus, die dem Leser zumeist verborgen bleibt.
Noch schwieriger ist es nachzuvollziehen, daß selbst wissen-schaftliche
Fragestellungen, die anscheinend doch logischen Begriffen und Inhalten
folgen, etwas mit rhythmisch-ornamentalen, mit geometrischen Strukturen
zu tun haben könnte. Es gibt hier jedoch das berühmte
Beispiel von Kekulé, der angeblich die Lösung nach der
Frage der Ben-zolstruktur auf einer bildhaften, geometrisch-symbolischen
Ebene gefunden hat, und zwar in der Imagination der Uroboros-Schlange,
die sich in den Schwanz beißt. Wesentlich ist bei diesem Beispiel
weniger die Tatsache, daß die Lösung gewisser-maßen
unabsichtlich gefunden wurde (auch das ist jedoch ein Merkmal des
kreativen Prozesses) sondern die Tatsache, daß Ke-kulé
das Bild nicht inhaltlich interpretiert, sondern in der Lage ist
geometrisch-strukturell zu abstrahieren und da-durch einen Lösungstransfer
zu ermöglichen.
Zusammenfassend läßt sich m.E. aus dem Modell von Fischer
eine Folgerung in Bezug auf das Wesen des "SCHÖPFERISCHEN"
ziehen:
Kreativität hat zu tun mit einer gesteigerten zentralnervösen
Erregung, sie ermöglicht eine erhöhte Reiz-und Informationsverarbeitung.
Diese Erregungssteigerung allein -z.B. bei Drogengebrauch oder in
einer Psychose- bewirkt jedoch lediglich eine Veränderung der
Wahrnehmung in Richtung Geometrisierung und Formalisierung womit
gleichzeitig eine verstärkte subjektive symbolische Interpretation
einhergeht. Das eigene Denken und Handeln wird dabei zwanghaft und
unfrei erlebt. In der Beweglichkeit zwischen diesem veränderten
Bewußtseinszustand und dem rationalen Normalzustand liegt
die Möglichkeit zu schöpferisch - künstlerischem
Handeln.
Hinzuweisen wäre in diesem Zusammenhang auch auf die Charakterisierungen
der verschiedenen Bewußtseinstufen und deren Mutationen, wie
sie von Jean Gebser in "Ursprung und Gegenwart"beschrieben
wurden. Die vereinheitlichenden Tendenzen finden wir hier vor allem
in den vorrationalen Stufen des mythischen und magischen Denkens.
Da in dieser Vortragsreihe kompetente Fachleute aus dieser Perspek-tive
zu unserem Thema Stellung nehmen werden, erspare ich mir an dieser
Stelle weitere Ausführungen und verweise auf die folgenden
Vorträge.
Modelle für Kreativität aus Gehirnforschung und Chaos-Theorie
Mit den neurophysiologischen Forschungen von Roland Fischer haben
wir den Schritt gemacht von
der Psychologischen zur medizinischen Ebene. Erste Fragen nach der
materiellen Funktionsweise des Gehirns in Zusammenhang mit Kreativität
klin-gen dabei an. Auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahrzehnten
sehr viel ge-tan. Durch moderne Technologien und computergestützte
Simula-tionen konnte ein wenig Licht ins Dunkel unseres Gehirnes
ge-bracht werden. Zumindest was die Außenseite des Problems
an-geht. Wir wollen an dieser Stelle einen kurzen Blick werfen auf
Theorien der Hirnforschung die in letzter Zeit diskutiert wurden
und im Hinblick auf die Frage nach der "Kreativität"neue
Sichtweisen liefern. Begriffe und Denkmodelle aus der Chaos-Forschung
mit ihrer dynamischen Komponente, haben die Vorstellungen der Wissenschaftler
über die Funktionsweise des Gehirns dabei nachhaltig beeinflußt.
Erstaunlicherweise sind die auslösenden Impulse für die
aktuelle Diskussion über das Wesen der Kreativität dabei
nicht etwa von den Geisteswissenschaften ausgegangen, vielmehr waren
es die "harten Naturwissenschaften"- Physik und Chemie
z.B.- die in den letzten Jahrzehnten diese Entwicklung initiiert
haben. Um diese Begrifflichkeiten und Denkmodelle einigermaßen
zu verstehen, ist es an dieser Stelle notwendig, zunächst einen
kleinen Ausflug in die spannenden Gefilde der sogenannten Chaosforschung
zu unternehmen.
A: Begrifflichkeit und Denkmodell aus der "Chaos-Theorie"
Bevor wir im folgenden auf die Impulse aus den Natur-Wissenschaften
etwas näher eingehen, sollten wir uns zunächst jedoch
kurz in Erinnerung rufen, daß grundsätzlichen Änderungen
in wissenschaftstheoretischer Hinsicht notwendig waren, um diese
veränderten Sichtweisen zu ermöglichen. Das Stichwort
hierbei ist der sogenannte "Paradigmen-Wechsel" in der
Wissenschaft. Die Erschütterung eines festgefügten naturwissenschaftlichen
Weltbildes war notwendig, um die Frage nach dem Stellenwert und
der Funktionsweise der "Kreativität" neu zu stellen.
Zwei wesentliche Erkenntnisse sind das Resultat dieses Paradigmen-Wechsels
in der Naturwissenschaft: "Ordnung geht in Chaos über"
und "Ordnung entsteht aus Chaos". Dies sind die zwei Eckpfeiler
der aktuellen Annäherung der "harten Naturwissenschaften"
an das "Schöpferische".
Eine kurze Anmerkung zu den historischen Bedingungen der Chaos-Theorie:
Zu den erkenntnistheoretischen Entwicklungen, die dazu notwendig
waren, ist in der gebotenen Kürze folgendes anzumerken: Wissenschaftliche
Beweisführungen der Neuzeit waren ja ganz stark geprägt
vom Kausalitätsdenken, das seiner Natur nach das Unvorhersehbare
und damit die Wurzel der Kreativität- ausschließen mußte.
Im Dunstkreis des "Laplac'schen Dämons" - (also der
Vorstellung einer allwissenden Wesenheit, die zu einer Zeit Ort
und Geschwindigkeit aller Materieteilchen im Weltall kennt und daher
Vergangenheit und Zukunft exakt berechnen kann (Pierre Simon de
Laplace 1776))-im Dunstkreis dieses zugespitzten Determinismus gibt
es weder so etwas wie Willensfreiheit, geschweige denn Kreativität.
Die Option für ein kreatives Universum wurde erst wieder zu
Beginn unseres Jahrhunderts frei durch die Überlegungen des
Mathematikers Henry Poincaré zum Dreikörperproblem der
Mechanik. Er beschrieb dynamische Systeme, bei denen "kleine
Unterschiede in den Anfangsbedingungen große Unterschiede
in den späteren Erscheinungen bedingen (...) Die Vorhersage
wird unmöglich, und wir haben eine zufällige Erscheinung".
Durch seine mathematische Beweisführung erfuhr die Newton'sche
Weltsicht eine nachhaltige Erschütterung, das mechanistische
Weltbild, das sich auf alle Bereiche der Naturwissenschaft ausgedehnt
hatte, wurde in seine Grenzen verwiesen. Ein weiterer Angriff auf
das festgefügte Weltbild der Naturwissenschaft war in der mathematischen
Grundlagenforschung dann das sogenannte "Unvollständigkeits-theorem"
des Mathematikers Kurt Gödel in den 30er Jahren unseres Jahrhunderts.
Er zeigte auf, daß logische Systeme wie Arithmetik und Algebra
immer Aussagen enthalten müssen, die wahr sind, aber nicht
aus einem bestimmten Axiomensystem ableitbar sind. Das bedeutete,
daß es im Zentrum logischer Strukturen immer eine Informationslücke
gibt, die das ganze System betreffen Durch diese Entwicklungen wurde
ein Freiraum eröffnet für die Erforschung mathematisch
komplexer Systeme, die mit der euklydischen Geometrie nicht mehr
darstellbar sind. Linearen Differential-gleichungen, die bis dato
zur Beschreibung der Wirklichkeit genügten, wurde nun die Weiterentwicklung
der nichtlinearen Gleichungen zur Seite gestellt, mit denen sich
unstete Vorgänge beschreiben lassen. In ihnen spielen Phänomene
wie die "Rückkoppelung" eine wesentliche Rolle (mathematisch
sind dies Terme, die wiederholt mit sich selbst multipliziert werden.)
Sie erlauben die Simulation von Prozessen, bei denen die kleinste
Veränderung einer Variablen chaotische Folgen nach sich zieht.
Durch Iteration, also Rückkoppelungen werden sie so verstärkt,
daß es zur Bildung von Turbulenzen bis hin zum "deterministisches
Chaos" kommt. Beliebtes Beispiel hierfür ist der sogenannte
"Schmetterlingseffekt", bei dem bekanntlich der Flügelschlag
eines Schmetterlings irgendwo auf dem Planeten zum Auslöser
eines Hurrikans an einem anderen Ort werden kann.
Damit fand etwas in die naturwissenschaftliche Diskussion Einzug,
was dieser eigentlich widerstrebt: "Das Chaos". Die bislang
unangefochtene Sicht der Welt, die diese als einen festgefügten
Ablauf nach jederzeit gültigen Gesetzmäßigkeiten
erklärte, diese Weltsicht geriet ins Wanken und mußte
erkennen: "Ordnung kann jederzeit in Chaos umschlagen".
Aber nicht nur die Tatsache, daß Ordnung in Chaos enden kann,
wurde wissenschaftlich diskussionsfähig. Auch der entgegengesetzte
Prozess, nämlich die Entstehung von Ordnung aus Chaos, beziehungsweise
der Übergang von nieder-zu höherwertigen Ordnungen wurde
zu einem breiten Forschungsgebiet. Erinnern wir uns: Nach dem zweiten
thermodynamischen Hauptsatz ist ein System im Gleichgewicht, wenn
es den Zustand maximaler Entropie erreicht hat- ein strukturloses
Chaos ohne Energiegefälle. Der Wärmetod des Universums.
Höhergradige Ordnungen können demnach immer nur in Ordnungen
niedrigeren Grades übergehen -in unserer normalen Alltagswelt
kann also eine Vase beispielsweise in den Zustand eines Scherbenhaufens
übergehen, ein Scherbenhaufen wird aber normalerweise nicht
von sich aus in den Zustand der Vase übergehen. Nun zeigt uns
aber unsere Erfahrung, daß es auf der makroskopischen Ebene
durchaus Systeme gibt, die diesen klassischen Gesetzen der Physik
widersprechen: Das Leben selbst und alle Evolutionsprozesse. Es
war vor allem der belgische Nobelpreiträger Ilja Prigogine
der zusammen mit Isabelle Stengers intensiv diese gegenläufigen
Prozesse untersuchte. Das klassische Entropiekonzept wird von Prigogine
durch den Begriff der "Negentropie", also der negativen
Entropie erweitert. Bei den Systemen, die sie beschreiben, handelt
es sich um offene Systeme, d.h. um Systeme, denen dauernd von außen
Energie zugeführt wird und die Entropie an die Umwelt abgeben.
Diese "Systeme fern vom Gleichgewicht" sind nun in der
Lage, aus sich selbst heraus zu immer komplexeren Ordnungen zu gelangen,
sie organisieren sich quasi selbst. Systeme dieser Art werden von
Prigogine als "Dissipative Strukturen" bezeichnet. Offene
Systeme im "Fließgleichgewicht" kehren den universellen
Trend zur Entropie innerhalb eines beschränkten Bereiches um
und lassen geordnete Srukturen entstehen. Ein anschauliches Beispiel
ist die Flamme einer Kerze. Solch "offene Systeme im Fließgleichgewicht"
sind auch alle Lebewesen, die von der Umgebung Nahrung und Energie
aufnehmen und auch wieder abgeben. Die Selbsterhaltung nichtlinearer
Systeme läßt sich als ein Kommunikationsprozeß
in einem Netz von Rückkoppellungsschleifen beschreiben, das
Chaos schaukelt sich sozusagen zu Ordnung auf. Dieser Prozeß
wird heute mit dem Begriff der "Selbstorganisation" bezeichnet:
"Ordnung entsteht aus Chaos".
An dieser Stelle will ich mit meinem kurzen Abriss naturwissenschaftlicher
Voraussetzungen der Kreativitätsforschung innehalten, um auf
eine Beobachtung am Rande aufmersam zu machen: Wie im Modell von
Roland Fischer das rational-verstandesmäßige, kausallogische
Denken sich als eine kleine Insel inmitten eines "ozeanischen
Gefühl" ausmacht, flankiert von Bewußtseinszuständen
die bis zur mystischen Exstase reichen, in der das Ich sich im chaotisch
All-Einen auflöst, so zeigt sich der Geltungsbereich der Ordnung
in der Natur ebenfalls als ein verschwindend-kleines, unendlich
bedrohtes Gleichgewicht zwischen dem passiven Chaos der Entropie
und dem aktiven Chaos der Turbulenz.
Soweit zunächst einmal unser kleiner Ausflug in die Chaos-Forschung.
Wir haben nun Begriffe wie "deterministisches Chaos","Nicht-Linearität"
"Selbstorganisation" "Rückkoppelung" "Dissipative
Strukturen" "Fraktale" u.s.w kennengelernt. Mit diesen
Begriffen wird seit einiger Zeit in der Kreativitätsforschung
argumentiert, auch die Beschreibungen der Funktionsweise unseres
Gehirns in diesem Zusammenhang stützt sich auf diese Denkmodelle.
Aspekte zur Kreativitätsforschung aus der Hirn-Forschung
Das Gehirn als "Neuronales Netzwerk":
Während ältere Denkmodelle der Kognitionsforschung noch
stark geprägt waren von der Vorstellung, das Gehirn arbeite
nach ähnlichen Prinzipien wie ein Computer,- also Problemlösung
durch linear-kausale Verknüpfung von formalen Regeln, gesteuert
von einem Zentrum- dem zentralen Prozessor- und organisiert in einer
hyrarchischen Ordnung der einzelnen Hirnregionen mit fixierten Funktionen
-das entspricht den Speichereinheiten des Computers-, gehen neuere
Modelle gerade vom Gegenteil aus: Erfolgreich arbeitet unser Gehirn,
weil es eben nicht starren Regeln folgt. Intelligenz gilt demnach
eher als die Fähigkeit zur Improvisation in einer variablen
Welt- das klingt schon wesentlich mehr nach Kreativität. Die
neuere Kognitions-Forschung - die unter dem Namen "Konnektionismus"
bekannt wurde- versteht das Gehirn vielmehr als eine Art "Neuronales
Netzwerk" in dem die Informationen nicht linear-seriell verarbeitet
werden, sondern in dynamischer Wechselwirkung miteinander stehen.
Die Informationsverarbeitung ist also parallel organisiert, die
Verrechnungsergebnisse sind über viele Einheiten des Netzwerks
verteilt und beeinflussen sich ständig gegenseitig. Dies ist
ein Merkmal, das uns unter dem Stichwort "Selbstorganisation"
in der Chaos-Forschung begegnet.
Wie dieser "Selbstorganisationsprozess" im materiellen
Substrat des Gehirns sich zeigt - das Gehirn kann ja in gewissem
Umfang als sichtbares Abbild seiner prozessualen Funktionsweise
betrachtet werden und damit Hinweise auf die unsichtbaren, mentalen
Phänomene liefern,( so der Direktor des Tübinger Max-Plank-Institutes
für biologische Kybernetik Valentin Braitenberg) - wie dieser
Prozess sich abspielen könnte, dazu lieferte der US-Nobelpreisträger
Gerald Edelman folgende Modellvorstellung:
Im Gehirn finden wir eine unvorstellbare Anzahl von Hirnzellen,
den sogenannten Neuronen. Über ihre Fortsätze, den empfangenden
Dendriten und den weiterleitenden Axonen, sind diese Neuronen zu
einem verzweigten Netzwerk verschaltet. Diese Verbindungen verstärken
sich oder schwächen ab, je nach Intensität des Gebrauches.
Bild 1 zeigt die Computergrafische Darstellung eines Zustandes,
in dem die Nervenzellen zunächst noch mehr oder weniger beliebig
und gleichmäßig verknüpft sind. Im Bild 2 dagegen
die Darstellung des Zustandes nach erfolgter Verknüpfung von
Synaptischen Verbindungen auf Grund von Sinneseindrücken oder
von Lernerfolgen. Die Verbindungen, die zur Verarbeitung benutzt
wurden, haben sich verstärkt, sie können nun geordnet
auf Reize antworten ("Synaptic Strength" ist ein Maß
für die Stärke synaptischer Verbindungen)
Aus dem anfänglichen Chaos der gleichmäßigen Verteilung,
hat sich ein Zustand einer höheren, lebendigen Ordnung organisiert.
Die Konnektionisten beschreiben Wahrnehmen, Denken und Erinnerungen
als das Ergebniss der dynamischen Fluktuation in neuronalen Netzwerken
im Sinne eines "Selbstorganisierenden Prozesses"
Ein Beispiel sei hier angeführt:
In der Sehrinde gibt es nach der Geburt zunächst noch viel
zu viele Verbindungen zwischen den Zellen. Wenn die Nervenzellen
durch Signale von den Augen beim Sehen dann aktiv werden, festigen
sich -ohne Befehle oder organisierendes Zentrum-manche dieser Verbindungen,
während die restlichen verkümmern. Ein durch "deterministisches
Chaos" oder blinden Zufall erzeugtes vielfältiges Angebot
erfährt so eine"selektive Stabilsierung", im Falle
der Sehrinde ist dies nur möglich innerhalb einer bestimmten
Phase nach der Geburt. Viele Bereiche unseres Gehirns bleiben jedoch
zeitlebens in diesem Sinne "plastisch". Die Fähigkeit,
sich immer wieder neu zu organisieren ermöglicht uns das Lernen,
das "Umdenken" und damit: die Krativität.
Mit diesen neueren Denkmodellen wurde mittlerweile eine Theorie
über das Lernen rehabilitiert, die der kanadische Psychologe
Donald Hebb vor 40 Jahren gegen den Strich der damals vorherrschenden
Computer-orientierten Vorstellungen formulierte. Das Problem das
sich jedoch aus der Theorie von Hebb ergibt, ist zum einen die Frage,
wie es möglich ist, auch in Sekundenschnelle neue Wahrnehmungen
zu erfassen und vor allem: Wie können wir prinzipiell auf qualitativ
neue, also kreative Gedanken kommen? Bezüglich des ersten Teiles
der Fragestellung ist die Forschung mittlerweile ein Stück
vorangekommen. Der deutsche Hirnforscher Christph Malsburg schlug
schon 1981 ein Erklärungsmodell vor, nach dem sich innerhalb
von Millisekunden kurzfristig stabile Strukturen in Form von Zell-Ensembles
bilden können, indem Neuronen, die Zusammengehörendes
repräsentieren, in schnellen, korrelierenden Schwingungen synchron
"feuern". Dies könnte ein Erklärungsmodell für
das Zustandekommen "innerer Repräsentation" in unvorstellbar
kleinen Zeiträumen sein. Viele Forschungsergebnisse der letzten
Zeit, ermutigen die Forscher, in dieser Richtung weiter zu denken.
Die Rolle des Chaos im Gehirn
So präsentiert z.B. der Hirn-Forscher Walter Freeman von der
Universität Berkeley Forschungsergebnisse über die Entstehung
von Sinneswahrnehmung anhand der Untersuchung des Riechzentrums
bei Kaninchen, die ihn zu ähnlichen Interpretationen führten.
Die Geruchseindrücke entstehen nach seiner Anschauung durch
eine hochgradige Rückkoppelung der Nervenzellen im Riechkolben,
quasi einem "deterministischen Chaos". Dieses ist gezielt
veränderbar z.B. durch einen Sinneseindruck, wobei durch leichte
Veränderung von Parametern ein neuer "Attraktor",
ohne langwieriges Suchen, blitzschnell angesteuert werden kann.
Dieses Chaos ermöglicht es auch, einen Attraktor wieder zu
verlassen, d.h. im Falle des Kaninchens einen empfangenen Geruch
auch wieder zu relativieren und neue Eindrücke aufzunehmen.
Deterministisches Chaos verhindert also Starrheit in der Wahrnehmung
und damit auch im Gehirn. Neue Eindrücke können von neuronalen
Netzwerken als solche erkannt werden, indem das deterministische
Chaos das Gehirn davor bewahrt, in bereits gelernte Schwingungszustände
zu verfallen. Ohne dieses Chaos wären wir nach Freeman`s Theorie
also schwer lernbehindert, zumindest wären neue Eindrücke
und kreative Ideen kaum möglich. Diese grundlegenden chaotischen
Prozesse in unserem Gehirn bilden sozusagen einen ständigen
Hintergrund an Überschußaktivität. Zumindest was
den energetischen Aspekt der Möglichkeit auf neue Gedanken
zu kommen angeht, scheint sich hier eine Erklärung für
das "Freie Spiel der Phantasie" abzuzeichnen. Freeman
erweitert und kritisiert die Denkmodelle der Konnektionisten dahingehend,
daß ihre "neuronalen Netzwerke" noch immer nach
Regeln funktionieren, nach denen das einzelne Neuron auf emfangende
Reize reagiert und betont stattdessen die Bedeutung des chaotischen
Hintergrundes in der Gehirnaktivität. Die Tatsache, daß
es qualitativ neue Gedanken geben kann, ist m.E. mit dem Bild des
"Deterministischen Chaos im Gehirn" einigermaßen
zu erklären.
Ein anderes Erklärungsmodell für die Funktionsweise des
Gehirns wurde von den Systemwissenschaftlern William Gray und Paul
LaViolette vorgelegt und ist für unsere Thematik ebenfalls
aufschlußreich. Ihre Fragestellung bezieht sich nämlich
auch darauf, wie es dem Gehirn möglich ist, seine Gedanken
und Reaktionen zu verändern, sprich: kreativ zu sein. Auch
in diesem Modell steht die Nichtlinearität im Zentrum der Überlegungen,
allerdings in einem anderen Zusammenhang. Ausgangspunkt ihrer Modellvorstellung
ist ein rückgekoppelter Regelkreis zwischen der Gehirnrinde
und dem limbischen System. In diesem beginnt das Denken als ein
Chaos von diffusen Empfindungen, Nuancen und Gefühlstönen,
aus dem dann die Gehirninde einige Nuancen auswählt und verstärkt
in die Rückkoppelungsschleife zurückgibt. Dieser Prozess
führt-wie es von Prigogine an anderen Beispielen erläutert
wurde- zu nichtlinearer Verstärkung und organisiert so eine
Ordnung aus dem anfänglichen Chaos heraus. Der bewußte,
rationale Gedanke ist somit nach LaViolette "Vereinfachungen
und Stereotype von Gefühlstönen, ...Karrikaturen der Wirklichkeit"
Verborgen hinter dieser Schicht der bewußten Gedanken und
Wahrnehmungen liegen Schichten von Empfindungen und Gefühlen,
die weiterhin in den Rückkoppelungsschleifen unseres Gehirnes
zirkulieren. Dadurch ergibt sich aber die Möglichkeit, daß
sich aus diesem Reservoir neue organisierende Gedanken durch andere
Verstärkungen herausbilden können. Der nichtlineare Rückkoppelungsprozess
zwischen limbischem System und Gehirnrinde ist es also, der nach
dieser Theorie neue kreative Erfahrungen ermöglicht.
Eine Aussage von Prigogine über unser Gehirn fasst diese Forschungsergebnisse
zusammen: "Es ist bekannt daß das Herz im Prinzip regelmäßig
schlagen muß, weil wir sonst stürben. Das Hirn aber muß
im Prinzip unregelmäßig arbeiten, sonst würden wir
epileptisch. Dies zeigt, daß Unregelmäßigkeit,
Chaos zu komplexen Systemen führt.Das bedeutet nicht etwa Unordnung,
im Gegenteil, ich würde sagen,gerade das Chaos macht das Leben
und die Intelligenz möglich. Das Gehirn ist im Verlauf des
Selektionsprozesses so instabil geworden,daß die kleinste
Einwirkung zum Entstehen von Ordnung führen kann." Wir
können als Resümee dieser komplexen Theorien, die ich
natürlich nur sehr bruchstückhaft wiedergeben konnte,
zumindest eines festhalten:
Nichtlinearität und Chaos sind grundlegende Funktionsweisen
des Gehirns,in denen unsere geordneten Bewußtseinsinhalte
und Ideen verwurzelt sind,in ihnen scheint eine mögliche Quelle
der Kreativität zu liegen.
Ein anderer Fragenkomplex ergibt sich an dieser Stelle jedoch aus
der Frage nach der Qualität, dem Sinn oder Unsinn von kreativen
Einfällen. Nicht jeder Unsinn wird von uns als kreativ bewertet,
wie wir in dem Beispiel zu Beginn des Vortrages schon gezeigt haben.
Um diese Frage also aufzuhellen, müssen wir an dieser Stelle
die innere Struktur von kreativen Ideen etwas näher betrachten.
Auch hier haben Denkmodelle aus dem Umfeld der Chaostheorie einige
plausible Hinweise geliefert.
Das Schöpferische als "Generative Ordnung": Die Theorie
von Peat/Bohm
Wollen wir die Struktur von "Sinn"in Zusammenhang mit
kreativen Einfällen untersuchen, so sind die Gedanken hilfreich,
die von den Physikern David Bohm und David Peat in ihrer gemeinsamen
Veröffentlichung zum Thema "Wissenschaft, Ordnung und
Kreativität" dargelegt werden. Sie gehen davon aus, daß
alles was geschieht, in einer Ordnung stattfindet. Deren Sinnhaftigkeit
ist jedoch von breiteren Kontexten, als demjenigen der betrachteten
Ordnung, abhängig. Gewissermaßen sind also Ordnungen
immer eingefaltet in umfassendere Ordnungen. In physikalischen Systemen
gibt es demnach ein ganzes Spektrum von Ordnungen: deterministische
Ordnungen niedrigen Grades am einen Ende und chaotische Zufälligkeit
am anderen Ende des Ordnungsspektrums. Dazwischen liegen weitere
Ordnungen von großer Subtilität, die weder deterministisch,
noch chaotisch sind. Dieser Bereich des Ordnungsspektrum könnte
nach Meinung von Peat und Bohm derjenige sein, auf dem die Prozesse
des Lebendigen beruhen, in diesem Bereich des Ordnungsspektrums
ist auch der Begriff der "Dissipativen Strukturen" von
Prigogine anzusiedeln.
In dieser komplexen Struktur der Gestzmäßigkeiten sind
nun deterministische und zufällige Ordnung derart ineinander
verflochten, daß ein Ereigniss, das in einem Kontext als Zufall
bezeichnet werden muß, in einem anderen, breiteren Kontext
sich als notwendig erweist und umgekehrt. (ANMERKUNG: Diese Problematik
ist in Therapiezusammenhängen extrem evident: Der "Sinn"
eines Schicksal-Ereignisses ist je nach Einordnung in einen momentan-individuellen
Erlebniszusammenhang oder in einen breiteren, menschheitlich oder
individual-biografischen Zusammenhang sehr unterschiedlich: Es kann
dasselbe Ereignis als tragische Ungerechtigkeit oder als heilsame
Chance der Wandlung interpretiert werden.) Diese Bandbreite von
Ordnungssystemen impliziert also, daß in einem begrenzten
Ausschnitt Ordnungen enthalten sein können, die in diesem Kontext
"verborgen" bleiben, in anderen Kontexten sich jedoch
zeigen lassen. Beispielsweise läßt sich die Ordnung der
Sprache nicht aus einer Analyse der Tonwellenschwingungen des Gesprochenen
ableiten, obwohl diese natürlich das materielle Korrelat der
Sprache ausmachen. Wollte man dies versuchen, hätte man einfach
die falsche "Ordnungsebene" als Kontext gewählt.
Peat und Bohm fassen also den Ordnungbegriff nicht nur unter dem
herkömmlichen Aspekt der Bildung von kausal-logischen Abfolgen,
vielmehr umfasst der Ordnungsbegriff auch die Möglichkeit,
Formen, Figuren und Prozesse in ihrem Entstehen zu beschreiben.
Diesen Aspekt nennen sie "GENERATIVE ORDNUNG" Was ist
mit diesem Begriff gemeint, der im folgenden seine Relevanz für
die Beschreibung kreativer Prozesse erweisen wird?
Als einen Wesenszug der generativen Ordnung bezeichnen Peat/Bohm
die Tatsache, daß ausgehend von einer breiten, umfassenden
Gesamtwahrnehmung, ein Schöpfungsprozess in Gang gesetzt werden
kann: das "Generieren". Das Allgemeine entfaltet sich
dabei im Besonderen, es erscheint in konkreten Formen. Das erinnert
sehr an das schon lange bekannte Phänomen, daß das "Ganze
mehr ist als die Teile". Peat/Bohm verweisen in diesem Zusammenhang
zum Einen auf die Fraktale Geometrie von Mandelbrot, bei der aus
einer einfachen Grundform durch rückgekoppelte Prozesse komplexe
Ordnungen entstehen, die gekennzeichnt sind durch Selbstähnlichkeit,
d.h. jedes Detail beinhaltet eine Wiederspiegelung des Ganzen.
Als weiteres Anschauungsmaterial für "Generative Ordnungen"
verweisen sie interessanterweise auf das Beispiel der "Urpflanze"
von Goethe. Mit diesem Begriff hatte Goethe bekanntlich nicht eine
konkret vorkommende Pflanze gemeint, aus der sich in Darwins Sinne
die weitere Pflanzenevolution ergeben hat, vielmehr ist damit ein
zu denkendes Prinzip gemeint, das allen Pflanzen zugrunde liegt.
Im Sinne von Peat/Bohm also eine generative Ordnung.
Das generative Prinzip, das in der Pflanzenentwicklung explizit
wird, enthält eine in ihr angelegte-implizite-Ordnung von Formen,
die sich nach Goethe als dynamische Verwandlung in einer Reihe von
Formmetamorphosen entfaltet. Das "Besondere" ist dabei
nicht als eine hierarchische Subsumierung unter das "Allgemeine"
zu verstehen, vielmehr ist das Allgemeine jederzeit im Besonderen
gegenwärtig. Das Hervortreten aus der "eingefalteten Ordnung"
ins Konkret-Sichtbare ist also nicht in der zeitlichen und kausalen
Abfolge gemeint im Sinne der Evolution, vielmehr wirkt das generative
Prinzip Jederzeit in die Zeit herein. Zusammenfassend läßt
sich also zum Problem der "Sinnhaftigkeit" von kreativen
Innovationen festhalten: Die "Sinnhaftigkeit" einer kreativen
Idee würde nach diesem Denkmodell sich dadurch erweisen, daß
das NEUE einen sinnvollen Zusammenhang mit dem Bestehenden hat,
da es aus einem gemeinsamen Ursprung mit dem Bestehenden "generiert"
wurde. Der schöpferische Mensch ist sowohl ein Produkt des
generativen Prozesses der Evolution, als auch ein integraler Bestandteil
der unvorstellbar differenziert ineinanderwirkenden Gesamtrealität.
Damit hat er Anteil an diesem Gesamtkontext und am "Ursprung"-
und damit zumindest die Möglichkeit zu sinnvoll-schöpferischen
Ideen. Daß damit aber auch die Möglichkeit zu Irrtum
und Unsinn verbunden ist, ist die andere Seite die konstitutiv mit
Kreativität verbunden ist. In ihr zeigt sich uns das Janusgesicht
der menschlichen Freiheit.
Beschreibung kreativer Prozesse in der Kunst auf dem Hintergrund
der Denkmodelle von
Hirnforschung und Chaostheorie
Nachdem wir nun einige Theorien angeführt haben, die sozusagen
die "Bedingungen" der Kreativität untersuchen, wollen
wir uns nun den konkreten Erfahrungen zuwenden, die den schöpferischen
Zustand kennzeichnen.
Dazu will ich mich zunächst nochmals auf das Denkmodell von
LaViolette und Gray beziehen. Ausgangspunkt für den kreativen
Prozess war in ihrer Theorie das Chaos von diffusen Empfindungen
und Gefühlstönen, aus dem dann die Gehirnrinde einige
Nuancen auswählt und verstärkt in die Rückkoppelungsschleife
zurückgibt. In diesem Zustand der Wahrnehmung von "Nuancen"
betreten wir den Grenzbereich zwischen Chaos und Ordnung und intendieren
den Ablauf eines Selbstorganisationsprozesses der zu qualitativ
neuen Lösungen führt. Was also am Anfang des schöpferischen
Prozesses steht, ist ein Zustand der "Offenheit" der "Entsicherung",
das Aufgeben bisher gültiger Erfahrungen und Lösungsstrategien.
Etwas zugespitzt möchte ich sogar formulieren: Das Aufgeben
des zielorientierten Suchens überhaupt. Also nicht: Wer sucht
der findet- vielmehr: wer nicht sucht, der findet, oder in der berühmten
Formulierung von Picasso: "ich suche nicht, ich finde".
Um dies nachzuvollziehen, können sie sich das typische Problem
vergegenwärtigen, wenn einem ein Name oder Begriff entfallen
ist: solange man an das Problem denkt, will sich die Lösung
nicht einstellen, sie wird geradezu dadurch blockiert. Das einzigste
was hilft, ist das Problem schlichtweg zu vergessen. Ohne daran
weiter zu denken, stellt sich nach einiger Zeit schlagartig der
gesuchte Begriff ein. Anscheinend wurde im "selbstorganisierten
Suchprozess" auf Wegen weitergesucht, die von unserem willentlichen
Suchen gerade gemieden wurden. Der Begriff des "Zufalls"
bekommt hier eine ganz neue Bedeutung: "etwas fällt uns
zu"- wir müssen lediglich die Bereitschaft zum "Auffangen"
entwickeln. Kennzeichnend für eine kreativen Grundhaltung scheint
also die Fähigkeit zu sein, in Ungewissheit ausharren zu können,
die Antennen der Inspiration, der Intuition ind der Imagination
auf Emfang gestellt.
Der Grad der Offenheit und der Emfindlichkeit für "Nuancen"
ist von Mensch zu Mensch erfahrungsgemäß verschieden,
diese Sensibilität ist also zumindest teilweise biografisch
bedingt, m.E. jedoch auch in gewissem Umfang erlernbar und lehrbar.
Daß das Verhalten der sozialen Umwelt in der konkreten Situation
dabei auch eine wesentliche Rolle spielt ist ebenfalls evident.
So gehört es z.B. beim bekannten "Brainstorming"
zu einer Grundregel, daß absolute Kritikvermeidung geübt
werden muß. In einem Arbeitszusammenhang, der geprägt
ist von Mißtrauen, Geringschätzung und Konkurrenzdenken
kann daher prinzipiell keine kreative Problemlösung stattfinden.
Nun wäre es natürlich unsinnig, kreative und intuitive
Menschen auf die Rolle des passiven Zufallsempfängers zu reduzieren.
Es ist gerade der Rückkoppelungsprozess zwischen aktivem Zutun
und passivem Zulassen, der den Zustand des chöpferischen charakterisiert-
also ein Medialer Zustand. Das "Zufallende" muß
ja auch wahrgenommen, selektiert und bearbeitet werden und in die
Rückkoppelungsschleife neu eingespeist werden, um den schöpferischen
Prozess in Gang zu halten. Der Mediale Zustand des Schöpferischen
verlangt also eine widersprüchliche, ambivalente innere Haltung
des Menschen: Zum einen braucht es eine gewisse Zielorientiertheit,
um die Richtung der "Nuancen-Selektion" zu steuern, zum
anderen braucht es die eben geschilderte Passivität des Zulassens.
Es ist also keineswegs so, daß kritische Wachheit und Selbstreflexion
vollständig ausgeschaltet sind, dies würde nur zu einem
minderwertigen Zufallsprodukt führen, ohne weitere Bedeutung.
Um nochmals auf das Roland-Fischer-Modell Bezug zu nehmen: der mittlere
Zustand der rationalen Bewußtseinsebene ist nicht vollständig
ausgeschaltet, sondern nur in gewissem Umfang "neutralisiert"
durch gleichzeitig aktivierte Zustände des Bewußtseins,
die das Spektrum sozusagen "in die Breite ziehen"
Diesem Bewußtseinszustand, der zugleich rational und nicht-rational
ist - nach Neumann die schöpferische Bewußtseinshaltung,
nach Gebser die integraler Bewutseinsebene- diesem Bewußtseinszustand
entspricht konsequenterweise auch nicht ein Denken in exakten Begriffen.
Die Art der Begrifflichkeit, die hier zur Anwendung kommt, läßt
sich charakterisieren als ein "Denken in Metaphern". Metaphern
unterscheiden sich von exakten Begriffen und von Symbolen durch
ihre immanente Mehrdeutigkeit. Mit Metaphern können verschiedene
Aspekte oder Ebenen gleichzeitig beschrieben werden, sie stehen
zugleich für verschiedene Tatbestände, ohne daß
einer den anderen ausschließt. Etwas wird erzählt, und
jeder Zuhörer hört zugleich weitere Bedeutungsmöglichkeiten
der Erzählung neben der offensichtlichen Aussage heraus. Dieses
vieldeutige Denken charakterisiert den kreativen Prozess, es wundert
uns also nicht, daß das Wesen des Kunstwerkes auch von ihm
geprägt ist. Bekanntlich hat ja Immanuel Kant das Besondere
der ästhetischen Wahrnehmung in seiner "Kritik der Urteilskraft"
versucht zu fassen, indem er es in Absetzung zur Idee der Vernunft
wie folgt charakterisiert hat: "unter einer ästhetischen
Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft,
die viel zu denken veranlaßt,ohne daß ihr jedoch irgendein
bestimmter Gedanke, d.i. Begriff, adäquat sein kann."
(Kritik der Urteilskraft, B.192)
Aus der Sicht der heutigen Hirn-Forschung ist diese Besonderheit
des Ästhetischen also keinesfalls verwunderlich, sondern geradezu
unvermeidlich. Ästhetische Wahrnehmung lebt gewissermaßen
von den "Informationslücken", von dem, was wir mehr
ahnen als wissen können. Sie bleibt daher auch immer offen,
es gibt keine eindeutige oder endgültige Interpretation von
Kunstwerken, keine Lösung für das Rätsel eines Bildes.
Eine Beobnachtung, die man als Künstler während des schöpferischen
Prozesses immer wieder machen kann, ist die Eigentümlichkeit,
daß die Entwicklung-oder besser gesagt: die "Entfaltung"
eines Werkes immer irgendwie mit der Endfassung zu tun hat, auf
diese verweist, sie irgenwie schon impliziert, ohne daß diese
natürlich schon vorhanden ist. Subjektiv wird der schöpferische
Prozess in einer gewisse Paradoxie wahrgenommen. Des Künstlers
Joseph Beuys, der ja mit Chaostheorie noch nichts an seinem bekannten
Hut hatte, fand für den schöpferischen Prozess die schöne
Formulierung: Aber die ursache liegt in der Zukunft". Dieser
Satz selbst stellt gewissermaßen ein iteratives Paradox dar,
Ursachen können ja bekanntlich nur in der Vergangenheit liegen.
Hier ist aber angedeutet, daß das unbekannte Ziel auf geheimnisvolle
Weise den Prozess steuert, möglicherweise in eben der Weise,
wie wir sie in der Chaos-Theorie kennengelernt haben:
Als iterative Rückkoppelungsprozesse, bei denen die Zwischenlösungen
jeweils in die Ausgangsgleichung zurückgespeist werden. Konkret
erlebt man das im künstlerisch-kreativen Prozess so, daß
Zufälle aufgegriffen oder verworfen werden, und zwar mit einer
Dynamik, die subjektiv zielorientiert erlebt wird, ohne das Ziel
jedoch zu kennen. Diese Eigentümlichkeit kann auch beschrieben
werden mit dem Begriff der "Entfaltung der generativen Ordnung"
in der Theorie von Peat und Bohm. Es ist ja so, daß das Wissen,
die Erfahrung, der Gesamtkontext der individuellen und sozialen
Biografie- mit einem Wort: das Leben eines schöpferischen Menschen
wie eine "umfassendere Ordnung" immer präsent ist.
Diese umfassendere Ordnung scheint den speziellen kreativen Prozess
an einem konkreten Werk gewissermaßen zu organisieren.
Daher ist immer eine Ahnung schon da, was sich dabei entfaltet,
von daher auch die Möglichkeit zu entscheiden, wann ein konkretes
Werk fertig ist, also eine Innere Schlüssigkeit gefunden hat.
Und des weiteren kann man als Künstler sogar ein bezeichnendes
Paradox wahrnehmen, das ebenfalls auf diese Eingebundenheit in eine
generative Ordnung hinweist: Im Augenblick der Entscheidung, daß
ein Werk vollendet ist, ergibt sich aus diesem schon wieder eine
neue Fragestellung, die innere Notwendigkeit einer weiteren Arbeit.
Der schöpferische Prozess gebiert sich sozusagen immer wieder
neu aus sich selbst heraus.
Eine weitere Erfahrung die man als Künstler immer wieder machen
kann, und die ebenfalls auf die generative Ordnung und auf Rückkoppelungsprozesse
verweist, ist folgende: Ideen, die in gewissem Sinne noch nicht
reif sind, die bei der Bearbeitung stecken bleiben, als Werk nicht
zu einer akzeptablen Lösung führen und deshalb weggelegt
werden, leben "im Untergrund" weiter. D.h sie werden ohne
unsere Wahrnehmung weiterbearbeitet, im Bild der Hirnforschungs-Theorien
also wieder in "Rückkoppelungsschleifen" eingespeist,-
und tauchen nach einiger Zeit- manchmal nach Jahren- in veränderter
Weise wieder auf. Was noch nicht abgeschlossen ist,-auch im Sinne
der Gestalttheorie- geht also nicht verloren, sondern bleibt als
"Arbeitmaterial" solange bestehen, bis sich ein schlüssiges
Werk daraus entwickelt hat.
Die Bedeutung von "impliziten Ordnungen" für den
ästhetischen Prozess, läßt sich auch verdeutlichen,
in der Gegenüberstellung von bildnerischen Werken und musikalischen,
dramatischen oder literarischen Werken. Das interessante ist dabei,
wie sich das Phänomen der "Entfaltungen " von Ordnungen
auf gegensätzliche Weise realisiert. In der bildnerischen Realisation
faltet sich gewissermaßen der Zeitprozess beim Entstehen des
Werkes in das Bild hinein: Die einzelnen Stufen der Bildbearbeitung
lagern sich übereinander, erzeugen in ihrem zeitlichen "Hintereinander"
das Endergebniss, das vom Kunstrezipienten dann aber in einem einzigen
Moment erfasst wird. In diesem Augenblick sind alle Zustände
gleichzeitig gegenwärtig, die während der Bildentstehung
eine Rolle spielten. Dem Zeitprozess des Schöpfers entspricht
der ästhetische Augenblick beim Rezipienten. Der gegenteilige
Prozess spielt sich in den Kunstgattungen ab, die als "Zeitkünste"
charakterisierbar sind, also Werke, zu deren Natur der Ablauf in
der Zeit gehört, also z.B. Musik, Tanz Theater, Literatur.
Bei diesen "Zeitkünsten" spielt der umgekehrte Prozess
eine Rolle. Das Werk, das von seinem Urheber als etwas Ganzes, in
sich geschlossenes hervorgebracht wurde,entfaltet sich vor den Augen
und Ohren des Rezipienten in einem Zeitprozess: Ein Teil nach dem
anderen wird ihm übermittelt- Note um Note, Wort um Wort- und
im Verlauf der Werkaufführung entsteht im Rezipienten wiederum
ein ganzheitliches, aufeinander bezogenes Werk. Es ist immer wieder
erstaunlich zu erleben, wie dies funktioniert- wie einzelne Töne,
Melodien und Themen zunächst eine Stimmung erzeugen, die sich
dann entfaltet und ausgeführt wird in einem musikalischen Werk.
Die Ordnung, die das ganze Musikstück charakterisiert ist bei
einem gelungenen Werk dabei jederzeit im Zuhörer-quasi wie
eine Matritze- präsent. Sie steuert seine Rezeption und läßt
in ihm das Werk als "Ganzes" erklingen, obwohl nüchtern
betrachtet zu einem bestimmten Zeitpunkt tatsächlich immer
nur ein minimaler Prozentsatz an Tönen zu hören ist. Musikstücke
sind so gesehen vielleicht für Menschen, die selbst keine Kunst
ausüben, eine Möglichkeit, dennoch in gewisser Weise,
schöpferisch tätig zu sein.
Die Rezeption eines kreativen Werkes ist also insofern ebenfalls
als eine Form der Kreativität zu bewerten, als der Rezipient
beim "Lesen" und Verstehen eines Kunstwerkes innerlich
in sich selbst denselben Wahrnehmungs und- Entfaltungsprozess von
Ordnungen durchläuft, wie der Künstler, Diese Ordnungen
sind beschreibbar als die Struktur eines Werkes, die Form, in der
sich der konkrete Inhalt gewissermaßen hineinverwandelt hat.
Während der Inhalt, also der Gehalt oder der "Sinn"
eines Werkes jederzeit präsent ist-also der Zeit sozusagen
enthoben ist- stellt die "Form" den zeitlich-gebundenen
Aspekt des Werkes dar. In Musik, Theater, Literatur usw. ist die
Form nur erfassbar, in zeitlichem Abstand zum Erleben des Inhaltes,
in der traditionellen,bildhaften Kunst begegnet uns zunächst
das Werk immer als Form, in der die Zeitprozesse "eingefaltet"
sind.
Mit dem Denkmodell von Peat und Bohm lassen sich auch weitere Phänomene
des schöpferischen Prozesses beschreiben. Bei der Entwicklung
einer schöpferischen Arbeit ist auch zu beobachten, daß
sie trotz aller Unfertigkeit immer etwas in sich abgeschlossenes,
quasi "fertiges" an sich hat. Ein berühmtes Beispiel
sind die unvollendeten Werke von Michelangelo, die in der Akademia
in Florenz zu sehen sind.
Es kann geradezu als ein Merkmal der Kunst der klassischen Moderne
bezeichnet werden, daß diese skizzenhaften und dennoch fertig
wirkenden Zwischenzustände eines Kunstwerkes thematisiert wurden
und zu eigenständigen Werkentwicklungen führten. Im "Einfachen"
der frühen Entfaltungszustände eines Werkes nimmt der
Künstler schon denselben "Inhalt" und "Wahrheitsgehalt"
wahr, wie er sich im ausdifferenzierten Werk jedem Betrachter offenbart.
Von daher ist die kunstimmanente Tendenz zur Vereinfachung des Endzustandes
erklärbar. Diese Tendenz kann nicht nur in der modernen Kunstgeschichte
aufgezeigt werden, sondern ist kennzeichnend für die Werkentwicklung
zahlreicher Künstler der klassischen Moderne. Auch die Wahrnehmungsgewohnheiten
der Kunstbetrachter wurden damit konsequent verschoben, ein Werk,
das früher als "unfertig" erlebt wurde, ist heute
allgemein als abgeschlossen rezipierbar.
(Anmerkung: Aus jeder Vereinfachung ergibt sich natürlich die
Möglichkeit einer neuen Differenzierung und Komplexität.
Wie bei einem Baum entfalten sich die neuen "Bifurkationsäste"
der nunmehr individuell-spezifisierten künstlerischen Fragestellung
in den Werken der einzelnen Künstler zu neuer Komplexität
Beispiel:Malewich)
Die schöpferische Wahrnehmung entfaltet sich also nach dem
"Prinzip der generativen Ordnung" vom Allgemeinen zum
weniger allgemeinen. Das "Ganze" entwickelt sich nicht
aus der Akkumulation einzelner Teile, vielmehr ist das "Besondere"
jeweils ein Spiegelbild des "Allgemeinen", die Prinzipien
des noch nicht anwesenden Ganzen sind im Erscheinen des konkreten
Teilaspektes schon gegenwärtig, und zwar als Ganzes.
Das erinnert an den Begriff der "Fraktale" von Mandelbrot.
Wenn es stimmt, daß das sichtbare Werk eine Widerspiegelung
des zugrundeliegenden Prozesses ist -wie wir dies ja schon im Abschnitt
über Gestaltpsychologische Aspekte des Schöpferischen
aufgezeigt haben- so müßten demnach der generative Prozess
sich in einer Fraktalen Natur des Werkes aufzeigen lassen.
Tatsächlich ist dies in vielen Kunstwerken möglich, in
einigen relativ offensichtlich, in anderen Fällen mehr verborgen.
Zunächst ein Bild, in dem sich das fraktale Prinzip sehr vordergründig
zeigt, und das direkt durch Anwendung mathematischer Gleichungen
erzeugt wurde:
Der "Ariadnefaden, der die fraktalen Muster generiert, ist
die "Selbstähnlichkeit", also die Strukturen, die
sich im Detail wie in größeren Ausschnitten wiederholen
und durch Rückkoppellungsprozesse entstehen.
Eine Kunstart, die zum frühesten Bestand der Kunstentwicklung
in der Menschheitsgeschichte gehört, ist mit diesen fraktalen
Mustern eng verwandt. Ich meine damit die Kunst des "Ornamentes".
Auch hier begegnen uns ständig rythmische Wiederholungen und
Ähnlichkeiten im Detail und im Ganzen. Diese Bilder haben eine
starke psychische Wirkung auf den Betrachter.Das hat meines Erachtens
folgenden Grund: Ornamentalen Muster- seien es die magischen Muster
älterer Kulturen und fremder Kulturkreise, die Fraktalen Bilder
der Computer-Freaks, die ornamentalen Gestaltungstendenzen von Psychotikern
und Drogen-Halluzinationen oder auch der kulturelle Restbestand
des "Gelsenkirchner-Barock"- sind deshalb so zwingend,
weil sie direkt im Bild den Prozess der Kreativität selbst
darstellen. Das Geschehen, das sich als schöpferische Dynamik
einerseits in der Natur abspielt und zum anderen - wie wir in den
Denkmodellen der Hirnforschung aufgezeigt haben - eben auch in den
Selbstorganisationsprozessen unserer mentalen Ebene, ist das strukturierende
Agens dieser Bildmuster. Dieser Prozess muß seiner Natur entsprechend
zwangsläufig zur Bildung fraktaler Formen führen. In diesen
Bildern des "eingefrorenen Wachstumsprozesses" erkennt
sich also unser Organsystem gewissermaßen in seinem Funktionieren
selbst wieder. Das macht diese Bilder einerseits so anziehend,-
für unser modernes Bewußtsein aber auch auf der anderen
Seite befremdlich, banal oder bedrohlich.
Wir sind in diesem Abschnitt von der Fragestellung ausgegangen,
inwiefern sich die fraktale Dimension unserer mentalen Prozesse
im Zustand er Kreativität in ästhetischen Werken aufzeigen
läßt. Dies erscheint relativ einfach und schlüssig
bei den Mustern der fraktalen Computergrafiken und im traditionellen
kunsthandwerklichen Ornament. Wir wollen uns jedoch auch die Frage
vorlegen, inwiefern dies auch bei anderen ästhetischen Werken,
also in Werken der Malerei, Skulptur, der Dichtung oder der Musik
möglich ist.
Einer der ersten Künstler, der die Fruchtbarkeit der modernen
Mathematische Forschung für die Malerei erkannte, war der früh
verstorbene Beuys-Schüler Blinky Palermo. Von den Innovationen,
die er in in den 80er Jahren in die moderne Malerei einbrachte,
zehrt heute noch ein nicht unwesentlicher Teil der aktuellen Kunstproduktion.
Palermo bat einmal eine Kunstkommentatorin, die über seine
Arbeit berichten wollte, lediglich einen Zeitungstext über
die sogenannte Katastrophentheorie des Mathematikers Rene Thoms
zu veröffentlichen. Diese Theorie steht in enger Korrespondenz
zu dem, was wir heut "Chaos-Theorie" nennen.
Nun haben diese Arbeiten zunächst ja wenig mit dem gemein,
was wir "chaotisch" nennen. Ich meine dennoch, daß
Palermos eigener Hinweis die richtige Spur zu ihrem Verständnis
ist. Wie selten bei einer bildnerischen Arbeit so deutlich zu sehen
ist, lebt hier alles vom Bezug zueinander: die einzelnen Elemente
innerhalb eines Bildes, die Zuordnungen der Bilder an der Wand und
im Raum, der Bezug der Elemente zum konkreten Ausstellungsraum.
Alles verweist aufeinander und erklärt sich gegenseitig. Eine
"Fraktale Ordnung" der Selbstbezüglichkeit wird in
ihnen sichtbar vom Entstehungsprozess bis zur Präsentation.
Bilder zeigen uns die fraktale Natur des schöpferischen Prozesses
manchmal ganz direkt, meistens aber in größerer Koplexität
in ihrer bildimmanenten Komposition.
An einem alten Gemälde von Hans Memling aus dem 15 Jahrhundert
lassen sich fraktale Bezüge exemplarisch aufzeigen. (Anmerkung:
Daß das Ornamentale für Memling eine ganz wesentliche
Bedeutung hatte, läßt sich auch an seiner Liebe zur Darstellung
von Teppichmustern im Bildhintergrund aufzeigen. Nicht zufällig
wird eines der wichtigsten Teppich-Ornamente nach ihm als "Memling-Göl"
bezeichnet!) Die "selbstähnlichen" Strukturen, also
die fraktale Charakteristik zeigt sich in diesem Gemälde in
der Bevorzugung und Wiederholung einer bestimmten geometrischen
Figur, dem spitz zulaufenden Oval, in unterschiedlichen Dimensionen.
(Gesichtsform, Augenform, Halsausschnitt, Hutform, Handhaltung,
Muster der Halskette)
Fraktale Selbstähnlichkeit kann sich jedoch auch in Farbwahl,
Farbauftrag und Verteilung zeigen Wenn die fraktale Dimension tatsächlich
den "eingefalteten" Aspekt einer umfassenderen Ordnung
präsentiert, wie dies von Peat/Bohm angenommen wird, so müßte
die bildimmanente Fraktalität jedoch auch über formale
Werte hinausweisen und sich auf das inhaltliche Thema und selbst
auf pesönlich-biografische Aspekte des Künstlers beziehen.
Als Dozent einer Kunstklasse habe ich viel Gelegenheit, diesen Zusammenhängen
nachzuspüren. In dieser Arbeit einer Studentin ist diese Rückkoppelung
zwischen Bildinhalt (dem Fließen des Wassers) und formaler
Bildlösung gut nachzuvollziehen: Das Bild wurde komponiert
als eine Fließstruktur aus Einzelphotos, dem "Fixierend-Festhaltenden-Zerteilenden"
des Photoapparates wurde ein zeitlich fließendes abgerungen,
es wurde in eine Bewegung gebracht durch die gewählte Art der
Darstellung: also nicht etwa als photographisches Einzelbild, sondern
in Anlehnung an das dynamische Filmbild als Reihung. Form und Inhalt
sind zu einer fraktalen Entsprechung geworden. Inwiefern die persönliche
Entwicklung der Studentin auch in diesen Kontext impliziert ist,
lassen wir ihr als Geheimnis, ich würde jedoch sagen, daß
auch diese Verknüpfung stattgefunden hat.
Kreativität ist unteilbar.
Die Prozesse, die auf der mentalen Ebene ablaufen spiegeln sich
in den künstlerischen Werken und umgekehrt. Der Kontext der
generativen Ordnung umfasst alle Ebenen, von der Konstitution von
Wahrnehmungsprozessen, über die materiellen Organisationsprozesse
des Gehirns, die Handlungsabläufe beim Herstellen eines Kunstwerkes
bis hin zur Gestaltung der existentiellen Lebensbiografie des Menschen.
Angesichts dieser "fraktalen Natur" der Kreativität
selbst plädieren Peat/Bohm für ein umfassenderes Verständnis
von Kreativität, dem ich mich aus künstlerischer und therapeutischer
Erfahrung nur anschließen kann. "Es genügt also
nicht, sich nur für die besonderen Ergebnisse oder Produkte
der Kreativität zu interessieren, wie sie sich auf begrenzten
Gebieten manifestieren... Wenn jemand die Möglichkeit zur Kreativität
in bestimmten Bereichen findet, begnügt er sich gewöhnlich
nicht damit, die daraus resultierende Aktivität fortzuführen.
Aber das Wesentliche ist, daß man nicht einfach bei dieser
besonderen Aktivität stehenbleibt, sondern der kreativen Bewegung
selbst seine Aufmerksamkeit schenkt. (Diese) Bewegung (kann) per
Analogie auf andere Bereiche übergreifen. Besonders interessant
dabei ist, daß diese kreative Bewegung ungeachtet ihres Inhaltes
jene leidenschaftliche Intensität und vibrierende Spannung
besitzt, die die Blockierung der Kreativität zu umgehen und
sogar aufzulösen vermag. Auf diese Weise kann eine weitreichende
und tiefgehende Bewegung beginnen, die schließlich in allen
Lebensbereichen tiefe Wirkungen zeigen kann"
Es ist demnach mehr als wahrscheinlich, daß eine Therapieform,
die die Wiederbelebung der künstlerischen Kreativität
zu ihrem Thema hat, einen kreativen Prozess in Gang setzen kann,
der alle Ebenen des betreffenden Individuums erfasst- sein Denken,
sein Empfinden, sein Wahrnehmen und Handeln. Gerade indem die Kunsttherapie
ihr Augenmerk auf gestalterische Bildprozesse richtet, hat sie die
Möglichkeit- sozusagen nebenbei- schöpferische Neuorganisation
auf der existentiellen Ebene zu initiieren. Als Künstler und
Kunsttherapeut bin ich natürlich überzeugt, daß
es kein besseres Mittel gibt, Entwicklungen, die aus dem "Lebendigen"
herausgefallen sind, wieder an dieses anzuschließen, als den
Prozess der künstlerischen Kreativität. Und daß
gerade Künstlerische Menschen mit ihren entwickelten schöpferischen
Potentialen hierzu in besonderem Maße beitragen können
betonen ebenfalls Peat/Bohm indem sie fortfahren: "Außerdem
wird jeder, der sich sein ganzes Leben lang kreativ zeigt, ebenfalls
per Analogie dazu beitragen, daß bei anderen Menschen eine
ähnliche Bewegung in Gang kommt"
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