|
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
•
|
Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Interkulturelle Werkstatt
Überlegungen zu einer pädagogisch / therapeutisch / künstlerischen
Konzeption einer "Interkulturellen Werkstatt für Kinder,
Jugendliche und Familien" in Stuttgart Nord ("Kinderprag")
Interkulturelle Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien, die
für ihr Handeln nach zukunftsfähiger Orientierung fragt,
die ihr Wirken auf der Grundlage eines aktuellen pädagogischen
Selbstverständnisses aufbauen will und die ihre soziale und bewußtseinsbildende
Verantwortung im demokratischen Gemeinwesen ernst nimmt, sieht sich
in der Notwendigkeit, auf eine Situation des Umbruchs, der Unsicherheit
und des Paradigmenwechsels zu reagieren. Bisher gültige Vorstellungen
über jugendliche Sozialisation werden zunehmend hinfällig,
pädagogische und sozialisatorische Institutionen hinterfragen
derzeit ihre Handlungsprämissen selbstkritisch, aber Zukunftsoffen.
Wir wissen jedoch heute, wie wenig Zukunft planbar oder vorausberechenbar
ist. Eine Intekulturelle Werkstatt, die ihr Wirken in einem neuen
Millenium entfalten soll, das von ganz anderen Technologien als das
20. Jahrhundert geprägt ist, ist daher angewiesen auf einen guten
"Spürsinn" für kommende Notwendigkeiten. Differenzierte
Beobachtung und Analyse der Gegenwart kann hier Anhaltspunkte liefern,
wichtig wird aber die Fähigkeit sein, Handlungskonzepte situationsbezogen
, im Prozess zu entwickeln und zukunftsoffen adäquat zu modifizieren.
Dies bedeutet auch Abschied zu nehmen von einer "Planungs-Mentalität",
die sich beispielsweise im Pädagogischen oft als hinderlich erwiesen
hat. Was sich heute zunehmend als tragfähig und zukunftsträchtig
erweist, sind damit Handlungsstrategien und Persönlichkeitsstrukturen,
die bisher im Sektor der kreativen Berufe und der Kunst beheimatet
waren. Kulturelles und pädagogisches Handeln wird in Zukunft
verstärkt mit Strategien arbeiten müssen, die ihrem "Gegenstand",
- dem Menschen und seiner Kultur- entsprechen. Gefragt ist "ästhetisches
Denken und Handeln". Dies bedeutet auch den Mut aufzubringen,
paradox anmutende Differenzen auszuhalten, die für künstlerische
Strategien kennzeichnend sind, wie z.B.: Vorausschau bei gleichzeitiger
Zieloffenheit, absichtsvolle Planlosigkeit, unsystematische Strukturiertheit,
spielerischer Ernst, um nur einige anzudeuten.
Kulturelle Arbeit im sozialen Kontext, wie sie als Perspektive für
die INTERKULTURELLE WERKSTATT angebracht ist, kann immer nur soweit
gelingen, wie sie von Mitwirkenden getragen wird, die den Mut und
die Fähigkeit zu dieser "ästhetischen Handlungsdimension"
aufbringen.
Einige Stichworte zu den Rahmenbedingungen jugendlicher Sozialisation
heute:
Die beschleunigten gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart
haben die Lebensbedingungen, Sozialisationsformen und Leitbilder von
Kindern und Jugendlichen nachhaltig beeinflußt. Sozialisation
heute bedeutet kaum mehr Aneignung tradierter Wertvorstellungen, vielmehr
kann sie als Orientierungssuche in einem von Desorientierung gekennzeichneten
Umfeld beschrieben werden. Einzig verläßliche Konstante
in der kindlichen und jugendlichen Erfahrungswelt scheint der Wandel
geworden zu sein:
Wandel der räumlichen Umwelt vom natürlichen Erfahrungsraum
hin zum künstlich geschaffenen, oft kinder-und menschenfeindlichen
Stadtraum;
Wandel der Familienstruktur von der komplexen Großfamilie mit
definiertem Beziehungsgefüge hin zur Klein-und Restfamilie mit
hoher Scheidungs-und Wiederverheiratungsrate,
Wandel der Erfahrung der Arbeitswelt der Eltern von einer sinnlichen
und vorstellbaren Präsenz hin zu einer undurchschaubaren Abstraktheit,
Wandel der Freizeitgestaltung von einer Familien- und Vereinsorientierung
mit kontinuierlichem Engagement hin zur unverbindlichen Inanspruchnahme
von Dienstleistungen der Freizeitindustrie in informellen Gruppierungen
("Freizeit-Clique")
Wandel der Spielerfahrungen und Möglichkeiten von Sozial- / Körper-
/ Material- / Funktionserfahrungen hin zu medialen und virtuellen
Substituten
Wandel der sozialen Stellung von der "unberührten Kindheit"
hin zum früh umworbenen Konsumenten mit "Entscheidungskompetenz
hinsichtlich der Marken-Orientierung".
Ein weiterer Faktor heutiger Sozialisation ist in den Möglichkeiten
einer früh einsetzenden multiperspektivischen Weltsicht durch
intensive Medien-Information zu sehen, die einen wesentlichen Teil
beiträgt zu einer zunehmenden Überforderung hinsichtlich
der individuellen Orientierung, verstärkt wird dieser Effekt
von einer multi- und subkulturell aufgesplitterten Alltags-Realität.
An Stelle vorgezeichneter Wege oder zumindest traditionsorientierter
Entscheidungshilfen setzt sich ein grundsätzliches Lebensgefühl
durch, das Lebens- und Zukunftsperspektiven als "Aushandlungssache"
begreift: Entscheidungsoffen und -notwendig sind Schul- und Partnerwahl,
Berufsplanung, Konsum- und Lebensstil, Identität und Weltanschauung.
Jugendliche Identitätsbildung in einer mediendominierten Informationsgesellschaft
bekommt damit zunehmend einen freiheitlichen "Selbst-Gestaltungs-Aspekt",
der jedoch ambivalent zugleich als Chance und Überforderung erlebt
wird. Soziologische Beobachtung beschreibt diesen Sachverhalt mit
der Formulierung: "Die soziale Existenz wird selbst experimentell"
(1) . Mit dieser Dimension der "Gestaltungsfreiheit der Identität"
werden bemerkenswerterweise auch Formulierung aus der aktuellen Kunstphilosophie
für die individuelle Biografie aktuell: Zu lernen ist ein "Gehen
ohne Grund". (2)
Die psychische Befindlichkeit zahlreicher Jugendlicher ist angesichts
dieser - meist unbewußt erlebten- "Grundlosigkeit"
jedoch weitgehend geprägt von einer existentiellen Unsicherheit
hinsichtlich der persönlichen Zukunft. Die Anforderungen an die
soziale und emotionale Kompetenz von Kindern und Jugendlich-en sind
damit wesentlich verschärft, zugleich ist der Einfluß und
die Handlungsmöglichkeiten der traditionellen Sozialisations-Instanzen
und Werte- vermittelnden Institutionen, - Elternhaus, Kindergarten,
Schule, Kirchen, Vereine etc-, stark zurückgedrängt. "Heimliche
Erzieher" (in Medien- und Konsumwelt) konkurrieren oder haben
deren Rolle teilweise übernommen.
In den schulischen Rahmen eingebundene Pädagogik sieht sich in
weiten Teilen mit dieser Situation überfordert, der doppelte
und oft widersprüchliche Anspruch der kognitiven Wissensvermittlung
und die gleichzeitige Entwicklung einer sozial und emotional kompetenten
Persönlichkeit ist oft nicht mehr zu leisten.Tangierende therapeutische
Maßnahmen bei offensichtlich problematischen Persönlichkeitsentwicklungen
werden selten und oft zu spät in Anspruch genommen. Auch stellt
sich zunehmend die Frage, in welchem Umfang schulische Pädagogik
von der Sache her und von der instutionalisierten (im 18/19ten Jahrhundert
historisch entwickelten) Form her, prinzipiell in der Lage ist, angesichts
der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (s.o.) die
Ansprüche zu erfüllen, die ihr "zugeschoben" werden.
Eine "Entzerrung" der Situation in Form von vernetzten Angeboten,
die Wissensvermittlung, Persönlichkeitsbildung und soziale Kompetenz
befördern und zugleich differenzieren (und diese Angebote nicht
auf Kindheit und die Adoleszenzphase konzentrieren, vielmehr als lebensbegleitendes
Programm konzipieren) könnte hier eine sinnvolle Perspektive
eröffnen. Die INTERKULTURELLE WERKSTATT könnte hier ein
Ansatzpunkt sein.
Einige Anhaltspunkte für ein gegenwartsorientiertes kulturell-pädagogisches
Handeln:
Ein wesentlicher Beitrag zur Bewältigung dieser Situation wird
heute von den Angeboten der außerschulischen Sozial- und Kulturpädagogik
erwartet. Sie hat gegenüber der schulischen Pädagogik den
Vorteil, nicht mit der Ambivalenz der erwähnten Doppelfunktion
belastet zu sein.
Unübersehbar ist jedoch eine große Ratlosigkeit und Verunsicherung
auch in diesem Bereich. Die sozialpädagogische "Aufbruchstimmung"
der 70/80er- Jahre hat sich im pädagogischen Alltag oft erschöpft
und wurde aufgerieben zwischen Sparzwängen, ideologischen Anfeindungen
und oftmals unrealistischen emanzipatorischen Bildungsvorstellungen
von Mündigkeit und Autonomie.
Festzustellen ist: Jugendliche entziehen sich erfahrungsgemäß
zunehmend -auch gutgemeinten- pädagogisierenden Maßnahmen.
Eine selbstkritisch reflektierte Jugendarbeit definiert sich gegenwärtig
daher zunehmend in in einer "Moderator- und Raumwärterfunktion,
die den Jugendlichen außerpädagogische Sozialräume
und Infrastrukturen im alltäglichen Lebenszusammenhang für
selbstbestimmte Aktivitäten zur Entwicklung eigener Lebensentwürfe
bereitstellt (...) ohne dieses sofort integrationsbezogen zu funktionalisieren
und als noch so gut gemeintes "Lernfeld" zu definieren."
(3)
Aus diesen Erfahrungen kristallisieren sich gegenwärtig neue
Konzeptionen und Arbeitformen heraus, von denen die folgenden für
den Kontext dieser Überlegungen relevant sind: (4)
eine mobile, der Raumaneignung und der Bewegungssouveränität
der Jugendlichen Rechnung tragende Jugendarbeit, die die vielfältigen
Ressourcen des Gemeinwesens nutzt, auch im Sinne einer Vernetzung
und Kooperation bestehender Einrichtungen.
Eine biographisch orientierte Jugendarbeit, in der situative und biographische
Merkmale der Lebenslage von gefährdeten Jugendlichen auf sogenannte
"Lebensthemen" verdichtet und auf ihre pädagogisch-praktischen
Konsequenzen hin befragt weden .
Eine nicht pädagogisierende, aber Nähe und Distanz jeweils
situativ ausbalancierende beziehungsorientierte Jugendarbeit neu durchdachte
und aktualisierte erlebnisorientierte Jugendarbeit eine, mit ästhetisch-medialen
Aneignungs - und Gestaltungsmöglichkeiten experimentierende Kulturarbeit,
die an jugendkulturelle Erlebnisgemeinschaften und Ausdrucksformen
anschließt und zur eigenständigen kulturellen Selbstentfaltung
beitragen möchte.
Während die Punkte 1- 3 eher die Rolle und Funktion "traditioneller"
Jugendkulturarbeit neu definieren, bzw. hinsichtlich der Notwendigkeit
einer Vernetzung mit bestehenden Angeboten im Stadtteil relevant sind,
heben die beiden letzten Punkte "Erlebnisorientierung" und
"ästhetisch experimentierende Kulturarbeit" auf Intentionen
ab, die für eine "INTERKULTURELLE WERKSTATT" von Bedeutung
sind.
Überlegungen zu den Möglichkeiten "ästhetischer
Erfahrung" als Erweiterung traditioneller pädagogischer
Intentionen im außerschulischen Kontext.
Das Potential, das künstlerische Arbeit und ästhetisch orientierte
Kulturarbeit an anthropologischen und sozialen Kräften in sich
trägt (und von Künstlern und Kunstpädagogen in unserem
Jahrhundert immer wieder reklamiert wurde) wird gegenwärtig von
der Kulturarbeit entdeckt. Hintergrund für diese "Entdeckung"
dürfte dabei die forcierte Rolle ästhetischer Erlebensweisen
sein, die in der postindustriellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft
zum Tragen kommen. Folgt man den relevanten theoretischen Analysen
zur Ursache der aktuellen "Konjunktur des Ästhetischen"
(5) so dürfte ein wesentlicher Punkt dabei die Beobachtung sein,
daß in einem hochkomplexen System von vernetzten Informationen
serielle kognitive Verarbeitungsweisen, die in unserer abendländischen
Vernunft-Tradition bisher funktionierten und dominierten, zu kurz
greifen und statt dessen eine bisher eher als marginal bewertete,
bildhaft orientierte Informationsverarbeitung angemessener funktioniert.
(Eine Erkenntnis, die seit längerem schon effektiv in Werbe-Strategien
Anwendung findet und mittlerweile zum Grundbestand aktueller Medien-Ästhetik
gehört) Damit geht aber ein tiefgreifender Paradigmenwechsel
einher, der nachhaltig unser Denken über das "Lernen"
betrifft und damit wesentliche Konsequenzen für pädagogische
Theorie und Praxis hat. Ästhetische Verfahren und Kompetenz erfahren
in der Informationsgesellschaft gegenüber kognitiven Verfahren,
die auf Wissensansammlung basieren, einen neuen Stellenwert. Zu einem
didaktischen Schlüsselbegriff wird damit das komplex, -sowohl
sinnlich als auch kognitiv -codierte "Erlebnis". Zu bedenken
ist in diesem Zusammenhang jedoch, daß diese Entwicklung sich
innerhalb des schulischen Kontextes wahrscheinlich in sehr großen
Zeiträumen durchsetzen wird, darüber hinaus ist es - wie
schon oben angemerkt- nicht unbedingt und ausschließlich Sache
der Schulen auf diese Veränderungen zu reagieren. Gerade in diesem
Zusammenhang geht es auch um die Besetzung neuer Felder, dies geschieht
- aktuell weitgehend unter der Prämisse kommerzieller Interessen
-vor allem im Freizeitsektor. Praktische Ansätze zu pädagogisch
und gesamtgesellschaftlich verantwortlich motivierten Aktivitäten
gibt es bisher noch selten. (9) Hier könnte in einem plurale
Netzwerk der Lernorte eine INTERKULTURELLE WERKSTATT unter pädagogischen
Prämissen ansetzen, die sich weitgehend von der schulischen Pädagogik
unterscheiden, indem sie die Erlebnis- und Handlungsformen der Kinder
und Jugendlichen selbst, ihre eigenen Aktions - und Handlungsformen
,d.h. das SPIEL, als Form ästhetischer Rationalität begreift,
sie unterstützt, aufgreift und verstärkt.
Einige Beobachtungen aus pädagogisch-ästhetischer Sicht
über das Wesen des kindlichen Spiels seien hier angeführt,
um dies zu verdeutlichen. Ein wesentliches Charakteristikum des Spiels
ist sein "Übungs-Charakter". Üben meint hier jedoch
nicht die formale Disziplinierung und Standardisierung, wie sie heute
oft mißverstanden praktiziert wird, sondern "Einüben"
im Sinne einer tätigen Selbsterprobung im leiblich, oft rythmisch
wiederholten Bewegungsablauf. Diese Leiblichkeit lebt immer von und
mit dem Risiko, Sicherheit entsteht im Wagnis der "Entsicherung".
Kinder finden ihre Grenzen, indem sie diese aufsuchen. Nicht nur die
pädagogische Begleitung des kindlichen Spiels braucht Mut, diese
"Grenzgänge" mitzubegleiten, auch die gebaute Umwelt
(Architektur) und der Charakter der Spiel-Geräte und Materialien
muß diesen Herausforderungscharakter tragen. Das Unfertige,
Provisorische, -bis hin zum Provokativen, verstanden im wörtlichen
Sinne des Hervorrufenden - ist damit das dem Wesen des Spiels
angemessene Umfeld.
Spiel lebt immer auch aus der Fähigkeit zu Imagination und Phantasie.
Diese sind heute jedoch oft früh verkümmert oder schlecht
entwickelt. Imaginationsfähigkeit und Phantasie als Voraussetzungen
menschlicher Kreativität sind nicht angeboren, sondern erworben
und prinzipiell entwicklungsfähig. Dazu gilt es jedoch, die Voraussetzungen
in frühester Kindheit zu schaffen. Wahrnehmungstheorien, die
überwiegend den passiv -aufnehmenden "Eindruckscharakter"
der Wahrnehmung betont haben, sind ursächlich für die gegenwärtige
Kultur der fortschreitenden "Anästhesierung", bei der
eine zunehmende Reizflut und eine fortschreitende Abstumpfung der
Sinne sich gegenseitig bedingen. Demgegenüber betonen aktuelle
Wahrnehmungstheorien sowohl den aktiven Konstruktions-Charakter im
kognitiven Verarbeiten, als auch den aktiven Charakter des sinnenhaften
Anteils der Wahrnehmung. Sensitivität und Sensibilität bilden
sich an wohldosierten Umweltreizen, wesentlich für eine positive
Sinnes-Entwicklung und eine gute Grundlage für die kognitive
Entwicklung ist nicht die Reizstärke sondern die Differenziertheit
der angebotenen Sinnes-
Daten.
So verstandene Wahrnehmung ist mehr als "Reaktion auf Sinnesdaten",
sie ist ein aktiver Vorgang, in dem sich das Kind mit allen Sinnen
seine Umwelt aneignet und die Welt für sich persönlich neu
konstruiert. Dieser Prozeß entwickelt zugleich die Grundlagen
der Kognition. Die Vielfältigkeit des Wahrgenommenen verwandelt
sich in Reichtum des Bewußtseins, des begrifflichen Vorstellungsvermögens,
des ästhetischen Empfindungsvermögens, der Phantasie und
der sprachlichen und nichtsprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Die
sinnlich-ästhetische Qualität der gebauten Umwelt, das Angebot
an Spiel-Material, das soziale Umfeld sind entscheidende Voraussetzungen
für diesen Prozeß.
Unmittelbare Erlebbarkeit und sinnliche Welterfahrung sind eine Form
"primärer Welterfahrung" die gegenüber einer "sekundären
Weltauffassung", die an Begriffen, Zeichen, Systematiken, Abstraktionen
orientiert ist, in der bisherigen Pädagogik / Didaktik eine untergeordnete
Rolle spielte. Kritisch reflektierende Pädagogik erkennt demgegenüber
heute: "Dies ergibt das zivilisatorisch-moderne Zentralmotiv,
an dem auch Pädagogik heftig mitgewirkt hat, und das eben jetzt
zum kritischen und systematischen Problem wird: Die Sinnendinge haben
kein qualitatives Eigengewicht - Folge der Theorie des strikten Nebeneinander
bzw. Nacheinander verschiedener Weltverarbeitungsformen. (...) Die
Abtrennung droht zur Unterdrückung der in sinnlich-symbolischen
Handlungsentwürfen wurzelnden Subjektivität zu führen,
sie droht, die Möglichkeit wirklichen Verstehens von Naturphänomenen
(...) abzuschneiden. Es gilt also, unmittelbare Erlebbarkeit, sinnliche
Welterfahrung, in Handlung eingebettet und auch als Faszination, nicht
nur als "Vorstufe" und nicht als einen gegen technische
Zivilisation abgeschotteten Partialbereich zu werten, sondern als
dauerhaften und integralen Bestandteil von subjektiver Befindlichkeit
in dieser Welt." (6)
Erweiternd anzufügen wäre hier, daß nicht nur ein
wirkliches Verständnis von Naturphänomenen mit dieser Verengung
abgeschnitten wird, vielmehr betrifft diese Entwicklung auch den Bereich
menschlicher Subjektivität, dem ethisches und moralisches Handeln
entspringt: Insofern dieses eben auch im primären Empfindungsleben
(Empathiefähigkeit, Mitleid, Gerechtigkeitsempfindung etc.) verwurzelt
ist. Soziale und moralische "Verrohung" - mit ihren sichtbaren
Folgerscheinungen Gewaltbereitschaft, Vandalismus und Jugendkriminalität,
-ist also unter dieser Perspektive weniger ein Problem nicht gelungener
(kognitiver) Vermittlung ethischer Werte, vielmehr greift der Ansatz
auf der "Ebene der sekundären Welterfahrung" (im Sinne
moralische Apelle an die "Vernunft") von vornherein zu kurz.
Sinnlichkeit,- der eigene Leib -, als "Informationsspeicher moralisch-ethischer
Urteilskraft", dieser Zusammenhang erscheint unserem noch weitgehend
kantianisch geprägten Verständnis von Vernunft gewöhnungsbedürftig
und wird im allgemeinen Verständnis von Erziehung bisher nicht
berücksichtigt. (7) Sinnlichkeit und Rationalität als kaum
vereinbare Kategorien zu denken, hat eine spezifische philosophische
Tradition, die zunehmend hinterfragt wird. In diesem Zusammenhang
findet gegenwärtig eine Neubestimmung im Verhältnis dieser
Kategorien im aktuellen ästhetischen Diskurs statt in Richtung
einer neuen Wertigkeit "ästhetischer Rationalität".
Sie versucht, diese zunächst widersprüchlichen Kategorien
nicht mehr gegeneinander auszuspielen, sondern ihr Verhältnis
neu auszubalancieren. Dabei kann es nicht um Unterschreitung bisheriger
kultureller Standarts gehen, es geht nicht um "Vor-Rationalität"
, vielmehr geht es um einen Rationalitätstypus, der auch die
Erfahrung des Vieldeutigen, des Interpretierbaren und der subjektiven
Konkretion umfasst, also eine Anreicherung und Verbreiterung der individuellen
Wahrnehmung. Ästhetische Rationalität legitimiert sich als
"Klarheit einer Erkenntnis, ohne sie in die Eindeutigkeit des
Begriffes zu transformieren" (8)) Orientierungsbegriffe eines
pädagogischen Impetus, der sich auch um "ästhetische
Rationalität" bemüht, sind damit nicht mehr das "Nahebringen
von..." oder das "Vertrautmachen mit.." vielmehr geht
es darin um "das Unvertraute, "das Andere" das Fremde"
das "nicht Bestimmbare". Kognitives Lernen und begrifflich
exakte Differenzierungsfähigkeit werden dadurch nicht außer
Acht gelassen, sondern finden eine adäqate Ergänzung in
der "ästhetischen Rationalität". Entwicklungstendenzen
aktueller Pädagogik verweisen auf das Entstehen einer "antinomischen
Pädagogik", deren Gehalt darin liegt, Situations- und adressatenbezogen
entscheiden zu können, welcher Pol pädagogischen Handelns
aktuell entwicklungsförderlich ist: kognitive Lernprozesse oder
ästhetische Rationalität.
Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang jedoch, daß diese Entwicklung
sich innerhalb des schulischen Kontextes wahrscheinlich in sehr großen
Zeiträumen durchsetzen wird, darüber hinaus ist es - wie
schon oben angemerkt- nicht unbedingt und ausschließlich Sache
der Schulen auf diese Veränderungen zu reagieren. Gerade in diesem
Zusammenhang geht es auch um die Besetzung neuer Felder, dies geschieht
- aktuell weitgehend unter der Prämisse kommerzieller Interessen
-vor allem im Freizeitsektor. Praktische Ansätze zu pädagogisch
und gesamtgesellschaftlich verantwortlich motivierten Aktivitäten
gibt es bisher noch selten. (9) Hier könnte in einem plurale
Netzwerk der Lernorte eine INTERKULTURELLE WERKSTATT unter pädagogischen
Prämissen ansetzen, die sich weitgehend von der schulischen Pädagogik
unterscheiden, indem sie die Erlebnis- und Handlungsformen der Kinder
und Jugendlichen selbst, ihre eigenen Aktions - und Handlungsformen
,d.h. das SPIEL, als Form ästhetischer Rationalität begreift,
sie unterstützt, aufgreift und verstärkt.
Einige Beobachtungen aus pädagogisch-ästhetischer Sicht
über das Wesen des kindlichen Spiels seien hier angeführt,
um dies zu verdeutlichen. Ein wesentliches Charakteristikum des Spiels
ist sein "Übungs-Charakter". Üben meint hier jedoch
nicht die formale Disziplinierung und Standardisierung, wie sie heute
oft mißverstanden praktiziert wird, sondern "Einüben"
im Sinne einer tätigen Selbsterprobung im leiblich, oft rythmisch
wiederholten Bewegungsablauf. Diese Leiblichkeit lebt immer von und
mit dem Risiko, Sicherheit entsteht im Wagnis der "Entsicherung".
Kinder finden ihre Grenzen, indem sie diese aufsuchen. Nicht nur die
pädagogische Begleitung des kindlichen Spiels braucht Mut, diese
"Grenzgänge" mitzubegleiten, auch die gebaute Umwelt
(Architektur) und der Charakter der Spiel-Geräte und Materialien
muß diesen Herausforderungscharakter tragen. Das Unfertige,
Provisorische, -bis hin zum Provokativen, verstanden im wörtlichen
Sinne des Hervorrufenden - ist damit das dem Wesen des Spiels angemessene
Umfeld.
Spiel lebt immer auch aus der Fähigkeit zu Imagination und Phantasie.
Diese sind heute jedoch oft früh verkümmert oder schlecht
entwickelt. Imaginationsfähigkeit und Phantasie als Voraussetzungen
menschlicher Kreativität sind nicht angeboren, sondern erworben
und prinzipiell entwicklungsfähig. Dazu gilt es jedoch, die Voraussetzungen
in frühester Kindheit zu schaffen. Wahrnehmungstheorien, die
überwiegend den passiv -aufnehmenden "Eindruckscharakter"
der Wahrnehmung betont haben, sind ursächlich für die gegenwärtige
Kultur der fortschreitenden "Anästhesierung", bei der
eine zunehmende Reizflut und eine fortschreitende Abstumpfung der
Sinne sich gegenseitig bedingen. Demgegenüber betonen aktuelle
Wahrnehmungstheorien sowohl den aktiven Konstruktions-Charakter im
kognitiven Verarbeiten, als auch den aktiven Charakter des sinnenhaften
Anteils der Wahrnehmung. Sensitivität und Sensibilität bilden
sich an wohldosierten Umweltreizen, wesentlich für eine positive
Sinnes-Entwicklung und eine gute Grundlage für die kognitive
Entwicklung ist nicht die Reizstärke sondern die Differenziertheit
der angebotenen Sinnes-Daten.
So verstandene Wahrnehmung ist mehr als "Reaktion auf Sinnesdaten",
sie ist ein aktiver Vorgang, in dem sich das Kind mit allen Sinnen
seine Umwelt aneignet und die Welt für sich persönlich neu
konstruiert. Dieser Prozeß entwickelt zugleich die Grundlagen
der Kognition. Die Vielfältigkeit des Wahrgenommenen verwandelt
sich in Reichtum des Bewußtseins, des begrifflichen Vorstellungsvermögens,
des ästhetischen Empfindungsvermögens, der Phantasie und
der sprachlichen und nichtsprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Die
sinnlich-ästhetische Qualität der gebauten Umwelt, das Angebot
an Spiel-Material, das soziale Umfeld sind entscheidende Voraussetzungen
für diesen Prozeß. Ein wesentlicher Aspekt in der pädagogischen
Begleitung dieses Prozesses besteht darin, eine produktive und motivierende
Atmosphäre zu schaffen, in der Kreativität sich als "autotelische"
Tätigkeit- d.h. als ein nicht belohnungs- oder zielabhängiges
Handeln, sondern als ein von innen her motiviertes, lustvolles Handeln
erleben kann, das "in der Sache selbst" seine Erfüllung
findet. Dies ist eine Grunderfahrung kreativ-ästhetischen Handelns,
deren "Klippen" nur mit entsprechender ästhetischer
und pädagogischer Kompetenz "umschifft" werden können.
Ein Sich-Einlassen-Können auf diese Bedingungen des kreativen
Prozesses von Seiten der Begleiter ist hier gefragt, insbesondere
gilt es, eine geschütze Atmosphäre für diesen Prozeß
zu schaffen, um ihn freizuhalten von schulisch-präformiertem
Leistungsdenken einerseits und gutgemeiner, aber mißverständlicher
Begeisterung andererseits über die oftmals beeindruckenden ästhetischen
Qualitäten der Produkte kindlicher Kreativität.
Um abschließend nochmals die Differenzierung und Abgrenzung
des ästhetisch-pädagogischen Ansatzes einer INTERKULTURELLEN
WERKSTATT gegenüber der schulischen Pädagogik einerseits,
sowie Institutionen im Freizeitbereich (z.B. Jugendhäuser, Jugendkunstschulen)
andererseits zu klären , sei hier nochmals stichwortartig eine
kurze Charakterisierung versucht:
Altersgruppen und Schichtenübergreifend.
Einbindung in einen komplexen Zusammenhang breit gestreuter kultureller
Aktivitäten
Betonung der spielerischen Komponente ästhetischer Produktivität
Adressaten - Orientierung, d.h. nach Möglichkeit Aufgreifen von
"gefundenen" Themen
Projektcharakter, d.h. Zeit- und Arbeitsstruktur ergibt sich aus den
projektspezifischen Erfordernissen sowie aus dem entstehenden Team-Zusammenhang
Atelieratmosphäre, d.h. Freiwilligkeitscharakter und weitgehende
Selbstbestimmungs- möglichkeiten in der Zeiteinteilung.
Altersspezifische Begleitung, bzw. Anregung und Anleitung.
Schaffen übergreifender Zusammenhänge und Motivationen z.B.
gemeinsames Arbeiten an einer Fest-Dekoration, Umzugswagen, öffentliche
Platzgestaltung usw.
|