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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
KulturGestaltung...
...zwischen aktueller Kunstpraxis und gesellschaftlicher Dienstleistung
Anmerkungen zum Studiengang "KulturGestaltung" an der Hochschule
für Gestaltung Schwäbisch-Hall
Vortrag anlässlich des Sympsiums "DIE KUNST DER KULTUR"
Fachhochschule Schwäbisch Hall / Hochschule für Gestaltung
in Kooperation mit Museum Würth Schwäbisch Hall Oktober
2000
Hinsichtlich seiner theoretischen Orientierung geht mein Beitrag von
einem Kulturbegriff aus, der als "non-objektivistisch" bezeichnet
werden kann, er verwendet daher konsequent anstelle des objektivierenden
Terminus "Kunst" den Begriff der "künstlerischen
Praxis" wo es um ein gegenwartsbezogenes Kunstverständnis
geht. In dieser Verschiebung dokumentiert sich ein Verständnis
von Gegenwartskunst, bei der die werkhaften Produktion eine untergeordnete
Rolle spielt gegenüber einem Verständnis von Kunst in seiner
Handlungs-Dimension, Kunst versteht sich dabei als eine gesellschaftliche
Konstruktion, die aus Kommunikation, Vereinbarungen und strategischen
Beziehungen resultiert.
Dieses Verständnis von Kunst als "künstlerische Praxis"
ist verwandt mit dem Verständnis einer "kulturellen Praxis",
wie sie in der gegenwärtigen kritischen Selbstbesinnung der Kulturwissenschaften
diskutiert wird als Alternative zu einem objektivistischen Kulturverständnis
in der Tradition Samuel Pufendorfs. Hintergrund dieser begrifflichen
Verschiebung ist dabei eine Verortung der Kultur in einer Sphäre,
die genau zwischen dem Subjektiven und Objektiven liegt. Der subjektive
Umgang mit den objektiven Gütern im Sinne eines individuellen
Handeln betont die Handlungsdimension der Kultur im Sinne eines "Kultivierens",
er führt zu einem Verständnis von Kultur, das die Möglichkeiten
der Identitätsbildung durch kulturelles Handeln in den Vordergrund
rückt. Dieses aktuelle Kultur-Verständnis kann sich u.a.
auf Georg Simmel berufen, der schon um 1900 prägnant formulierte:
"Indem wir die Dinge kultivieren, (...) kultivieren wir uns selbst."
(1)
Eine Form der Selbstreferentialität bildet sich auf diese Weise
im kulturellen Sektor zunehmend heraus. Das kulturschaffende Subjekt
kann aus dieser Perspektive einerseits als Objekt der Kultur definiert
werden, umgekehrt ist diese Kultur jedoch zugleich das Ergebnis der
fortgeschrittenen Reflexivität kulturschaffender Subjekte. In
dem Maß, wie die Kulturproduktion zu sich selbst reflexiv wird,
garantiert sie den Beteiligten zunehmend Autonomie und Souveränität,
wir erinnern uns hier an die paradoxen Leitbestimmungen der Kunst
im 20.Jahrhundert. Ohne vorschnell Kunst und Kultur gleichzusetzen,
bemerken wir in dieser Orientierung am handelnden Subjekt eine Affinität
zwischen kultureller und künstlerischer Praxis.
Was aber sind Kriterien einer künstlerischen Praxis, die sich
nun in einem erweiterten Selbstverständnis auch als kulturelle
Praxis begreift?
Wir müssen uns im Hinblick auf diese Entwicklung auch fragen,
was können und müssen Ausbildungs-Institute in Zukunft zur
Entwicklung eines anderen Selbstverständnisses der KünstlerInnen
leisten, wo müssen sich diese Institutionen verändern, wo
muss sich unser Denken über Kunst verändern?
"KULTUR GESTALTUNG"
Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter der eine Reflexion über
Kultur und den Stellenwert der Kunst stattzufinden hat, sind im Laufe
des 20. Jahrhunderts enormen Veränderungen unterworfen gewesen,
dieses Verunklarungs-Potential hat sich zu Beginn des 21 Jahrhunderts
noch weiter modifiziert. Mit ein paar wenigen Koordinaten soll zunächst
der Rahmen bestimmt werden, in dem sich gegenwärtig das Nachdenken
über kulturelle Entwicklungen bewegt:
1. Der Kultur-Sektor als gesellschaftlicher Expansions-Bereich
Parallel zur Entwicklung von der produzierenden Arbeits- zur kommunizierenden
Dienstleistungsgesellschaft geht eine Aufwertung des kulturellen Sektors
einher. Die Nachfrage nach kulturellem Angebot steigt mit allgemein
höherem Bildungs-Standart und steigender Lebenserwartung sowie
gesteigerten Ansprüchen an die Freizeitgestaltung. Darüberhinaus
wird Kultur zunehmend als gesellschaftlich relevant im Sinne eines
" Standort-Faktors" politisch und ökonomisch verhandelt.
Die Steigerung von Angebot und Nachfrage will koordiniert werden,
Kultur unterliegt dabei immer mehr den Prämissen und Anforderungen
eines Marktes. Management und Marketing sind Begriffe, die von der
Ökonomie in die Kultur einfließen, "Kultur-Management"
ist ein Kind dieser Entwicklung. Ist damit aber eine kulturelle Entwicklung
vorprogrammiert, die es kritisch zu reflektieren gilt und die noch
anderer Antworten bedarf? Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, daß
im Laufe des 20. Jahrhunderts die klassische Trennung von Hochkultur
und Unterhaltungs-Kultur obsolet geworden ist, Übergangs-Phänomene
etablieren sich und verwischen die Grenzen, vor allem mit der Expansion
neuer, technisch-medial gestützter Kulturformen im Bereich der
sogenannten Jugendkulturen. Eine "neue Unübersichtlichkeit"
ist im Werden, sie ist zugleich Chance und Herausforderung der Gegenwartskultur.
2. Neue Aspekte in der Definition des individuellen Lebensentwurfes
Vergleichen wir die Möglichkeiten der Gestaltung der individuellen
sozialen Biografie bis zur Mitte des 20ten Jahrhunderts mit aktuellen
Tendenzen, so wird auch hier eine gewaltige Entwicklungsdynamik offenbar.
Die Präformierung und Determination durch soziale Herkunft löst
sich zunehmend auf, psychosoziale Identität verwandelt sich zugleich
von einer monolithischen zu einer multiplen Form, Brüche und
Widersprüche werden zunehmend zu einem bestimmenden Faktor in
den individuellen Biografien.
Im Selbstverständnis junger Menschen spielen Traditionen heute
eine andere Rolle als in der Generation ihrer Eltern, Identitäts-Suche
und -Definition bezieht sich im Zeitalter medialer Globalisierung
auf andere Dimensionen. Welche Rolle spielt in diesem Prozess das
kulturelle Umfeld? Welche Angebote, Manipulationen und Verführungen
bietet dieses? Wie kann diesem neuen Bedürfnis nach kultureller
Selbstbestimmung und autonom definierter Identität Raum gegeben
werden?
Wo soziale Biografie zunehmend als "Verhandlungssache" und
personale Identität als subjektive Konstruktion im Sinne eines
"sozialen Kunstwerkes" definiert werden, bekommt kulturelle
Bildung die Bedeutung, die notwendigen Bildungsvorausetzungen und
soziale Kompetenzen für diese Entwicklung bereitzustellen. Wie
frei und kreativ sind derartige Lebenskonstrukte tatsächlich,
können pädagogische Angebote im kulturellen Sektor eine
Hilfestellung im Hinblick auf dieses wachsende Bedürfnis nach
selbstbestimmter Identität sein?
3. Veränderungen im gegenwärtigen KünstlerInnen-Selbstverständnis
Auch das überkommene Selbstverständnis der Künstler
unterliegt aktuell einem forcierten Wandel. Das romantisch disponierte
Künstler-Klischee des "genialen Einzelkämpfers"
löst sich zunehmend auf, neue Definitionen werden theoretisch
dikutiert und praktisch erprobt. In der Tradition der Grenz-Verwischung
zwischen Kunst und Leben, die die Moderne seit Beginn begleitet, werden
neue Betätigungs-Felder künstlerisch infiltriert und recherchiert.
Die Reflexion des gesellschaftlichen Kontextes künstlerischer
Produktivität gehört heute zum Standard-Programm jeder ernstzunehmenden
Kunst-Ausbildung, zunehmend werden auch hier kollektive Produktionsformen
erprobt. Die Rolle des autonomen Kunst-Produzenten wird beispielsweise
in Blickrichtung auf die Kunst-Vermittlung hinterfragt, Künstler
und Künstlerinnen erweitern dabei zunehmend ihren "Zuständigkeitsbereich"
von der Produktion zur Kommunikation.
In der Abwendung von der werkorientierten Kunst-Produktion seit den
60er Jahren des 20 Jahrhunderts hin zur Prozessorientierung und Betonung
der Diskursivität liegen die Anfänge einer Entwicklung,
die die aktuelle Selbst-Definition der Künstler und Künstlerinnen
mehr in die Nähe von Kultur-Produzenten verlagert, die das Instrumentarium
des Kultur-Diskurses in einer ganz anderen Bandbreite bespielen als
das traditionelle Künstlerbild es nahelegt. Eine Veränderung
im Selbstverständnis der Kunstschaffenden zeichnet sich ab, das
sich weit entfernt von den Klischees eines romantisch-genialen Impetus
traditionellen Künstlertums.
Mit der Begründung des Studiengangs "Kultur-Gestaltung"
an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Hall wurde
ein Versuch unternommen, erste Konsequenzen aus diesen Entwicklungen
zu ziehen. Mein Beitrag bemüht sich im Folgenden um die Frage,
inwiefern ein derartiges Selbstverständnis als "Kultur-Gestalter"
eine plausible Erweiterung künstlerischer Selbst-Definition ist.
Eine erster Versuch, dieses veränderte Selbstverständnis
zu definieren, könnte folgendermaßen aussehen: KulturGestalter
sind kreative Professionelle, die Anlässe und Räume für
ästhetische/ kulturelle / künstlerische Erfahrungen und
Ereignisse schaffen. Sie konzipieren innovative Kunst-Projekte und
verlassen dabei traditionelle Kunst-Räume und überschreiten
gewohnte Grenzen. Sie erweitern den Gültigkeits-Bereich künstlerischer
Kompetenz in soziale und gesellschaftliche Handlungsfelder, beziehen
dabei neue Zielgruppen in den Kunst-Diskurs mit ein und ermöglichen
in letzter Konsequenz den Transfer künstlerisch-ästhetischer
Erfahrung auf andere kulturelle Felder (Alltagskultur, Wissenschaft,
Ökonomie, Politik etc).
Das "Vor" der Kunst, also die Ebene der allgemeinen ästhetische
Erfahrung, rückt dabei ebenso ins Blickfeld wie das "Nach"
der Kunst, das heißt die Vermittlung des Erkenntnisgewinns der
Kunst. Auf der einen Seite sind es also die Fähigkeiten, die
spezifisch künstlerisches Denken und Handeln ermöglichen,
die in ihrer allgemeinen anthropologischen Gültigkeit bestärkt
werden, (wie z.B. aisthetische Wahrnehmungsfähigkeit, Kreativität,
Phantasie, Individualität usw. als Fähigkeiten-Potential
eines jeden Menschen) auf der anderen Seite sind es die Bewußtseinsfortschritte,
die der kulturelle Diskurs durch die Kunstpraxis erlangt, die in eine
breitere allgemeine Verfügbarkeit zu bringen sind (ästhetische
Rationalität, plurales Denken, Integration von Differenz- und
Kontingenzerfahrungen etc).
Das Hinführen zur Kunst ist also in einem umfassenderen als einem
kunst- oder kulturpädagogischen Sinn ein Anliegen der KulturGestaltung,
die Differenz zwischen dem Erfahrungs-Horizont der Kunstproduzenten
und der Kunstrezeptienten gilt es auch unter den Bedingungen, aber
vor allem auch mit den aktuellen Möglichkeiten einer medienbasierten
Informations- und Wissensgesellschaft zu überbrücken.
KulturGestalter konzentrieren sich bei ihrem Tun daher nicht nur auf
die "autonome Werkproduktion" im Sinne klassischer Kunstausübung,
sondern bemühen sich zugleich um die Schaffung von "Schnittstellen"
der Kommunikation über diese Kunst. In gleichem Maße, wie
die Kunstpraxis sich vom Produktionscharakter zunehmend entfernt und
der Prozesscharakter und der Informationsaspekt an Bedeutung gewinnen,
nimmt die Bedeutung des Vermittlungskontextes zu, unter dem Kunst
rezipierbar wird. Dieser Vermittlungs-Ebene kommt zunehmend dieselbe
Wichtigkeit zu, wie dem eigentlichen Werk, Künstler müssen
daher diese Ebene heute von vornherein als integralen Bestandteil
ihrer Arbeit mitbedenken und gestalten, autonome Werkproduktion wird
damit zunehmend zur souveränen Kontext-Produktion. Diese Schnittstellen
müssen in Kooperation und Kommunikation mit externen Vermittlern
(Kuratoren, Museumsleiter, Ausstellungsmacher, Kultur-Manager , art-consulter,
Galeristen, Kunsttheoretiker, Kritiker, etc) permanent hinterfragt
und neu gestaltet werden, Kultur-Gestalter leisten diese Arbeit quasi
"von Innen" aus dem Anliegen der spezifisch künstlerischen
Intention heraus.
Die Grunderfahrung der Kunst, als der "Produktion von Form durch
Setzen einer Differenz", wie sie prägnat von dem Kybernetiker
Gregory Bateson beschrieben wurde, wird dabei selbstreferentiell,
sie wird auf sich selbst angewendet, das heißt: Kunst gestaltet
ihre eigenen Randbedingungen von Innen her mit. Dieses erweiterte
Begreifen von Kunst, als ein "Ergreifen ihrer eigenen Ränder"
ist m.E. ein zentrales Anliegen einer gegenwartsrelevanten Kunstauffassung,
die sich folglich in einem umfassenderen Sinne als "Kultur-Gestaltung"
begreifen kann. Kurz zusammengefasst steht damit folgender Definitions-Vorschlag
im Raum:
KulturGestaltung definiert Kunst konsequent in Hinblick auf ihren
Kontext und verfolgt daher das Anliegen, diesen Kontext mit zu gestalten.
Unsere Fragestellung dreht sich im Folgenden zunächst darum,
auf welche konkrete Ausbildungs-Realität sich diese veränderte
Selbstdefintion von Kunstschaffenden aktuell stützen kann. Im
zweiten Teil dieses Beitrages wird dann anhand einer kurzen Darstellung
des Studienganges "KulturGestaltung" an der Hochschule für
Gestaltung Schwäbisch- Hall ein konkretes Beispiel einer innovativen
Ausbildung für den kulturellen Sektor vorgestellt.
Wohin geht die Kunstausbildung?
Die aktuelle Realität der Kunst-Ausbildungen ist geprägt
von großen Widersprüchen und Verwerfungen. Wir wissen spätestens
seit der Künstler-Enquete, die in den 80er-Jahren die Berufs-
und Lebensrealität der bundesdeutschen KünstlerInnen untersuchte,
um die Widersprüche dieser Realität, um Mißstände
in den Ausbildungen und um die sozialen Folgen. Wenn im Jahr 2001
die spektakuläre Forderung "Schließt jede zweiten
Akademie" als Aufmacher auf der Titelseite der "KUNSTZEITUNG"
(2)mit denselben Argumenten wie 1983 in einem Feature in der Wochenzeitung
"Die Zeit" (damals unter der Überschrift "Skandal
Kunstakademie") aufwartet, erscheint das bedenklich. Auch die
"Zeitschrift für Künstler", das"atelier",
stimmt in seiner Oktober-Ausgabe 2001 in seinem Leitartikel in den
Chor der Kritiker ein und beruft sich dabei auf aktuelle Diskussionen
im "Deutschen Kulturrat", bei der die gegenwärtige
Situation als "tiefe Krise der Künstlerausbildung in Deutschland"
beurteilt wird.
Die Kritik an den Kunstausbildungen richtet sich konkret auf deren
Ineffektivität. Ecke Bonk (3) hat in einem Beitrag in 1998 zur
Ringvorlesung "Spielregeln der Kunst" zu diesem Problem
schockierende Zahlen genannt: Er geht davon aus , daß lediglich
Einer von 500 Absolventen der Akademien zu Rang und Namen kommt und
als "anerkannter Künstler" sein Auskommen findet. Damit
würde allein seine individuelle Ausbildung die Gesellschaft 8,6
Millionen DM gekostet haben. Andere Quellen gehen von einer "Ausschuß-Rate"
von 90 Prozent aus, d.h. daß immerhin 10 Prozent der Akademie-Absolventen
auf die eine oder andere Art ihre Qualifikation zur Bestreitung ihres
Lebensunterhaltes nutzen können. Hier ist anzumerken: Es kann
zwar sein, daß über 90% der Akademieabgänger später
nicht vom Kunstverkauf leben können (und wir uns damit immer
noch die teuerste Taxifahrerausbildung leisten), die Verengung des
Blickwinkels auf die wenigen "Orchideen", die im Kunstmarkt
mit dem Verkauf ihrer Produktion ihr Ein- und Auskommen finden, ist
jedoch problematisch. Die Logik und die Konsequenz, die diese Kritik
verfolgt ist m.E. falsch und folgt Vorstellungen über künstlerische
Praxis, die schon lange kritisiert sind. Was hier noch keinerlei Berücksichtigung
findet, ist die Tatsache, daß Kunstausbildungen auch in einem
viel umfassenderen Sinne als "Qualifizierungen zu ästhetischer
Kompetenz" betrachtet werden können, damit stellt sich aber
die Frage nach dem Berufsbild der AbsolventInnen neu: Welche Kunst-und
Gesellschaftsrelevanten "Dienstleistungen" können aus
dieser Qualifikation noch entwickelt werden außer der traditionellen
Werk-Produktion für merkantile Zwecke? Es geht also in einem
viel tieferen Sinne um Neubestimmung der "Künstler-Profession",
möglicherweise in einem Ausmaß, das vielleicht eine neue
Begrifflichkeit, möglicherweise auch neue Namen für Tätigkeiten
in diesen Berufsfeld einfordert.
Der Tenor der seit Jahren geübten öffentlichen Kritik richtet
sich jedoch nicht nur gegen die konkrete Praxis der Kunst-Ausbildungen
sondern auch gegen die dahinterstehende Theorie, dh.gegen die noch
immer herrschende romantische Künstler-Genie- Ideologie, die
sich darin immer noch ausdrückt. Zur Ehrenrettung der Hochschulen
muß hier jedoch einschränkend gesagt werden, daß
bei den zahlreichen Institutionen und Ausbildungs-Möglichkeiten
auf diesem Gebiet aktuell eine sehr große Bandbreite der Orientierungen
zu bemerken ist, eine pauschalisierende Kritik ist also unangebracht.
Ein Fernseh-Feature des WDR von 1998 über die Akademien mit zahlreichen
Interviews war hier hinsichtlich der beträchtlichen Unterschiede
im ideologischen Überbau als auch in der institutionellen Realität
sehr aufschlußreich, so liegen beispielsweise zwischen den antiquiertenVorstellungen
des derzeitigen Düsseldorfer Akademie-Rektors Lüppertz und
den reflektierten Ansätzen eines F.E. Walter an der HdK Hamburg
Welten.
Kritische Anmerkungen sowohl an den Lehrinhalten und -methoden der
deutschsprachigen Akademien als auch am ideologischen Überbau
wurden von Frau Prof. Ute Meta Bauer vom "Institut für Gegenwartsfragen"
an der HdK in Wien anläßlich der EU-Konferenz "Künstlerische
Hochschulausbildung: Kulturprozess und Arbeitswelt" (4) prägnant
zusammengefasst. Darin führt sie aus, daß der "Einzelkämpfer
und Meisterschüler -Habitus" an vielen Akademien noch immer
gepflegt wird, teilweise keinerlei Curricula existieren, Lehrinhalte
wie Kultur-oder Gesellschaftstheorie, Cultural- und Gender-Studies
oder Kulturpoltik, Medientheorie und -philosophie sowie populärkulturelle
Themen nur marginal behandelt werden, die Ausbildungsmöglichkeiten
bzgl. Medien-Know-how sind teilweise mangelhaft oder, falls vorhanden
schwer nutzbar oder schlecht betreut.
Wohl eines der schwerwiegendsten Erblasten des romantischen Geniekultes
ist aber laut Ute Meta Bauer nach wie vor das verbreitete Mißtrauen
an den Akademien und im Kunst-Kontext gegenüber Kollektiv- und
Teamarbeit. Sie betont in ihrem Beitrag daher, daß es also nicht
nur um andere Lehrinhalte geht, sondern auch um neue Formen des Lehrens
und Lernens. Teamarbeit und Projektorientierung sind hier wesentliche
Stichworte. Solange noch nicht einmal innerhalb der Ausbildungen Kooperationsfähigkeit
kultiviert wird, sind dringend notwendige interdisziplinäre Kooperation
in der Berufsrealität noch in weiter Ferne. Berührungsängste
mit Wissenschaftlern sind hier genauso die Folge wie Schwierigkeiten
im Umgang mit Vertretern aus Wirtschaft, Politik oder zivilgesellschaftlichen
Organisationen. Interdisziplinäre Projekte, beispielsweise mit
angewandter Kultur- oder Gesellschaftswissenschaft, oder gar mit Naturwissenschaftlern
sind leider immer noch die Ausnahme.
Die Forderung "Schließt jede zweite Akademie", zu
der sich der Leitartikler der "Kunstzeitung" in seinem Essay
verstieg, klingt zwar spektakulär, geht jedoch am eigentlichen
Problem vorbei und zielt letztendlich nur auf die Aufrechterhaltung
eines Künstler-Selbstverständnisses, das dem romantischen
Geniekult und seinen merkantil orientierten Restbeständen verhaftet
bleibt. Die Fragestellung nach einem veränderten Selbstverständnis
der Kunstschaffenden rückt hier an keiner Stelle ins Blickfeld.
Wir brauchen nicht weniger Menschen mit hochqualifizierter künstlerischer
Kompetenz, sondern mehr und vor allem Mneschen mit einem anderen Selbstverständnis
von Künstlertum. Was wir brauchen sind neue Leitideen.
Leitbegriff: Kommunikation
Auf der Suche nach neuen Leitideen für die künstlerische
Praxis und eine innovative Ausbildung hierfür, bietet sich ein
Begriff an, der aus dem Diskurs der Medien- und Systemtheorie stammt.
Es handelt sich dabei um den Begriff der Kommunikation.
Wie schon eingangs angedeutet, gehen wir in der künstlerischen
Praxis heute von Prämissen aus, die den Produktionsaspekt und
damit die Werkhaftigkeit nicht mehr als primäres Anliegen auffassen.
Damit fällt jedoch zugleich auch eine weitere Bastion kunsttheoretischer
Provinienz: Die Vorstellung, daß Kommunikationsprozesse im Bereich
Kunst in erster Linie zwischen dem Werk und dem Rezipienten stattfinden,
kontemplativen Charakter haben und gewissermaßen "Privatsache"
sind. Insofern wir also im Zusammenhang mit künstlerischer Praxis
den Kommunikationsbegriff verwenden, ist er unter dem Aspekt der "ästhetischen"
Kommunikation zu konkretisieren , das aber heißt, es handelt
sich um einen Verständigungsprozess über artificielle Artefakte
unter den Diskurs-Beteiligten mit deutlich unterschiedenen Positionen
und Interessen ( wie z.B. Werk-Produzenten , Künstler-KollegInnen,
Kuratoren, Kunsthändler, Museumsbesucher, Passanten und Flaneure,
Kunst-Käufer, Kritiker, Pädagogen, usw., um nur einige mögliche
Positionen zu benennen) . Verbindliches und verbindendes Element dieses
Kommunikationsgeschehens ist und bleibt zwar der von Werk-Produzenten
geschaffene Anlaß, im traditionellen Sinne das "Werk"(und
seine Qualität), das nun jedoch auf einer viel breiteren Basis
reflektiert werden muß. Indem es den ästhetischen Kommunikationsprozess
initiiert und strukturiert, kommt diesem eine erweiterte Bedeutung
und damit Verantwortlichkeit zu. Es ist heute einfach zu wenig, sich
als KünstlerIn auf vorstrukturierte Verständigungsprozesse
beziehen zu wollen, die in der Tradition der "Kunst-Autonomie"
schon längst zu Selbstläufern - und damit kommunikativ irrelevant-
geworden sind. Die realen Bedingungen eines Werkes und damit die Bedingungen
seiner Rezeption sind heute in der Weise komplex geworden, wie die
künstlerische Praxis den "Schutzraum" der Institutionen
verlassen hat und sich im Kontext der "Lebenswelt" in souveräner
Überschreitung ihrer autonomen Selbstbescheidung entledigt.
Der Leitbegriff der Kommunikation ist also zu präzisieren als
"ästhetische Kommunikation", das
Berufsbild des Künstlertums muß sich dieser Entwicklung
öffnen und sie produktiv forcieren.
Mit der Verschiebung der Perspektive auf den Kommunikationsaspekt
der künstlerischen Praxis, kommen wir dem aber schon näher,
was wir unter der aktuellen Künstler-Profession verstehen können:
Spezialisten nicht der Produktion und des Handels mit Objekten, sondern
der Kommunikation mit und über Kunst, und zwar in einer spezifischen
Variante: Aus der Kunst heraus.
Kunstvermittlung in ihren zahlreichen Aspekten vom Handel, über
Ausstellungskonzeption und Organisation bis hin zur theoretischen
und pädagogischen Vermittlung gibt es natürlich schon lange,
jedoch jeweils aus Positionen, die sich gewissermaßen von "außen"
ihrem Gegenstand annähern. Die Qualifikation der jeweiligen Vermittler
bezieht sich dabei zumeist auf kunsthistorische, teilweise auf kulturwissenschaftliche,
kulturpädagogische und betriebswirtschaftliche Studiengänge,
gegenwärtig in zunehmend Umfang auch auf Kulturmanagement. Diese
Zugriffe haben ihre Berechtigung und sind in den meisten Fällen
auch mit hohem persönlichen Engagement und Kompetenz verbunden.
Ich möchte im Folgenden jedoch auf eine Entwicklungstendenz der
Gegenwartskunst die Aufmerksamkeit lenken, die sich im Begriff der
"Selbstorganisation künstlerischer Praxis" widerspiegelt.
Werkproduktion heute heißt Kontextproduktion unter den Bedingungen
der Selbstorganisation Wie eingangs erwähnt, bezieht sich die
gegenwärtige Kulturvermittlung in weiten Teilen auf einen Hintergrund,
der von einem objektivistischen Kulturverständnis geprägt
ist. Insofern Kultur als etwas begriffen wird, das aus Beständen
und Archiven, kulturellen Objekten und Institutionen sich zusammensetzt,
ist eine gegenständlich orientierte Zugriffsweise, die ihren
objektiven Fundus "managt", logisch. Wo wir jedoch ansatzweise
Kultur als kulturelle Praxis neu definieren, sind andere Zugriffsweisen
notwendig. Insofern folgt die kulturelle Entwicklung hier einer Logik,
die aufmerksame Beobachter in der kunstspezifischen Entwicklung schon
länger beobachten können: weg von der Objektfixierung, hin
zu einer Prozessorientierung, die mit den Begriffen "künstlerische
Praxis" und "Handlungsorientierung" operieren. Damit
bekommt die objektivierte Kulturvermittlung von "außen"
ihr notwendiges Pendant in Form einer sich neu konstituierenden"Selbstvermittlung",
sozusagen Kultur von "Innen".
Ein Handlungsfeld eröffnet sich damit, das in sich bemerkenswerte
Paradoxien verbinden muß. Während die "Moderne"
zunächst ihren Kontextbezug weitgehend ausgeblendet hat, sich
sozusagen in einem imaginären weißen Raum entwickelte (der
sich objektiv verdinglichte in der idealtypischen Ausstellungsarchitektur
des "white cube") , hat sich die postmoderne Kritik wieder
verstärkt auf den Kontextbezug besonnen und die Ideologie der
"Autonomie der Kunst" wieder zurechtgerückt. In einem
programmatischen Text von Michael Lingner Anfang der 90er Jahre wird
diese Entwicklung prägnant unter dem Titel "Paradoxien künstlerischer
Praxis" auf den Punkt gebracht. Der Autor zeigt dabei die Logik
auf, die notwendigerweise zu einer Neubestimmung der "Zweckfreiheit"
von Kunst führte. Danach sind wir in der Kunst an einen Punkt
gelangt, wo diese "eines externen Zweckes bedarf - nicht um sich
zu retten, sondern um ihre internen Bedingungen derart fortzuentwicklen,
daß die Weiterexistenz ästhetischer Erfahrung gesichert
ist."(5)Das Wesentliche daran ist jedoch, nicht die gewonnene
Autonomie der Kunst dabei aufzugeben, und damit einen Rückfall
in vormoderne Verhältnisse zu riskieren, vielmehr muß es
den individuellen Strategien gelingen, "selbstgesetzte Zwecke"
zu setzen, um gerade darin die Selbstbestimmung der Kunst zu realisieren.
Die Autonomie der Kunst wird damit zu einer strategischen Position
umdefiniert, die auf paradoxe Weise zugleich in ihrem Geltungsbereich
bleibt und über ihn hinausweist. Diese Paradoxie hat nach meiner
Interpretation auch seinerzeit Adorno angedacht mit seiner Formulierung,
"es ist gerade der autonome Schein der Kunst, der ihre souveräne
Wahrheit ausmacht" (6), sie wird aber auch in aktuellen systemtheoretisch
argumentierenden Diskursen, beispielsweise bei Niklas Luhmann (7)
angesprochen, wen er über die Kunst sagt "Die fiktionale
Realität wird zum Bereich der Reflexion anderer (unvertrauter,
überraschender, nur artifiziell zu gewinnender) Ordnungsmöglichkeiten
... Die Autonomie der Kunst - Weltautonomie und Gesellschaftsautonomie
- verdankt sich der Verdoppelung von Beobachter erster und zweiter
Ordnung. Sie besteht im Praktizieren dieser Differenz und in der Möglichkeit,
aus der einen in die andere Position zu schlüpfen"
Mit diesen Formulierungen wird jedoch deutlich, daß die Kunst
in ihrer internen Paradoxie ein Innen-Außen-Verhältnis
konstruiert, das es notwendig macht, das "Außen",
also die Bedingungen der jeweiligen Rezeption, nicht nur mit zu bedenken
sondern es geradezu mit zu produzieren. Kunstvermittlung kann damit
aber nur noch gelingen, wenn sie zunehmend zu einem Dialog der "externen"
und der "internen" Beteiligten wird, die Grenze zwischen
Produktion und Vermittlung wird fließend und notwendigerweise
verhandelbar. Im Zusammenrücken von Kunstproduktion und Kunstvermittlung
bildet sich ein fluktuierendes Feld möglicher Beobachter und
-Handlundspositionen, die die Beteiligten situativ und flexibel nutzen
können. Diese Feld ist gleichzeitig geprägt vom Autonomieanspruch
der Kunst und von seiner souveränen Überschreitung, die
Dienstleistungsfunktion der autonomen Kunstpraxis würde ich in
diesem Zusammenhang dann mit dem Begriff der "souveränen
Dienstleistung" charakterisieren.
Daß diese Entwicklung auch mit Fragwürdigkeiten und negativen
Auswüchsen verbunden sind, ist klar, so zu beobachten beispielsweise
in den Irritationen der Vermittlungspraxis in den 80/90er Jahren,
wo (Künstler)-Kuratoren teilweise Künstlerpositionen zur
Illustration ihrer Themenausstellungen degradierten oder in Inszenierungen
wie der dokumenta.
9. Die problematische Seite, die mit der Paradoxie der "selbstgesetzten
Zwecke" verbundenen ist, ist auch gegeben in der Gefahr einer
falsch praktizierten Funktionalisierung der Kunst. Der Grat, den wir
hier beschreiten, ist schmal und mancher Absturz ist vorprogrammiert.
Wo Kunstpraxis sich ihrer "Widerständigkeit" und ihres
"Irritationspotentiales" nicht ausreichend bewußt
ist, gerät sie in Gefahr, in die Niederungen einer affirmativen
und beschaulichen Praxis abzurutschen, das bewegt sich dann von einer
gutgemeinten, aber grundfalschen Kreativitätsförderung durch
laienhafte Kunstpraxis bis hin zur unkritischen Bedienung kunstfremder
Präsentationsbedürfnisse und banaler Medien-Events. Ute
Meta Bauer weist in ihrer Kritik der bestehenden Studiengänge
an den Hochschulen daher auch nachdrücklich darauf hin, daß
die Forderung nach qualifizierenden Ausbildungen für neue Berufs-
und Praxisfelder keinesfalls die Hochschulen zu "Zulieferern
stromlinienförmig-affirmativer Arbeitskräfte für die
Kultur- und Unterhaltungsindustrie" machen darf, vielmehr gehe
es darum " die Studierenden in die Lage zu versetzen, ein selbstbestimmtes
und reflexiv-kritisches Selbstverständnis und entsprechende künstlerische
Positionen zu entwickeln".
Eine Besinnung auf den kommunikativen Dienstleistungs-Aspekt, der
mit der künstlerischen Praxis verbunden ist, findet jedoch parallel
zur Entwicklung der Kunst auch in den kunstvermittelnden Institutionen
statt. Die "Institutionskritik" der 80/90er Jahre zeitigt
schon lange Wirkungen und ist auf breiter Basis zum festen "Inventar"
des Selbstverständnisses kulturvermittelnder Institutionen geworden.
Die Betreiber dieser Institutionen wissen heute sehr gut , daß
das Sammeln von Objekten und das Anreichern von Archiven allein nicht
genügt, um Kunst zum kulturellen Faktor zu machen, erst wo damit
gearbeitet wird, beginnt die kulturelle Praxis und dazu gehört
ein ganzes Bündel Tätigkeiten, die qualifiziert geleistet
werden müssen.
Dabei muß ein Team von Experten zugange sein, bei dem spezifische
Qualifikationen entweder zusammenkommen oder in Personalunion vorliegen
müssen. Hierzu gehören beispielsweise kunsttheoretische-,
sowie kultur- und sozialwissenschaftliche Kompetenzen, aber auch pädagogische,
kommunikative und organisatorische Fähigkeiten . Ganz zentral
ist die Identifikation mit dem Anliegen der Kunst, d.h. künstlerische
Involviertheit und natürlich Inovationsfähigkeit und kreativer
Einfallsreichtum. Daß von der Überzeugung und der Sachkompetenz
her ausgebildete und praxiserfahrene Künstler und Künstlerinnen
dabei besonders qualifiziert sind, liegt nahe, zahlreiche KünstlerInnen
mit entsprechenden Vor -oder Weiterbildungen und Zusatzqualifikationen
haben diese Arbeitsfelder seit einigen Jahren für sich entdeckt.
Der Studiengang "KulturGestaltung" an der Hochschule für
Gestaltung Schwäbisch-Hall
Das Studium KulturGestaltung an der Hochschule für Gestaltung
Schwäbisch Hall ist ein neu gegründeter, grundständiger
Fachhochschul-Studiengang, der sich zum Ziel gesetzt hat, die aktuellen
Entwicklungen in der künstlerischen Praxis aufzugreifen und zu
einem Berufsfeld zu verdichten. Das Studium baut ausdrücklich
auf einer künstlerisch-gestalterischen und ästhetischen
Qualifizierung auf. Ich verwende hier beide Begriffe, im Wissen um
ihre Nichtidentität und ihre Bezogenheit aufeinander. Künstlerische
Kompetenz gründet auf ästhetischer Kompetenz, sie gründet
in den Erfahrungen, die der Mensch in der Verbindung seiner sinnlichen
und intelligiblen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmodi gewinnen kann.
Damit ist jedoch noch nicht ausdrücklich die Produktion oder
auch die Rezeption von Kunst gewährleistet, vielmehr haben wir
eine notwendige Bedingung dafür geschaffen, zugleich aber auch
eine Voraussetzung für alle anderen Erfahrungsbereiche des Menschen,
die wir im Begriff der Kultur zusammen fassen (dazu gehört also
auch Naturerfahrung, Technik, Ethik, Lebenswelt-Erfahrung etc). Kunst
im eigentlichen Sinne baut auf diesen Erfahrungen auf, entwickelt
aber sofort ein Geflecht der verschiedenen kulturellen Erfahrungshorizonte,
kunsttheoretische und -geschichtliche, biografische und gesellschaftliche,
philosophische, systemtheoretische, medien- und kommunikationsspezifische
Erkenntnisinteressen usw. werden dabei zu einem Komplex verwoben,
der dann mit den Kategorien der Kunstrezeption lesbar wird. Eine Qualifizierung
ästhetischer Erfahrung im Rahmen unsereres Studienganges schafft
also zugleich Voraussetzungen künstlerischer und kultureller
Kompetenz. Inwiefern Absolventen nach dem Studium in der Lage sind,
ästhetische Kompetenz so einzusetzen, daß sie Grundlage
einer spezifischen künstlerischen Praxis werden oder aber einer
weiterreichenden kulturellen Praxis zugeführt werden, hängt
von der individuellen Entscheidung der AbsolventInnen ab.
Das Spezialwissen, das für die eigene künstlerische Praxis
notwendig ist, ist dabei in weiten Teilen identisch mit dem Know-How,
das generell bei der Kultur und Kunst-Vermittlung gebraucht wird:
Konzeptionserstellung, Organisation und Projektmanagement, Finanzierungs-,
Abrechnungs- und steuerrechtliche Fragen, Vertragsgestaltung, Urheber-
und Berufsrecht sowie Öffentlichkeitsarbeit und Beziehungs-Pflege
gehören heute genauso zur Praxis eines Künstlers, wie seine
"eigentliche" künstlerische Werk-Produktion. Das romantische
Bild des Künstlers im Biedermeierstil als einsamer Poet an der
Staffelei, das heute noch weitgehend im öffentlichen Bewußtsein
existiert, hat schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun.
Die eigene Arbeit muß heute vom Produzenten selbst projektiert,
organisiert, finanziert und anschließend diskursiv und markttechnisch
vermittelt werden. Das aber heißt: aktuelle Kunstpraxis realisiert
sich heute weitgehend als ein Einheit von "Werk-Produktion"
und "Kontext-Produktion". Dabei sind alle möglichen
Spielarten denkbar von der "Selbstvermarktung" über
die Inanspruchnahme professioneller Agenten bis hin zur Schaffung
eigener Kontexte in kollegialen Kooperationen. Dies alles sind Formen
einer heute unabdingbaren "Selbstorganisation der künstlerischen
Praxis".
Soweit aber "Selbstorganisation" im Bereich Kunst damit
immer mehr zu einem integralen Bestandteil der künstlerischen
Praxis wird, ist es Aufgabe der Ausbildungs-Insitute, darauf vorzubereiten
und das notwendige professionelle Wissen zu vermitteln. Die Fähigkeit
zur Selbstorganisation wird aus der Entwicklung der Kunst damit immer
mehr zu einer Schlüsselqualifikation. Dazu gehört das Einübung
von Teamfähigkeit ebenso wie praxisorientiertes Wissen über
Projekt und Organisationsabläufe. Dies kann u.E. aber am besten
in der tatsächlichen Praxis eingeübt werden, daher sind
praxisorientierte Projekte der zentrale Inhalt unserer Hauptstudiums
und der studienbegleitende Praxistag in einer Kultur-Institution ein
ganz wesentliches Element des Studiums an der Hochschule für
Gestaltung Schwäbisch-Hall.
Der Stellenwert, den wir in unserem Studiengang der Qualifizierung
ästhetischer Kompetenz einräumen, aber auch die Doppelwertigkeit
dieser Kompetenz zeigt sich auf verschiedenen Ebenen in der Ausgestaltung
unseres Curriculums. Während es im Grundstudium zunächst
darum geht, eine allgemeine ästhetische Kompetenz zu erarbeiten,
gibt das Hauptstudium Raum, diese in erste Ansätze eigener künstlerischer
Praxis umzusetzen. Hier ist das Einüben in ein freies, selbstbestimmtes
und selbstmotiviertes Arbeiten angesagt, aber auch das Finden eigener
Fragestellungen und individuell erarbeiter Umsetzung.
Im Grundstudium verfolgen wir aus pädagogischen Gründen
zunächst eine sehr strukturierte Vorgehensweise, um die Grundlagen
des Gestaltens effektiv zu erarbeiten. Dabei orientieren wir uns an
"klassischen" kunstpädagogischen Leitbegriffen wie
ästhetische Sensibilisierung sowie Entwicklung der Wahrnehmungs-
und Gestaltungsfähigkeit. Den Ansatz, der sich aus unserer Erfahrung
herauskristallisiert hat, versuchen wir mit dem Begriff der "Phänomenologie"
zu fassen. Damit knüpfen wir an eine Haltung an, die zwar einerseits
in der philosophischen Tradition der Moderne steht, andererseits aber
auch über diese hinausweist. Es geht dabei um eine Wahrnehmungsfähigkeit,
die die Subjekt-Objekt- Problematik aufgreift in einer Hinwendung
"zu den Sachen selbst". Das Bestreben, die "Dinge selbst
sprechen zu lassen" durch eine kultuvierte Wahrnehmungsfähigkeit
der inneren Dynamik und Logik, beispielsweise der Farbe oder Form,
war Voraussetzung zahlreicher Innovationen der Moderne, sie hat aber
eine prinzipielle Gültigkeit für die ästhetische Qualifizierung
der Welt, insofern sich diese unserer Wahrnehmung sowohl sinnlich
als auch intelligibel vermittelt.
Im Grundstudium ist derzeit ein Durchgang durch verschiedene Aspekte
künstlerischer Gestaltungsmöglichkeiten angelegt: beginnend
mit der Farbe im 1.Semester, gefolgt von Aspekten der Form und des
Raumes im 2. Semester und dem Aspekt des Materials und der Substanz
im 3. Semester. Parallel dazu werden Fragen der systemischen Dynamik
und der morphologischen Verwandlung untersucht, um für das Zeitelement,
das heute immer mehr zu einer zentralen Fragestellung wird, zu sensibilisieren.
Traditionelle künstlerisch-handwerkliche Fähigkeiten, wie
z.B. das Zeichnen werden selbstverständlich auch vermittelt,
es ist uns jedoch ein wichtiges Anliegen, gerade bei der Erarbeitung
der handwerklichen Voraussetzungen deutlich zu machen, daß diese
nicht Selbstzweck sind, sondern Übungsfeld, um eine grundlegende
Fähigkeit des methodischen Lernens einzuüben. So ist z.B.
beim Zeichnen-Lernen exemplarisch ein Durchschreiten verschiedener
Erfahrungsebenen angelegt: von der objektivierten Wahrnehmungs-und
Wiedergabefähigkeit im Sinne einer naturalistischen Haltung über
die Reflexion der zeichnerischen "Mittel an sich" im Sinne
einer autonom-modernen Haltung bis hin zur Reflexion des Zeichnens
als "Zeichensetzungen" im Sinne aktueller Kommunikationstheorien.
(8)
Zur ästhetischen Kompetenz gehört m.E. aber auch etwas ,
was unserer Beobachtung oft entgeht, ich meine damit die Subjekt-Seite
der ästhetischen Rezeptions-Situation.
Im Sinne der eingangs gebrachten Formulierung von Simmel "Indem
wir die Dinge kultivieren, (...) kultivieren wir uns selbst."
hat ästhetische Kompetenz nicht nur eine Doppelwertigkeit hinsichtlich
ihrer Relevanz für die künstlerische und die kulturelle
Praxis, sondern auch eine grundsätzlichere Doppelwertigkeit hinsichtlich
ihrer Objekt- und der Subjektdimension. Insofern hat ästhetische
Bildung auch die Bedeutung von "ästhetischer Selbstbildung".
Diese ist aber zugleich Voraussetzung ästhetisch-pädagogischen
Handelns schlechthin. Hier sehe ich Anknüpfungspunkte für
ein weites Feld der außerschulischen Pädagogik, vor allem
da, wo neue Formen des selbstbestimmten, subjektorientierten Lernens
einfacher zu praktizieren sind als im schulischen Kontext, also in
der beruflichen Fortbildung, im Freizeit- und Volkshochschulangebot,
in Jugendkunstschulen und Jugendhäusern, in Kulturwerkstätten,
soziokulturellen Zentren und in der Seniorenbildung, bei kulturellen
Bildungsangeboten von Firmen und gesellschaftlichen Vereinigungen,
bei Kreativitätsschulungen und Museumsdiensten usw. . Für
diese pädagogische Dimension der "KulturGestaltung"
versuchen wir mit unserem Studium gleichfalls zu qualifizieren. Dazu
braucht es pädagogisches Know-how, das in unserem Studium sowohl
theoretisch als auch praktisch orientiert vermittelt wird. Psychologisches
Grundlagenwissen gehört natürlich ebenso zu einer pädagogischen
Kompetenz wie die Kenntnis von Lerntheorien und deren Praxiserprobung.
Eine wesentliche Konsequenz dieser Subjektdimension ästhetischer
Kompetenz ist eine Thematisierung der Bedingungen ästhetischer
Erfahrung, hier nicht nur der Bedingungen auf intelligiblen Seite,
sondern auch der sinnlich-sensuellen Voraussetzungen. Diese werden
oft stillschweigend als stimmig angenommen, wir müssen aber heute
davon ausgehen, daß unsere physiologischen Voraussetzungen der
Sinneswahrnehmung zunehmend problematisch werden. Die evolutionäre
Erkenntnistheorie weiß heute, wie Sinneswahrnehmung sich im
Wechselspiel mit seinen Umweltbedingungen herausbildet und sich weiterentwickelt
bzw. degeneriert. Darüber sich Erfahrung und Wissen zu verschaffen,
ist also eine notwendige Voraussetzung für die künstlerische
und kulturelle Praxis die auf ästhetischen Komponenten aufbauen
will.
Im Kunstkontext ist die "Konstruktion des Körpers"
in den letzten Jahren zunehmend thematisiert worden, in pädagogischen
Zusammenhängen hat eine "Erziehung der Sinne" eine
lange Tradition schon seit Beginn der Moderne und der Bewußtwerdung
der Folgeerscheinungen der Industriegesellschaft. Diese Problematiken
werden sich mit dem Ausdifferenzieren der Medien-Kultur weiter manifestieren.
Es wird daher zu einem Grundanliegen ästhetischer und kultureller
Erfahrung gehören, ihre Wahrnehmungsbedingungen mit zu thematisieren.
Eine "Ökologie des Sinneswahrnehmung" deutet sich in
Zukunft an, wer kulturell mitgestalten will, sollte sich über
die leibhaftigen Bedingungen seines Menschseins Rechenschaft ablegen,
auch über deren Grenzen und mögliche Manipulationen. In
unserem Curriculum ist dieser Aspekt nicht nur als eigenständiges
Fach verankert, sondern fließt in vielen Reflexionen über
die künstlerische Produktion permanent mit ein, sei es Farbwahrnehmung
in der Malerei, Reflexionen über Tast-und Raumwahrnehmung im
Plastischen, aber auch in unserer Kultur- und Kunstproduktion weniger
beachtete Sinnesgebiete wie Geruch, Geschmack oder Bewegung wurden
in Projekten unserer Studierenden exeplarisch bearbeitet.
Im Hauptstudium stehen andere Aspekte im Vordergrund, die jedoch ebenfalls
für beide Arbeitsfelder von Bedeutung sind. Zentrale Begriffe
für eine aktuelle Kunstpraxis sind dabei: Recherche und Konzept
sowie Kommunikation und Positionierung in Distributionssystemen und
Netzwerken. Die hier gemachten Erfahrungen sind sowohl zur Erarbeitung
und Vermittlung einer individuellen künstlerischen Position wesentlich
als auch für die Erarbeitung von gesellschaftlich und kulturell
relevanten Fragestellungen beispielsweise für Themenausstellungen,
Kongresse, Medien-Features etc. Die Herangehensweise an Aufgaben,
die in ihrer Komplexität über ein einzelnes Werk oder Objekt
hinausgehen, orientiert sich an dabei an den Methoden des projektorientierten
Arbeitens. Daher steht im Hautstudium neben der individuellen künstlerischen
Praxis die kollektive Projektarbeit im Vordergrund. Wie schon oben
erwähnt ist aus unserer Sicht dabei die Teamarbeit ein wichtiges
Element. Einzuüben ist dabei sowohl eine Kreativität im
Kollektiv als auch die Organisation von Arbeitsabläufen, die
Verteilung von Aufgaben und die Koordination und Zusammenführung
der einzelnen Aspekte zu einem stimmigen Ganzen. Die Fähigkeit,
sich in neue Arbeitsbereiche und Themen einzuarbeiten, ist dabei ebenso
Voraussetzung wie eine umfassende Allgemeinbildung, jedoch nicht nur
in Form von historischem, philosophischem, soziologischem und kulturellem
Wissen, sondern in der Fähigkeit, diese sinnvoll zu recherchieren,
zu verknüpfen und neue Aspekte darin herauszuarbeiten. Was hierbei
notwendig ist, ist die Fähigkeit interdisziplinär zu denken
und zu handeln.
Der Horizont von Künstlern und Kulturschaffenden sollte daher
nicht auf ihre Spezialdisziplin beschränkt sein, eine interdisziplinäre
Orientierung hinsichtlich der anderen Bereiche, die Kultur ausmachen,
ist trotz oder gerade wegen der Ausdifferenzierung der Diskurse in
der Moderne verstärkt gefordert. Vilem Flusser hat die Notwendigkeit
der Überwindung der Ausdifferenzierung nach der Moderne in einem
Beitrag unter dem Titel "Ästhetische Erziehung" mit
einer sehr interessanten Argumentation eingefordert. Diese neue Form
der Universalität schreibt er dabei der Kunst zu. Flusser schreibt
hierzu: "Es geht in der neuen Erziehung nicht darum, kontemplative
Philosophen, sondern Systemsynthetiker heranzubilden..... derartig
kreative Menschen haben in der Tradition einen Namen, nämlich
"Künstler", und damit ist einer ästhetischen Erziehung
als Unterbau einer Kultur das Wort gesprochen, deren Aufgabe es ist,
dem gegenwärtigen Kulturverfall die Stirn zu bieten. Das ist
richtig, wenn man dem Begriff "Kunst" jene Bedeutung zurückgibt,
die er ursprünglich, vor der Dreiteilung der Ideale, gehabt hat....Kunst
und ihr griechisches Synonym Technik waren damals Begriffe, die wir
gegenwärtig mit dem Wort "Methode" meinen. Es wird
hier tatsächlich von einer Kunstschule als Unterbau für
eine neue Kultur gesprochen, falls damit eine Schule gemeint ist,
die es mit dem Weitergeben verfügbarer und mit dem Ausarbeiten
neuer Methoden zu tun hat. Mit Methoden nämlich, dank derer aus
gelagerten Informationen neue hergestellt werden.... Wenn man Kunst
mit Methode und Ästhetik mit der Lehre vom Erleben gleichsetzt,
dann wird deutlich, was hier mit der neuen "ästhetischen
Erziehung" gemeint ist: Eine Erziehung, die darauf ausgeht, die
Trennung der Ideale methodisch und erlebbar (existentiell) zu unterlaufen"
. (9) Ich kann hier nur anfügen, daß dieses Verständnis
von Kunst dem sehr nahe kommt, was ich unter einer aktuellen künstlerischen
Praxis verstehe, einer Praxis, die sich immer mehr verbindet mit dem,
was ich eingangs mit der Umorientierung von einem objektivistischen
Kulturverständnis zu einer subjektiven kulturellen Praxis angedeutet
habe. Mit dem Begriff "Kulturgestaltung" wird eine Vorschlag
gemacht, mit dem diese Veränderung im Selbstverständnis
von künstlerischer und kultureller Praxis diskursiv weiterverfolgt
werden könnte.
Im Zusammenhang mit Kultur ist m.E. das Wort "Kulturgestaltung"
ein programmatischer Begriff, mit dem zugleich Traditionen und Zukunftsoptionen
verbunden werden können. Diese Optionen sehen wir im Bereich
der Kunst verortet, sie in das System der kulturellen Dynamik immer
mehr einzuarbeiten, ist aus unserer Sicht die Aufgabe der zukünftigen
Kultur-GestalterInnen.
ANMERKUNGEN:
1) Georg Simmel "Philosophie des Geldes" S.16
2)"Kunstzeitung" Nr.60, August 2001
3) Ecke Bonk "Kunstuniversitäten" in: Spielregeln der
Kunst" Hrsg. Wolfgang Zinggl Amsterdam /Dresden 2001
4)Ute Meta Bauer, "Meinen Arbeitsplatz gibt es noch nicht",
Beitrag zum EU-Kongress "Künstlerische Hochschulbildung:
Kulturprozess und Arbeitswelt" Salzburg 1998
5) Michael Lingner "Paradoxien künstlerischer Praxis",
Kunstforum 76, S. 60
6)Th.W.Adorno, "Ästhetische Theorie" S.159
7) Niclas Luhmann "Unbeobachtbare Welt" S.13
8) Dazu näheres : Andreas Mayer-Brennenstuhl: "Das Zeichnen
bezeichnen, das Denken bedenken. Perspektiven aktuellen Kunstlernens"
9) Vilem Flusser "Schöne Aussichten? Ästhetische Bildung
in einer technisch medialisierten Welt" Essen, 1991, Hrsg.von
W. Zacharias S. 125-127 |