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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Einer sei des anderen
User
In welcher Zeit leben wir eigentlich? Wenn ein 19jähriger
in der noch jungen Tradition der spektakulären Campusmorde
siebzehn Menschen ermordet? Wenn ein paar Gotteskämpfer
das Szenario entwerfen, das World Trade Center zum Ground Zero
zusammensinken zu lassen? Wenn ein Fußballspieler die
Arbeitslosen aufsehenerregend verunglimpft? Wenn, wenn, wenn...
Wir leben, so muss man wohl feststellen, in einer Welt, die
ohne Medien nicht so und darum anders wäre, in der keines
dieser Ereignisse ohne Medien stattgefunden hätte. Das
heißt allerdings nicht, dass man gleichzeitig behaupten
müsste, ohne Medien würden wir in einer friedvolleren,
menschlicheren Welt leben. Dennoch liegt am Grund der von mir
genannten, real unfriedlichen Ereignisse ein Medienkeim: aufgeblühte
Blumen des Bösen.
Worin liegt dieser Keim? Schon vor längerem entdeckten
Philosophen den „Sitz im Leben„, der einen Gegenstand
ausmache und ausgezeichne. Die Verwendungskultur, eben dieser
Sitz im Leben, ist allerdings charakteristischen Veränderungen
unterworfen. Güter, die mittlerweile vergangenen Gegenstände,
waren in Gebrauch. Waren, die gerade vergehenden Gegenstände,
wurden verbraucht. Und Medien, die gegenwärtig neuen Gegenstände,
werden benutzt. Der Gebrauch brachte die Gesellschaft des Brauchtums
hervor, die Waren die der Konsumenten und die Medien erzeugen
heute die Gesellschaft der User. In dieser Gesellschaft gilt,
wie ich glaube, die folgende Daseinspräambel: Jeder benutzt
jeden, alle benutzen alles. Ein Medienunternehmen benutzt einen
privaten Fernsehsender, der private Sender benutzt einen Fernsehstar,
der Fernsehstar benutzt die gesellschaftlichen Ereignisse und
das Massenpublikum, das Massenpublikum benutzt den Fernsehstar,
eine Gruppe Künstler benutzt das Publikum und den Star
usw. Und niemand findet etwas dabei, zumal wenn ein renovierter
Bahnhof, eine Spende an bedürftige Kinder und eine interessante
Kunstaktion dabei herauskommt. Warum nicht?
Diese Kette, in der auch Terroristen an irgendeinem Punkt die
mediale Weltöffentlichkeit benutzen, zeigt uns bei ziemlich
klaren Sichtverhältnissen das Medienuniversum und seinen
typischen Himmelskörper: den Star. Stars werden aufgebaut,
durchgesetzt, vermarktet, sie sind ein, womöglich sagar
das Ereignis der Medien. Stars schlucken Investitionskosten,
die sie als Ware wieder einspielen müssen. Stars sind aber
auch die Leitsterne einer Gesellschaft, die für ihren Geschmack,
für ihre Ansichten und für ihre Aufregungen sich nahezu
ausschließlich bei den Medien versorgt. Natürlich
sind diese Stars massenmediale Konstrukte, ihr Himmel ist eine
leere Bluebox, die mit allen möglichen Einspielungen gefüllt
wird. Und doch ist dieser Himmel vollkommen real, existiert
keine andere diesem Medienuniversum an Macht ebenbürtige
Realität.
Wir alle - ich meine den Fernsehzuschauer, den Magazinleser,
den Internetuser - blicken allnächtlich in diesen universellen
Himmel und hinauf zu seinen Sternen. Von dort erreichen uns
die Götterkämpfe, die skandalösen Geheimnisse
und Verschwiegenheiten. Und nach all diesen Dingen erteilt ab
23 Uhr die Harald-Schmidt-Show uns allen, die wir sie ansehen,
die mediengesellschaftliche Absolution. Denn hier wird uns endgültig
zu verstehen gegeben, dass wir alle Teil der Medienwelt sind
- sensationsgeil, in unseren Sesseln krisengeschüttelt,
skandalsüchtig in unseren ordentlichen Appartments und
Einfamilienhäusern. Machen wir uns nichts vor, wir werden
entsprechend bedient und versorgt.
Der tägliche Unterhalt, die einstmalige Sorge und die Aufwendung
für die Existenz, ist so längst zur ständigen
Unterhaltung, zum Event geworden. Und wenn wir Unterhaltung
sagen, denken wir kaum noch an Gespräch. Wir denken an
Comedy-Talk, Doku-Soap, Familiy-Soap, Spaß-Quiz etc. Harald
Schmidt betreibt die Soap allerdings durchaus auf höherer
Ebene. Er adelt die comédie humaine nachgerade zur divina
comedia. Er glänzt als jener Stern von den Medientürmen,
von welchem wir die Ablassung unserer Mediensünden, unseres
Voyeurismus, unserer Banalität, unserer infantilen Spaßsucht
erhalten, indem wir die ganze Medienwelt- ihren Glamour, ihre
Wichtigtuerei, ihren verbrämten Kapitalismus - hochnehmen,
verarschen und verätzen dürfen. Machen wir uns nichts
vor: Mediengesellschaft ist kein politisches, sondern ein ästhetisches
Gemeinwesen mit Schwerpunkt im Kitschgenre. Wer die Dinge ernst
nimmt, so die Botschaft der Harald-Schmidt-Show, erweist sich
als Ignorant oder Medienanalphabet. Übrigens hat bereits
vor beinahe zwanzig Jahren der Medienanalytiker Neil Postman
die Auffassung vertreten, ein Massenmedium wie das Fernsehen
sei nicht da am gefährlichsten, wo es dem Spaß dient,
sondern dort wo es so tut, als könne es mit der Wirklichkeit
ernsthaft und sinnvoll umgehen.
Unterhaltung individualisiert insbesondere durch Stars allgemeine
gesellschaftliche Bedürfnisse, Leidenschaften und Motivlagen.
In Marilyn Monroe erhielten die 50 er Jahre die erotische Kindfrau,
in Ludwig Erhard bekamen die 60er Jahre hierzulande ihren wirtschaftserfolgreichen
Familienvater, das Jahrzehnt danach lebte mit den tragischen
RAF-Mitgliedern ihre Schuld und Sühne ab, in den Achtzigern
kehrte mit Boris Becker der durchsetzungsfähige Erfolgstyp
ins Herz der Gesellschaft zurück und die Neunziger, nun,
sie machten Harald Schmidt zum Kult. Insofern steckt in jedem
Zeitgenossen oder Kind dieser Zeit ein Harald-Schmid-Teil -
ein Teil Spaßgesellschaft, ein Teil Seifenoper, ein Teil
agressive Trash-Kultur, ein Teil zynisch pointierte Desillusion...
Denn in der Mediengesellschaft werden wir fast unweigerlich
zu dem, was wir vorgemacht bekommen. Jedes Medium, jede Sendung
sieht eine ihrer Hauptauf- gaben zunächst darin, ein Bild
des Zuschauers, ein Profil des Users zu erarbeiten, der als
Teil der Quote benutzt werden soll. Und als Quotenbestandteil
fungieren wir selbstverständlich vor allem als Werbungsadressat
und potenzieller Käufer. Und erfahrungsgemäß
ist es besser, Käufer bei Laune zu halten. Wirtschaftlich
betrachtet sind Sendungen wie die Harald-Schmidt-Show ja für
den Absatz der Werbespots da, und nicht Werbespots ein zu ertragender
Nebeneffekt der Sendungen. Geld ist im Privat-TV nun einmal
die Existenzbasis, und es geht dabei deshalb nicht um Bildung,
politische Mündigkeit oder dergleichen aufklärerische
Ziele, sondern schlicht um Kapitalflüsse. Das weiß
ein Harald Schmidt selbstverständlich und er reagiert darauf
mit nicht ganz unintelligenten Bemerkungen. Im übrigen
gesteht Schmidt ja auch freimütig, dass seine Show für
ihn die Psychiatercouch ersetzt oder den Alkoholkonsum, und
er benutzt den Sendeplatz dementsprechend konsequent egozentrisch.
Harald Schmidt durchschaut die Zusammenhänge der medialen
Nahrungskette, aber er durchbricht sie nicht. Auch deshalb ist
er der Phänotyp der Mediengesellschaft. Zynismus, Ironie
und Lachen ist sein Ausdruck, aber dieses Lachen ist keines,
das befreien könnte, wie es einst Lessing von der wahren
Komödie gefordert hat. Harald Schmidt stellt an der Spitze
den benutzten Benutzer dar, eben den tyischen User, der sich
im Schaltkreis von Medienunternehmen und Medienwirklichkeiten
keiner Illusion hingibt. Die Spaßguerilla der 90er Jahre
wanderte nicht in die Haftanstalten, wie einstmals Fritz Teufel
von der Kommune 1, sie wanderte vielmehr in die Sendeanstalten
des Fernsehens ein. Der politische Kampf um eine bessere Gesellschaft,
d.h. auch um eine bessere Medienlandschaft als jene der Springers,
Kirchs, Berlusconis und Murdochs, scheint längst einem
vergangenen Jahrhundert anzugehören. Und selbst wer als
Politiker zwar nicht ernst, aber doch zumindest wahrgenommen
werden möchte, muss in die Comedy-Shows. Da geht es George
W. Bush nicht anders als Guido Westerwelle.
Medien übersetzen Tatsachen in eine eigentümliche
Form von Wirklichkeit, die fetzig, brockenhaft, bildersüchtig,
skandalös, krisengeschüttelt, reizvoll, geschwätzig,
lachhaft und überhaupt ein großer Amüsierbetrieb
ist. Dabei ist es, ich muss es gestehen, nicht immer besonders
spaßig, als Medienwissenschaftler über den allgemeinen
Spaß nachzudenken. Denn es heißt einzusehen, dass
in einer Mediengesellschaft, wie wir sie am Beginn des 21. Jahrhunderts
haben, nahezu alles was für uns gesellschaftlich real ist,
von Medien gegeben wird: was ist, stiften die Massenmedien.
Davon allerdings bleibt nichts. Der totale Krieg der verbrannten
Gegenwarten findet alltäglich in den aktuellen Medienlandschaften
statt, in denen sich unsere Biografien auf Schritt und Tritt
bewegen. Dort können wir die Selbstverbrennung der Ereignisse
in ihrer charakteristischen Form der Informationen verfolgen,
und zwar in immensen Mengen. Vernichtet in der gleichen Sekunde,
da sie in Massenmedien in Erscheinung tritt, drückt in
jeder Information ein Zug von tiefer Selbstverachtung durch,
Reflex jener Selbstauslöschung, die Information augenblicklich
redundant, langweilig und keines Blickes würdig macht.
Dabei ist einer der letzten Benutzer der Information der Comedy-Star.
Analysiert man es mediensoziologisch, dann sieht man, dass dieses
Infernalische zum nicht unwesentlichen Teil gerade die Faszination
der Information ausmacht. Andererseits lässt jene Eigenschaft
der Selbstverachtung den Charakter der Dinge und Ereignisse
nicht unberührt, die zu Informationen werden. Das Informationsinferno,
dem wir Tag für Tag beiwohnen müssen, weil wir ja
(noch) nicht aus der Welt (geschafft) sind, erzeugt ähnliche
neurasthenische Resultate von zunehmender Gefühllosigkeit
und einen leeren, starren Blick, wie sie vordem in Kriegszeiten
zu beobachten waren. Die unterschwellige, verächtliche
Botschaft der Medien ist: Nichts ist Wert, dass es bleibt, d.h.
dass es morgen noch Thema ist.
Heute ist es vielleicht allein die Kunst, die es vermag, dieser
medialen Furie des Verschwindens ins rasende Rad zu greifen.
Und die Künstler sind es möglicherweise allein, denen
es mit Witz, Erfindungsreichtum und geistreichen Strategien
gelingt, den Medienkeim am Boden der Ereignisse auszugraben,
zu kultivieren, zu kreuzen und umzugestalten, um daraus neue
soziale Ereignisse erwachsen zu lassen. Medien sind faktisch
Gesellschaftsorganisatoren und insofern zwangsläufig Ordnungen
von Macht. Sie können, wenn es keine andere als die kapitalistische
Maßgabe, wenn es kein Korrektiv für sie gibt, wie
jede Macht wild werden, eine tatsächliche Bedrohung für
das Gedeihen einer Gesellschaft und ich glaube, dass wir gegenwärtig
vor allem in der Kunst eine Korrekturinstanz für die Medienwelt
besitzen und ausgesprochen nötig haben. Heute ist Künstler
der, der mit den Medien tanzt. Unsere Gesellschaft nützt
diese Korrekturkapazitäten der Kunst gleichwohl noch viel
zu wenig, wir schenken ihren Aktionen meist nicht die gebürende
Aufmerksamkeit.
Der Kunst nämlich kann es gelingen, dass im sozialen Zusammenhang
der Spaß nicht irgendwann aufhört und zu purer Polemik
wird. Polemik, der Begriff stammt ja vom griechischen polemos
her, was Krieg bedeutet, besitzt einen agressiven, gewalttätigen
Kern. Wenn ich die Massenmedien derzeit beobachte, dann scheinen
wir die polemische Grenze bereits erkennbar erreicht zu haben.
Damit fun nicht zum Stahlbad wird, wie es Adorno und Horkheimer
in ihrer an diesem Punkt noch immer erstaunlich aktuellen Dialektik
der Aufklärung befürchtet haben, besteht Anlass, und
für Künstler zumal, die Rituale und Formen der Medienkultur
aufzunehmen, umzuformen und wieder vor die der Öffentlichkeit
zu stellen. Das ist, wie ich glaube, mit der Aktion des Kunstvereins
ProVisorium hier im Nürtinger Bahnhof überzeugend
und auf erhellende Weise geschehen.
Ich sagte vorhin, was ist stiften die Massenmedien. Sie spielen,
wie Harald Schmidt im Falle des Stadtmodells in seiner Nürtingen-Sendung,
mit dem, was Friedrich Schiller - den ich allerdings ungern
in einem Atemzug nenne - als Spiel zwischen logischem und ästhetischem
Schein auseinanderzuhalten empfahl. Massenmedien sind - und
darin liegt ihr immer opaleszierender Charakter - Apparate,
in denen Illusion, Fiktion, Manipulation und Konstruktion nicht
mehr zu trennen sind. „Sinngemäß detailgetreu„
- der paradoxe Titel der Kunstaktion, der wir hier beiwohnen,
thematisiert präzis genau diese Medienproblematik. Dabei
macht sie aus einer Medienwirklichkeit eine raffinierte soziale
Wirklichkeit, bei der wir vielleicht bemerken können, was
ein Medium ist und was es nicht sein kann. Wenn Medien die Tatsachen
in eine sonderbare Form von allgemeiner Realiät übersetzen,
dann ist es die Kunst, die diese Medienwirklichkeit rückübersetzt
in soziale und möglicherweise individuelle Realitäten.
Kunst hat in der Moderne stets mit neuen Medienformen experimentiert
und neuartige Lebensformen gespiegelt - verzerrt, verfremdet,
radikalisiert, ironisiert. „Nürtingen - sinngemäß
detailgetreu„ steht in dieser Tradition und geht doch
auch ein Stück weiter, weil hier nicht nur einzelne Medienformen
im Mittelpunkt stehen - wie bei Nam June Paik, beim filzbedeckten
Fernseher von Beuys oder dem breiten Feld der Video- oder Soundkunst.
Hier wird ein ganzer Komplex von Medienrealität: Kommerz-TV,
Massenmedium, Promikult, Spaßkonsum, Fakespiele etc. zum
Kunstereignis. Und indem das geschieht, leistet die Kunst das
Beste was ihr hierbei möglich ist: Sie inszeniert neue,
kritische Sichtweisen auf die schöne neue Medienwelt, sie
entwirft für Medienrealität einen hintersinnig subversiven
Kontext und gibt den globalen Medienusern damit vielleicht ein
Stück existenzielle Unabhängigkeit zurück.
Der Stammvater der Medientheorie, der Kanadier Marshall McLuhan,
hat die uns gegebene Chance vor mittlerweile fast vier Jahrzehnten
folgendermaßen zugespitzt: „Die Auswirkungen der
Technik zeigen sich nicht in Meinungen und Vorstellungen, sondern
sie verlagern das Schwergewicht in unserer Sinnesorganisation
oder die Gesetzmäßigkeiten unserer Wahrnehmung ständig
und widerstandslos. Der ernsthafte Künstler ist der einzige
Mensch, der der Technik ungestraft begegnen kann, und zwar nur
deswegen, weil er als Fachmann die Veränderungen in der
Sinneswahrnehmung erkennt.„ In diesem Sinne dürfen
wir uns auf „Nürtingen - sinngemäß detailgetreu„
freuen und uns einlassen auf die Kreativspieler des ProVisoriums
und ihre überraschenden Spielzüge auf dem Feld der
Medien
Prof. Dr. Volker Demuth
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