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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Einige Anmerkungen zur Kunst in der Kunsttherapie
Welche Kunst meinen wir eigentlich in der Kunsttherapie?
Versuch einer Differenzierung verschiedener Kunstbegriffe in Hinblick
auf ihre Relevanz für die Kunsttherapie.
Vom alltäglichen leiden der Kunsttherapie-Studenten
Zur Grunderfahrung eines Kunsttherapie-Studiums zählt die Erfahrung
zwischen (mindestens!) zwei Stühlen zu sitzen und in der gymnastischen
Übung des Spagats zu permanenten Meisterleistungen animiert zu
werden. Ich meine damit die divergierenden Ansprüche, die sich
in einschlägigen Curricula ablesen lassen und die von den Studierenden
tatsächlich abverlangt werden: Konkret, der Anspruch sich in
Kategorien wissenschaftlichen Denkens bewegen zu können und den
hier geltende Maßstäben gerecht zu werden und andererseits
den Ansprüchen künstlerischer Kompetenz. Die Reaktionen
auf diese Anforderungen sind individuell sehr verschieden, während
die Einen die (sportliche) Herausforderung annehmen und vielleicht
sogar darin eine Erfüllung finden, fühlen sich andere überfordert,
sei es in Richtung der wissenschaftlichen oder der künstlerischen
Kompetenz. Um die Sache nun noch ein bißchen zu erschweren,
verweise ich hier gleich noch darauf, daß wir nicht nur zwischen
zwei Stühlen sitzen, zu allem Überfluß steht da noch
ein Dritter, auf dem wir auch noch Platz nehmen sollten, und zwar
in der Abteilung "Selbsterfahrung", hier wird den künftigen
Kunsttherapeutinnen dann zur wissenschaftlichen und künstlerischen
Kompetenz dann auch noch etwas abverlangt, das ich mit etwas Untertreibung
die "menschliche Kompetenz" nennen möchte, m.E. eine
noch schwierigere Herausforderung. Eine verständliche und oft
zu beobachtende Reaktion auf diese Anforderungen zeigt sich in der
Infragestellung der einen oder anderen Kompetenz, je nach subjektiver
Veranlagung werden dann die wissenschaftlichen oder die künstlerischen
Anforderungen als unwesentlich betrachtet, gelegentlich auch der Notwendigkeit
persönlicher Krisenerfahrungen in der Selbsterfahrung aus dem
Weg gegangen. Ich kann das Leiden der Studierenden gut verstehen,
schließlich habe ich dieses Studium vor Jahren selbst absolviert.
Dennoch - oder gerade deshalb - bin ich der Meinung , daß es
nicht sinnvoll wäre, hier an irgendeiner Stelle Abstriche zu
machen. Ich will dies im Folgenden begründen.
Das Studium der Kunsttherapie ist nicht mit anderen Studienfächern
an Hochschulen zu vergleichen, schon deshalb nicht, weil es nicht
eindeutig Natur -, Geisteswissenschaftlichen oder Gestalterischen
Fakultäten zuzuordnen ist. Kunsttherapie ist der Sache nach und
von Grund auf ein interdisziplinärer Studiengang, das heißt
was wir in unserem Beruf an Wissen und Erfahrung brauchen, ist weder
ableitbar allein aus medizinischen, psychologischen, anthropologischen,
theologischen oder ästhetischen Theorien und Praxiserfahrungen,
erst in der Zusammenschau dieser Aspekte ergeben sich die Ansätze
zum kunsttherapeutischen Handeln. Interdisziplinarität, aktuell
zu einem inflationären Begriff mit wenig Inhalt in der bildungspolitischen
Landschaft degeneriert, ist Grundlage und alltägliche Praxis
der Kunsttherapie, das müssen wir uns bewußt machen und
darauf können wir stolz sein.
Wir müssen uns auch klar machen, daß die Ausdifferenzierung
in die verschiedenen Diskurse in der Bildung die Grundvoraussetzung
der Geschichte der Neuzeit ist, sie hat sich als nicht zu hintergehender
Standart etabliert.
Erst seit Mitte des 20 Jahrhunderts haben sich die Grenzen dieser
Strategie gezeigt und damit die Notwendigkeit von synoptischen Perspektiven
und konkreten Kooperationen verschiedener Disziplinen. Wir wissen
heute, daß der "Homo universalis"mit einem umfassenden
kulturellen Wissen auf der Höhe seiner Epoche, wie er noch zu
Zeiten und im Bild Goethes denkbar war, heute nicht mehr zu leisten
ist, was wir aber immer mehr brauchen, sind Menschen, die in mehreren
Disziplinen einen Grundstandart ausgebildet haben und in der Lage
sind , mehrere Diskurse zu verbinden. Der traditionelle Spezialist
wird zwar nicht überflüssig,er braucht aber,- im Zeitalter
der Wissensgesellschaft, die ihren kulturellen Speicher via Internet
auf Festplatten konfiguriert,- sein Pendant in flexibel agierenden,
interdisziplinär denkenden Menschen. Und um unser Selbstbewußtsein
noch ein bißchen zu hätscheln, sollten wir uns auch einmal
klar machen, daß im Beruf der Kunsttherapeutin verschieden Professionen
wieder zusammenkommen- allerdings auf einem neuen Niveau- die in früheren
Kulturen z.B in Gestalt des Schamanen bzw. der Heil- und Zauberkundigen
PriesterInnen zusammengehörten. Daß Kunst zunächst
nur Kunst ist und beispielsweise keine religiösen Anliegen transportiert,
ist ebenso eine Errungenschaft der Neuzeit wie eine Medizin, die ohne
Geisterbeschwörung auskommt. Andererseits gilt aber auch: daß
es durchaus komplexe Zusammenhänge zwischen Psyche und Leib,
zwischen Geist, Seele und Körper gibt, muß sich in den
aktuellen Ansätzen einer Psychosomatik erst neu wieder etablieren.
Wieviel Pionierarbeit im Sinne einer neuen, synoptischen Interdisziplinarität
die Kunsttherapie da erst zu leisten hat, als Disziplin, die ästhetische
Erfahrung, psychologische Erkenntnis, medizinischisches Wissen und
seelsorgerische Aspekte in sich zu vereinen sucht, das wird erst klar,
wenn wir diesen größeren kulturellen Zusammenhang ins Auge
fassen.
Wenn wir diese Perspektive einnehmen, wird aber auch deutlich, daß
der neue "homo universalis" kein Universal-Dilettant sein
kann, sondern Grundstandarts verschiedener Disziplinen beherrschen
sollte um bei der Weiterentwicklung des einzelnen Fachwissens mithalten
zu können und zugleich die Fähigkeit der Verbindung beherrschen
sollte. Das ist kein geringer Anspruch und das ist der Grund, weshalb
das Kunsttherapie-Studium ein sehr anspruchsvolles Studium ist.
Nun bin ich mir bewußt, daß der Begriff "Grundstandart"
problematisch ist, daß es sehr schwer ist, ihn einzugrenzen
und mit den notwendigen Inhalten zu füllen und ich denke, hier
liegt auch die Ursache manch studentischen Leidens. Jeder Spezialist,
und als solche sind die Lehrenden an dieser Hochschule zu sehen, geht
natürlich von seinem Standpunkt aus und es ist in der Praxis
sehr schwierig, diese Eingrenzungs-Arbeit zu leisten. Nur mit einer
Haltung der permanenten Wachheit, kreativen Offenheit, gegenseitigem
Interesse und selbstkritischem Hinterfragen ist diese Arbeit voranzutreiben.
Was auch deutlich wird, ist die Problematik, daß es dabei um
mehr gehen muß als um die Definition von Inhalten, zumal diese
heute sowohl in der Wissenschaft als auch in der Kunst von einer rasanten
Halbwertszeit geprägt sind. Wesentlicher als Inhaltsvermittlung
wird also sein, verstärkt auf methodische Kompetenz zu achten,
um Zukunftsfähigkeit zu garantieren.
Ich will im Folgenden einige Aspekte darstellen, die ich für
wesentlich erachte mit Blick auf die ästhetische Kompetenzbildung
im Rahmen unseres Studiums, dabei werde ich mich auch bemühen
eine sinnvolle Abgrenzung gegenüber den Anforderungen eines reinen
Kunst-Studiums herauszuarbeiten, was hoffentlich (unnötige) Diskussion
an unserer Institution entschärfen kann und manche Studierende
(hoffentlich) etwas entlastet.
Die folgenden Ausführungen sind ein Versuch, von pauschalen Vorstellungen
wegzukommen was "Kunst" sei und stattdessen anhand einer
historisch-kritischen Analyse verschiedene Stadien und Positionen
der Kunst herauszuarbeiten die sehr unterschiedlich sind und sich
teilweise widersprechen. Der Deutlichkeit wegen werde ich dies sehr
"Holzschnittartig" tun, d.h. ich vereinfache und kontrastiere
bewußt, um das Wesentliche herauszuarbeiten. Mein Anliegen ist
dabei, Aspekte von verschiedenen Kunstauffassungen herauszuarbeiten,
die m.E. von Bedeutung sein können für die kunsttherapeutische
Theorie und Praxis. Drei Positionen werden dabei beschrieben, die
mit folgenden Begriffen charakterisiert werden können:
1. Der romantische Kunstbegriff: Psychologisierend, arbeitet mit Symbolgehalten,
geht von einem "Unbewußten" im Menschen aus
2. Der "moderne" Kunstbegriff : phänomenologisch orientiert
,thematisiert die formalen Mitteln des Bildnerischen, verweist auf
ein "Unbekanntes in der Kunst"
3. Der "postmoderne" Kunstbegriff: system- und kommunikationstheoretisch
fundiert, interessiert sich für die Bedeutung von Kunst im Sinne
des Kontextes, setzt auf Pluralität und Differenz, Schlüsselbegriff
ist "das Andere".
Diese drei Ansätze sind von Relevanz für eine Kunsttherapie,
die sich mit der kulturellen Entwicklung verändert, sie sind
jedoch in unterschiedlichem Ausmaß in der real existierenden
Kunsttherapie ausgearbeitet und integriert.
Kunsttherapie in der Tradition des romantischen Kunstbegriffes
Schauen wir auf Diskussionsbeiträge, die in kunsttherapeutischen
Kreisen anläßlich von Tagungen zum Thema Kunst und Kunsttherapie
verffentlicht wurden, dann waren es vor allem zwei Fragen, die für
Unklarheit sorgten: Zum einen die Frage: müssen Kunsttherapie-Studierende
sich mit der aktuellen Gegenwartskunst auseinandersetzen und hier
eine eigene Position erarbeiten und die zweite Frage (die jedoch damit
zusammenhängt) : kultiviert die Kunsttherapie einen reduzierten
Kunstbegriff, der historisch gesehen der romantischen Kunst-Auffassung
entspricht? ( So z.B. Ralf Driever in "Zweierlei Kunst?"
Beitrag zum Kunsttherapie-Kongreß Münster 1992) Aus der
Beantwortung dieser Frage werden wir auch eine Antwort auf die erste
Frage herleiten können und zugleich Hinweise darauf bekommen,
was man in Bezug auf die Kunstlehre unter methodischem Denken verstehen
kann.
Was ist also mit diesem "romantischen Kunstbegriff" gemeint,
was wird da in Frage gestellt? In der geistesgeschichtlichen Gegenbewegung
zur Aufklärung, die von dieser mit der rückwärtsgewandten
Sehnsucht nach einem vermeintlich heilen Mittelalter in Verbindung
gebracht wird und daher verächtlich "Romantik" benannt
wurde, entwickelt sich ein Künstler-Bild, das in seinen Spätfolgen
bis heute wirksam ist. Diese Epoche ist faziniert von ihren Dichtern
und Denkern, Musikern und Malern, denen sie den Nimbus des "Genialen"
verleiht. Als Reaktion auf die aufklärerische Vernunft-Attitüde
mit ihrer rationalen und nüchternen"Entzauberung der Welt",
in ängstlicher Sorge um den Verlust jeglicher Transzendenz in
der säkularisierten Gesellschaft, wird als Gegenbild der geniale
Künstler beschworen, das Rousseau´sche Naturkind, das aus
sich heraus Zugang zur "natürlichen Ganzheit" hat.
Intuition und Empathie versus Rationalität und Verstandeskühle
lautet das Motto der aufkommenden romantischen Bewegung. Künstler,
die sich aus diesem Verständnis heraus definieren, legen Wert
auf ihre Besonderheit, auf ihr Anderssein, auf ein vorgebliches höheres
Wissen und Ahnungen die sie von gewöhnlichen Menschen unterscheiden.
Dieses Wissen ist ihnen auf ominöse Weise zuteil geworden: sei
es direkt vom "Göttlichen" offenbart, sei es von einer
Muse im Schlafe eingegeben, sei es aus der Aura eines Meisters übergegangen
("Prinzip "Meisterschüler (1)), sei es aus den Tiefen
eines sogenannten "Unbewußten" aufgestiegen, jedenfalls
ist es irgendwie "aus dem Bauch" herausgekommen. Dieses
Wissen ist angeblich nicht lehrbar, Intuition, Kreativität und
Sensitivität hat man oder hat man eben nicht. Formal manifestiert
sich diese Haltung zumeist in künstlerischen Werken, die geprägt
sind vom Geheimnisvollen, von Innerlichkeit und Gefühlsbetonung.
Irrationale Inhalte, emotional aufwühlende Sujets und expressive
Darstellungsformen sind weitere Merkmale dieser Position. Nun ist
zunächst im Sinne einer Pluralität, die die Post-Moderne
für sich reklamiert, gegen diese künstlerische Position
eigentlich nichts einzuwenden, Künstler der jüngsten Vergangenheit
wie Baselitz, Lüpperts, Dubuffet oder Beuys sind ihr zuzuordnen
aber auch die gesamte Kategorie "l´art brut".
Problematisch wird die Sache jedoch, wenn aus Uninformiertheit diese
Position eingenommen, verabsolutiert und nicht reflektiert wird. Die
"romantische Position" kann und muß reflektiert werden
in Bezug zu ihrer dialektischen Gegenposition, der rational betonten
Haltung, die mit dem versammelten Instrumentarium des aktuellen ästhetischen
Wissens zu Werke geht: den Erkenntnissen der Wahrnehmungspsychologie,
der Kunst- und Kulturgeschichte, der Philosophie und Erkenntnistheorie,
der Neurophysiologie und Gehirnforschung, der Soziologie usw. (Daß
diese Fächer an den Kunst-Akademien nach wie vor ein Schattendasein
führen, zeigt, daß auch hier nach wie vor ein romantisch
geprägter Kunstbegriff vorherrschend ist) Wir wissen heute, wie
engagiert ganze Künstlergenerationen der klassischen Moderne
sich um rationale Klärung ihrer Mittel bemüht haben, wie
die Künstler des Bauhauses (in ihrer Seele eigentlich zutiefst
"romantisch" veranlagt!) sich in die Schriften von Ernst
Mach vertieft haben, Vorlesungen der ersten "Gestalt-Psychologen"
besuchten, und konsequent mit wahrnehmungspsychologischen Forschungseinrichtungen
kooperierten. Dieser Generation haben wir den enormen Fundus an Wissen
über die Funktionsweise der Mittel des Ästhetischen zu verdanken,
der Grundlage des rasant wachsenden Geltungsbereiches "visueller
Kommunikation" ist. Mit welcher Begründung sollen eigentlich
KunsttherapeutInnen hier mit weniger Kompetenz zurechtkommen als ein
gewöhnlicher Werbe-Grafiker? Soviel zu den Grundlagen ästhetischer
Kompetenz, die in weitem Umfang entgegen der romantisch mystifizierenden
Sicht tatsächlich erlernbar sind.(2)
Das zweite problematische Charakteristikum der romantischen Kunstauffassung
ist die Mystifizierung der Kreativität. Wir wissen heute sehr
viel darüber wie Menschen lernen, wie Wissen entsteht, wie dies
miteinander verknüpft wird und zu neuen Ideen führt, Wir
wissen heute viel über die psychologischen und soziologischen
Randbedingungen, die Kreativität fördern oder hemmen, wir
wissen heute, daß Kreativität weniger angeboren sondern
in weiten Teilen erlernt ist. Wir können heute nicht mehr so
naiv wie vor 200 Jahren manchen Menschen Genialität zuschreiben
und anderen jegliche Disposition dazu absprechen. Natürlich sind
die Veranlagungen unterschiedlich verteilt, natürlich sind die
sozialen Bedingungen zu ihrer Entwicklung ungleich, aber gerade das
sollte uns als KunsttherapeutInnen eher eine Herausforderung als ein
Hinderungsgrund sein, jeden Menschen als "potentiellen Künstler"
wahrzunehmen. (3)
Nun steckt aber hinter dem Zusammenhang zwischen einem romantischen
Kunstbegriff und der Kunsttherapie wesentlich mehr als individuelle
intellektuelle Unbedarftheit. Tatsächlich müssen wir davon
ausgehen, daß es hier einen kultur- und bewußtseinsgeschichtlichen
Zusammenhang gibt, der wesentlich frappierender ist. Eine historisch-kritische
Sichtweise zeigt uns, daß die Kunstrezeption im Laufe des 19ten
Jahrhunderts in weiten Teilen eine psychologisierende ist.
Der Verlust der Dimension einer religiös konnotierten Transzendenz
in der säkularisierten Gesellschaft wird mit einer - oft pantheistisch
eingefärbten- Innerlichkeit beantwortet, die den christliche
Seelenbegriff nur unwesentlich modifizieren muß, um ihn zu adaptieren.
Religiös begründete Ikonografie schlägt zunächst
in der romantischen Landschaftsmalerei, später in Symbolismus,
Jugendstil und Surrealismus um in Bedeutungshaftigkeit, deren Ursprung
nun nicht mehr eine kulturell codifizierte Ikonografie ist, sondern
aus individuellen Bildfindungen besteht, die ihren Ursprung in der
Phantasie des Individuums, in seiner seelischen Empfindsamkeit haben.
Die Seele ist zur individuellen Psyche geworden, das bürgerliche
Individuum kultiviert mit Enthusiasmus seine neue Empfindsamkeit (man
denke hier z.B. an die "Leiden des jungen Werther"). Die
kollektive Bilderwelt bevölkert sich mit Wesen, die der individuellen
Phantasie ihrer Dichter und Maler entsprungen sind. Wesen, deren Herkunft
bisher Himmel oder Hölle zugeschrieben wurde, entsteigen nun
plötzlich einem geheimnisvollen Inneren des Menschen. Es dauert
nicht lange und wir haben den bis heute äußerst unklaren
Begriff des "Unbewußten" als eine neue Verortung,
sei er individuell, kollektive oder gar kosmisch definiert. Die Mysterien
werden zum individuellen Seelendrama, Aufführungsort ist neben
der Kunst die nächtliche Bühne des Traumes. Der "Schlaf
der Vernunft" ist jedoch auch bedrohlich, er "gebiert Ungeheuer".
Wo bisher hilfreiche theologische Erklärungsmuster an Kursverlust
leiden, droht nun moralische Desorientierung , es besteht Handlungsbedarf.
Die zunächst in der Romantik relativierte Aufklärung meldet
sich zurück und bemüht sich um wissenschaftlich fundierte
Schadensbegrenzung in Form einer neuen Wissenschaft: der Psychologie.
Sie entdeckt für ihre Zwecke bald auch das Potential der Kunst,
neben den Trauminhalten werden die Bilder zum Königsweg zum Unbewußten.
Psychologie entdeckt die Seelendramen gespiegelt in symbolystischen
und expressiven Bildwelten , beispielsweise bei Moreau, Munch, van
Gogh, Macke, usw. Tatsächlich entwickeln sich psychologische
Erklärungsmuster und ein Teilbereich (!) der künstlerischen
Produktion im 19. und beginnenden 20.Jahrhundert in enger gegenseitiger
Befruchtung, in der damaligen psychologisierenden Kunstproduktion
und Rezeption liegt eine wesentliche Wurzel späterer kunsttherapeutischer
Theoriebildung.
Ist mit dieser psychologischen Adaption der Kunstrezeption aber wirklich
schon alles geleistet, was an therapeutischem Potential in der Kunst
liegen könnte? Hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Kunst
bis zur Gegenwart versagen diese Zugriffsmuster ziemlich schnell.
Die eigentliche Entwicklung der "Klassischen Moderne" ist
damit nicht mehr zu erfassen, sie nimmt im 20ten Jahrhundert vor allem
in der sich durchsetzenden Abstraktion einen ganz anderen Weg mit
anderen Prämissen, als die eben angeführten Tendenzen. Sie
findet zu einer wesentlich radikaleren Antwort auf das Bedürfnis
nach Transzendenz, nämlich in der Verweigerung von Abbildhaftigkeit
in Form der Abstraktion und Ungegenständlichkeit, beispielsweise
im Suprematismus bei Malewitsch oder im Begriff des "Erhabenen"
bei Barnett Newman. Diese Richtung der Kunstentwicklung, die unter
der Bezeichnung "Konkrete Kunst" gehandelt wird, verzichtet
vollkommen auf eine figürlich oder gegenständlich lesbare
Inhaltlichkeit, ihre Inhalte ergeben sich aus der Sprache der formalen
Mittel der Kunst, aus Farbe, Form, Komposition, Räumlichkeit
usw. Ihre abstrakte Zeichenhaftigkeit hat eine Offenheit, die weit
unter- bzw.oberhalb jeder begrifflichen - respektive symbolischen
- Benennung liegt. Bei genauerer Betrachtung muss man sogar sagen,
die Mittel der modernen d.h. der Konkreten Kunst funktionieren auf
einer Ebene der Vor-Begrifflichkeit, die die Grundlagen des Wahrnehmungsaktes
selbst betreffen, (was eine ungeheure Chance für kunsttherapeutische
Forschungsarbeit sein könnte. ) Aktuell muß die Kunsttherapie
sich aber immer noch der Frage stellen, welchen Stellenwert eine Reflexion
über das therapeutische Potential dieser Entwicklung der Kunst
einnimmt und damit verbunden ist die Frage, welche Rolle eine spezifisch
ästhetische Kompetenz in ihrer Praxis spielt.
Eine kritische Analyse der kunsttherapeutischen Fachliteratur gibt
hier wenig Anlaß zu Optimismus, sie ist in weiten Teilen geprägt
von psychologisierenden Betrachtungen, ein kompetenter Umgang mit
den ästhetischen Komponenten finden wir nur als Randerscheinung,
sehen wir einmal von den Ansätzen der anthroposophisch orientierten
Kunsttherapie ab, die hier einen ganz anderen Weg gegangen ist. Auch
auf Fachtagungen kann man diese Tendenz am Interesse der Kunsttherapeutinnen
an psychologisierenden Betrachtungen und an der Ablehnung künstlerisch-orientierter
Zugangsweisen ablesen.
Nur wenige kritische Stimmen sind hier zu finden. So zeigt z.B. Prof.
K. H. Menzen in seinem Buch: "Vom Umgang mit Bildern" (erschienen
1990) auf, wie dieses spezifisch "verengte" Interesse der
Kunsttherapie an der Kunst und ihre psychologisierende "Vereinnahmung"
künstlerischer Bestrebungen im 19ten Jahrhundert sich anbahnte:
Er analysiert darin, wie seit den ersten Anfängen der entstehenden
Kunstpädagogik, später in der sog. "musischen Erziehung"
als Vorläufer der Kunsttherapie, Kunst einseitig verstanden wird
als "Ausdrucksmittel innerer Befindlichkeit". In einem Vortrag
zum Kunsttherapie-Kongress verweist er hinsichtlich der Folgen dieser
Tatsache auf den Kunstwissenschaftlers Anton Ehrenzweig, der "uns
klar macht, daß die psychische Subjekt-Werdung des Menschen
des 19ten Jahrhunderts dessen kulturelle Bestimmung, die andere Seite
der menschlichen Natur zugunsten des subjektiven Erlebens geopfert
hat." Menzen zieht von dort die Entwicklungslinie weiter bis
heute: "Der Konflikt unserer Tage, zu scheiden zwischen künstlerischer
und gestalterischer Ausdrücklichkeit, der Konflikt einer breiten
Bewegung derzeit, zu trennen zwischen Kunst- und Gestaltungstherapie,
dieser Konflikt ist zu einem kulturellen Konflikt geworden".
Daß die KünstlerInnen innerhalb der Kunsttherapie-Szene
mit dieser Verengung des Diskurses nicht einverstanden sind, daß
sie auf der "Eigenständigkeit des kulturellen Anliegens
der Kunst beharren" wird zwar laut Menzen in den Berufsverbänden
registriert, er kommt dennoch zu dem Schluß: "Also sind
"Kunst" und "Kunsttherapie" zu separieren, sie
haben ihrer Absicht nach kaum Gemeinsamkeiten mehr. Hierin ist ein
Beleg dafür zu sehen, daß eine Verlagerung von Kunst- zu
Gestaltungstherapie stattfand".
Soviel zu den Auswirkungen des romantischen Kunstbegriffes für
die Theorie und Praxis aktueller Kunsttherapie. Wir müssen unseren
Kritikern hier also zunächst recht geben: Die Kunsttherapie hat
in weiten Teilen als Theorie-Hintergrund tatsächlich einen historisch
einseitigen, geistesgeschichtlich verengten Kunstbegriff mit weitreichenden
Folgen für ihre Theorie und Praxis.
Der Kunstbegriff der Moderne
Ist mit den Tendenzen, die sich in der real existierenden Kunsttherapie
durchgesetzt haben, aber tatsächlich schon das ganze Feld therapeutischer
Intentionen in der Kunsttherapie erschöpfend definiert? Ich meine:
Nein.
Ich fasse hier das bisher gesagte kurz zusammen und ziehe eine Folgerung
daraus: Der Gedanke , daß die inhaltliche Bedeutung eines Bildes
von zentraler Wichtigkeit für therapeutische Intervention wäre,
ist für eine psychotherapeutisch und psychoanalytisch geprägte
Auffassung von Kunsttherapie relevant. Diese hat ihre historische
und praktische Berechtigung und ihre innere, wissenschaftlich begründete
Stimmigkeit. Hier entfaltet auch der romantisch geprägte Kunstbegriff
seine Wirksamkeit und hat damit seine Berechtigung. Am Beispiel der
anthroposophisch orientierten Kunsttherapie, die definitiv auf eigenständige
therapeutische Wirksamkeit ästhetischen Erlebens setzt und einer
psychotherapeutischen Herangehensweise eher reserviert gegenübersteht
zeigt sich jedoch , daß es noch andere denkbare Wege in der
Kunsttherapie geben könnte. Das Wissen über physiologische,
neurologische, wahrnehmungspsychologische und kognitive (zusammen:
ganzheitlichen) Wirkungen ästhetischer Erfahrung ist für
die anthroposophisch orientierte Kunsttherapie konstitutiver Ausgangspunkt
in Theoriebildung und therapeutischer Praxis. Entgegen weitverbreiteter
Ansichten hat der Ansatz, der in diesem Bereich entwickelt wurde ,
einerseits viel mehr mit Kunst zu tun, als manche , als "typisch
anthroposophisch" belächelten Werke, vermuten lassen, andererseits
gilt aber auch gerade das Gegenteil dieser Aussage.
Lassen sie mich diese anscheinend paradoxe Aussage näher begründen.
Der Ansatz der anthroposophischen Kunsttherapie läßt sich
als ein "phänomenologisch" orientierter Ansatz apostrophieren.
Darunter ist zu verstehen, daß die hier geltenden ästhetischen
Erfahrungen "aus der Sache selbst" d.h. aus den ästhetischen
Mitteln zu verstehen sind. Damit bewegen wir uns in der Nähe
erkenntnistheoretischer Praxis, wie sie auch von dem Philosophen Edmund
Husserl gefordert wurde und ganz dicht an den Grundmaximen der Kunst
der "Klassischen Moderne".(4) "Die Sache
selbst" sprechen zu lassen hinsichtlich eines nur streng werkintern
interpretierbaren Gehaltes, ist zentrales Anliegen und Ausgangspunkt
der Philosophie vieler Vertreter der klassischen Moderne.
Die internen Bezugssysteme von Farben, Formen, Linien, Massen, Kräften,
Gewichtungen und Rythmen sind das Ausgangsmaterial jeder Konkreten
Kunst. Sie werden zum Anlaß unendlich vieler Bildideen der Künstler.
Auf Seiten des Betrachters ist ein "sich einlassen" auf
diese neuen Sichtweisen der Kunst gefordert, will er Anteil haben
an ihr. Paul Klee spricht hier vom "bildnerischen Denken"
das den Künstler leitet, aber auch den Betrachter, diese Formulierung
hat bis heute ihre Gültigkeit für wesentliche Bereiche der
Kunst "Es gibt Maler, die malen ohne zu denken. Es gibt andere
die denken bevor sie malen und das taugt vielleicht schon ein bißchen
mehr. Und schließlich gibt es einige, die malen, um zu denken.
das Malen ist für sie eine Forschungsmethode, ein Mittel, in
enge Berührung mit der sie umgebenden Welt zu treten, eine Art
und Weise, wie man zu einem schärferen Bewußtsein von den
Weisen und Dingen gelangt" schreibt beispielsweise Michel Leiris
über den Maler Gotthard Graubner. Diese Forschungsmethode, diese
Art sich Welt anzueignen ist parallel in der anthroposophischen Ästhetik
und in der Ästhetischen Theorie der Konkreten Kunst entwickelt
worden . Natürlich gibt es hier auch wesentliche Widersprüche,
die sich auch in den Ergebnissen niederschlagen, das ist hier zunächst
aber irrelevant. Wesentlich für unser Thema ist jedoch die Tatsache,
daß beide Ansätze seit ihren Anfängen das enorme therapeutische
Potential ästhetischer Erfahrung erkannt haben. Durchformulierte
Überlegungen hierzu finden wir bei den sog. Bauhaus- Künstlern,
bei Kandinsky, Itten, Klee, Feininger, Albers und auch erste Ansätze
zu einer entsprechenden pädagogisch-therapeutischen Praxis. Während
diese Ansätze jedoch aus historischen Gründen (3.Reich,
Auswanderung) in Europa nicht zur Entfaltung kam, hat sich die therapeutische
Konsequenz im anthroposophischen Bereich nachhaltig entwickelt. Einer
der wenigen Ansätze im kunsttherapeutischen Bereich außerhalb
der Anthroposophie , der sich definitiv auf die phänomenologische
Praxis der "Klassischen Moderne" bezieht, ist meines Wissens
bei dem Münchner Kunsttherapeuten Otto K.Hanus zu finden, der
die "Bildnerische Interaktion" entwickelt hat . Allerdings
kombiniert Hanus seinen Ansatz mit einem sehr ausgeklügelten
psychotherapeutischen Interventionssystem auf Gesprächsbasis,
was ihn vom anthroposophisch orientierten Ansatz unterscheidet, der
- wie gesagt- ganz auf die therapeutischen Wirkungen der ästhetischen
Mittel setzt.
Wir finden aber auch bei Theoretikern der Kunstherapie, die absolut
nichts mit Anthroposophie am Hut haben, ein Verweisen auf die therapeutischen
Potentiale des Rein-Bildnerischen, beispielsweise bei dem Begründer
des Berliner Kunstherapie Studiengangs an der HDK , Prof. Helmut Hartwig
der sich mittlerweile aber ganz von der Kunstherapie abgewendet hat.
In einem Beitrag zum Kunsttherapie Kongress 1989 legt er in seinen
Ausführungen nachdrücklich Wert auf die Differenzierung
von AUSDRUCK und HERSTELLUNG in der Kunst . Das primäre Interesse
der Kunst richtet sich laut Hartwig nicht auf den Ausdruck, sondern
auf die Herstellung. Mit diesem Blickwinkel begibt sich aber die Kunsttherapie
aus seiner Sicht aber keinesfalls ihrer therapeutischen Möglichkeiten,
wie man das aus psychotherapeutischer Sicht nun annehmen könnte.
Vielmehr wird der Blick damit frei für das spezifisch "therapeutische"
der Kunst. Um was könnte es sich aber handeln, bei dieser angedeuteten
speziellen künstlerischen Kompetenz? Kunst lebt nach Hartwigs
Argumentation aus dem Sachverhalt, daß sie "die Möglichkeit
(hat), etwas, von dem weder die Herkunft noch die Bedeutung und der
Sinn klar sind, in einem Material zu vergegenständlichen. Ohne
Bezug auf das Dritte, auf das Material, auf ein Heterogenes läßt
sich von Kunst nicht sinnvoll reden. Den Sinn, die Bedeutung überspringen
- das macht die Kunst noch nicht unmöglich. Aber das Dritte,
das Material, das Heterogene, das Äußerliche zu überspringen,
das hieße: sie ganz vom Inneren, vom Sinn, vom Psychischen,
von der Bedeutung her zu definieren, und da zeigt sich, warum das
nicht geht".
Eine deutliche Abgrenzung zu psychotherapeutischen Intentionen im
Namen der Kunst zeigt sich in dieser Kritik. Vergleichen wir die Argumentation
Hartwigs mit der Analyse von Menzen, so ist bei Hartwig mit diesem
"künstlerischen Zugang" innerhalb der Kunsttherapie
eine eindeutige Stellungnahme gegen den "verengten Kunstbegriff",
gegen Kunst als "Ausdruck innerer Befindlichkeit" und "symbolischer
Bedeutungslastigkeit" zu finden - und damit ein Plädoyer
für das Überdenken der Rolle der Kunst in der Therapie.
Im Gegensatz zu Menzen scheint aber Hartwig (zum damaligen Zeitpunkt)
noch an die Möglichkeit einer Kunsttherapie zu glauben, die sich
aus der Kunst entwickeln läßt, aber mit einer gewichtigen
Mahnung an die Adresse der KunsttherapeutInnen: "Dagegen behaupte
ich: für die kunsttherapeutische Arbeit ist die Kunst alles und
ohne sie lohnt es sich nicht, von einer besonderen kunsttherapeutischen
Kompetenz zu sprechen. Und Hartwig gibt der Kunsttherapie den kritischen
Ratschlag mit auf ihren Entwicklungsweg: "Für das was Kunsttherapie
sein und leisten könnte, ist der Umgang mit dem Unbekannten von
zentraler Bedeutung. Eine Ausbildung, die eine systematische Aufhellung
des Unbekannten in sich selbst, in der eigenen Praxis und am Ausdruck
des Kranken verspricht, könnte in Gefahr geraten, die Kompetenz
auszuhöhlen, um die es gerade geht. Sind doch Künstler mit
Sicherheit deshalb für bestimmte therapeutische Prozesse geeignet,
weil sie auf eine besondere Weise Beziehungen zum Unbekannten unterhalten".
An dieser Stelle kann ich nun auch die Abgrenzung zwischen diesem,
an der Gegenwartskunst gewonnenen, Ansatz von Hartwig zum anthroposophischen
Ansatz herausarbeiten und meine obige Anmerkung, dieser habe in gewisser
Weise nichts mit Kunst zu tun, begründen
Ein Ansatz aus der Kunst der Gegenwart: Kunst als Geste
Es gibt in der Entwicklung der Kunst, die sich auf Anthroposophie
beruft (was der Sache nach unsinnig ist und von Rudolf Steiner abgelehnt
wurde) zwei wesentliche Problematiken, bzw. Mißverständnisse,
die jedoch nicht auf diesen Bereich beschränkt sind, sondern
generell in der Kunst problematisch sind. Das eine ist die Tendenz,
eine erahnte oder gewollte transzendente Dimension des Werkes in einer
Symbolisierung zu verklausulieren, beispielsweise in Engels- oder
Lichtgestalten. Derartige Versuche fallen unter den oben dargelegten
Anspruch der Moderne weit zurück und enden in unmittelbarer Nachbarschaft
der Peinlichkeiten eines psychologisierenden Ansatzes romantischer
Provinienz (s. o.).
Das andere Verfehlen künstlerischer Qualität liegt in einer
falsch verstandenen Reduktion der Kunst auf ihre phänomenologische
Basis. Dabei wird objektivierbares Wissen über die bildnerischen
Phänomene schon als Kunst mißverstanden und Kunst auf ein
Spiel mit ihren formalen Mitteln reduziert. Was dabei nicht verstanden
wird: das Wissen über die ästhetisch wirksamen Komponenten
der bildnerischen Mittel und phänomenologisches Denken allein
führen in der Kunst nicht zum eigentlichen Kern der Sache, paradoxerweise
funktioniert ein Kunstwerk nicht wegen dieser ästhetischen Phänomene
sondern "trotz". Nur deshalb verweist sie auf ein "Unbekanntes"
und entzieht sich einem vollständigen Zugriff. Kunst ist prinzipiell
verschieden von angewandter Wahrnehmungspsychologie und phänomenologischer
Deskribtion . (Das enthebt uns nicht von der Verpflichtung, uns hier
kompetent zu machen siehe oben) Wo ein Bild dem verhaftet bleibt,
was der Künstler schon vorher wußte, beispielsweise wie
sich eine gelbe Fläche in einem blauen Grund verhält, gerät
Kunst lediglich zu einer Demonstration bildnerischer Phänomene
und verweist nicht mehr auf ein Unbekanntes, so sehr der Künstler
dies auch anstrebt. Derartige Bilder wollen Antworten geben, Kunst
antwortet aber nicht, sie stellt Fragen.
Dieser "Falle" erliegen leider sehr viele Künstler,
nicht nur solche, die sich als Anthroposophen verstehen. Hier kann
man aber dieser Problematik besonders häufig begegnen, was mit
einem hohen Anspruch auf künstlerische Objektivität zu tun
hat, der einem - in der "sonstigen" Kunst gehuldigtem Subjektivismus
entgegengehalten wird.
In der Kunst ist aber auch Objektivität kein Kriterium, womit
nicht der subjektiven Beliebigkeit das Wort geredet werden soll. Statt
Objektivität spreche ich in der Kunst lieber von "Exaktheit",
damit meine ich eine Genauigkeit im Einsatz der verwendeten Mittel,
die nur durch eine - in höchster Geistesgegenwart zu erreichende-
Präzision in ihrem Zusammentreffen plötzlich etwas hervorbringen,
das sich vielleicht am ehesten mit einem musikalischen Vergleich benennen
läßt: mit den Obertönen. Exakt aufeinander abgestimmte
Intervalle erzeugen beim Hören Töne, die gar nicht gespielt
wurden. Darum geht es in der Kunst: Die Kunst-Erfahrung öffnet
unser Sensorium für das Dazwischen, für das Einmalige, für
das Unbekannte, für "das Andere". Das zu treffen gelingt
nur Wenigen, gelingt nur selten.
Ich denke, darauf versucht auch Hartwig zu verweisen, wenn er er von
der zentralen Bedeutung des Unbekannten in der Kunsterfahrung für
die kunsttherapeutische Praxis spricht. Und hier liegt meines Erachtens
auch eine bisher viel zu wenig beachtete grundlegende historische
Differenz zwischen Kunsttherapie und Psychotherapie. Psychotherapie
hat seit ihren Anfängen immer versucht, wissenschaftliche Anerkennung
zu finden und diese letzendlich in der Naturwissenschaft gesucht.
Daß hier eine fatale Reduktion stattgefunden hat, ist bis heute
kaum angemerkt worden und wird derzeit fröhlich von der Kunsttherapie
weitergetrieben. Wir müssen uns eingestehen: das psychologische
Weltbild als ein eigentlich Geistes- und-Humanwissenschaftliches ist
zutiefst fixiert auf Denkfiguren der Naturwissenschaft, insofern es
den Anspruch hat, von aufzeigbaren und nachvollziehbaren Ursache-Wirkungsverhältnissen
auszugehen, d.h. kausallogisch zu argumentieren. Und hier trennen
sich die Wege. Kunst hat als unhintergehbare Basis die Prämisse
daß der Mensch über seine Natur hinausgehen kann und in
der Kunst ein kulturelles Wesen ist.
Was bedeutet dies aber? Wir sprechen hier von der heiklen Frage, inwiefern
wir als handelnde, geschichts-treibende Menschen vollständig
einer Determination unterliegen oder nicht. Determination sowohl aus
genetischer, psychologischer, soziologischer oder ökonomischer
Sicht. Ich will diese Faktoren überhaupt nicht in Abrede stellen,
sie wirken womöglich noch fundamentaler als wir es uns bisher
klar gemacht haben. Ich will aber auf den zentralen Punkt hinaus,
der auch schon bei der Differenzierung zwischen angewandter Wahrnehmungspsychologie
und Kunst dargelegt wurde: Wir handeln so wie wir es tun , nicht weil
wir determiniert sind, sondern trotz dieser Bedingtheit. Ich weiß,
das ist für manchen schwer zu verstehen, aber das ist die zentrale
Erfahrung, die wir in der Kunst machen. Hier ist eine klare Grenze
zwischen dem Menschen als Naturwesen und dem Menschen als ein Kulturwesen
und das Wesentliche an einer Betrachtung des Menschen unter dem Aspekt
des Kulturwesens ist das Moment der "Freiheit". Diese manifestiert
sich in einer Praxis, die wir unter dem - oft als Beliebigkeit mißverstandenen-
Begriff der "künstlerischen Freiheit zu fassen suchen. Wer
sich selbst schon in dieser Welt des ästhetischen Handelns bewegt
hat, der weiß, wie existentiell ästhetische Entscheidungen
subjektiv erlebt werden können.
Zweifellos: Insofern der Mensch ein Naturwesen ist, ist er ein Gewordener,
er ist Produkt seiner natürlichen , sozialen, biografischen,
psychologischen Ursachen, insofern er ein Kulturwesen ist , ist er
aber der Ursprung, die Ursache des Gewordenen. Natürlich kennt
die Psychologie den Begriff der Freiheit, aber er kann und darf aus
wissenschaftlich- positivistischer Sicht immer nur negativ definiert
werden, d.h. hier ist die Grenze unseres Wissens. Insofern Kunst aber
nichts anderes als "Freiheits-Wissenschaft "ist, treten
sich hier Kunst und Psychologie (im Sinne einer Natur-Wissenschft)
gegenüber wie Positiv und Negativ-Form, sie beschreiben den selben
Sachverhalt von jeweils der anderen Seite.
Wenn wir das künstlerische Handeln unter diesem Aspekt betrachten,
dann sind Fragestellungen nach dem Warum und Woher, nach den Gründen
für dieses Werk- seien es kunstgeschichtliche, ideologische,
soziologische oder psychologische- derartige Gründe sind belanglos
für die Einmalig-keit dieses spezifischen Werkes. Dort wo das
eigentliche Wesen des Werkes als ein Werk der Kunst beginnt, als ein
intuitiver Entwurf, als ein Wurf in ein Neuland, versagen diese Erklärungen
und werden andere notwendig. Von Beuys stammt für diese Erfahrung
eine schöne paradoxe Formulierung "Die Ursache liegt in
der Zukunft"
Der vor wenigen Jahren verstorbene Kulturphilosoph Villem Flusser
hat es hervorragend geleistet, die Differenz zwischen Kultur und Natur
des Menschen deutlich herauszuarbeiten und er hat ebenfalls eine wunderbare
Begrifflichkeit für das eigentliche Wesen menschlichen Handelns
gefunden. Erspricht hier von Gesten: die Geste des Photographierens,
die Geste des Rasierens, die Geste des Pfeiferauchens, die Geste des
Malens usw. (5) Alle kulturelle Leistungen des Menschen, in denen
er sich als ein Freiheitswesen manifestiert sind nach Flusser Gesten.
Erst in der Geste wird der Mensch zum Menschen, handelt er als ein
Individuum d.h. aus Freiheit heraus. Flusser formuliert die zentrale
Bestimmung der Geste im Hinblick auf die Freiheit des Menschen wie
folgt: "Zwar ist die Geste als die Bewegung, die sie ist, wie
alle anderen Bewegungen determiniert und in diesem Sinne vollkommen
erklärbar. Aber das Spezifische an ihr ist, ganz unberührt
davon, Ausdruck einer Inner-lichkeit zu sein, die man gezwungen ist,
Freiheit zu nennen.(S.220)" In dieser Definition klingt nun eine
gewisse Nähe zu dem psychologischen Begriff der "Intention"
an. Dieser gilt Flusser jedoch als ein zweifelhafter Begriff, da er
"das Problem der Subjektivität und der Freiheit nach sich
zieht" (S.7), was in seinen Augen erkenntnistheoretisch von der
Psychologien zu wenig geklärt wurde.
Eine mögliche Definition von Gesten als "eine Bewegung des
Körpers, die eine Intention ausdrücken " muß
daher umfassender geklärt werden im Hinblick auf die Freiheit.
Den Human-und Geisteswissenschaften macht Flusser in diesem Zusammenhang
den Vorwurf "...zu sehr im Bann der Naturwissenschaften zu stehen
und so uns immer bessere und vollständigere Kausalerklärungen
zu geben, Gesten damit aber zu sehr als Phänomen und nicht tatsächlich
als "kodifizierte Sinngebung" zu betrachten. " Die
Betonung liegt auf Sinn-GEBUNG, also ein aktives in-der-Welt-sein,
"was mehr ist als eine Reaktion und auch als eine Motivation
(beispielsweise sozialer oder psychologischer Art)" (S.231) Am
Beispiel einer Armbewegung, die durch einen schmerzhaften Nadelstich
nicht verursacht wurde (sic!) sondern als aktive Antwort auf ihn erfolgte,
verdeutlicht Flusser den Unterschied: "Diese Armbewegung ist
Resultat gleichermaßen von physiologischen, psychologischen,
kulturellen, ökonomischen und weiteren Faktoren. Die Armbewegung
wird dann als typisch "menschlich" oder "neurotisch"
oder "brasilianisch" oder "bürgerlich" erklärbar...Doch
wird jede dieser Erklärungsweisen unbefriedigt, es sei denn man
fröne dem Vitalismus, dem Psychologismus (...) oder ähnlichen
Ideologien, weil sie nämlich alle am Kern des Phänomens
vorbeigehen. Diese Unzufriedenheit rührt aus meinem Wissen davon,
daß ich den Arm hob, weil ich es wollte." Und gegenüber
der Intentionalität hebt Flusser die Geste ab, wenn er betont
daß "nicht die Motive zu diesem Entschluß das Entscheidente
sind, sondern die Tatsache, daß ich den Arm nicht gehoben hätte,
wenn ich es nicht gewollt hätte. Diese negative Seite meines
Wissens macht, daß alle objektiven Erklärungen der Armbewegung,
auch die dialektischen, unbefriedigend sind" (S. 220)
Wir bemerken hier eine radikale Bestimmung des Menschen aus seiner
Subjekthaftigkeit, seiner Autonomie und Willens-Freiheit heraus, ein
Selbstverständnis, das zutiefst den Kern der Kunst berührt.
Nicht wozu ich veranlaßt, genötigt, getrieben werde, ist
das Wesentliche, nicht die Ursachen oder die Determinationen meines
Handelns sind wichtig, entscheidend für die Zukunft ist, welche
Antwort ich gebe. Ich weiß, dies ist vielleicht eine Zumutung
aus psychologischer und therapeutischer Sicht, aus künstlerischer
Sicht aber der Nullpunkt, aus dem sich alles weitere ergibt. Vielleicht
ist das Denken in den Kategorien "Determination" und "Kausalität"
in unserer gegenwärtigen Epoche schon so verabsolutiert , daß
diese andere Sicht der Welt ziemlich seltsam anmutet. Es scheint immer
schwieriger zu werden, den Menschen tatsächlich nicht nur als
Naturwesen, sondern auch als Kulturwesen, d.h. als Künstler zu
begreifen, trotz aller gegenteiliger Bemühungen in der jüngsten
Kunstgeschichte.
Und damit komme ich zu meiner zentralen These: Es gibt daher für
Kunsttherapeuten keinen Weg an der Kunst vorbei. An ihr können
wir diese zentrale Erfahrung einüben, die zu einer Grundhaltung
werden kann, die ins Leben integriert werden muß. Aber diese
Erfahrung ist immer nur in der aktuellen Entwicklung möglich,
dort wo Kunst uns im besten Sinn des Wortes als "Fragwürdig"
begegnet. Kunsttherapeutinnen sollten m.E. dieses Sensorium entwickeln,
nicht damit sie Gegenwartskunst produzieren können, sondern um
eine spezifische Haltung ihren Klienten und deren Werken gegenüber
zu kultivieren.Eine Haltung , die einen Sinn für das wirklich
Unbekannte hat, einen tiefen Respekt vor dem "prinzipiell Anderen",
das sich jeglicher Deutung entzieht. (6)
Damit beziehen wir eine Position, die korrespondiert mit Sichtweisen,
die im gegenwärtigen philosophischen Diskurs immer deutlicher
hervortreten und die mit einer möglichen Neu-Definition des Menschseins
zu tun haben. Ein aufmerksamer Beobachter der kulturellen Entwicklung
kann derzeit schon erste Ansätze einer Verschiebung von psychologisch
argumentierender Lebenshilfe zu einer philosophisch argumentierenden
feststellen.(7)
Auch dieser Diskurs bezieht sich interessanterweise vehement auf die
Kunst, wie dies im 19/20.Jahrhundert die Psychologie vorexerzierte.
Das philosophische Denken begreift sich dabei als ein ästhetisches
Denken , so lautet auch der Titel eines frühen Textes von Wolfgang
Welsch. Die Differenz, die Pluralität , das "Andere",
das Unbekannte sind zentrale Metaphern in diesem Diskurs. Damit erklärt
sich die Affinität dieses Denkens zum künstlerischen Denken.
Interessant für die Kunsttherapie sind die Folgerungen, die daraus
für die Idendität des Menschen gezogen werden und damit
auch für eine therapeutische Begleitung der Lebens-Praxis- die
anderes will als Psychotherapie - relevant werden. Viele Menschen
entwerfen heute viel selbstbewußter und autonomer ihr Leben,
als dies vor 2 Generationen überhaupt vorstellbar war. Soziologische
Studien belegen einen Wertewandel hin zu pluralistisch definierten
Subkulturen bis hin zu Ein-Personen-Kulturen. Welsch beschreibt diesen
Sachverhalt in einem Text unter der Überschrift "Idendität
im Übergang" und er veranschaulicht diesen mit Photographien
der amerikanischen Verwandlungs-Künstlerin Cindy Sherman. Welsch
geht in seiner Analyse von einem Zustand der gesellschaftlichen Entfremdung
aus, in der die Kunst "zu einem Raum des Überlebens... unter
nicht lebbaren Bedingungen geworden ist". Interessant für
die Kunsttherapie sind nun folgende von Welsch angedachte Konsequenzen
: " " Die Kunst lehrt uns nicht nur, daß
die variable Idendität, die man bislang aus den Zonen der Krankheit
und der psychiatrischen Behandlung kannte, vom Stigma zum Modell geworden
ist und gesellschaftzlich prospektive Funktion übernommen hat,
sondern sie zeigt zudem, wie solch variable Idendität gelingen
und wie sie lebbar sein kann.....Die Konsequenz für die Psychiatrie
könnte beträchtlich sein. Zwar ist der Kranke keineswegs
umstandslos zu einer Modellfigur künftiger Gesundheit zu erklären,
aber daß Strukturen, die bislang für krankheitscharakteristisch
galten, künftig eher für lebensermöglichend anzusehen
sind, muß auch die Einschätzung und Behandlung des Kranken
verändern. .... (Hier) zeichnet sich eine andere Perspektive
ab: die einer versöhnung des Kranken mit seinem Widerspruch,
einer bestärkung seiner divergierenden Daseinsfähgigkeit.....
Flankierend wird es dabei auch darauf ankommen, zum teil geradezu
obsessiven Harmoniewünsche abzubauen, die dafür verantwortlich
sind, daß jemand seine Situation als krankhaft empfindet, anstatt
sie lebbar zu machen." (S.199 /200) Das Lebbar-Machen einer Idendität
ohne auf ihre "Krankhaftigkeit" zu starren, das ist eine
Option, die m.E. in der Kunsttherapie beheimatet ist, aber noch viel
zu wenig beachtet wird. Wenn ich als Kunst-Dozent ein Werk "korrigiere",
so geht es dabei um das Deutlich-Machen der eigentlich gemeinten,
aber formal verfehlten Werkaussage, es geht darum die verborgenen
Absichten des Autors herauszuarbeiten und zu klären um dann die
Mittel und Wege zu finden, das Gemeinte prägnant hervortreten
zu lassen. Darum geht es m.E. auch in der Therapie: eine Art "Signatur"
des individuellen Schicksals zu erkennen. Ich weiß, welche Wichtigkeit
in der therapeutischen Praxis Kategorien zukommen, in die wir Krankheitsphänomene
einordnen können, je länger ich aber mit Menschen arbeite,
desto intensiver wird mein Empfinden dafür, das das Eigentliche,
das ureigenste Wesen eines Menschen, seine Individualität, sich
diesem Begriffs-Netz entzieht. Was dagegen in meiner Wahrnehmung immer
deutlicher hervortritt ist eine Art "Gesamtwahrnehmung"
eines Gegenübers, das Wahrnehmen dieser "Signatur",
die zentraler Inhalt seines Wesens ist. Die Krankheitsaspekte sind
nicht "wegzukurieren" ohne sein eigentlich Wesenhaftes wegzudenken,
sie sind aber, wie bei einer "Werk-Korrektur" einer (selbst)erkennenden
Schau zugänglich zu machen . Dadurch kann ein produktiver Umgang
mit ihnen gelernt werden, die kunsttherapeutische Frage ist:
Was ist eigentlich mit diesen Symptomen im Sinne von Bildern gemeint
und wie kann diese Energie in produktivere Kanäle geleitet werden.
Wie würde dieses ganz individuelle Lebenswerk, dieser spezifisch
Inhalt, wie würde er aussehen, wenn mit den Gestaltungsmitteln
kompetenter umgegangen wird?
Wir sehen: Die Gegenwartskunst hat also ebenfalls ein enormes therapeutisches
Potential in ihren Intentionen und das ist der Grund weshalb sich
KunsttherapeutInnen (zumindest) in ihrer Ausbildung intensiv mit ihr
auseinandersetzen sollten. Nicht um marktgerechte Werke produzieren
zukönnen, wie manche immer wieder befürchten, sonder um
ihrer KlientInnen willen. Deren Entwicklung bewirken wir nämlich
nur über unsere eigene.
Mein Anliegen in diesem Beitrag war es, aufzuzeigen, daß im
Kontext der Kunsttherapie verschiedene Ansätze der Bildenden
Kunst in ihrer historischen und theoretischen Dimension eine wesentliche
Rolle spielen. Es geht mir keinesfalls darum, diese gegeneinander
auszuspielen oder zu werten: sie sind alle therapierelevant, das ist
nicht deutlich genug zu unterstreichen. Wesentlich war es mir jedoch,
darauf aufmerksam zu machen, daß die verschiedenen "Kunst-Begriffe"
sich unerschiedlich innerhalb der Kunsttherapie entfaltet haben und
es hier noch enorme Entwicklungs-Potentiale gibt. Je aktueller der
Kunst-Begriff ist, desto weniger hat er sich in seinen Konsequenzen
im Therapie-Kontext entfalten können. Das ist nicht tragisch
sondern ganz normal. Wir müssen darüberhinaus im Hinblick
auf unsere Klienten, um die es ja zentral geht, bedenken, daß
auch diese in ihrem kulturellen Bewußtsein immer einen ganz
konkreten Standpunkt haben, der für uns als Therapeuten dann
der verbindliche ist. Die Klienten-Zentrierung unseres therapeutischen
Handelns muß sich in der Kunsttherapie also auch immer am Kunstbegriff
unseres Gegenübers orientieren. Allerdings sollten wir als Kunsttherapeuten
immer auch in unserer Aufmerksamkeit behalten, daß der Klient
sich bewußt eine KUNST-Therapeutin gewählt hat und keine
Gesprächs-Therapeutin oder Analytikerin. Mit dieser Entscheidung
wurde uns eine non-verbale Mitteilung gemacht, die wir ernst nehmen
müssen. Die Erwartungen an uns sind damit andere.
Hinsichtlich unserer berufs-Politik und unserer anzustrebenden öffentlichen
Anerkennung gebe ich zum Schluß noch Eines zu bedenken: Daß
mit der Verabschiedung des Psychotherapeuten-Gesetz eine Ausgrenzung
der Kunsttherapie stattgefunden hat, sollten wir nicht nur als ein
Ärgernis registrieren, sondern auch als eine Botschaft und Chance.
Das Misstrauen gegenüber der Kunst hat, wie ich in meinem Text
nur andeuten konnte, kultur- und bewußtseinsgeschichtliche Gründe,
die wir auch als Zukunftsperspektive begreifen können. Immerhin
wurde damit dokumentiert, daß Kunst andere Prämissen in
den therapeutischen Kontext hineinträgt, als es die Psychotherapie
bisher kannte. Das sollte uns eine Herausforderung und Verpflichtung
sein.
Anmerkungen:
1) Der heute immer noch gebräuchliche akademische Titel "
Meisterschüler" ist in seiner Intention und in der Begrifflichkeit
eindeutig eine Adaption der christlichen Jüngerschaft. Heute
vielfach nicht mehr bekannt , geht er auf eine der "Errungenschaften"
zurück , die die Gründerväter des romantischen "Nazarenertums",
die Brüderschaft St. Lukas , von der Sphäre der Religion
aus ihrem römischen Kloster-Domizil nahtlos überführten
in die akademische Ausbildung, als Cornelius und später Schadow
die Düsseldorfer Kunst -Akademie "reformierten" . In
Gestalt des derzeitigen Akademie-Rektors Lüppertz wird dieses
Erbe der Romantik im 21. Jahrhundert immer noch mit tiefster Überzeugung
gelebt.
2) Allerdings ist hier sofort einschränkend auf eine besonderheit
des Lernens und Lehrens der künstlerischen Kompetenz hinzuweisen.
Im Gegensatz zum Lernen im Bereich der Wissenschaft, das von der Sache
her eher theoretisch erfolgt, ist hier nur Lernen über praktische
Erfahrung möglich. Es ist z.B.ziemlich unsinnig jemandem theoretisch
die Qualität "Rot" nahezubringen, dies geht nur über
eigene Wahrnehmungspraxis und das bedeutet Zeitinvestition, macht
viel Mühe und erfordert eigenes, interessegeleitetes Engagement.Mit
5 Seiten Textstudium zu diesem Thema hat man noch gar nichts begriffen,
mit 5 Bildern ein klein bißchen aber noch sehr wenig, mit 50
Versuchen immerhin schon etwas, nach 5 Jahren intensiver Arbeit an
diesem Thema hat man dann eine gewisse Kompetenz. Praktisches Erfahrungslernen
über Qualitäten geht paradoxerweise nur über Quantität,
d.h.nur wer viel probiert hat, hat viel studiert.
3)Aus diesem Grund ist es mir das Thema Kreativität in unserer
Ausbildung ein wesentliches Anliegen, im 7 Semester vertiefen wir
im Fach "Theorien der KT" das heute aktuelle Wissen zu diesem
spannenden Forschungsbereich, der noch viele ungelöste Rätsel
birgt.
4) Die Theorien der "De Stijl"-Künstler , vor allem
bei dem theosophisch orientierten Maler Piet Mondrian, liegen ganz
dicht bei den ästhetischen Theorien Steiners, es gab hier zunächst
auch einen Dialog, der sich jedoch in Mißverständnissen
verstrickte und bald abbrach.
5) Der Begriff "Geste ist allerdings im künstlerischen Kontext
mißverständlich. Keinesfalls meint Flusser hier etwas ,
was mit dem Begriff der "gestischen Malerei" zu tun hat
und damit auf einen romantischen Subjektivismus zurückverweist.
Um dieses Mißverständnis zu vermeiden, verwende ich daher
lieber den Begriff der "Signatur" um denselben Sachverhalt
zu fassen.
6) Zum Begriff des "Anderen" mehr in meinem Beitrag "Das
Andere der Bilder " im Reader zur DFKGT- Fachtagung Nürtingen
1998. Darin beziehe ich mich vor allem auf den Text "Die Spur
des Anderen" des französischen Philosophen und Husserl-Schüler
Emanuel Lévinas. In disem Text umkreist Lévinas den
Begriff des "Anderen" in seiner Vieldeutigkeit zwischen
dem Transzendenten, uns prinzipiell nicht Erkennbaren und dem "Anderen"
des anderen Menschen, in dem uns die Transzendenz konkret in seiner
ebenfalls prinzipiellen Unfassbarkeit gegenübertritt. Damit verweist
Lèvinas auch das therapeutische Denken in seine Grenzen und
begründet in der Begegnung mit dem "Anderen" eine dialogische
Bescheidenheit , die noch weitergeht als z.B. bei Martin Buber.
7). Auch die Verschiebung der Angebote auf dem freien "Therapie-Markt"
weg von der Zielgruppe mit "Selbsterfahrungs-Mentalität"
der 70/80er Jahre hin zum "Coaching" für die karriereorientierte
Golf-Generation der 90er Jahre erweist sich unter diesem Blickwinkel
nicht nur als ein Oberflächensymptom und als eine eilige Sicherung
lukrativer Pfründe, sondern verweist auf einen historischen Bruch,
der m.E. auch für seriöse Zukunfts-Perspektiven der Kunsttherapie
relevant sein könnte. |