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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
Das Andere der Bilder
Anmerkungen zur Option der Kunst für die Kunsttherapie
Vortrag zur Tagung des Fachverbandes Kunsttherapie zum Thema: "Sein
im Bild - im Bilde sein" FHKT, Nürtingen 2000
"Mit Schmerzen sehe ich täglich, wie die Wut des Verstehens
den Sinn gar nicht aufkommen läßt"
(Schleiermacher, Rede über die Religion 1799)
Sein im Bild -im Bild sein - als ich mir Gedanken machte zum Motto
dieser Tagung, hatte ich das Gefühl, es fehle ein Aspekt in der
Formulierung, der vielleicht für die Kunsttherapie auch von Bedeutung
sein könnte, ein Aspekt der mir wesentlich erscheint , der aber
für das Bildverständnis der Kunsttherapie bisher nur eine
marginale Rolle spielt. Diesen Aspekt möchte ich in der Formulierung:
" Jenseits der Bilder sein" einbringen. In dieser Formulierung
liegt m. E. ein Verweis auf eine Bildauffassung, die eine wesentliche
Bedeutung für die Kunst des 20. Jahrhunderts hat.
Die Formulierung "Sein im Bild- im Bild sein" legt eine
Interpretation nahe, die sich auf eine Spiegelfunktion des Bildnerischen
beziehen könnte, was für die Kunsttherapie in weiten Teilen
ein hilfreicher Gedanke ist. Das, was uns im Bild entgegenkommt, ist
dasjenige, von dem wir uns in der Kunsttherapie therapeutische Aspekte
erwarten. Was aber könnte dieses "Entgegenkommende"
sein ? Was ist das Neue, das Unbekannte, "das Andere", von
dem wir uns Entwicklung, von dem wir uns "Heil" versprechen?
Wo ist es verortet, im Innersten der Seele, in den Tiefen des Kosmos
oder in der Natur ? Hat es überhaupt einen Ort - und wie kommt
es uns zu? Was ist aus der Sicht der Psychotherapie unter diesem "Anderen"
gemeint, was aus der Sicht der Kunstphilosophie der Gegenwart? Wir
wollen daher im Folgenden der Frage nachgehen, ob einem Verständnis
des Bildhaften, wie es der Kunst der Moderne zugrunde liegt, nicht
auch eine therapeutische Option liegt, eine Option,die vielleicht
sogar außerhalb der psychotherapeutischen Tradition einen eigenen
Aspekt therapeutischer Relevanz besitzt.
Kurz die These, die im folgenden belegt werden soll: Die Kunst der
Moderne hat ein sehr eigenes Verhältnis zum Bildhaften, ein Verhältnis,
das weit ab liegt von dem, was im therapeutischen Umgang Usus ist.
Im Verständnis der Kunst der Moderne ist das Bild kein Spiegel
seines Urhebers, vielmehr kommt ihm eine eigene Qualität zu.
In das Bild wird nichts hineinprojeziert, es spiegelt auch nichts,
ja es bedeutet nicht einmal etwas, außer sich selbst. Durch
seine bildnerische Eigendynamik wird es zu einem Gegenüber, das
eigenständig ist, ein wirklich "Anderes". Indem der
Künstler und der Betrachter sich diesem Anderen öffnen,
machen sie eine Bewegung von sich weg. In dieser Bewegung der "Objektivierung"
liegt aber m.E. eine eminent therapeutische Intention: Indem das Werk
sich als etwas Eigenes, als etwas "Anderes" behauptet, konstituiert
es zugleich in letzter Konsequenz das "Ich", ein Ich das
jedoch zugleich über sich hinausweist.
Das "Andere der Bilder" in der Kunst ist in weiten Teilen
etwas anderes als das, was in der Psychotherapie beispielsweise mit
dem Begriff des "Unbewußten" angesprochen wird. Das
Problem des "Anderen" ist virulent spätestens seit
die Philosophie sich auf das Denken als wesentliche Bestimmung für
das Sein des Ich bezieht ("Ich denke, also bin ich"). Das
"Andere" in dem zu suchen, was dem Denken nicht zugänglich
ist, schlägt sich im psychoanalytischen Denken jedoch in einer
anderen Version nieder, als in der modernen Kunst. Dazu möchte
ich den Begriff des Unbestimmten dem des Unbewußten gegenüberstellen.
Das "Andere der Bilder "- verstanden als das Unbewußte
-verweist zurück auf den Produzenten der Bilder. Damit ist es
aus erkenntnistheoretischer Sicht aber kein wirklich "Anderes",
das "Andere" bleibt strenggenommen hier das "Selbe".
Das Unbestimmte, auf das die Kunst verweist, ist dagegen ein wirklich
Anderes, es wird nie zum Selben, da es in diesem nicht entspringt.
Wir werden uns also zunächst fragen, welcher Art ist das "Andere"
der Bilder, von dem wir das "therapeutische Heil" erwarten.
Soweit ich das kunsttherapeutische Verständnis des Bildhaften
beurteilen kann, meine ich, verschiedene Traditionen darin wahrzunehmen,
speziell sollen drei Varianten der Annäherung an das "Andere
der Bilder" kurz beschrieben werden, die sich in verschiedenen
kunsttherapeutischen Ansätzen widerspiegeln:
Diese 3 Varianten des "Anderen" möchte ich wie folgt
benennen:
1. "Das Andere der Seele" als musische Innerlichkeit und
expressive Selbstausdrücklichkeit
2. "Das Andere der Natur" als Sehnsucht romantischer Naturphilosophie
3. "das Andere der Kunst" als "das Unbestimmte",
das "Erhabene" , das "prinzipiell Andere".
1. "Das Andere der Seele"als musische Innerlichkeit und
expressive Selbstausdrücklichkeit
Was im kunsttherapeutisch - psychologischen Kontext naheliegt, ist
zunächst ein Verständnis des "Anderen" als "das
Andere des Seelischen" , das sich als Ergänzung und Widerpart
der Vermögen der Vernunft und des Verstandes definiert, das "Andere
der Vernunft" also. Seine Verortung findet dieses Seelische in
einer Gefühlshaftigkeit und Innerlichkeit, der "ganzheitliche
Qualitäten" zugeschrieben werden.
Vernunft wird in dieser Sichtweise gleichgesetzt mit instrumenteller
Vernunft, mit Rationalität und damit mit der "Entfremdung
von eigentlichem Menschsein". Kunst soll demgegenüber helfen,
das Leben nicht aus Begriffen, sondern aus Bildern zu verstehen. Das
"Andere", auf das sich die Sehnsucht hier richtet ist das
"Andere" des Erlebnisraumes der Seele, die als "Welt-Innenraum"
Zuflucht und zugleich neue Horizonte verspricht. In ihm wird tieferes
Wissen gesucht, ihr werden "Selbstheilungskräfte" zugeschrieben,
hier wird "Ganzheitlichkeit" geortet, die einer als zersplittert
und chaotisch erlebten Welt Heilung bringen soll. Überall, wo
wir im kunsttherapeutischen Verständnis der Bilder auf die Betonung
des "Selbstausdruckes" stoßen, bewegen wir uns in
der Tradition eines Bildverständnisses, wie es sich in der Kunst
verorten läßt in einer expressiven Bildauffassung, vornehmlich
also im Expressionismus und ihm nahestehende Nachfolgebewegungen.
Seine gedankliche Grundlagen bezog diese Bewegung in weiten Teilen
aus der sogenannten "Lebensphilosophie". Nitzsche, Bergson,
Dilthey oder Klages sind hier beispielsweise zu nennen. Die damit
verbundene Begrifflichkeit erfreut sich in der Kunsttherapeutischen
Szene und ihrer Klientel weiterhin großer Beliebtheit. Wortwahl
und Formulierungen, die uns in zahlreichen Prospekten mit Kreativ-Kursen
und ähnlichen kunsttherapeutischen Angeboten entgegenkommen,
können als Beleg dafür gelten, daß in der Kunsttherapie
ein Gedankengut weit verbreitet ist, das in diesen historischen Kontext
einzuordnen ist. Bildnerische Phantasie, das kreative Vermögen
wird hier als Allheilmittel gegen zivilisatorische Entwicklungen und
Einseitig-keiten angepriesen, insbesondere der "authentische,
individuelle Selbstausdruck" gilt als Garant für ersehnte
Ganzheitlichkeit und phantasieerfüllte, lebendige Existenz. Einige
Stichworte aus dem Begriffs-inventar der Kunsttherapie seien hier
stellvertretend angeführt: "Sein Inneres in Bildern sichtbar
machen", "gesteigerte Emotionalität"," authentischer
und spontaner Selbstausdruck", "die schöpferische Lebensbewegung","das
Einmalige", "das Erlebnissmäßige" (vgl.
W. Dilthey), "der Werdecharakter (im Gegensatz zum Werkcharak-ter)
des Kunstwerkes", "das Ursprüngliche, Elementare",(vgl.F.Nitzsche)
"den Strom der inneren Bilder und die Macht des Urbildhaften
ergreifen", "Allsensibilisierung als intelligente Sinnlichkeit",
"Selbstgestaltung als Lebensgestaltung", "die im Lebensstrom
wurzelnde Ausdrucksgebärde" (vgl. L. Klages) usw. ... alles
Formulierungen, wie sie nach wie vor in der Kunsttherapie zum theoretischen
Begriffsinventar gehören.
Wir müssen uns eingestehen, daß die Hartnäckigkeit,
mit der sich die Kunstauffassung und die Begrifflichkeit der Lebensphilosophie,
der expressionistischen Kunsterzieherbewegung und der musischen Erziehung
in unserem Jahrhundert trotz aller fundierter Kritik erhalten hat,
von einer nach wie vor bestehenden "Seelenlage" bedingt
ist, die sich offensichtlich noch nicht überlebt hat. Das Bedürfnis
nach Irrationalität einerseits (siehe Esoterik und New-Age)und
das Bedürfnis nach Einmaligkeit, Lebensintensität und Erlebnishaftigkeit
andererseits scheinen in der bürgerlichen Gesellschaft nach wie
vor wesentliche Aspekte individueller Selbstverwirklichung zu sein.
Die historische Kritik an der individualistisch orientierten expressionistischen
Kunsterzieherbewegung und musischen Erziehung mit ihrer Blindheit
für die gesellschaftlichen , sozialen, ökonomischen und
politischen Bedingungen (z.B. Hein1992), mit ihrem "kosmisch
statt gesellschaftlich gefaßten Lebensbegriff" (Kossolapow
1975 S.275) stößt in ein intellektuelles Vakuum, solange
die gesellschaftlichen Bedingungen diese Bedürfnislage weiter
reproduzieren. Mittlerweile eben unter kunsttherapeutischen Vorzeichen.
Was den historischen Bewegungen der Jahrhundertwende noch die Offenbarung
der Kinderzeichnung, des "Kindes als Künstler" war,
hat gegenwärtig in gesteigerter Form Konjunktur als allgemeine
Infantilität. Irrationalität als das "Andere der Vernunft"
bietet sich in seiner postmodernen Variante als Fluchtweg an in die
gesellschaftlich tolerierte Regression.
Es bleibt jedoch die Frage, inwiefern in diesen Restbeständen
eines Jahrhundert-Anliegens auch positiv zu verwertende Trümmerstücke
für das kunsttherapeutische Handeln zu entdecken sind. Die Sehnsucht
nach lebensfördernden Strukturen vor oder außerhalb unseres
reduzierten Vernunft-begriffes hat selbstverständlich, trotz
aller angebrachten Kritik, weiterhin ihre Berechtigung, Um gegenüber
dieser Auffassung von Kunsttherapie nicht ungerecht zu werden, müssen
wir bedenken, daß die Kritik an den gedanklichen Grundlagen
der musischen Erziehung sich vornehmlich an ihrer Tendenz zur Weltabgewandheit
festgemacht hat, an ihrem Hang zum individualistischen Eskapismus
und der daraus resultierenden Selbstbezogenheit. Hinsichtlich der
Kunsttherapie ist hier zu berück-sichtigen, daß sie von
vorn herein in ihren Prämissen die Orientierung am Individuum
und seinem Leiden betont, eine gesellschaftliche Relevanz über
das Individuum hinaus liegt nicht in ihrem Interesse. Insofern kann
die Kritik der musischen Erziehung nicht ohne weiteres auf die Kunsttherapie
übertragen werden, selbst wenn diese in ihrer Theoriebildung
in einigen Ausformungen deutlich in dieser Tradition steht. Gleichzeitig
steht für die Kunsttherapie aber die musische Erziehung als Warnung
vor einem Abgleiten in ein Angebotsspektrum bürgerlicher Selbsterfahrungssehnsüchte
als peinliche Variante therapeutischen Bemühens im Raum.
2. "Das Andere der Natur" als Sehnsucht romantischer Naturphilosophie
Wenden wir nun unseren Blick einer ganz anderen Version der Verortung
des "Anderen" zu. Das "Andere der Bilder" - in
der Therapie gesucht als not-wendiger Ort der Ressourcen, als unangreifbarer
Kern, als "Heilsquelle", deren tieferes Wissen sich in den
Bildern zeigen soll, dieses "Andere" im Innersten des Menschen,
in seiner Seelenmitte sozusagen, zu verorten, -wie es eben geschildert
wurde-, diese Sichtweise ist nicht unumstritten innerhalb der Variationsbreite
"kunsttherapeutischer Schulen". Kritisches Unbehagen kann
sich in diesem Fall sogar auf biblische Aussagen über den Menschen
berufen, nach denen "das Herz des Menschen böse ist von
Jugend an", seine vermeint-liche Mitte also keinesfalls von göttlicher
Vernunft durchdrungen ist, sondern der Hort des Irrtums selbst ist.
Wohin kann der säkularisierte Blick nach der Aufklärung
sich aber dann wenden auf der Suche nach dem "Heil"? Er
wendet sich nach Außen um sein Innerstes zu ergründen:
Er findet sich gespiegelt in einer kosmisch konotierten Natur. Diese
Bewegung vollzieht sich geistesgeschichtlich in der Wende von der
Transzendentalphilosophie zur romantischen Naturphilosophie, für
die Kunst-therapie ist hier vor allem die Tradition von F. Schelling
über C.-G. Carus von Bedeutung. In einer Epoche, in der die Verantwortung
für Geschichte - sowohl die kollektive als auch die individuell
biografische- zum erstenmal voll bewußt vom Menschen übernommen
werden soll, ist erklärende Entlastung notwendig und angesagt.
Die Vorstellung eines "unbewußten" Pendants zu unserem
Bewußtsein ist eine derartige Modellvorstellung, bietet sie
doch wenigstens die Perspektive, unsere Unvollkommenheit und Irrtumsbehaftetheit
als Übergangsstadium von einem niedrigeren Niveau der Bewußtheit
zu einem höheren Level zu interpretieren und damit die Aussicht,
Bewußtseinsentwick-lung aus eigener Kraft zu leisten. Damit
aber ist eine grundsätzliche Denkfigur der Psychotherapie angedacht.
Wesentlich für die Naturphilosophie romantischer Prägung
ist die Bezogenheit des menschlichen Bewußtseins auf seinen
Ursprung, der hier in der Natur verortet wird. Natur ist in der Schellingschen
Variante als "Romantiknatur" zwar zunächst unbewußt,
jedoch als ideale Ganzheit gedacht, die sich sowohl von der "Triebnatur"
als auch von der "Kontrollnatur" abhebt. Das "Andere
in der Natur" ist so-mit nicht Bedrohung, sondern Erlösung.
Wo Geschichte nicht mehr als göttliche Heilsgeschichte glaub-haft
ist, bemüht die Philosophie nun die unbewußte "Naturvernunft",
die es bewußt zu machen gilt. Natur wird idealistisch gedacht
als sichtbarer Geist, als ein lebendiger Organismus. Seinem ganzheitlich
gedachten Wesen kann ein zergliederndes, analytisches Experimentieren
nicht gerecht werden, eine adäquate Annäherung verspricht
sich die Philosophie daher in der Kunst. Danach ergreift das romatische
Künstlergenie in sich diese Fähigkeit zum intuitiven Erfassen
der Natur-vernunft. Wenn Goethe in seinen "Maximen und Reflexionen"
die Erkenntnis formuliert "es sei etwas unbekanntes Gesetzliches
im Objekt, welches dem unbekannten Gesetzlichen im Subjekt entspricht",
so ist mit diesem doppelten Unbekannten genau das angesprochen, was
mit dem "Anderen" aus dieser Sicht gemeint ist. Das so gedachte
Subjekt kann die Welt nun adäquat erfassen, die Vereinigung von
Subjekt und Objekt gelingt ihm in der künstlerischen Produktion.
In der von Innen erfassten Gestaltung "nicht nach der Natur,
sondern wie die Natur" (Klee), im Erkennen der Korrespondenz
zwischen den Gesetzmäßigkeiten des "Geistigen im Menschen
und in der Natur" kristallisiert sich eine neue Hoffnung, der
Vernunft teilhaftig zu werden. In den "Bildegesetzen der Natur"
findet dieses Denken die Anleitung zu einem besseren Leben, die aufkeimende
Pädagogik nährt sich aus dieser Quelle; von Schiller, Goethe,
Rousseau über Pestalozzi, Fröbel und Steiner spannt sich
der Bogen pädagogisch-therapeutischen Bemühens aus dieser
Tradition in die Gegenwart. (Eine eigentlich höchst eigentümliche
Begriffsbildung wie die des "Kindergartens" kann uns darauf
hinweisen, wie tief verwurzelt und internalisiert diese Denktradition
im deutschsprachigen Kulturraum ist) Die Hoffnung auf Ganzwerdung
und Heilung durch das "Andere in der Natur" hat sich also
einerseits in medizinischem und psychologischem Denken vor allem über
C.-G. Carus niedergeschlagen, andereseits spielt es eine nicht unwesentliche
Rolle in der ästhetischen und kunstpädagogischen Diskussion
vom 18ten Jahrhundert bis in die Moderne.
Wie wir sehen, hat also die Kunsttherapie in weiten Teilen ihre Wurzeln
im gedanklichen Erbe der romantischen Naturphilosophie, man könnte
fast meinen, in aktuellen Syntheseversuchen künstler-ischer und
therapeutischer Ambitionen löst sich die Sehnsucht des 18. Jahrhunderts
nach dem "Heil der Ästhetik" - mit all ihren Chancen
und Fragwürdigkeiten- schließlich doch noch ein. Das "Andere
der Bilder" als ästhetisch vermittelte Heilsbotschaft einer
uns überlegen gedachten Natur zu be-greifen, liegt der Gemütslage
des ausgehenden 20Jahrhunderts nicht fern, zeitgeistiges "ökolo-gisches
Bewußtsein" und "ästhetisches Denken"kommen
sich hier offensichtlich ziemlich nahe.
3. "Das Andere der Kunst"
Geben wir aber mit den Orientierungen, wie ich sie bisher kurz umrissen
habe, nicht Haltungen vor, die von erkenntnistheoretischen Prämissen
ausgehen, die revisionsbedürftig sind? Die angesprochenenHaltungen
stehen in weiten Teilen im Hintergrund dessen, was den kunsttherapeutischen
Zugang zum Bildnerischen ausmacht. Wie aber verhalten sich diese weltanschaulichen
Entwürfe, -die nach der aufklärerischen Ermächtigung
des Ichs und dem Verschwinden der Religiösität das Bedürfnis
nach Transzendenz entweder auf ein "numinoses Selbst" projeziert
haben oder in pantheistische Kosmologie-, eigentlich zu der Sicht
der modernen Kunst auf die Welt? Insofern wir es im Falle der Kunsttherapie
zumindest dem Begriff nach mit einer Intention zu tun haben, die sich
auch auf Kunst bezieht, ist es m.E. nicht uninteressant einmal einen
Blick auf das zu werfen, was außerhalb psychologischer Erwägungen
unter dem "Anderen" verstanden werden kann.
Wenig versöhnlich klingen die Formulierungen, die die Kunstphilosophie
der Gegenwart hinsichtlich des "Anderen" trifft. Die Kunst
heute formuliert keine Tröstungen oder Versprechungen eines Heils,
das sie nicht einlösen kann, ihre Option ist keine falsche Versöhnung,
nicht die Erfüllung der Sehnsucht nach "Einheit", sie
feiert die "Differenz". Die Radikalität ihres Anspruches,
das Unbestimmte aushalten zu wollen und zu können, ja dieses
"Nicht-Auflösen-Wollen" zu einem zentralen Anliegen
zu machen, diese Radikalität macht Kunst schwierig für den
therapeutischen Alltag. Dennoch meine ich, zumindest als Haltung und
Perspektive auf Seiten der Kunst-Therapeuten kann diese Entschiedenheit
fruchtbare Aspekte in die Therapie einbringen. Die Kunst hat ein grundsätzlich
anderes Verhältnis zum "Anderen" und seinem Erscheinen
im Bild als ein psychologisches. Dies ist der Grund, weshalb ich in
diesem Beitrag nicht den im therapeutischen Kontext gebräuchlichen
Begriff des "Unbewußten" verwende, sondern den offeneren
Begriff des "Anderen". Ihn gilt es im folgenden näher
zu beleuchten und zu differenzieren hinsichtlich einer möglichen
Relevanz für die kunsttherapeutische Theoriebildung und damit
für die Praxis. Was uns an diesem Entwurf der Avantgarde im Hinblick
auf den kunsttherapeutischen Umgang mit Bildern interessiert sind
folgende Aspekte:
1: Eine Akzeptanz des "Anderen der Kunst" als Ausgangspunkt
eines vertieften therapeutischen Respektes vor dem anderen Menschen
in seiner "Irredeuziblen Exteritorität".
2: Das Andere des Werkes als die Sache selbst
3: Das Andere des "Erhabenen in der Kunst" als "Leerstelle"
und seine Konsequenz für unser Selbstbild
4: Von einer "Faszination" der Bilder hin zu einem "erhabenen
Verhältnis" gegenüber den Bildern
Das Andere des Anderen
Der Begriff "unbewußt" impliziert prinzipiell die
Möglichkeit und Notwendigkeit der Aneignung im Bewußtwerden.
Was nicht Ich ist, soll Ich werden, das "Andere" existiert
nur im Hinblick auf das "Selbe", die Differenz zwischen
dem "Einen"und dem "Anderen" wird nivelliert.
Im Begriff des "Anderen" liegt jedoch eine tiefere Intention:
Das "Andere", das nicht zum "Selben" wird, das
Andere als das wirklich Andere.
Die Unfähigkeit zur Akzeptanz eines prinzipiell Unbestimmten,
Unbegreifbaren, das unbedingte Verstehen-Wollen wo es nichts zu verstehen
gibt, ist in der Kunst zu einem Ort permanenten Mißverstehens
geworden zwischen dem Künstler der Moderne und einem Publikum,
das sich in weiten Teilen deren erkenntnistheoretischen Prämissen
verweigert. Es ist aber darüber hinaus längst auch zu einer
Grundhaltung in der zwischenmensch-lichen Begegnung geworden, die
sich m.E. nicht mit Therapie verträgt. Das "falsche Verstehen-Wollen"
alles und jedem gegenüber als Grundhaltung steigert sich dabei
zu einer "Wut des Verstehens" die den Sinn für das
prinzipiell Andere und damit für den "Anderen als Anderen"
immer mehr verliert. Die "irreduzible Exteriorität des Anderen
" (Derrida, 1976, S.143) "die Achtung der metaphysischen
Exteritorität" (Levinas 1987, S. 32) in ihrer ganzen Tragweite
ist ein Anspruch, hinter den wir in der Therapie nicht zurückgehen
dürfen. Zumindest eine Therapeutik, die sich auch auf Kunst beruft,
sollte Überlegungen in dieser
Richtung nicht gänzlich von sich weisen.
Wir sollten uns also fragen, welche Optionen für ein adäquates
therapeutisches Bewußtsein in einer Bestimmung des "Anderen"
in der Kunst liegen, das sich möglicherweise von den erkenntnistheoretischen
Prämissen der Psychotherapie unterscheidet. Den folgenden Gedanken
sei vorangestellt, daß die Verdienste psychologischen Denkens
keinesfalls geschmälert werden sollen, vielmehr wird gerade vorausgesetzt,
daß die Konstitution eines stabilen, zur rationalen Differenzierung
und damit erst bewußtseinsfähigen Ichs zum unhintergehbaren
Standart unserer Epoche gehört und daß diese Entwicklung
mit den Gedankengebäuden der Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
aufs engste verknüpft ist. Wenn wir dennoch uns veranlaßt
sehen, hier weiterzugehen , so tun wir dies im Hinblick auf den Preis,
der dafür entrichtet wurde und der uns heute im Rückblick
auf die "Moderne" erst deutlich vor Augen tritt. Was meine
ich mit diesem Gewinn und seinem Preis? Der Gewinn bin "Ich",
der Preis ist das "Andere". Diese Entwicklung wurde von
Emmanuel Lévinas in dem Text "Die Spur des Anderen"prägnant
herausgearbeitet, einigen Gedanken daraus möchte ich hier folgen.
Erkenntnismäßiger Ausgangspunkt dieser Überlegungen
ist die Feststellung, daß die abendländische Philosophie
(und damit auch die allgemeine Bewußtseinsentwicklung) aus dem
Anliegen heraus entstand, die bloße "Meinung", in
der alle Tyrannei lauert, zu überwinden. Die Philosophie setzte
gegen die "verwirrende und trübe Teilhabe, die die Voraussetzung
der Meinung ist, die Trennung der Seelen, und in einem gewissen Sinne,
ihre Undurchdringlichkeit"(S. 187) Wir hören hier sehr deutlich
in diesem Anliegen der Philosophie etwas heraus, auf das wir heute
in der Psychotherapie vor allem bei psychotischen Krankheitsbildern
rekurieren. Der Gewinn dieser philosophischen Strategie ist die Freiheit
des Individuums und seine Selbstbestimmungsfähigkeit, die uns
heute als kultureller Standard kaum mehr zu Bewußtsein kommen.
Der Autonomie wurde damit das philosophische Erstgeburtsrecht zugesprochen,
der Schnittpunkt der Parrallelen aller historischen Entwicklung bekam
einen Namen: die Vernunft.
Gewonnen haben wir also die Autonomie des Ichs, auf der Strecke geblieben
ist dabei das "Andere". Lévinas über die Autonomie
: "Was ist diese Freiheit anderes als die Weigerung des denkenden
Wesens, sich in der Teilnahme zu entfremden, was anderes als die Erhaltung
seiner Natur, seiner Idendität, was anderes als die Tatsache,
der Selbe zu bleiben trotz der unbekannten Gebiete, in die das Denken
zu führen scheint? Von dieser Seite her gesehen bestünde
die Aufgabe der Philosophie darin, alles, was ihr als Anderes entgegentritt,
auf das Selbe zurückzuführen....Die Eroberung des Seins
durch den Menschen im Laufe der Geschichte - das ist die Formel, in
der sich die Autonomie, die Reduktion des Anderen auf das Selbe zusammenfassen
lassen. In dieser Reduktion des Anderen auf das Selbe stellt sich
nicht irgendein abstraktes Schema dar, sondern das menschliche Ich.
Die Existenz eines Ich verläuft als Verselbigung des Verschiedenen"
(S.186) Nun zudem Preis, den die Philosophie für diese Entwicklung
bezahlte:
Nach Lévinas der Verlust jeglichen Begriffes für die Transzendenz
und strenggenommen jeglicher Erfahrung von Wahrheit überhaupt.
"Wahrheit impliziert Erfahrung. In der Wahrheit unterhält
der Denker eine Beziehung zu einer Wirklichkeit, die von ihm verschieden
ist, anders als er, "Absolut anders". denn die Erfahrung
verdient diesen Namen nur, wenn sie das, was unsere Natur ist, überschreitet....So
wäre die Wahrheit Zielpunkt einer Bewegung, die ausginge von
einer vertrauten und heimischen Welt (..) hin zum Fremden (..) in
der Wahrheit wäre mehr enthalten als nur ein außerhalb:
nämlich die Transzendenz. Die Philosophie würde sich um
das absolut andere bemühen, sie wäre die Heteronomie selbst."
(S. 186) Vor die Entscheidung gestellt: Autonomie oder Heteronomie?
hat sich die abendländische Entwicklung -zumindest bis zur "Moderne"
- für letzteres, für die "Freiheit und das Selbe",
entschieden. Ihr Anliegen ist nunmehr die Enthüllung des Anderen,
dieses verliert damit seine Andersheit. "Von ihrem Beginn an
ist die Philosophie vom Entsetzen vor dem Anderen, das Anderes bleibt,
ergriffen, von einer unüberwindbaren Allergie. Aus diesem Grund
ist sie wesentlich Philosophie des Seins...(S.211) Die Idee des Seins,
mit der die Philosophen die irreduzible Fremdheit des Nicht-Ich deuten,
ist so nach dem Masse des Selben." (S.210) Was Lévinas
hier beschreibt, ist das Grunddilemma des "Entdeckers",
sowohl in Gestalt des Naturwissenschaftlers als auch des europäischen
Kolonialisten und Globetrotters: Wo immer er sich dem Fremden annähert,
hat er es schon verändert allein durch seine Anwesenheit, durch
seine Fragestellung, durch seinen Blick. Wo wir das Fremde anschauen,
verwandelt es sich, ist nicht mehr das "Andere". Die Naturwissenschaft
hat bis Einstein die Augen vor dieser Tatsache verschlossen, der Globetrotter
sucht es weiterhin in immer neuen Entdeckungen und Zerstörungen.Haben
wir in dieser Tragik nicht aber auch das Bild des Psychoanalytikers
vor uns, des Entdeckers exotischer Innenwelten, dessen suchender Blick
auf ein angenommenes "Unbewußtes" letztendlich doch
nur das enthüllt, was im Modus seiner Beschreibbarkeit schon
längst wieder bewußt ist? Oder in seiner aktuellsten Variante:
Sehen wir nicht hier den "Chaosforscher" zugange, der immer
subtilere Strukturen und Ordnungen entdeckt im sogenannten "Chaos",
das ihm in dieser Annäherungsbewegung jedoch immer mehr entschwindet?
Jenseits der Moderne stehen wir ernüchtert vor einer Welt, über
die wir meinen etwas zu wissen, die den Zauber der Fremdheit verloren
hat und wir ahnen: Es geht uns nicht anders als den langjährig
verheirateten Ehepaaren, die - glauben wir den Ergebnissen einer weltweiten
Untersuchung -, nicht mehr voneinander wissen , als Menschen in einer
kurzfristigen Begegnung auch. Unser Wissen, unsere Begnung mit dem
Anderen war nichts weiter als das Auffüllen eine "Loches
in der Welt, das der Andere ist" (Sartre) mit Konstruktionen,
Vermutungen , Illusionen, Spiegelbilder unseres eigenen Ichs. Gibt
es aber eine andere Möglichkeit? Gibt es eine Annäherung
an das Andere, das dem Anderen sein Anderssein beläßt?
Lévinas sieht eine Möglichkeit, und er hat sie mit einem
sehr poetischen Ausdruck benannt: Eine Begegnung mit dem Anderen,
die nicht Entdeckung, "Enthüllung der Welt" ist, eine
derartige Weise der Begegnung geschieht in der "Heimsuchung des
Antlitzes".
Was meint er damit, was ist dieses "Antlitz des Anderen"?
Eine Zusammenstellung von Textstellen aus Lévinas "Die
Spur des Anderen" kann uns hier Anhaltspunkte liefern: "
Das Wunder des Antlitzes rührt her vom Anderswo, von wo es kommt
und wohin es sich auch schon zurückzieht. Aber diese Ankunft
von Woanders verweist nicht symbolisch auf dieses Woanders als Zielpunkt.
das Antlitz stellt sich dar als in seiner Nacktheit, es ist nicht
eine Gestalt, die einen Hintergrund verbirgt und eben dadurch auf
ihn verweist, nicht eine Erscheinung, die ein Ding an sich verhüllt
und eben dadurch verrät. Wäre dem so, dann hätten wir
im Antlitz eine Maske, die es voraussetzt. Wenn bedeuten dasselbe
wäre wie bezeichnen, dann wäre das Antlitz unbedeutend....Der
Andere kommt her vom unbedingt Abwesenden. Aber seine Verbindung mit
dem absolut Abwesenden, von dem es herkommt, bezeichnet dieses Abwesende
nicht, enthüllt es nicht, und dennoch hat das Abwesende im Antlitz
eine Bedeutung.....Ein solche Bedeuten ist das Bedeuten der Spur....
In der Spur ist die Beziehung zwischen dem Bedeuteten und der Bedeutung
nicht eine Korrelation, sondern die eigentliche Unrichtigkeit. Die
vermeintlich mittelbare und indirekte Beziehung zwischen Zeichen und
Bezeichnetem bestimmt sich noch als Richtigkeit; denn sie ist Enthüllung,
die die Transzendenz neutralisiert. Das Bedeuten der Spur versetzt
uns in eine seitliche Beziehung, sie kann nicht in Richtigkeit umgewandelt
werden. (S228 /229) ....Die Enthüllung, die die Welt wieder herstellt
und auf die Welt zurückführt und die das Eigentliche eines
Zeichens oder einer Bedeutung ist, wird in der Spur getilgt"
(S. 232) Lévinas setzt sich in diesem Text dezidiert von aktuellen
"Zeichen-Theorien" ab. Interessant für unser Anliegen
ist jedoch vor allem, wie er in diesem Text mit der Doppeldeutigkeit
des Begriffes des "Anderen" spielt, indem er das Andere
der Welt nahtlos übergehen läßt in das Andere des
anderen Menschen. Haben wir hier aber nicht dieselbe "Kippfigur"
vor uns, wie in der Kunsttherapie? Wir kommunizieren mit Menschen
über ihre Bilder und lassen dabei das Eine in das Andere übergehen.
Aber müssen wir uns nicht gerade auch deshalb einer doppelten
Verantwortung bewußt sein? Einer Verantwortung gegenüber
den Menschen und den Bildern? Sind wir in der Lage, beiden ihr je
eigenes "Anderssein" zuzugestehen? Oder okkupieren und assimilieren
wir das "Andere" in Symbolismen, Rationalisierungen und
sonstigen Abwehrhaltungen gegenüber dem Fremden? Die Kunst der
Moderne ist m. E. eine radikale Schule für die Akzeptanz des
Anderen als Anderen. Sie verwahrt sich gegenüber Deutungen, Bedeutungen,
Psychologismen und Symbolhuberei. Sie ist, was sie ist, nicht mehr
und nicht weniger. Das "Nicht-Verweisen" auf ein Anderes
als sie selbst, macht die Kunst zu einer Herausforderung und zu einem
Übungsfeld für ein Verständnis der Welt, das diese
nicht als "Zeichen" inter-pretiert, sondern als ein "Entgegenkommendes",
nicht weiter erklärbares. Im Diskurs der Postmoderne über
das Potential ästhetischen Denkens wird die Akzeptanz der prinzipiellen
Differenz als das zentrale Anliegen der Kunst herausgearbeitet, gerade
auch in der Modellfunktion für zwischenmenschliche Begegnung.(vgl.
Welsch) Das ist die Option, aber auch die Lektion der Kunst für
die Therapie.
Haben wir sie schon gelernt?
Das Andere der Sache selbst
Werfen wir also einen Blick in diesen Diskurs mit der Intention, näher
zu bestimmen, wie in der Kunst das "Andere" zu seiner Geltung
kommt.
Von Seiten der Kunstphilosophie gibt es einen kurzen Text über
"das Andere", von J.F. Lyotard mit dem Titel "Das zweifach
Andere" . Er differenziert "das Andere" hier in das
der Stimme und das der Sache selbst. Hören wir uns eine Zusammenstellung
einiger kurzer Passagen an: "das Andere, das über Kunst
und Literatur gebietet, das ist die Sache selbst. Aber wiederum das
Andere, das deine Tat zur Aufrichtigkeit und dein Urteil zur Gerechtigkeit
verpflichtet, das ist die Stimme" Die Differenz von Stimme und
Sache beschreibt er wie folgt : "Was nun die Sache selbst betrifft,
für die Literatur und Kunst Sorge tragen, so gebietet diese zwar,
aber sie verlangt nichts. Daher ist sie so grundsätzlich anders
als die Stimme. Sie richtet sich nicht an Dich, sie richtet sich an
nichts und niemanden. Du bist nicht ihr "Du". (...) Sie
redet keine unbekannte, unübersetzbare Sprache. Sie redet gar
nicht. Sagen wir eher, daß sie bei dir wohnt(...) Du wirst folglich
vor Deine eigene Tür gesetzt und zwar durch die Sache selbst.
Du wirst aus Deiner eigenen Geschichte herausgeworfen" . Achten
wir einmal auf diese sehr andere Haltung gegenüber "der
Sache selbst" wie Lyotard sie hier anspricht in Gegensatz zu
dem, was wir als Haltung gegenüber dem Werk aus kunsttherapeutischem
Umfeld gewohnt sind. Die Sache selbst, das Werk, spricht nicht zu
ihrem Produzenten, geschweige denn, sagt etwas über ihn aus.
Das "Andere des Bildes" ist nicht Spiegel oder Verlängerung
seiner selbst, es ist das wirklich andere. Lyotard weiter : "Daß
dein Werk nur der Sache huldigt, nur von ihr Zeugnis ablegt, während
sie von Dir nichts erwartet." Hören wir weiter, wie ein
Künstler -Francis Bacon - sich auf die Frage nach einer Spiegelfunktion
seines Werkes äußert: "Ich versuche nur Bilder zu
machen, die so genau wie möglich meinem Nervensystem entnommen
sind. Ich weiß nicht einmal was die Hälfte davon bedeutet.
Ich sage gar nichts aus.(..) ich sage schon deswegen nichts aus, weil
ich vermutlich viel mehr mit den ästhetischen Qualitäten
eines Werkes beschäftigt bin als Munch vielleicht. Ich kann mir
aber auch nicht vorstellen, was ein Künstler überhaupt versuchen
könnte zu sagen, die banalsten einmal ausgenommen" Hier
wird Klartext geredet. Hier geht es nicht um Offenbarungen aus dem
eigenen Unbewußten, nicht um Selbst-Authentizität des Seelischen.
Es geht um die Sache selbst, realisiert durch unbedingte Aufmerksamkeit
für ihre Erfordernisse unter dem Namen der "ästhetischen
Qualität." "Die Sache selbst", das ist in der
Kunst das Werk und in der unbedigten Hingabe an dieses Werk relativiert
sich die Existenz dessen, der es erarbeitet. Ich meine, diese Selbst-Relativierung
ist ein Aspekt, der in der Kunsttherapie noch zu wenig Beachtung findet.
Nicht was aus mir, womöglich aus dem"schöpferischen
Urgrund der Seele" kommt, ist für das Werk von Bedeutung,
sondern was dieses will. Was dieses "Wollen" ist, das aber
ist die innere Notwendigkeit und Schlüssigkeit des Werkes selbst.
Damit sind keine metaphysischen Spekulationen auf geheimnisvolle Inspirationen
angesprochen, sondern mit den Mitteln des ästhetischen Wissens
(sowohl aus den Reflexionen der modernen Kunst über das Bildnerische
als auch aus aktuellen, systemorientierten ästhetischen Reflexionen)
zu leistende Arbeit.
Das Andere der Kunst IM BEGRIFF DES "Erhabenen"
Innerhalb der Kunst der Moderne existieren verschiedenste Stränge
nebeneinander. Traditionen, die in ihrer Relevanz für therapeutische
Intentionen wenig reflektiert wurden, sind in der Abstraktion, Minimalismus
und Konzeptualismus zu finden. Diese Richtungen der Kunst haben eine
andere Sicht auf die Welt als die eingangs beschriebenen Tendenzen
der Neo-Romantik und der expressionistisch vermittelten Innerlichkeit.
Diese andere Sicht zeigt sich auch in der Auffassung über das
"Andere". "Das Andere" bestimmen diese Tendenzen
der kunstphilosophischen Reflektion nicht im Schönen, sondern
im "Erhabenen". Worum geht es dabei? Es gibt eine sehr schöne
dichterische Beschreibung des "Erhabenen" in den "Duineser
Elegien" von Rilke wo es heißt:"... denn das Schöne
ist nichts als des Schrecklichen Anfang und wir bewundern es so, weil
es gelassen verschmäht uns zu zerstörn. Ein jeder Engel
ist schrecklich." Der Überstieg vom sinnlich und damit Bildnerisch
fassbaren zu einem tiefer Ausgreifenden wird in dieser Formulierung
des "Schönen als des Schrecklichen Anfang " deutlich,
damit spricht Rilke aber von nichts anderem, als dem "Erhabenen".
Das Schreckliche ist hier nicht etwa ein Horrorbild, wie wir es heute
oft falsch verstehen, vielmehr ist es ein "Schrecken des Nichts",
es ist jenseits des Bildhaften. Es ist ein "Nichts", das
sich einer rein seelisch disponierten Wahrnehmung entgegenstellt,
wenn diese an den Rand ihres Begreifens tritt. Wir müssen uns
klarmachen, daß hier von Rilke die Ahnung einer prinzipiell
neuen Ebene des Bewußtseins angesprochen wird, ein Schwellenübertritt,
der in unserem Jahrhundert von zahlreichen Künstlern(Mondrian,
Kandinsky, Malewitsch) und Kulturphilosophen angemahnt wurde.(Steiner,
Gebser) Die Kunst der Moderne ringt mit diesem Schwellenübertritt,
sie ringt vor allem in den Tendenzen der Abstraktion um eine Bestimmung
eines "Geistigen in der Kunst" das nichts zu tun hat mit
seelischem Erleben oder gar symbolistischen Verbildlichungen geistiger
Inhalte. Diese Varianten sind zwar auch vertreten in der Kunstgeschichte
des 19/20. Jahrhunderts, wir müssen uns jedoch fragen, ob es
sich hier nicht um defizitäre Ausweichbewegungen handelt. Diese
Problematik ist m. E. noch lange nicht deutlich genug erfasst worden,
gerade auch in der kunsttherapeutischen Reflexion über das Bildhafte.
Das Paradox einer "Bildlosigkeit des Bildhaften" scheint
schwer für uns zu fassen zu sein, das Ausweichen in intellektuelle
Rationalisierungen einerseits oder bildhafte Assoziationen andererseits
ist noch immer eine verbreitete Haltung gegenüber den "bildlosen
Bildentwürfen" der Moderne. Einen Beleg für diese Behauptung
finden wir in der Bilderflut der medialen Massenkultur, die immer
mehr dominiert wird von Produktionen des Genres "Phantasy".
Auf den Projektionsflächen der Bildschirme (!) wimmelt es mittlerweile
von Verbildlichungen von Engeln, Dämonen und ins Irdische materialisierten
übersinnlichen Wesen, den Außerirdischen. Dies sind m.E.
Bilder des Scheiterns eines Anspruches, der mit der Bewußtseinsentwicklung
unserer Kultur bisher verbunden war. Im Begriff des "Erhabenen"
versuchte die Avantgard in unserem Jahrhundert also die Möglichkeit
der Transzendenz offen zu halten, indem sie diese nicht benennt, sondern
bewußt eine Leerstelle offen hält. Nicht in der Natur,
nicht in der Seele ist das Andere zu finden, es ist überhaupt
nicht zu finden. Die Kunst macht sich kein Bild vom Anderen. Im Erhabenen
wird die Leerstelle nicht, sei es auch noch so subtil, besetzt.
Wir müssen an dieser Stelle nochmals einen kurzen Blick in die
philosophische Ästhetik bei Lyotard werfen, um den Begriff des
"Erhabenen" in diesem Zusammenhang zu klären. Lyotard
bezieht sich bei seinen Überlegungen einerseits auf eine Bestimmung
des Erhabenen wie wir es bei Burke, Baumgarten und Kant finden - will
heißen: auf das Scheitern der Einbildungskraft, eine Vorstellung
zu liefern, die der Idee des Absoluten angemessen wäre, auf eine
Ohnmacht der Einbildungskraft, auf ein Ungenügen der Bilder als
ein negatives Zeichen für die Unermeßlichkeit der Ideen.
Eine weiter Bestimmung des Erhabenen entnimmt Lyotard jedoch nicht
den philosophischen Vorentwürfen zur Moderne,( wie sie die Transzendentalphilosophie
geleistet hat), sondern deren Einlösung in der Kunst der Moderne.
Hier kann Lyotard sich auf den Maler Barnett Newman stützen,
der in seinem berühmten Essay "The sublime is now"
("Nun, das ist das Erhabene") das Erhabene in der Abstraktionstendenz
der Moderne verortet.
Das Paradoxon der Unmöglichkeit einer Darstellung der reinen
Ideen des Absoluten der Größe und der Macht in Raum und
Zeit, ist nach Kant das Problem der erhabenen Malerei. Dieses Paradoxon
findet er im mosaischen Bilderverbot vorformuliert. Die minimalistische
und abstrakte Kunst der Avantgarde greift eben jenes Paradoxon einer
Darstellung auf, die nichts darstellt, eine Bildhaftigkeit ohne Bilder,
eine "negative Darstellung" sozusagen. Das "Andere"
im Bildverständnis der Kunst ist dieses Paradoxon der "negativen
Darstellung" des Erhabenen.
Mit diesem Entwurf greift die Kunst in gewisser Weise die grundlegende
Denkfigur der jüdisch-christlichen Tradition auf ihre Weise auf
und versucht eine nicht greifbare Transzendenz zu behauptet. Dieses
Markieren einer Leerstelle (wie der Systemtheoretiker Luhmann es nennt),
dieses "Sich kein Bildnis machen" als grundlegende Prämisse
unserer Kultur, ist jedoch für den Gegenwartsmenschen nicht nur
als das eigentliche "Gottesbild" unserer Kultur von eminentem
Interesse, vielmehr tangiert uns die Tatsache, daß damit auch
unser "Ich-Begriff" zusammenhängt. Wenn wir heute formulieren,
die "Würde des Menschen ist unantastbar", dann gehen
wir von einem Menschenbild aus, das dem Menschsein keinen "positiven"
Inhalt zuschreibt, keine festlegbare Definition voraussetzt. Der Mensch
ist Mensch als Unbekannter. Das aber will heißen: wir definieren
den Menschen eben nicht aus dem, was wir über ihn wissen, aus
seiner Vergangenheit, aus seiner Tradition, aus seiner Determiniertheit,
sondern negativ: aus einem offenen Potential heraus. Unser Menschenbild
-aus dieser Tradition heraus verstanden- ist damit aber eher ein künstlerisches
als ein naturwissenschaftliches. Und es ist ein zutiefst therapeutisches,
weil es eine Orientierung in Hinsicht auf Wandlungsfähigkeit
und die Ressourcen der Zukunft besitzt.
Der Aspekt der Ich-Konstitution durch Offenlassen einer Leerstelle
ist der eine Aspekt des künstlerischen Diskurses über das
Erhabene, der uns in der Kunsttherapie inspirieren könnte, ein
zweiter Aspekt ist der der emotionalen Bewegung, die eine derart paradoxe
Bilderfahrung in uns auslösen kann.
Wir müssen uns nicht in kunstphilosphische Beschreibungen vertiefen
um ein lebensvolles Bild von dieser emotionalen Bewegung zu erhalten.
Erinnern wir uns einfach an die ganz alltägliche Begegnung des
"Kleinen Mannes von der Straße" mit moderner Kunst
und schon haben wir eine zwar skurile, aber dennoch stimmige Version
dieser Betroffenheit vor uns. Auf diesem Bild sei nichts zu sehen,
kann man beispielsweise angesichts einer monochromen Tafelmalerei
da zu hören bekommen, und zwar ziemlich erregt über die
Zumutung diese angeblichen "Nichts". Genau um dieses Erleben
geht es in der Kunst der Moderne. Was erregt den Betrachter so? Es
ist das begrifflich nicht Greifbare, vor allem dann, wenn ihm selbst
der Fluchtweg über eine psychologisierende, symbolische Interpretation
versperrt ist. Wenn da nur ist, was da ist, sonst nichts. Der suchende
Geist wird auf sich selbst zurückgeworfen, aber auch da ist nichts,
woran er sich halten kann. Lyotard beschreibt diesen Schrecken wie
folgt: "Das Erhabene (wird) durch eine Drohung hervorgerufen,
daß nichts mehr geschieht,....
Diese ganz und gar geistige Leidenschaft heißt im Lexikon Burkes:
Schrecken. Und dieser Schrecken ist an Beraubung gebunden: Beraubung
des Lichtes: Schrecken der Finsternis; Beraubung des Nächsten:
Schrecken der Einsamkeit; Beraubung der Sprache: Schrecken des Schweigens;
Beraubung der Gegenstände: Schrecken der Leere, Beraubung des
Lebens: Schrecken des Todes. Was schreckt ist, daß das "es
geschieht " nicht geschieht, daß es zu geschehen aufhört"
(S175)In der Erfahrung des prinzipiell Unfassbaren des Anderen wird
das Bewußtsein seiner selbst gewahr. Für einen Moment wird
unser Bewußtsein durchbrochen, das sich im Gegenüberstand
mit anscheinend realen Objekten permanent selbst vergißt, in
der Beraubung des Greifbaren wird es plötzlich selbst wahrnehmbar
als Voraussetzung der leeren Wahrnehmungsfähigkeit und versetzt
die Seele in Aufruhr. Aber dieses Gefühl ist widersprüchlich,
ist zugleich mit Lust und Unlust verbunden. "Oft wird mit der
Eventualität daß nichts geschieht, das Gefühl der
Angst in Verbindung gebracht, (...) aber dieses Warten, dieser suspense
kann auch mit einer Lust verbunden sein, zum Beispiel der Lust, das
Unbekannte zu empfangen und selbst mit einer Freude, der Freude der
Steigerung des Seins, die durch das Ereignis ausgelöst wird"
(S163) (...) Dank der Kunst wird die Seele der der Agitation, der
Bewegung zwischen Leben und Todzurückgegeben und diese Agitation
ist ihre Gesundheit und ihr Leben " (S.176)
Ich meine, wir haben hier eine ganz stimmige Beschreibung dessen vor
uns, was das Andere der Kunst ausmacht, und wie dieses Andere uns
zutiefst berühren und in innere Bewegung versetzen kann. Wir
kennen aus dem kunsttherapeutischen Alltag sehr wohl die permanente
Fluchtbewegung vor dem Anderen, dem Unbestimmten, das verzweifelte
Bemühen um Interpretation,um Sinnhaftigkeit. Je weniger diese
Ausweichbewegung in der begrifflichen Aneignung gelingt, desto tiefer
wird die Notwendigkeit der bildnerischen Bewältigung. Und wir
alle wissen als Künstler, daß diese Bewältigungsbewegung
niemals abgeschlossen ist, daß immer ein Rest bleibt, das Andere
niemals zum Selben wird. Aber was wir bewältigen dabei, ist der
Schrecken, die Angst. Sie verwandeln sich in Intensität. Subjektwerdung.
Ein eigentümlicher Vorgang im gegenwärtigen Kunstkontext
kann uns anregen zu einer Reflexion über ein tiefgreifendes Bedürfnis
unserer Zeit gegenüber dem Bildhaften. Wer nicht dabei gewesen
ist, kennt das Bild aus den Medien: endlos lange Warteschlangen vor
einer Ausstellung. Was wollten all diese Menschen sehen? Sie wollten
sich selbst sehen, sie wollten den Menschen sehen. Den Menschen in
letzter Konsequenz als Objekt des "anschauenden Urteils",
den Menschen in einem Zustand, in dem seine Subjekthaftigkeit in radikalster
Form ins Blickfeld gestellt wurde. Zu sehen gab es präparierte
Leichen.
Ein, in eigentümlicher Weise bis in die Gesichtszüge und
ins Outfit hinein als Karikatur von Beuys erscheinender Anatom, hat
mit dieser Ausstellung ein Bild in die Kunstgeschichte eingebracht,
wie es treffender nicht hätte formuliert werden können.
Während die Kunst unseres Jahrhunderts um den Übergang von
der Kunst zum Leben ringt, anschaulich in der Verschiebung ihrer Darstellungsmittel
vom Ojekthaften zum Prozesshaften ( und hier war es gerade Beuys mit
seinem bis heute uneingelösten Entwurf der "sozialen Plastik",
der zuletzt in vorderster Front stand), so sehen wir umgekehrt bei
der erwähnten Ausstellung die komplementäre Gegenbewegung:
das Lebendige wird zum Gegenstand, das Subjekt zum Objekt. Beide Bewegungen
gehören m.E. zusammen, beide sind jedoch in ihrem tieferen Gehalt
nur schwer zu fassen. Was an den Leichen nach Aussage zahlreicher
Besucher so faszinierte, war die eigentümlich ambivalente Erfahrung
eines "Anwesend-Abwesenden". Wir können versuchen,
dieses Angerührtsein zu fassen als Berührtsein von der auf
den Körper reduzierten Individualität dieser Toten, von
der nur als Spek-ulation in der Phantasie der Betrachter anwesenden
Lebensgeschichte dieser Leichen, als ein Zurückge-worfensein
auf die eigene Subjekthaftigkeit angesichts dieser toten Objekte.
Nirgends ist die Erfahrung des "Schreckens", wie ihn Rilke
in seinen Zeilen ausdrückt und wie ihn Lyotard versucht philosophisch
zu fassen im Begriff des "Erhabenen", nirgends ist dieser
Schrecken realer , als im Erleben des "Nicht-mehr" im Augenblick
des Sterbens eines Menschen. Etwas scheint uns in der Erfahrung seines
Entschwindens kurz fassbar zu werden als existent, etwas das sich
sonst unserer Wahrnehmung entzieht. (Ein profaner Vergleich: der Dauerton
des Kühlschrankes entzieht sich unserem Hören bis zu dem
Moment seines Abschaltens. Das Geräusch klingt erst in unseren
Ohren und wird uns bewußt, wenn es objektiv gar nicht mehr vorhanden
ist) Es ist eine eigentümliche Erfahrung in der Trauer, wie greifbar
und real uns das Wesen eines Menschen plötzlich wird, wenn er
nicht mehr ist.
Worauf ich mit dieser Schilderung hinaus will. ist der "Verweischarakter"
, den die Bilder in der Kunst der Moderne in sich tragen. Dieses Verweisen
auf ein nicht Fassbares, auf das ANDERE, aber geschieht in einer paradoxen
Weise: indem die Bilder auf sich selbst verweisen, auf ihre Objekthaftigkeit.
"A rose is a rose is a rose" , mit dieser poetischen Formulierung
versuchte Gertrude Stein ein Grundanliegen der modernen Kunst zu umschreiben.
Weil die Bilder an der Wand nicht mehr sind als sie sind, gerade deshalb
sind sie mehr als eine "Tapete". In der Unfassbarkeit ihrer
"Bedeutungs-losigkeit" sprechen sie im Betrachter einen
zentralen Punkt an, sofern dieser dafür empfänglich ist.:
die Subjektwerdung Was für die kunsttherapeutische Reflexion
m.E. wesentlich ist, ist genau diese Dimension der Kunst: Das Subjekt
kann sich nirgends als existenter und autonomer erleben als im Moment
der Erfahrung der Unbestimmtheit seines Gegenübers. Das ist die
"Zumutung" , die die Kunst uns in ihren besten Varianten
anbietet. (Zumutung heißt auch: Mut machen) Im Mißlingen
der Kunst ereignet sich Symbolismus, im Gelingen öffnet sich
die Dimension des Metaphorischen, in ihren besten Ausprägungen
ermöglicht Kunst uns die Erfahrung des "Unbestimmten".
Mit diesen Be-griffen und ihrer Reihenfolge haben wir m. E. ein kunsttherapeutisch
interessantes Instrumentarium an der Hand. Insofern es in der Therapie
um Subjektwerdung geht, sind uns verschiedene Stadien der Persönlichkeitsreifung
und Bewußtseinsentwicklung bekannt, die sich auch am Verhältnis
zwischen Subjekt und Objekt ablesen lassen. Genauer gesagt: am Freiheitsgrad
des Verhältnisses zwischen dem Subjekt und seinem Objekt. Kurz
angedeutet können wir unterscheiden zwischen Stadien der fixierten
Objektabhängigkeit des Subjektes, beispielsweise im magischen
Denken, in neurotischen Fetischisierungen, in den Physignomisierungs-
und Symbolisierungs-tendenzen der Psychose auf der einen Seite des
Spektrums und einer freien Offenheit in der spielerischen Kreativität
auf der anderen Seite. Hier kann alles sein, muß aber nichts.
Während auf der einen Seite die Konstruktion der Wirk-lichkeit
zwanghaft und unfrei einer subjektiven Realität verhaftet bleibt,
(vgl. auch das Bild vom "Zau-bergarten des großen Schizophrenen
" bei Benedetti) wird der Konstruktionscharakter der Realität
auf der anderen Seite zum Ausgangpunkt eines dialogischen und kommunikativen
Prozesses. (Dialogisch meint hier zum einen den "experimentelle
Dialog in der Subjekt-Objekt Wahrnehmung" bezüglich der
objektiven, uns nicht direkt zugängliche Realität der "Welt
an sich" , als auch den intersubjektiven Dialog, der sich auf
die kollektiven Vereinbarungen über Realität bezieht.) Wir
wissen heute, wie psychotische Krankheitsbilder, insbesondere Schizophrenie,
eine Tendenz aufweisen zum bildhaften und projektiv-interpretierenden
Denken. Bilder drängen sich dem Bewußtsein auf, alles wird
zum Bild und bekommt Bedeutung. Die hier vorherrschende Grundhaltung
gegenüber dem Bildhaften läßt sich beschreiben als
"Faszination". Bei der Therapie dieser Störungen geht
es darum, "der Bilder Herr zu werden". Es geht um Befreiung
vom Bildhaft-Verhaftetsein der Psyche. Diese Überwindung des
Bildhaften aber ist ein wesentlicher Aspekt der modernen Kunst. Ihre
Bilder sind Dokumente einer inneren Freiheit, die den "Geist"
souverän benutzt. Die moderne Kunst ist eine "Schule der
Souveränität gegenüber dem Bildhaften". Dies ist
ihre therapeutische Option.
Psychisches Leiden ist immer auch Leiden an gestörter Beziehungsfähigkeit.
Deren Gelingen oder Mißlingen aber ist abhängig von der
Fähigkeit zur freilassenden Begegnung zwischen zwei Subjekten.
Das aber setzt voraus, den anderen als ANDEREN erleben zu können,
Projektionen als solche zurücknehmen zu können, einen Freiraum
zu schaffen zwischen sich und dem Anderen, ein Freiraum, dessen Voraussetzung
das Wissen um die prinzipielle Unaufhebbarkeit des Anderen als Anderen
ist. Machen wir uns nichts vor: Dieses Verhältnis autonomer Subjekte
zueinander ist historisch noch immer in seinen ersten Anfängen,
es ist noch lange nicht psychomentaler Allgemeinzustand unserer Kultur-
und Bewußtseinsentwicklung. Das Unbekannte, das ANDERE, ist
das Fremde, das es zu bekämpfen gilt , entweder durch aneignende
Assimilation oder durch ablehnende Ressentiments . Individuelles Leiden
an Beziehungsunfähigkeit in seinen neurotischen und psychotischen
Varianten, mit dem wir in der Therapie konfrontiert sind, ist so gesehen
die übersteigerte und personifizierte Form einer grundsätzlichen
Problematik, die nur in einer weitergehenden Bewußtseinsentwicklung
zu lösen ist Wir sehen: diese Persönlichkeits- Entwicklung
im Rahmen der Kunsttherapie zu ermöglichen, verweist uns auf
ein zentrales Anliegen der Kunst der Moderne. Wir können nun
auch die spezifischen Formen der Bildaneignung in der Therapie klarer
sehen. In der therapeutische Situation begegnen uns Bilder zunächst
auf der Ebene der Symbolisierungen und der projektiven Spiegelfunktion.
Damit stehen sie zunächst fern dem Anliegen und der Bildauffassungder
Kunst. Kunsttherapeutischer Umgang mit dieser Bildhaftigkeit kann
dann aber nur bedeuten, diese zu überwinden mit Blickrichtung
auf das Anliegen der Kunst. Konkret bedeutet dies: Überwindung
der Symbolisierungsfunktion des Bildes, Überwindung der Dominanz
subjektverhafteter Bedeutungsfunktionen zu Gunsten einer immer intensiver
werdenden Objektivierung auf dem Weg der bildnerischen Arbeit. Die
alleinige Verpflichtung gegenüber dem Bild und seiner Eigendynamik
ist der zentrale Unterschied zwischen der kunsttherapeutischen Bildproduktion
und der künstlerischen Haltung. Das eine in das andere überzuführen,
darin ist also eine wesentliche Zielrichtung der Kunsttherapie zu
bestimmen.
Konsequenzen für die Kunsttherapie
Was könnten diese Anmerkungen also konkret für das Verhältnis
der Kunsttherapie gegenüber den Bildern bedeuten? Meine These
in diesem Zusammenhang lautet: Es geht in der Kunsttherapie letztlich
nicht um das Finden und Herstellen von Bildern sondern um eine Befreiung
von ihnen. Befreien bedeutet hier: Im Tun über die Bilder zu
verfügverfügen. Diese Befreiung ist jedoch eine Zielvorstellung,
die den Weg über das Herstellen der Bilder gehen muß. Was
aber wesentlich ist, um nicht auf halbem Weg das Ziel aus den Augen
zu verlieren, ist eine notwendige Verschiebung der Aufmerksamkeit,
die das Herstellen von Bildern begleitet. Hier spielt m.E. das Anliegen
der Kunst als Option in die Kunsttherapie herein. Das "Was geschieht"
- der Bildinhalt - verändert sich im "Wie es geschieht"
- dem formalen Aspekt des Bildnerischen- und löst sich auf im
"nun daß es geschieht", dem Aspekt der Setzung und
der Bewußtwerdung des autonomen Ichs durch die Erfahrung des
"Leerstelle". Hier erst, im tatsächlichen "Geschehen
der Kunst" findet Befreiung statt, gründet sich geistige
Gesundheit, hier endet die gelungene Therapie und beginnt etwas neues,
hier beginnt tatsächlich die Kunst. Ich möchte also einem
psychologisch geprägten Verständnis des Bildhaften, das
geprägt ist von einer Faszination der Bilder, eine Haltung gegenüberstellen,
die man in Anlehnung an das Erhabene als "Erhabensein über
die Bilder" bezeichnen könnte. Nicht das immer tiefere Eintauchen
in die Bildhaftigkeit müsste dann das Anliegen des kunsttherapeutischen
Umgangs mit Bildern sein, sondern das herausarbeiten aus dem Bildhaften.
Ein herausarbeiten, an dessen Ende eine Freiheit gegenüber dem
Bildhaften steht, wie es die Kunst der Avantgarde geleistet hat. Diese
Freiheit ermöglicht eine Erfahrung, die bekanntlich der Dreh-und
Angelpunkt therapeutischen Gelingens ist, die Erfahrung der "Autonomie
des Ich" und damit die Möglichkeit zu dessen Transzendierung
im Sinne einer Offenheit für das "Andere". Diese Erfahrung
ist das zentrale Grundanliegen der modernen Kunst in ihrem Projekt
des "Erhabenen", in ihm realisiert sich tatsächlich
einen therapeutische Relevanz der Kunst. Dies ist aber nicht nur als
kultureller Anspruch bzgl. einer allgemeinen Bewußtseinsentwicklung,
einem Schwellenübertritt zu sehen, sondern m.E, ist hier auch
ein Potential für die individuelle Erfahrung des "Bildproduzenten"
gegeben, sei es der Künstlers oder der Kunsttherapie-Klient.
Also auch eine Option auch für die Kunsttherapie. Sein im Bild,
im Bild sein, diese Formulierung braucht also m.E. ein - durch die
Option der Kunst - erweitertes Verständnis des "Anderen".
Erst in diesem Nicht-Fassbaren wird die eigentliche Quelle der Bilder
erfasst: Das Ich. Die Parallelen schneiden sich im Unendlichen. |