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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Intervention . Subversion
. Kooperation . Partizipation
Aspekte der künstlerischen Praxis Andreas Mayer-Brennenstuhls
Aktionen und Intervention
In einer süddeutschen Kleinstadt, Mitte der 80er Jahre:
Kurz vor 23 Uhr steigt ein junger Mann in langem Mantel in eine
Fußgängerunterführung hinab. Dort überklebt
er die Lichtleiste, stellt sich mit dem Gesicht zur Wand gekehrt
auf und deklamiert eine Stunde lang Sentenzen aus Dantes „Göttlicher
Komödie“.
Über mehrere Wochen hinweg führte Andreas Mayer-Brennenstuhl
(AMB) seinen „Lesesalon“ jeweils zwischen 23 Uhr
und Mitternacht auf.
Die Aktion, die zunächst als „Theater der Grausamkeit“
begann, wurde für die Passanten durch die allnächtliche
Wiederholung zur Gewöhnung und es trat sogar - wie der
Künstler berichtet - eine gewisse Erwartungshaltung bei
den Vorübergehenden ein. Die nächtliche Lesung entstand
jedoch weniger aus einer sozial-utilitären Haltung als
vielmehr aus der Unzufriedenheit an der isolierenden Atelierarbeit
und dem Zweifel an der Herstellung von autonomer Kunstware.
Mitte der achtziger Jahre begann Andreas Mayer-Brennenstuhl
beiläufige Aktionen und Eingriffe an öffentlichen
Gebäuden und im so genannten “öffentlichen Raum”
vorzunehmen. Dabei handelte es sich zunächst um textbezogene
Arbeiten, die er gezielt und ohne großen Materialaufwand
an urbanen Nicht-Orten oder im Umfeld von Kunstinstitutionen
implantierte.
Der Inhalt oder besser gesagt die Botschaft der Texte bezog
sich dabei häufig auf den Kunst- und Ausstellungsbetrieb.
Ein Beispiel ist die wilde Plakataktion, die AMB 1986 zeitgleich
zur Neu-Eröffnung des Museums Ludwig im Außenbereich
des Kölner Doms und im Eingangsbereich des Museums durchführte.
Das Textplakat “Die Königsreliquien werden jetzt
von hier aus nach dort verlegt” weist auf die fiktive
Translokation der Königs-Reliquien aus dem Kölner
Dom ins Museum Ludwig hin. Die Textintervention sollte Irritationen
auslösen und die Besucherströme aus dem Kölner
Dom ins Museum Ludwig lenken, in dem die von Kasper König
kuratierte Ausstellung „von hier aus“, mit zeitgenössischer
Kuratorenware zu sehen war.
Mit seinem Sprachspiel stellt AMB jedoch auch eine Verknüpfung
zwischen zwei unterschiedlichen Phänomenen und ihrer ökonomischen
Absicht her : Auf der einen Seite den mittelalterlichen Reliquienkult,
der die heilsuchenden Pilgerströme nach Köln lenkte,
und der Kirche bzw. der Stadt zu ökonomischem Reichtum
verhalf. Auf der anderen Seite der zeitgenössische Kunstbetrieb,
der in der Kunstmetropole Köln - nach Meinung des Künstlers
- nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert. Schon bei
den ersten Pilotprojekten von 1986 zeichnete sich ab, dass die
interventionistische Praxis zwar das Kunstsystem verlässt,
zugleich aber mit einem kritischen Kommentar über die Bedingungen
der Kunstproduktion verbunden ist.
Die frühen Aktionen, die spontan und „undercover“
erfolgten und nicht sofort als künstlerische Eingriffe
zu dechiffrieren waren, werden ab den 90er Jahren von geplanten,
angekündigten und theoretisch begründeten Projekten
abgelöst.
Die Grundlagen für den theoretischen Diskurs bildeten u.a.
Schriften und Aktionsformen der Situationistischen Internationale
(SI), die in den 50er und frühen 60er Jahren eine “emanzipatorische
Veränderung der Gesellschaft und des Lebens” erzielen
wollte. Ein zentraler Begriff, der von der SI sowohl gesellschaftlich-politisch
als auch ästhetisch begründet wurde, bestand in der
„Konstruktion von Situationen“.
Darunter wurde in erster Linie eine „defetischisierende
Praxisform“ verstanden, die als Gegenmodell zum autonomen,
Mehrwert erzeugenden Kunstprodukt gesetzt wurde. (Baumeister/Negator
2005: 139).
Während in den 60er Jahren situationistische Strategien
wie beispielsweise das “detournement“ , d.h. die
Entwendung und Zweckentfremdung von symbolischen, ikonischen
und gestischen Äußerungen sowie die zuvor genannte
temporäre “Konstruktion von Situationen” vor
allem von raum- und zeitbasierenden Kunstformen wie Performance
und Aktionskunst oder von der Konzept aufge griffen wurden,
gehören sie in den 90er Jahren zum festen Handlungsrahmen
urbanismus- und globalisierungskritischer (Kunst-)Praktiken
wie beispielsweise die der Kommunikationsguerilla.
Vor dem Hintergrund der Grenzverschiebung von “öffentlich”
und “privat” und dem Diskurs über Ausgrenzung
(Gentrifizierungsprozesse) und Verdrängung greift AMB 1995
erneut auf das schon 1986 mit der Aktion „Lesesalon“
begonnene Passagenthema zurück.
Die Unterführung, die unterschiedliche Orte miteinander
verbindet, steht hierbei exemplarisch für einen Transit-
und Bewegungsraum und nicht für einen Ort des Anhaltens
und Verweilens.
Für die Dauer von drei Wochen errichtete AMB in einer Passage
in der Innenstadt von Reutlingen einen provisorischen Kiosk
aus Latten und Plastikfolie, den er als „Atelier“
bezeichnete.
Hinter dem mit opaker Folie verborgenen künstlerischen
Produktionsraums hielten sich Menschen auf, saßen am Tisch
und redeten miteinander. Den Passanten hingegen blieb der Eintritt
verwehrt, worauf auch eine nach außen gerichtete Textprojektion
hinwies. Der Ausschluss aus dem in den öffentlichen Raum
implantierten Atelier besaß symbolische Verweisfunktion
auf den darin stattfindenden Kunstdiskurs, den die Passanten
nur aus der Distanz als Zuhörer und Beobachter vage nachvollziehen
konnten.
Die Ausweitung der interventionistischen Praxis ins Feld realpolitischer
Ereignisse zeigte sich bei einer eher subversiv angelegten Aktion,
die der Künstler 2001 als Gegenmaßnahme zu einer
Kundgebung von Neo-Nazis in Heilbronn vornahm. Während
die neonazistische Bewegung für das Andenken an Adolf H.
demonstrierte, rief AMB mit einer Textintervention, die wie
eine Gedenktafel an einem Brückengeländer mitten in
Heilbronn implantiert wurde, „Zum Bedenken“ auf.
Der Inhalt des Textes bezog sich auf ein fiktives historisches
Ereignis, demzufolge ein gewisser Adolf Hitler, Gelegenheitsarbeiter
aus Braunau, im Jahre 1926 nach einer handgreiflichen Auseinandersetzung
mit Heilbronner Bürgern, in den Fluten des Neckars umgekommen
sei.
Die Methode, nach der AMB bei dieser Aktion arbeitete, ist die
der Recherche und die des „detournement“ historischer
Fakten. Tatsächlich befindet sich im Heilbronner Stadtarchiv
ein Hinweis auf ein geplantes Attentat auf A.H., das jedoch
in der geschilderten Form nie durchgeführt wurde, da Hitler
auf seiner Propagandatour durch Heilbronn am 15. Mai 1926 einen
anderen Weg gewählt hatte. Die Umerzählung der historischen
Fakten und ihre Veröffentlichung parallel zum Aufmarsch
der Neonazis sollte Irritation auslösen und den Neonazis
für einen Moment die historische Legitimationsbasis entziehen.
Inwieweit Interventionen im öffentlichen und halböffentlichen
Raum eine eigene Dynamik entfalten können, wurde durch
ein Projekt deutlich, das AMB zum Jahreswechsel 1999/2000 in
in der Berliner Nationalgalerie durchgeführt hatte. Nachdem
der Künstler im Foyer des Mies van der Rohe-Baus den Text
projiziert hatte “Der Jahrtausendwechsel findet nicht
statt”, wurde der Kasten mit eingepacktem Projektor, den
AMB kurz abgestellt hatte, als bedrohliches Objekt von der Polizei
sicher gestellt und das Museum für kurze Zeit geräumt.
Kooperationen
Einen zweiten Schwerpunkt stellen die Kooperationen und kollektiv
durchgeführten Projekte dar, mit denen AMB und seine Kooperationspartner
den Stellenwert der individuellen Kunstproduktion und den Glauben
an die ständige Neuerfindung aufheben wollen. Individualismus,
Originalität und Autonomie, die Kriterien der klassischen
bürgerlichen Kunstproduktion sind, werden von AMB durch
Kollaboration und soziale Interaktion ersetzt.
Für die Kooperationspraxis von AMB ist charakteristisch,
dass die Zusammenarbeit temporär und projektbezogen erfolgt
- und dass, je nach Projekt und Themenstellung geeignete Kooperationspartner
auswählt werden. So wurde beispielsweise die Aktion am
1. Mai 1997 mit dem Titel “.... hinaus zum 1. revolutionären
Betriebsausflug” von AMB als offen angelegtes Projekt
mit-konzipiert und gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Künstlerinitiative
“Oberwelt” realisiert.
Obwohl das Projekt offen wie eine musikalische Improvisation
angelegt war, d.h. dass nur ein Motiv vorgegeben wurde, an dem
sich die anderen assoziativ beteiligen konnten, zeigt der Betriebsausflug
ein einheitliches Bild mit deutlichen Merkmalen der revolutionären
Agitpropkultur: die Parolen, Schilder, die Kostümierung
und der in „neutralgrau“ gehaltene Lastwagen spielen
zum einen mit historischen Demonstrationsformen wie sie u.a.
auch während der Oktoberrevolution in Russland eingesetzt
und verwendet wurden. Zum anderen wird mit der 1. Mai Aktion
die Einheit von
künstlerischem und gesellschaftlichen Prozessen unter den
pathetischen Klängen von Edward Elgars (1857 -1935) “Pomp
and Circumstances” zelebriert.
Für kollektive Produktionsformen, zu denen auch der revolutionäre
Betriebsausflug der Oberwelt gehört, eigenen sich besonders
installative und aktivistische Kunstformen, da sie einen offenen
Bezugsrahmen besitzen und prozessorientiert sind. Schwieriger
gestaltet sich jedoch die Präsentation und Dokumentation
kollektiver Projekte, für die neue Formate entwickelt werden
müssen, da diese per se schon zur Auflösung des traditionellen
Werkbegriffs und der Autorenschaft beitragen und im Grunde genommen
einer Aneignung durch den Einzelnen entgegen stehen.
Für das vom Kunstverein Neuhausen initiierte Projekt „Break
on Through“ haben sich 2005 die Berliner Künstlerin
Barbara Caveng, Andreas Mayer-Brennenstuhl und der Architekt
Ingo Kochwasser unter dem Label TEAM PREKÄR zu einer temporären
Kollaboration zusammengeschlossen, um im
im Zentrum Neuhausens die architekturbezogene Intervention „Wohnen
prekär“ auszuführen.
In einem aus recycelten Werbeflächen und Reklamefolien
konstruierten Pavillon zeigte Team Prekär eine ironische
Fiktion der Filderkommune in den Jahren 2015 und 2022. Die fiktive
Geschichte von Armut, Ausgrenzung und des Aufstands des Prekariats
wird auf einer Informationstafel im Pavillon wie folgt beschrieben:
„Nach langjährigem Leerstand wurden am 22.1. 2022
weitere Büroräume im ehemaligen Rathaus von Neuhausen
von älteren minderversorgten Mitbürgern besetzt. ...
Damit sind weitere Bereiche des innerstädtischen Ensembles
von notdürftigen Alten in Beschlag genommen worden.“
(Ingo Kochwasser)
Ein im Pavillon präsentiertes Stadtmodell zeigt, wie das
Ortszentrum den Bedürfnissen der überalterten Gesellschaft
zwischen geriatrischen Kliniken, Seniorenheimen, Gesundheits-
und Freizeitzentren und Krematorium angeglichen werden soll,
um das aufständische Prekariat zu beschwichtigen. Eine
Alternative zum sozialen Wohnungsbau stellt das preisgünstige,
seniorengerechte Eigenheim Typ „Favela“ dar, für
das der greisenhafte Keith Richards mit seinem Konterfei wirbt.
Ebenso werden Barbara Cavengs recycelte Einrichtungsgegenstände
aus der Designserie a.r.m., als preisgünstiges Mobilar
dem künftigen Prekariat angeboten.
Während die kioskartigen Bauten in Neuhausen mit Duldung
des Künstlers zum nächtlichen Treffpunkt von Jugendlichen
wurde, konzipierte er die Architekturintervention „RUIN“
2006 von Anfang an als kooperatives und partizipatorisches Projekt,
das von Jugendlichen und anderen gesellschaftlichen Gruppen
als kulturelle Plattform genutzt werden konnte.
Aus Fotofolien mit dem Abbild des Brandenburger Tores erstellte
AMB im Teamwork eine Ruinenarchitektur, die zugleich von einem
Gemälde des Malers J.C. Schillinger im Öhringer Stadtmuseum
und von der Architektur des klassizistischen „Oberen Tores“
inspiriert wurde, das man schon 1789, ein Jahr nach Baubeginn
des Berliner Vorbildes erbaut hatte. Ein dichtes System von
historischen und kunstimmanenten Referenzen und Verweisen ist
für diese, aber auch für viele andere Projekte von
AMB bezeichnend.
Mayer-Brennenstuhls interventionistische und kooperativen Projekte,
die sich größtenteils im Außenraum ereignen,
zeigen jedoch auch, wie schnell im öffentlichen Raum operierende
Künstler an dessen Grenzen stossen wie beispielsweise bei
der öffentlich angekündigten Versenkung des Einkaufszentrums
NC Nürtingen mit Projektion und Soundtrack aus dem Film
“Panzerkreuzer Potemkin” von Sergej Eisenstein,
die von der Polizei abgebrochen wurde. Ein weiteres Beispiel
zeigt die Intervention “Mehr Licht” auf dem Turbinenhaus
der Stadtwerke Nürtingen, die der Künstler zunächst
mit Genehmigung der Stadt, über Anteilsscheine selbst finanzierte
- und nach einem Wechsel in der Stadtverwaltung jedoch kurzerhand
entfernen musste.
Die installative Intervention „Mehr Licht“ 2000
zeigt dabei exemplarisch, dass mit dem Adjektiv “öffentlich”
zwar das umschrieben wird, was alle anbelangt. Wie AMB erfahren
musste, bedeutet dies jedoch nicht, dass jeder auch über
den öffentlichen Raum verfügen kann. Die Verfügungsgewalt
über den “öffentlichen Raum” wird per
Gesetz geregelt und administrativ verwaltet - und bringt eher
die bestehenden Machtverhältnisse zum Ausdruck - vor allem
wenn man sich die Fragen stellt: Wer darf im öffentlichen
Raum plakatieren und werben? Wer darf an welcher prominenten
Stelle seine Produkte und wer darf an welchem Ort Kunstwerke/Aktionen
präsentieren?
Der nicht affirmativ operierende Künstler, der mit den
Strukturen des öffentlichen Raums arbeitet wird dabei mit
dem gesamten gesetzlichen und administrativen Regelwerk und
hegemonialen Ansprüchen konfrontiert. Als eine Art ironisches
Resümee kann daher die Rückführung der Skulptur
„Mehr Licht“ betrachtet werden. Termingerecht zu
Andreas Mayer-Brennenstuhls Ausstellung im Kunstverein wird
sie nun nach einer langen Odyssee (bis vor kurzem krönte
sie noch das Flachdach der Sammlung Domnick), dem Nürtinger
Stadtraum rückerstattet. Der neue Präsentationsort
befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Kunstverein, in
einem „Niemandsland“, das vom Katasteramt nicht
erfasst ist und daher auch keinen Eigentumsnachweis besitzt.
Die künstlerische Annektion des urbanen Brachlandes beleuchtet
das unregistrierte Terrain, das ebenfalls zum Treffpunkt unterschiedlicher
sozialer Gruppen wurde, aus mehreren Perspektiven.
Neben der Produktion von Mehrdeutigkeit und Hintersinn, die
in seinen Projekten in einem labyrinthischen System von Verweisen
zum Ausdruck kommen, stellt AMB immer wieder die Frage aufs
Neue, inwieweit Kunst in der Lage ist, eine kritische, aufklärerische
Funktion in der Gesellschaft zu erfüllen.
© Susanne Jakob 6/2007 |
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