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Bibliografie Der
Situation auf der Spur autonom
- souverän - neutralgrau Autonomie
und Widerspruch
(Interview) Einer sei des anderen
User Vom Zuschauer zum Akteur
Intervention . Subversion .
Kooperation . Partizipation Texte
Von der Utopie einer kooperativen
Kontextproduktion Das Zeichen
bezeichnen, das
Denken bedenken KulturGestaltung
Wie Wasser in der hohlen Hand Interkulturelle
Werkstatt Einige
Anmerkungen zur Kunst
in der Kunsttherapie Welche
Kunst meinen wir
eigentlich [...] Das
Andere der Bilder |
autonom - souverän
- neutralgrau
Andreas Mayer-Brennenstuhl in der staatl. Akademie der bildenden
Künste
Stuttgart 22.11. - 12.12.2001
Einführugs-Vortrag von Susanne Jakob, Kunsthistorikerin
(M.A.) Leiterin Kunstverein Neuhausen
Die Ausstellung von Andreas Mayer-Brennenstuhl steht unter dem
Motto der Debütanten - Ausstellung. Doch statt des künstlerischen
Debüts, des Auslotens der eigenen künstlerischen Position
und der Abgrenzung, erwartet einen eine vielschichtige und komplexe
Ausstellung, die unterschiedliche Werkaspekte der letzten 15
Jahre zeigt:
1. Aktionen und Interventionen im öffentlichen und halböffentlichen
Raum.
2. Kooperationen und kollektive Arbeitsprojekte.
3. Installationen im Innenraum, die häufig aus Projekt-
und Aktionsrequisiten neu konstruiert werden.
1. Interventionen und Aktionen
Seit 1981 wird der Begriff von dem Berliner Künstler Christian
Hasucha in Umlauf gebracht. Es handelt sich bei ihm um inszenierte
Ereignisse, die in das Erscheinungsbild, in die Strukturzusammenhänge
und Mechanismen des urbanen Geschehens eingreifen und diese
für kurze Zeit verändern.
Mitte der achziger Jahre begann Andreas Mayer-Brennenstuhl kleine,
fast beiläufige Eingriffe an öffentlichen Gebäuden
und im sogenannten „öffentlichen Raum“ vorzunehmen.
Dabei handelte es sich zunächst um Textarbeiten, die er
gezielt und ohne großen Materialaufwand im Umfeld von
Kunstinstitutionen applizierte. Der Inhalt, oder besser gesagt
die Botschaft der Texte, bezog sich dabei auf den Kunst- und
Ausstellungsbetrieb wie beispielsweise bei einer wilden Plakataktion,
die er 1986 zeitgleich zur Neu-Eröffnung des Museums Ludwig
um den Kölner Dom und vor allem im Eingangsbereichs des
Museum Ludwig ausführte. Das Textplakat „Die Königsreliquien
werden jetzt von hier aus nach dort verlegt“ weist zum
einen auf eine fiktive Translokation/Verlegung der Königs-Reliquien
aus dem Kölner Dom ins Museum Ludwig hin. Die Aktion löste
vermutlich nicht nur Irritationen aus, sondern lenkte auch so
manchen Besucher aus dem Kölner Dom ins Museum Ludwig,
in dem vor allem internationale zeitgenössische Kunst gezeigt
wird. Auf einen anderen Verweis läßt die Wortwahl
des Textes schliessen: nämlich auf die 1984 von Kasper
König kuratierte Ausstellung „Von hier aus“.
(Heute: Berufung Kasper Königs an das Museum Ludwig) Schon
bei diesem Pionierprojekt von 1986 zeichnet sich ab, dass die
interventionisti-sche Praxis immer auch mit einem Verweis auf
das Betriebssystem Kunst bzw. mit einem kritischen Kommentar
über die Bedingungen der Kunstproduktion verbunden ist.
Die für AMB‘s Projekte charakteristische Mehrfach-Konnotation
erzeugt beim Rezipienten einen Zustand der Indifferenz und manchmal
auch der Verunsicherung wie beispielsweise bei der Aktion „Lesesalon“
1986.
Mayer-Brennenstuhl performierte diese Aktion selbst: über
einen längeren Zeitraum stieg er nachts in die Fußgänger-Unterführung
hinab, klebte die Lichtleiste ab - und trug zwischen 23 Uhr
und Mitternacht den Passanten - allerdings mit dem Gesicht zur
Wand gekehrt - Passagen aus Dantes „Göttlicher Komödie“
vor.
Die Zuspitzung der düsteren Atmosphäre des Ortes muß
für die Passanten beim ersten Mal alptraumartig gewirkt
haben. Erst durch die allnächtliche Wiederholung trat -
wie AMB berichtet - Gewöhnung und sogar eine gewisse Erwartungshaltung
ein. Die absurde Situation besaß daher keine sozial-utilitäre
Dimension, sondern entsprach eher der atmosphärischen Umsetzung
von Dantes Text. Zugleich aber kann die Inszenierung auch als
Sinnbild des einsamen Monologisierens und der Introversion des
scheinbar autonomen, vom gesellschaftlichen Diskurs abgekoppelten
Künstlersubjekts verstanden werden.
Die ersten orts- und textbezogenen Arbeiten resultierten aus
der Ablehnung der isolierten und isolierenden Atelierarbeit
- und erfolgten damals eher „intuitiv“ und spontan.
Diese frühen Aktionen, die nicht sofort als künstlerische
Eingriffe zu dechiffrieren waren, werden ab den 90- er Jahren
von geplanten, angekündigten und theoretisch begründeten
Projekten abgelöst.
Die Grundlagen für den theoretischen Diskurs der 90-er
Jahre bildeten für AMB u.a. Schriften und Aktionsformen
der „Situationistischen Internationale„, die in
den 50-er und 60-er Jahren eine „emanzipatorische Veränderung
der Gesellschaft und des Lebens“ erreichen wollte. Ein
zentraler Begriff, der sowohl politisch, gesellschaftlich als
auch ästhetisch begründet war, bestand (für die
SI) in der Konstruktion von Situationen.
Darunter verstanden die Situationisten ein mit voller Absicht
konstruiertes, konkretes Moment des Lebens (voller Leidenschaft).
Die konstruierte Situation sollte für kurze Zeit die Lebenswirklichkeit
oder Umgebung verändern und wurde daher in den 60-er Jahren
auch als Gegenmodell zum autonomen und dauerhaften Kunstwerk
gesehen.Während in den 60-er Jahren künstlerische
Strategien wie „Zweckentfremdung“ (Ent-Kontextualisierung)
oder die zuvorgenannte „Konstruktion von Situationen“
(in situ) erprobt wurden, gehören sie in den 80-er und
vor allem in den 90-er Jahren in abgewandelter Form zum festen
Handlungsrahmen für urbane Kunstprojekte. Parallel zum
zeitgenössischen Diskurs über die Grenzverschiebungen
von „öffentlich“ und „privat“ und
der Privatisierung von Wissen, greift AMB 1995 erneut auf die
Passagen- oder Unterführungs-Thematik zurück. Die
Unterführung als Passage, die unterschiedliche Orte miteinander
verbindet, steht hierbei exemplarisch für einen Bewegungs-
und nicht für einen Aufenthaltsraum.
Für die Dauer von drei Wochen richtete AMB an einem dieser
Nicht-Aufenthalts-Orte in der Stadtmitte von Reutlingen einen
Raum ein, den er als Atelier bezeichnete. Obwohl sich hinter
dem mit Plastikfolie überzogenen Verschlag Menschen aufhielten,
am Tisch saßen und miteinander redeten, blieb den Passanten
nicht nur der Eintritt verwehrt, sondern sie wurden auch von
der Diskussion im provisorischen Atelierraum - d.h. damit vom
Kunstdiskurs ausgeschlossen. An dem in den öffentlichen
Raum implantierten Atelier (Privatraum) konnten sie folglich
nur als Beobachter/Betrachter teilhaben. Die Rolle desPassanten
als Beobachter/Betrachter wurde durch eine nach aussen hin lesbare
Projektion von Texten thematisiert Inwieweit Interventionen
im öffentlichen Raum eine eigene Dynamik entfalten können,
wurde durch ein Projekt deutlich, das AMB zum Jahreswechsel
1999/2000 an der Berliner Nationalgalerie durchführte.
Nachdem er in den Innenraum des Mies van der Rohe-Baus den Text
projezierte „Der Jahrtausendwechsel findet nicht statt.
Wegen des durchschlagenden Erfolges wird das 20. Jahrhundert
wiederholt“ , wurde der Kasten mit eingepacktem Projektor,
den der Künstler abgestellt hatte als bedrohliches Objekt
von der Polizei sicher gestellt und das Museum für kurze
Zeit geräumt.
Hier in der Ausstellung wird das Jahrtausend-Projekt durch eine
maßstäblich verkleinerte Fassade des Mies van der
Rohe-Baus, durch den Projektionskasten und eine Pressenotiz
rekonstruiert und dokumentiert. Für die Dokumentation von
Mayer-Brennenstuhls Aktionen und Interventionen ist charakteristisch,
dass die Aktions-Requisiten und Dokumente nicht als Relikte
(Primärmaterial) gezeigt , sondern in aufbereiteter Form
in eine Installation (Sekundärmaterial) integriert werden.
Damit aber entsteht durch die Verarbeitung von primärem
Dokumentionsmaterial und sekundärem Installationsmaterial
im Ausstellungsbereich eine neue künstlerische Arbeit.
2. Kooperationen
Einen zweiten Schwerpunkt stellen die Kooperationen und kollektiv
durchgeführten Projekte dar, mit denen AMB und seine Künstlerkollegen
den Stellenwert der individuellen Kunstproduktion und den Glauben
an die ständige Neuerfindung aufheben wollen. Statt Indi-vidualismus,
Originalität und Autonomie gehören Kommunikation und
soziale Interaktion zur kollektiven Kunstproduktion. Charakteristisch
für die Vorgehensweise von AMB ist hier, dass die Kooperationen
temporär und projektbezogen sind - und dass er je nach
Projekt und Themenstellung geeignete Kooperationspartner auswählt.
So wurde beispielsweise die Aktion am 1. Mai 1997 mit dem Titel
„....hinaus zum 1. revolutionären Betriebsausflug“
von AMB als offen angelegtes Projekt konzipiert und gemeinsam
mit anderen Mitgliedern der Künstlerinitiative „Oberwelt“
realisiert.
Obwohl das Projekt offen wie eine musikalische Improvisation
angelegt war, d.h. dass nur ein Motiv vorgegeben wurde, zeigt
der Betriebsausflug ein einheitliches Bild mit deutlichen Merkmalen
der revolutionären Agitpropkultur: die Parolen, Schilder,
die Kostümierung und der in neutralgrau gehaltene Lastwagen
spielen zum einen mit historischen Demonstrationsformen wie
sie u.a. auch während der Oktoberrevolution in Rußland
eingesetzt und verwendet wurden. Zum anderen wird mit der 1.
Mai Aktion die Einheit von künstlerischem und gesellschaftlichen
Prozessen unter den pathetischen Klängen von Edward Elgars
„Pomp and Circumstances“(19. Jrhd.) zelebriert.
Für kollektive Produktionsformen, zu denen auch der revolutionäre
Betriebsausflug der Oberwelt gehört, eigenen sich besonders
installative und aktivistische Kunstformen, da sie einen offenen
Bezugsrahmen besitzen und prozessorientiert sind. Schwierig
wird hingegen bei der Präsentation und Dokumentation kollektiver
Projekte, da diese per se schon zur Auflösung des traditionellen
Werkbegriffs und der Autorenschaft beitragen- und im Grunde
genommen einer Aneignung durch den Einzelnen entgegen stehen.
AMB‘s interventionistische und kooperative Projekte, die
sich größtenteils im Aussenraum ereignen, zeigen
jedoch auch, wie schnell im öffentlichen Raum operierende
Künstler an dessen Grenzen stossen, wie beispielsweise
bei der öffentlich angekündigten Versenkung desEinkaufszentrums
NC Nürtingen mit Projektion und Soundtrack aus dem Film
„Panzerkreuzer Potemkin“ von Sergej Eisenstein -
oder wie bei der Intervention „Mehr Licht“ auf dem
Turbinenhaus der Stadtwerke Nürtingen, die der Künstler
zwar mit Genehmigung der Stadt , jedoch über Anteilsscheine
selbst finanzierte - und die jetzt wieder entfernt werden soll.
Zwar ist mit dem Adjektiv „Öffentlich“ das
umschrieben, was alle anbelangt. Das bedeutet jedoch nicht,
dass alle auch über den öffentlichen Raum verfügen
können. Die Verfügungsgewalt über den „öffentlichen
Raum“ wird per Gesetz geregelt und administrativ verwaltet
- und bringt eher die bestehenden Machtverhältnisse zum
Ausdruck- vor allem wenn man die Frage stellt: Wer darf im öffentlichen
Raum plakatieren und werben, wer darf dort seine Produkte und
wer darf dort Kunstwerke/Aktionen präsentieren?
Der mit den Strukturen des öffentlichen Raums arbeitende
Künstler ist folglich alles andere als autonom.
Als eine Art ironisches Resumée ist in diesem Zusammenhang
auch die messegerechte Eigenwerbung von Andreas Mayer-Brennenstuhl
zu sehen. In schickem Messedesign präsentiert er ein im
Stil der sozialistischen Propagandamalerei ausgeführtes
Alias-Porträt, dem die Begriffe autonom, souverän
und neutralgrau zur Seite gestellt werden. Ähnlich wie
bei der politschen Werbung bedient sich AMB der Kombination
von Bild und einprägsamen Schlagworten - allerdings mit
dem Unterschied, dass er die vorangestellten Kriterien der Moderne
wie Autonomie und Souveränität(Vgl. Adorno) als künstlerisches
Gegenmodell zu seiner eigenen künstlerischen Praxis entlarvt.
(Vgl. die Installation über Max Cole:„Cool or Cole
(or right in wrong)„) |
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